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(...) Vor Robert Palmers unerwartetem Tod machte die Kunde Runde, der zuletzt recht erfolglose und müde Stilmixer käme noch dieses Jahr mit einem Album, das vieles der letzten Zeit in den Schatten stellen und Palmer ganz neue Qualitäten entlocken würde. „Drive“ ist dieses Album. Nix für die Popcharts, kaum etwas fürs Rockradio, aber eben Blues pur! Schade, daß der stets sympathisch und intellektuell wirkende Sänger nicht mehr erleben kann, wie er mit „Drive“ ganz neue Hörerschichten erschließen wird!

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Holger
Stürenburg

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Robert Palmer „Drive“

von Holger Stürenburg

Zu seinen Lebzeiten hat Rockcharmeur Robert Palmer mit allen nur erdenklichen Musikstilen experimentiert. Der gebürtige Brite, der bis zu seinem frühen Tod am 26. September diesen Jahres in der Schweiz lebte, beherrschte die verschiedensten Klänge und Rhythmen. Ob Hochglanz-Hardrock („Addicted to Love“), dunkler Synthipop („Johnny and Mary“), knalliger Elektrodiscosound („You are in my System“) bis hin zu Reggae („Best of Both Worlds“), Juju-Gejodel („Change his Ways“) oder Big Band Jazz (Album „Ridin’ High“) – Palmer schien überall zu Hause gewesen zu sein und verlieh mit seiner speziellen Art der Intonation seiner Stilvielfalt stets eine persönliche Note, so daß man trotz aller musikalischer Unterschiedlichkeiten wußte: Dies ist Robert Palmer!

Eines fehlte jedoch noch in seiner Sammlung der Klänge dieser Welt: Nachdem Palmer sich 1999 auf einem gleichnamigen, schlicht langweiligen Album an „Rhythm’n’Blues“ versuchte und poppige, aber aussagelose Black Music mit Souleinflüssen verhackstückte, strich er 2003 das „Rhythm“ und verlegte sich auf seinem aktuellen Album „Drive“ (Universal/Absolute/Edel) konsequent und ohne jeglichen Blick in Richtung Zeitgeist auf den traditionellen, knochentrockenen und doch so lebendigen Blues.

„Ich stehe zu meinen Hits“, sagte Palmer, als er bei einem seiner letzten Interviews auf seine 80er-Hymnen zwischen „Looking for Clues“ und „Simply Irresistible“ angesprochen wurde. „Aber sie repräsentieren nicht das, was aus mir geworden ist. Das wichtigste für mich war immer, Nischen zu finden, in denen ich tun und lassen kann, was ich will“. Da Palmer in den 90er Jahren ohnehin mit seinen mal anspruchsvollen, aber mainstreamfernen, mal schlicht eintönigen Alben kaum reüssieren konnte, befand er sich tatsächlich in der glücklichen, wenn auch finanziell nicht sehr einträglichen Lage, jede noch so unkommerzielle und spezielle „Nische“ ausprobieren zu können. Auf seinem aktuellen Album war und ist dies der Blues: eingängig, schwarz, heiß, oft sarkastisch und zutiefst emotional. Kein Popblues a’la Gary Moore für die Schmuserock-Sampler dieser Welt, keine musikalische Valium-Werbung wie Chris Reas letztjähriger Versuch, dem Urstil der Popmusik, auf dem sovieles beruht, ein Denkmal zu setzen. „Drive“ zeigt den Blues ungeschminkt und ehrlich, wie er in den 40er, 50er Jahren existierte, bevor ihn die „Weißen“ gebändigt und den Popcharts zugeführt haben. Palmer krächzt sich durch Standards a’la „Mama talk to your Daughter“ oder „Who’s fooling who“. Dazu rört die Hammondorgel, kreischt die Gitarre, klimpert das Honky-Tonk-Piano und schlägt ein zumeist eher sanftes Schlagzeug den legendären Bluesrhythmus.

Für das Erdige und Originale ist sicherlich zu einem Großteil der ostfriesische Blueshero Carl Carlton verantwortlich, hauptberuflich Gitarrist bei Peter Maffay und in Udo Lindenbergs Panikorchester. Falls er nicht gerade mit Udo oder Peter durch die Arenen dieser Republik reist, versammelt er seine eigene Band, die „Songdogs“, um sich, und huldigt in verräucherten Clubs dem tiefschwarzen Blues. Immer wieder arbeitete das Gitarrengenie in den vergangenen Jahren mit Robert Palmer zusammen, so daß er seinem weltberühmten Freund auch bei der Erstellung von „Drive“ half. Carltons Sinn fürs Originale und Originelle traf hervorragend auf Palmers Intellekt, so daß beide gemeinsam, auf einer Augenhöhe, in Richtung Roots marschierten. Carltons hysterische Slidegitarre verschmilzt zu einer Einheit mit Palmers fast schwarzem Organ, dem man kaum noch anhört, daß er einst als „Dandy der englischen Popmusik“ galt und vom „Rolling Stone“ sogar zum „bestgekleidetsten männlichen Sänger“ gekürt wurde. Ob die gespielte Arroganz in „Am I wrong?“ oder die naive Schwärmerei in der südamerikanisch angehauchten Ode auf die verruchte Bardame „Stella“ – Palmer beherrscht den Blues wie kaum ein anderer weißer Sänger der Jetztzeit, ohne seine bürgerliche Herkunft zu verleugnen. Er leidet sich durch „It hurts me too“ und bewahrt trotzdem stets die Contenance.

ZZ Top’s „TV Dinner“ war vor genau 20 Jahren ein synthiverkleisterter Adult Orientated Blues für das amerikanische Radio. Puristen stöhnten, MTV jubelte – in Palmers aktueller Fassung wird dem Klassiker jegliches Fünkchen Pop und Massenkompatibilität genommen; stattdessen arbeitet sich eine halbakustische, leicht bedrohlich wirkende Gitarre durch die an sich simple Komposition, und Palmer rört dazu in einer Form, die wir bei anderen weißen Bluesern wie Eric Burdon oder Roger Chapman seit Jahren schmerzlich vermissen. Seine auf Handclaps, Doowop-Chören und hintergründig rockender E-Gitarre beruhende Fassung der Leiber/Stoller-Komposition „Hound Dog“ zeigt, daß es ein Leben vor Elvis Presley gab – und selbst „29 Ways (to my Baby’s Door)“ in der durch und durch gelungenen Version der Blues Band vor 22 Jahren war im Vergleich zu Palmers aktueller Aufnahme der reinste Radiopop! Ein klassisches Chuck-Berry-Intro leitet den Boogie Woogie „Ain’t that just like a Woman“ anarchisch ein; als Neil Sedaka seinen 50er-Schlager „Stupid Cupid“ komponierte, ahnte er wohl kaum, wie viel Blues sein später weltbekannter Evergreen doch in sich trägt. Tief in die Sümpfe des Mississippi führt „Crazy Cajun Cake Walk Band“, in die depressive, einsame Samstag Nacht Little Willie Johns „I need your Love so bad“. Der einst von den Kinks verpoppte „Milk Cow’s Calf Blues“ läßt seinen Erschaffer Robert Johnson vor Freude im Grab rotieren. So dicht an den Wurzeln hat diesen Standard kaum ein anderer Musiker in den letzten 30, 40 Jahren aufgenommen!

Vor Robert Palmers unerwartetem Tod machte die Kunde Runde, der zuletzt recht erfolglose und müde Stilmixer käme noch dieses Jahr mit einem Album, das vieles der letzten Zeit in den Schatten stellen und Palmer ganz neue Qualitäten entlocken würde. „Drive“ ist dieses Album. Nix für die Popcharts, kaum etwas fürs Rockradio, aber eben Blues pur! Schade, daß der stets sympathisch und intellektuell wirkende Sänger nicht mehr erleben kann, wie er mit „Drive“ ganz neue Hörerschichten erschließen wird!

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