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pingreen.gif 1 KB Verbiegen, verdrängen, verschweigen - Plädoyer gegen die öffentliche Verdrängung

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Helmut Bärwald

Von den Schwierigkeiten, gesamtdeutsche Nachkriegsgeschichte aufzuarbeiten, den Opfern kommunistischen Terrors gerecht zu werden und die Täter moralisch und strafrechtlich zur Rechenschaft zu ziehen, lassen die beiden hier erwähnten Publikationen viel erkennen


von Helmut Bärwald

In der Aufarbeitung gesamtdeutscher Nachkriegsgeschichte darf kein Schlusstrich gezogen, dürfen Akten nicht geschlossen werden. Wahrheiten dürfen weder verdrängt oder verschwiegen noch geschönt oder zurechtgebogen werden. Notwendig ist auch das Aufdecken, das Erfassen von Schuldigen und von Schuld in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ) und im SED-Staat, nicht nur der juristisch fassbaren und zu begleichenden, sondern auch der moralischen und politischen Schuld.

Zur konsequenten, rückhaltlosen und ehrlichen Aufarbeitung gesamtdeutscher Nachkriegsgeschichte gehört auch die vollständige Offenlegung, der offene und öffentliche Disput sowohl über die Deutschlandpolitik, die Westpolitik des SED-Staates als auch über die Deutschlandpolitik in der (alten) Bundesrepublik Deutschland. Politiker und Publizisten, alle Parteien und andere politisch bedeutende Organisationen, zum Beispiel die Gewerkschaften, auch die Kirchen, müssen sich der Frage stellen, wie sie und einzelne ihrer Politiker oder Funktionäre es denn mir dem SED-Regime und mit den Trägern der Macht im SED-Staat gehalten haben.

Evangelische Kirche - Demokratie - Stasi-Aufarbeitung

«Evangelische Kirche - Demokratie - Stasi-Aufarbeitung» ist der Titel einer Schrift, die vier von fünf Vorträgen einer ebenso betitelten Vortragsreihe der evangelischen Kirchengemeinde Koblenz-Karthause enthält.

Dr. Michael J. Inacker (Chefkorrespondent bei der Welt am Sonntag) sprach über «Die Ideologieanfälligkeit des Deutschen Protestantismus» und stellt die Frage: «Gibt es eine Demokratieunfähigkeit der evangelischen Kirche?» Professor Gerhard Biester (Lehrstuhl für Historische Theologie an der Universität Heidelberg) setzt sich mit dem Problem «Die Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR und die Wiedervereinigungsdiskussion» auseinander. Professor Dr. Peter Maser (sachverständiges Mitglied der Enquetekommission des Deutschen Bundestages «Überwindung der Folgen der SED-Diktatur») berichtet über «Die Aufarbeitung der SED-Diktatur - Stand und Perspektiven - Versöhnung ohne Wahrheit und Gerechtigkeit?». Dr. Ulrich Woronowicz (bis 1993 Superintendent des Kirchenkreises Havelberg-Bad Wilsnack/Brandenburg; vom MfS bespitzelt und verfolgt) gibt eine kritische Bilanz über den «Umgang mit den Opfern der zweiten deutschen Diktatur». Woronowicz kommt zu dem Schluss: «Die Opfer des Sozialismus/Kommunismus werden in Deutschland wesentlich schlechter behandelt als die Opfer des Nationalsozialismus.»

In allen Beiträgen dieser Schrift kommt zum Ausdruck, dass ein Schuldbekenntnis der evangelischen Kirche bezüglich ihrer Stellung zur SED-Diktatur wünschenswert wäre.

Strukturen von Diktaturen erkennen

Das Bürgerkomitee Leipzig e.V. für die Auflösung der ehemaligen Staatssicherheit (MfS) - mit dem Namen «Bürgerkomitee Leipzig e.V.» zu einem renommierten Faktor der Aufarbeitung der Geschichte, des Unrechts und der Menschenrechtsverletzungen der SED-Diktatur geworden - veranstalte aus Anlass des fünften Jahrestages der Besetzung der Leipziger Stasi-Zentrale im Dezember 1989 ein Seminar über den weiteren Umgang mit den Akten des SED-Staates im allgemeinen und den Stasi-Akten im besonderen. Die Veranstalter stellten sich die Aufgabe, kritisch zurückzublicken, gefällte Entscheidungen - insbesondere die der Erhaltung und Öffnung der Akten - auf ihren Bestand und ihre Richtigkeit aus heutiger Sicht zu befragen.

Aus den Beiträgen des Kolloquiums entstand ein 200 Seiten umfassendes Kompendium «Einblick in das Herrschaftswissen einer Diktatur - Chance oder Fluch?» mit dem bemerkenswerten Untertitel «Plädoyer gegen die öffentliche Verdrängung». Diese Plädoyers, gleichsam der rote Faden, der sich durch alle Beiträge namhafter Juristen, Archivare, Historiker, Politiker, Publizisten und Opfer kommunistischen Terrors zieht, wollen und sollen den aktuellen Tendenzen, deutsche Geschichte ein zweites Mal unter den Teppich zu kehren, entgegentreten. Denn: Strukturen von Diktaturen, eben auch der SED-Diktatur, müssen erkannt werden, um den Wert von Freiheit und Demokratie zu begreifen.

Dr. Armin Mitter, Historiker aus Mitteldeutschland, seit 1991 Assistent am Institut für Neueste Geschichte der Humboldt-Universität Berlin, beklagt den «eigenartigen Zustand, dass man unter Kollegen aus Westdeutschland häufiger die Meinung hört, die DDR-Akten müssten geschlossen werden, als dass sie für eine Öffnung der Akten westdeutscher Provenienz eintreten».

Der in einem Gefängnis des SED-Staates 1951 zur Welt gekommene Ulrich Schacht, 1973 verhaftet und wegen «staatsfeindlicher Hetze» verurteilt, jetzt Chefreporter Kultur bei der «Welt am Sonntag», richtet seine Kritik in die gleiche Richtung. Er beanstandet das Verhalten eines grossen Teils der politischen Klasse Westdeutschlands und kritisiert insbesondere auch die Verwehrung von Einsicht in Stasi- und andere Akten des SED-Staates, womit die «Herauspräparierung von Dimensionen und Details, von Namen und Adressen des innerdeutschen, deutsch-deutschen und gesamtdeutschen Massenverrats» verhindert werden soll, «der ein moralisch-ökonomisches Katastrophensystem bis über dessen Tod hinaus am Leben zu erhalten versucht».

Das Seminar des Bürgerkomitees Leipzig fand, wie erwähnt, Ende 1994 statt. Die auf dieser Veranstaltung gehaltenen «Plädoyers gegen die öffentliche Verdrängung» sind auch Jahre später immer noch aktuell - und notwendig!

Evangelische Kirche - Demokratie - Stasi-Aufarbeitung. ISBN 3-929351-04-8. Edition La Colombe Bergisch-Gladbach 1997. 98 Seiten, DM 14,80.

Einblick in das Herrschaftswissen einer Diktatur - Chance oder Fluch? Plädoyer gegen die öffentliche Verdrängung. ISBN 3-531-12792-6. Westdeutscher Verlag Wiesbaden 1996. 206 Seiten, DM 27,80.

(Quelle: Zeit-Fragen/Zürich, Nr. 2 - Februar 1998, S. 15)

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