|
(...) 33 Top-20-Hits feierten der extrovertierte Tennant und der stille Lowe seit 1985 in ihrer britischen Heimat. Davon vier Nummer-1-Erfolge. Alle diese (plus zwei brandneue Songs) liegen nun auf Pop Art The Hits (EMI) gesammelt vor; zwei CDs von je fast 80 Minuten Spielzeit sind vollgefüllt mit Hits, Hits und nochmals Hits. Streng getrennt nach Pop (Hymnen und leichtverdaulichere Evergreens) und Art (getragene und/oder komplexere Kompositionen mit ellenlangen Titeln und bitterbösen Texten), beinhaltet das Doppelalbum (dem in einer limitierten Auflage eine dritte CD mit diversen Remixes von PSB-Klassikern beiliegt) alles, was das Herz des Fans klassischer Popklänge begehrt. (...) |
|
Pet Shop Boys Pop Art The Hits (2 CD) |
|
von Holger Stürenburg Seit fast 20 Jahren halten die Pet Shop Boys erfolgreich das Banner des romantischen Elektropop hoch. Obwohl dieser Musikstil damals bereits wieder am abflauen war (nachdem er 1981 bis 1984 die internationalen Hitlisten fast vollständig vereinnahmt hatte), begann das Duo im Herbst 1985 seinen Siegeszug, dessen Ende auch heute noch nicht abzusehen ist. Selbst zu uncoolsten Zeiten, in den tiefsten 90er Jahren, gelang dem einstigen Musikjournalisten Neil Tennant (voc) zusammen mit seinem Partner, dem Ex-Architekturstudenten Chris Lowe (key), ein Hit nach dem anderen. Ihre melancholischen Popklänge ohne unnötige Sperenzchen erwiesen sich somit in der letzten Dekade oft als der Fels in der Brandung aus billigstem Dancefloorpop, Tekknomüll und mattem Boyband-Gesäusel. Tennant und Lowe schrieben von jeher ihre klassischen Popsongs niemals für den Einmal-Gebrauch. Göttliche Melodien, künstlerisch hochwertige Arrangements und für Hitparadenpop ungewöhnliche, bissig-zynische Texte aus den Untiefen Londons sorgten dafür, daß viele PSB-Songs längst ihren Platz in der ewigen Bestenliste des britischen Pop gefunden haben. Trotzdem besitzen die mal hymnischen, mal verträumten, oft düsteren Vier-Minuten-Dramen genau so viel Massenkompatibilität, daß die meisten Singles des Duos regelmäßig die Top 10 in Großbritannien erklommen. Die Pet Shop Boys waren und sind keine Teenieband; ihre Fans sind mit ihren Helden in Würde gealtert doch immer wieder kommen neue hinzu, die, wenn sie einmal vom PSB-Virus befallen wurden, nicht mehr so schnell davon loskommen. PSB-Songs sind kleine Kunstwerke, stets untermalt von intelligent gestalteten Videos, gedreht von den besten Regisseuren der Szene (Derek Jarman, Wolfgang Tillmanns, Bruce Weber, Eric Watson etc.), die den meist dem Synthesizer entlockten Klängen des Duos intelligente Bild- und Handlungsabläufe zuordnen. Oft integrieren die Pet Shop Boys verschiedenste Stilmittel in ihre Songs 70er-Disco, Funk, New Wave, Latino, Tekkno oder DrumnBass ; auch dieses Blicken über den Tellerrand trug dazu bei, daß sie sich seit 20 Jahren erfolgreich an der Spitze halten konnten. 33 Top-20-Hits feierten der extrovertierte Tennant und der stille Lowe seit 1985 in ihrer britischen Heimat. Davon vier Nummer-1-Erfolge. Alle diese (plus zwei brandneue Songs) liegen nun auf Pop Art The Hits (EMI) gesammelt vor; zwei CDs von je fast 80 Minuten Spielzeit sind vollgefüllt mit Hits, Hits und nochmals Hits. Streng getrennt nach Pop (Hymnen und leichtverdaulichere Evergreens) und Art (getragene und/oder komplexere Kompositionen mit ellenlangen Titeln und bitterbösen Texten), beinhaltet das Doppelalbum (dem in einer limitierten Auflage eine dritte CD mit diversen Remixes von PSB-Klassikern beiliegt) alles, was das Herz des Fans klassischer Popklänge begehrt. So gibt es auf CD 1 (Pop) ein Wiederhören mit dem Village People-Cover Go West (das erst in der selbstironischen Version der Pet Shop Boys so richtig glänzt), dem zynischen Duett What have I done to deserve this?, 1987 eingespielt mit 60er-Poplegende Dusty Springfield, oder der dunklen Tanzsingle Domino Dancing, die letztendlich nur im Herbst 1988 möglich war (weil sie alles das beinhaltete und ausstrahlte, was dieses Jahr, das nicht mehr so richtig 80er war, aber noch längst nicht 90er, in seiner (nicht nur musikalischen) Orientierungslosigkeit darstellte). Die nahezu weltweite Nummer-1 Always on my mind (Elvis goes Synthi) findet sich genauso auf Pop wie das nur auf den ersten Blick locker und entspannt wirkende I wouldnt normally do this Kind of Thing (1993), mit seinen still und heimlich dem Blues entliehenen Harmonien. Auf ihrem letzten Studioalbum Release freundeten sich die Pet Shop Boys mit der E-Gitarre an; die perfekten Popsongs Home and Dry und A Red Letter Day, von den Swinging Sixties genauso beeinflußt wie von aktuellen Brit-Pop-Spielereien der Jetztzeit, zeigen, daß das Duo im Laufe seiner langen Karriere rein gar nichts von seiner musikalischen Aussagekraft eingebüßt hat. Qualitative Unterschiede zu ihren Klassikern der 80er sind kaum festzustellen. In die Discoszene der 70er zwischen Studio 54 und Glitzerkugeln begleitet uns der New York City Boy (1999), während sich Tennant im weltweiten Top-Hit Its a Sin (1987) über die Doppelmoral der katholischen Kirche ausläßt. Höhepunkt von Pop ist und bleibt Suburbia, die im Herbst 1986 höchst erfolgreiche Geschichte von gelangweilten Vorstadtjugendlichen im Thatcher-beherrschten Großbritannien jener Tage. Die ebenfalls auf Pop befindliche aktuelle Single Miracle klingt im Vergleich zu den Alt-Hits allerdings ein bißchen müde, besitzt aber noch immer wesentlich mehr Qualität, Ge- und Inhalt, als das meiste, was derzeit so die europäischen Top 10 durchzieht. Selbst wenn CD 2 (Art) mit dem so theatralischen wie eingängigen Tanzflächenfüller Left to my own Devices" (1988) noch recht fröhlich und aufmunternd beginnt, so muß der Hörer bei den 18 hier versammelten Songs durchaus die Ohren spitzen und ein paar Gänge zurück schalten. Opulente Balladen wie Being Boring (1990), Rent (1987) oder Jealousy (1991) bestimmen das Bild. Dazu schwermütige, im Tempo gedrosselte Synthiepen (I dont know what I want, but I cant give it anymore, 1999 oder D.J. Culture, 1991) und ins avantgardistische tendierende Kompositionen (Paninaro ´95, Single-Bilingual, Liberation). Mit dem regentrüben Großstadtepos Westend Girls (1985), der nervös/depressiven Düsterhymne So hard (1990) und der lyrisch bitterbösen Kapitalismuskritik Opportunities (Lets make Lots of Money) finden sich nur drei reale Hits des Duos auf Art. Den Nagel auf den Kopf treffen Tennant und Lowe in der nur vordergründig romantischen Ballade You only tell me you love me, when youre Drunk: Leichte Country(!))anklänge untermalen ein leider allzu häufiges Erlebnis von Männern, die keine Adonisse sind, und immer nur dann von Frauen angesprochen werden, wenn diese schon betrunken sind. Selbst wenn auf Art auch ein paar ganz wenige Durchhänger zu hören sind Can you forgive her? (1993) will einfach nicht zünden; Yesterday, when I was mad nervt mit kommerziellem Tekknobums so bringt auch CD 2 dieses Doppelalbums enormen Spaß, auch wenn das Gehirn hier eindeutig mehr zu tun hat, als das Tanzbein. Pop Art The Hits ist das ideale Weihnachtsgeschenk für 80er-Kinder und solche, die es werden wollen. Die 35 Songs beweisen, daß dem Pop jener Dekade oft zu Unrecht Oberflächlichkeit und mangelnde musikalische Tiefe vorgeworfen wurde. Bronski Beat, Wham! oder Boytronic sind vergessen; Erasure und Soft Cell besitzen heute längst nicht mehr den Status, den sie einst innehatten. Die Pet Shop Boys hingegen blieben zwar ihren, in den 80ern geborenen Grundsätzen treu, schafften es aber trotzdem, diese Werte einer steten Erneuerung zu unterziehen, so daß sie nicht nur die öden 90er überleben konnten, sondern auch im neuen Jahrtausend zum Besten gehören, was die britische Popszene zu bieten hat (Gesamtnote: Bestwertung) |