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(...) Den lauten Gitarrenrocker ließ Scott dagegen in seiner umjubelten Show nahe des Hamburger Hauptbahnhofes raus. Nach fünf, sechs auf das nötigste reduzierten Balladen im akustischen Arrangement – Gitarre, Piano, Fiedel – rief er Bassist und Schlagzeuger auf die Bühne – und schon ging es los: „Medicine Bow“ klang selten zuvor so aggressiv – eine „The-Band“ der 80er im Sound der „The-Bands“ von heute –, der „Fisherman's Blues“ geriet zum nicht enden wollenden, musikalischen Feuerwerk, der „Glastonbury Song“ zum „Glastonbury Hardrock“. Augenzwinkernd, selbstironisch, wie man Scott nun gar nicht kennt, gab’s – wie er sagte: zum ersten Mal bei einem Hamburger Konzert – den witzigen Rückblick auf die erste Liebe unter dem Titel „And a Bang on the Ear“ sowie „The Pan within“ aus Scotts nie wieder erreichtem 85er-Meisterwerk „This is the Sea“, als der Durchbruch kurz bevor stand, und doch niemals so richtig vollzogen werden konnte. Das in Deutschland kommerziell erfolgreichste (künstlerisch streckenweise aber nur mittelmäßige) Album „Room to Roam“ (1990) bedachten Scott und seine Wassermänner am meisten. (...)

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Holger
Stürenburg

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The Waterboys – „Universal Hall“– Konzert – 05.11.2003 – Hamburg – Markthalle

von Holger Stürenburg

In den 80er Jahren, so erzählt Mike Scott, saß er grimmig in der Baumhütte und beobachtete ärgerlich, wie Duran Duran, Spandau Ballet oder The Police die zeitgenössische Popkultur definierten. Der im schottischen Edinburgh geborene Singer/Songwriter hatte 1983 das Projekt „The Waterboys“ ins Leben gerufen und zählte, wie auch viele andere „The-Bands“ jener Tage – The Call, The Alarm, The Church, The Comsat Angels – stets zu den Geheimtipps: Große Hitparadenerfolge, angeschwärmte Starschnitte in Teenieblättern, gefeierte Auftritte in Fernsehshows für die ganze Familie sind dem heute 45jährigen in den zwei Dekaden seiner bisherigen Karriere konsequent erspart geblieben. Trotz aller Wechsel in der Besetzung – rund 30 Musiker hatten in ihrem Leben die Ehre, sich eine kurze Zeit lang einen „Waterboy“ nennen zu dürfen – hat es Mike Scott, ganz im Gegensatz zu allen Duranies und Spandaus dieser Welt, geschafft, bis heute musikalisch zu überleben – und dies zumeist auf hohem Niveau!

Seine Hymne für die Ewigkeit veröffentlichte Scott schon sehr früh: Gerade mal drei Jahre unter dem Namen „The Waterboys“ firmierend, erschien im Oktober 1985 die Single „The Whole of the Moon“ – für viele Spezialisten, Musikgourmets und Alt-86er das wohl schönste und eindringlichste Liebeslied des Jahrzehnts von New Romantic und Synthipop: ein romantisch-tiefgründiger Text, eine vom Piano geführte, nie mehr aus dem Kopf verschwindende Melodie, ein fröhlich verliebt klingender Sänger... “I pictured a Rainbow, you held it in your Hands“... Kurzum: der Perfekte Popsong ist Mike Scott in jenen Tagen eingefallen. Klar, daß er sich seitdem daran messen lassen muß. Doch der frühe Ruhm bekam ihm ganz und gar nicht: Depressionen, Alkohol, Drogen – erst die Hinwendung zur ökologisch/spirituellen Lebensgemeinschaft „Findhorn“ und die musikalische Rückbesinnung auf traditionelle Folkklänge seiner Heimat halfen dem perfektionistischen, oft mit sich selbst unzufriedenen kreativen Unruheherd, auf dem Boden zu bleiben und nur noch sich, sein Können und seine Musik in den Vordergrund zu stellen.

Am vergangenen Mittwoch (05.11.03) kam Mike Scott mit der aktuellen Besetzung der Waterboys für ein einziges Konzert nach Deutschland, um sein aktuelles Album „Universal Hall“ (Puck Records Ltd./Alive) vorzustellen. In der Hamburger Markthalle zelebrierten ein deutlich ausgeglichener, nur selten bissiger Mike Scott und seine beiden derzeitigen Waterboys Richard Naiff (key) und Steve Wickham (Violine), begleitet von einer zweiköpfigen Rhythmussektion (dr, b), ein fast zweistündiges Programm, bestehend aus eigenen Favoriten, von den Fans verehrten Klassikern und ein paar Songs von „Universal Hall“.

Nein, ein zweites „The Whole of the Moon“ ist auch auf „Universal Hall“ nicht dabei. Wem es einmal vergönnt war, den Perfekten Popsong zu schreiben, der schafft dies kein zweites Mal. Und doch kratzen einige Songs der 12-Track-CD ganz schön heftig an dieser, nur von ganz wenigen Musikern jemals übersprungenen Grenze. Abgesehen von den fast durchgehend religiös durchtränkten Texten, deren Gutmenschlichkeit und Spiritualität nicht jedermanns Sache sind, gelingen dem Komponisten mit der brüchigen und gerade deshalb so ansprechenden und sympathischen Stimme ein paar Kabinettstückchen, die sich durchaus mit seinen Geniestreichen aus den 80ern und frühen 90ern vergleichen lassen. Gottlob hat Scott das Experimentelle, Moderne, oft musikalisch Brutale seines letzten regulären Studioalbums „A Rock in the weary Land“ (2000) fast vollkommen hinter sich gelassen – nur in „Seek the Light“ dröhnen unnötig verzerrte Gitarren und aufgebauschte Synthis - und sich darauf beschränkt, was er am besten kann: Filigrane Folkhymnen („Silent Fellowship“, „Peace of Iona“), stille Balladen („The Christ in you“, „I’ve lived here before“), grandiose Liebeslieder („Every Breath is you“) und traditionelle Folkrhythmen („The Dance at the Crossroads“).

Den lauten Gitarrenrocker ließ Scott dagegen in seiner umjubelten Show nahe des Hamburger Hauptbahnhofes raus. Nach fünf, sechs auf das nötigste reduzierten Balladen im akustischen Arrangement – Gitarre, Piano, Fiedel – rief er Bassist und Schlagzeuger auf die Bühne – und schon ging es los: „Medicine Bow“ klang selten zuvor so aggressiv – eine „The-Band“ der 80er im Sound der „The-Bands“ von heute –, der „Fisherman's Blues“ geriet zum nicht enden wollenden, musikalischen Feuerwerk, der „Glastonbury Song“ zum „Glastonbury Hardrock“. Augenzwinkernd, selbstironisch, wie man Scott nun gar nicht kennt, gab’s – wie er sagte: zum ersten Mal bei einem Hamburger Konzert – den witzigen Rückblick auf die erste Liebe unter dem Titel „And a Bang on the Ear“ sowie „The Pan within“ aus Scotts nie wieder erreichtem 85er-Meisterwerk „This is the Sea“, als der Durchbruch kurz bevor stand, und doch niemals so richtig vollzogen werden konnte.

Das in Deutschland kommerziell erfolgreichste (künstlerisch streckenweise aber nur mittelmäßige) Album „Room to Roam“ (1990) bedachten Scott und seine Wassermänner am meisten. Damit gewann die Band vor 13 Jahren hierzulande eine Menge Fans, von denen die Überzeugtesten den Weg in die nicht sehr ausverkauft aussehende, dafür aber bizarrer Weise bestuhlte (!) Markthalle gefunden hatten. Doch die rund 500 Anwesenden ließen sich dadurch nicht beirren, stellen sie doch eine verschwindende, aber sehr schützenswerte Minderheit im oberflächlichen Pop-Unwesen der heutigen Zeit dar: Man tanzte, jubelte, sang mit und ließ die 2003-Ausgabe der Waterboys kaum von der Bühne. Dann die erste Zugabe. Scott gönnt seiner Gitarre eine kurze Pause und setzt sich ans Klavier... „I pictured a Rainbow, you held it in your Hands…” Da waren wir plötzlich wieder 14, 15 Jahre alt, die Simple Minds oder U2 uns zu sehr “Mainstream”, The Alarm zu speziell, zu britisch – wer im Herbst 1985 so fühlte und dachte, für den gab es damals nur eine Hymne, die letztendlich alles Lebenswichtige zwischen Erster Liebe und kaum lösbaren Mathehausaufgaben in knapp fünf Minuten komprimierte: alles und den ganzen Mond!

(Wertung – CD: 2 bis 3)
(Wertung – Konzert: 2)


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