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(...) Einen langjährigen Traum erfüllte sich der Kurt kurz vor seiner Pension, als er die „Ostbahn 11“ ins Leben rief. Ein insgesamt 13köpfiges Blues- und Soulorchester, mit dem sich der Held der Wiener Arbeitervorstädte heiß und heftig durch eigene Klassiker und österreichische Versionen amerikanischer Soulhits spielte und mit diesem Experiment seine fast fünfstündige Abschiedsshow furios beendete. Auf „Live 3“ ist diese Mischung aus greller Las Vegas-Gala, verräuchertem New Orleans-Club und Blues Brothers im 25. Bezirk für die Nachwelt festgehalten. Knalliger Boogie Rock („Zöh auf mi“) wechselt sich ab mit feistem Soul („Damit wos weidageht“), nächtlichem Großstadtblues im Sinne des großen Ray Charles („Gespenster“) und zynischem Talking Blues („Da Van, da Jack, de Georgia, de Gloria und I“). Man spürt die Freude, die den Kurtl durchzog, als er in der Rolle des gefeierten Orchesterchefs seiner „Ostbahn 11“ den fundamentalen Entertainer geben konnte. (...)

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Holger
Stürenburg

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Kurt Ostbahn „Hohe Warte – Live“ (3 CD)

von Holger Stürenburg

Am Wochenende 05./06. Juli 2003 gab der Wiener Bluesrocker Willi Resetarits alias Kurt Ostbahn ein großes Openair-Konzert auf der Hohen Warte zu Wien. Das zweitägige Livespektakel war Höhepunkt und Abschied zugleich. „Ostbahn-Kurti“, einer der beliebtesten und kultigsten österreichischen Rockmusiker der letzten 20 Jahre, war eine Kunstfigur, erschaffen von dem Lyriker, Journalisten und Schriftsteller Günter Brödl alias „Der Trainer“. Der Wiener Untergrunddichter verstarb am 10. Oktober 2000 an Plötzlichem Herztod. Da das Projekt „Ostbahn“ nur gemeinsam mit Günter Brödl möglich war, entschied sich Resetarits, im Sommer 2003 ein letztes Mal als „Kurt Ostbahn“ auf Tournee zu gehen und sich von seinen Fans mit einem Feuerwerk aus Rock, Blues, Soul und Folkrock, versehen mit typisch Weanerischen Texten, gehörig zu verabschieden. Ein musikalisches Weiterleben vom „Ostbahn-Kurti“, ohne die herausragenden, stimmungsvollen Texte seines „Trainers“, konnte sich Resetarits nicht vorstellen. Nachdem im Mai diesen Jahres die letzten beiden Studioalben „Wann de Musik...“ und „...Vuabei is“ erschienen sind, auf denen Resetarits alias Ostbahn den lyrischen Nachlaß von Brödl musikalisch umgesetzt und eingesungen hatte, waren alle Kurtologinnen und Kurtologen (wie sich die Fans des Kultstars nennen) eingeladen, zur Hohen Warte zu kommen und dort einem ellenlangen Konzert von Ostbahn beizuwohnen. Als Leckerbissen für seine Tausenden Freunde, hatte der Kurt die beiden Bands, mit denen er im Laufe seiner fast dreißigjährigen Karriere gespielt hatte, für je ein nahezu zweistündiges Set zusammengetrommelt und zudem die auf Einmaligkeit ausgerichtete „Ostbahn 11“ begründet, bestehend aus der Kombo (seiner letzten Begleitband), plus Bläsersektion („East Train Horns“) und Damenchor („Kurtlettes“), mit der er sich zum krönenden Abschluß des Open-Air-Leckerbissens nochmals fast zwei Stunden lang durch eingeösterreicherte Soul- und Bluesklassiker röhrte.

Für alle Fans des coolen Wiener Charmeurs veröffentlicht Koch/Universal dieser Tage ein Drei-CD-Set, angefüllt mit den Livemitschnitten von der Hohen Warte: „Live 1 – Ostbahn & die Kombo“, „Live 2 – Ostbahn & die Chefpartie“ und „Live 3 – Ostbahn & die Ostbahn 11“. Zwar sind die drei Alben auch einzeln erhältlich; das mitreißende Konzertgefühl des mehrstündigen Auftritts von Ostbahn und seinen drei Begleitbands, die jede für sich beinahe den gleichen Kultstatus erreichten wie ihr Chef, wird allerdings dann am besten vermittelt, wenn man zur „Live-Box“ greift und sich die drei darin enthaltenen CDs der Reihe nach auflegt – und auf diese Weise alle Facetten des jüngeren Bruders von Kabarettist und „Kottan“-Darsteller Lukas Resetarits geballt spüren kann!

„Live 1“ präsentiert einen eher nachdenklichen, hintergründigen Kurt Ostbahn. Mit der Kombo, die den sympathischen Rockshouter seit 1995 begleitete, hatte er sechs CDs eingespielt, die größtenteils Balladen und ruhige Songs enthielten. Nur selten ließen Ostbahn und Kombo die schwitzigen Rocker raushängen. „Live“ glänzt die sechsköpfige Band (dr, b, key, 2 x git, 1 x perc/voc) mit traurigem Wiener Blues („Reserviert für zwa“), beißend ironischen Liebesliedern („Carmelita“), stillen Folkballaden („Tankstö“), akkordeonverstärkten Trinkerliedern a’la Tom Waits („Die beste Zeit“, „Hoit me“), abgeklärtem Reggae („I wüs garned wissen“) und feurigen Zydeco-Klängen („Tornado“) – abgerockt wurde nur selten („I waas gnua“, „Echt Super“). In seinen Jahren mit der Kombo verbreiterte Ostbahn sein musikalisches Spektrum, komponierte zunehmend selbst und sang – meist vom „Trainer“ verfaßte – Texte mit Tiefgang, Ironie und schönen Stimmungsbildern aus dem anderen Wien jenseits von Glanz und Glamour auf der einen und Tradition, Fiaker-, Hofrat- und Cafehausseligkeit auf der anderen Seite. „Live 1“ hält die besten Momente der Kombo-Zeit fest, auch wenn jene Phase Ostbahns seine Fans ganz schön polarisierte und nicht immer mit Wohlwollen aufgenommen wurde. (Note: 2)

Die Beinhart-Anhänger hatten ihr Idol nämlich bereits Mitte der 80er entdeckt, als der Sänger und Mundharmonikaspieler als „Ostbahn-Kurti“ mit der „Chefpartie“ unterwegs war. Obwohl die Kombo sicherlich musikalisch versierter und vielfältiger agierte, so besaß die Chefpartie das, was Ostbahn einst berühmt machte. Nix anderes als den Blues! Genauer gesagt, den „Favoriten Blues“, den der „Springsteen vom Simmering“ als Wiener Antwort auf den amerikanischen Rhythm’n’Blues gebar und damit erste Aufmerksamkeit erregte. Als sich Ostbahn 1994 von der Chefpartie trennte, stand er am Zenit seines Erfolges. Für das Wochenende auf der Hohen Warte kamen die fünf Musiker – jeder von ihnen ist zwischenzeitlich zum Kultstar avanciert – nochmals zusammen und rockten und rollten ein letztes Mal wie zu ihren besten Zeiten! Nach fast zehnjähriger Unterbrechung legten Dipl. Ing. Eduard Jedelsky am Schlagzeug, Bassist und bandinterner „Sexualberater“ Karl Horak, Senor Mario Adretti an Piano und „Hemmungsorgel“, Leopold „Prinz“ Karasek an der E-Gitarre und die süße Stromgitarristin Lilli Marshall los, als hätte es die lange Pause nicht gegeben. Ostbahn intonierte einen Klassiker nach dem anderen: Steve Millers „The Joker“ mit wienerischem Text als „Da Joker“, Thin Lizzy’s „Boys are back in Town“ als „Gemmas wieda an“ oder „I hea Di Klopfa“, einst unter dem Titel „I hear you knocking“ ein Hit für Gitarrenlegende Dave Edmunds. Damals schrieb Ostbahn die meisten Texte selbst, die Chefpartie komponierte – oder übertrug angloamerikanische Rhythm’n’Blues-Standards kongenial ins Wienerische. An Spielfreude übertraf die Chefpartie auf der Hohen Warte die Kombo um ein Vielfaches, auch wenn sich die 14 Songs ihres Sets in einem eng abgesteckten Umfeld von Blues, Rock’n’Roll und R’n’B aufhielten. Die Fans waren schier aus dem Häuschen, als der Kurt und seine Partie die Uralthits „Kumm ham“, „I geh jetzt Fischen“ oder „1na von uns 2“ anstimmten. Dazu sarkastischen Reggae, gesungen vom „Sexualberater“ Horak („Rusta, Rasta“), dunkle Rockballaden („Noch sovü Joa“, „Stadt aus Stan“) und immer wieder der gute alte „Favoriten Blues“ („Ganz afoch“, „Do steht a Haus“). Auch aus dem Gästebuch auf www.ostbahn.at ist zu ersehen, daß den oft aus ganz Österreich angereisten Kurtologen der auf „Live 2“ festgehaltene Auftritt des Kurts mit seiner legendären Chefpartie am besten gefallen hatte. Der aktuelle Livemitschnitt zeigt erneut, daß Kurt Ostbahn in jenen rund neun Jahren mit der Partie tatsächlich unerreichbar und in seinem Heimatlande konkurrenzlos war. (Note: 1)

Einen langjährigen Traum erfüllte sich der Kurt kurz vor seiner Pension, als er die „Ostbahn 11“ ins Leben rief. Ein insgesamt 13köpfiges Blues- und Soulorchester, mit dem sich der Held der Wiener Arbeitervorstädte heiß und heftig durch eigene Klassiker und österreichische Versionen amerikanischer Soulhits spielte und mit diesem Experiment seine fast fünfstündige Abschiedsshow furios beendete. Auf „Live 3“ ist diese Mischung aus greller Las Vegas-Gala, verräuchertem New Orleans-Club und Blues Brothers im 25. Bezirk für die Nachwelt festgehalten. Knalliger Boogie Rock („Zöh auf mi“) wechselt sich ab mit feistem Soul („Damit wos weidageht“), nächtlichem Großstadtblues im Sinne des großen Ray Charles („Gespenster“) und zynischem Talking Blues („Da Van, da Jack, de Georgia, de Gloria und I“). Man spürt die Freude, die den Kurtl durchzog, als er in der Rolle des gefeierten Orchesterchefs seiner „Ostbahn 11“ den fundamentalen Entertainer geben konnte. Die „Kurtlettes“ sorgten für den nötigen Soul, die heißen Bläsersätze für uramerikanisches Bluesfeeling. Bei Ostbahns Uralt-Hit „Zuckagoschal“ durfte Chefpartie-Sidewoman Lilly Marshall die zweite Stimme übernehmen und zudem – in fast zehn Minuten – sich jeder Musiker an seinem Instrument solistisch austoben. Kombo-Percussionist Alex Horstmann übernahm die Leadvocals bei „Üba mia loss i nix kumma“ – bevor mit dem Bigband-Soul „Tag & Nocht“ der absolute Höhepunkt des Abend anstand. Kurtis Traum von einem Soulorchester hat sich erfüllt und sorgte für eine weitere Sternstunde im Leben des Favoriten-Bluesers, gegen die die unseligen Orchesterversuche eines Robbie Williams wirken wie ein Alfred Gusenbauer neben Bruno Kreisky. (Note: 2plus).

Aus Platzgründen wurden die insgesamt sechs Zugaben des Spektakels von der Hohen Warte auf alle drei Live-CDs verteilt. Kurz vor Schluß gab es, mit Kombo und Chefpartie gemeinsam im Hintergrund, noch mal Kurti-Gassenhauer der Sorte „57er Chevy“, „Arbeit“ und „Feuer“ zu hören, bis der Kurt nach einem spannenden Konzertnachmittag im Sinne des Titelsongs seiner letzten Studio-CD erschöpft aber glücklich feststellte: „Wann de Musik vuabei is“! Schade, daß das Kapitel „Ostbahn“ durch den frühen Tod von Mentor Günter Brödl ein so jähes Ende fand. Doch Willi Resetarits kann sich einfach nicht zur Ruhe setzen: Nach einem kurzen Gastspiel als Weinhändler (www.weinwerk-burgenland.at), bereist er im Winter 2003/2004 unter seinem Realnamen die österreichischen Clubs und präsentiert sein neues Programm, in dem er Van Morrison-Klassiker in Wienerischem Gewande intoniert. Klar, Resetarits ist ein Vollblutmusiker und wird seine Fans auch weiterhin mit spannenden Songs und Geschichten erfreuen. Denn: Wer einmal vom Blues gefangen wurde, den läßt er nicht mehr los!


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