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Holger Stürenburg (links) ist 29 Jahre alt und arbeitet seit 1996 als Freier Journalist und Publizist für Politik, Musik und Zeitgeist. Besonders, wenn es die 80er Jahre betrifft, ist Holger Stürenburg "live" mit dabei. Für verschiedene Blätter und Magazine greift er zur Feder bzw. zur Tastatur, wenn es darum geht, Bands und Künstler, Politiker und Zeitzeugen, Ereignisse und Gegebenheiten aus der "Kühlen Dekade" zu beschreiben, zu analysieren, zu hymnisieren. "Die 80er Jahre waren nicht nur die beste Zeit meines Lebens, sondern bedeuteten mir eine gewisse Kühle, Ruhe und Gediegenheit. Dies vermisse ich heutzutage sehr!", sagt Stürenburg, der mit der "heutigen Zeit" eigentlich nicht viel anfangen kann - außer, daß er ihr ziemlich kritisch gegenübersteht! |
Münchener Freiheit Zeitmaschine |
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von Holger Stürenburg, 25. Juli 2003 Wenn alternde Popstars eine CD mit Neueinspielungen ihrer betagten Klassiker veröffentlichen, ist dies meist ein zweischneidiges Schwert. Manche Ohrwürmer sind einfach zu sehr mit der Zeit verwoben, in der sie einst entstanden. Nur selten ist es Musikern, besonders im deutschsprachigen Bereich, gelungen, solchen Neuaufnahmen eigener Hits gerade so viel Veränderungen und Modernisierungen zuteil werden zu lassen, daß Fundament und Ausstrahlung des Originals nicht beeinträchtigt werden. Vor kurzem hat Nino de Angelo auf seinem Album Zurück nach vorn vorgeführt, wie so ein Vorhaben gelingen kann. Seine Althits zwischen Jenseits von Eden, Atemlos und Flieger klingen modern und zeitnah, nach den neuesten technischen Möglichkeiten produziert, verzichten aber auf jegliche Anbiederung an den flachen musikalischen Zeitgeist der heutigen Zeit. Sie klingen nun erwachsener, nicht jünger. Wie man es besser nicht machen sollte, beweist dieser Tage die Münchener Freiheit. Die fünfköpfige Band erlebte ihre ersten Erfolge im Zuge der Neuen Deutschen Welle, bevor ihr 1985/86 mit romantischen Rock/Popsongs der Sorte Ohne Dich, Tausend Mal Du oder Es gibt kein nächstes Mal der große Durchbruch gelang. Die Freiheit entwickelte sich daraufhin zur erfolgreichsten einheimischen Popband der 80er Jahre; erst 1994/95 begann ihr Stern (zumindest kommerziell) zu sinken. Intelligente Popmelodien, ein perfekter Satzgesang nach Vorbild der Beach Boys und klischeefreie und doch gefühlvolle Texte über das Abenteuer Liebe galten bis dato als Markenzeichen des Quintetts um Sänger Stefan Zauner (51) und Gitarrist Aron Strobel (43). Im 23. Jahr ihres Bestehens meinte die Band festgestellt zu haben, daß sich bei Konzerten nicht nur 35jährige Alt-86er, sondern auch ganz junge Menschen in den vordersten Reihen drängten Teenager, die gut und gerne die Kinder von Zauner, Strobel, Rennie Hatzke (dr), Michael Kunzi (b) und Alexander Grünwald (key) sein könnten. So erwuchs in Stefan Zauner schon vor drei Jahren der Gedanke, die wichtigsten Hitsingles und persönlichen Favoriten aus 20 Jahren Münchener Freiheit neu zu produzieren. Da sich das Hörgefühl von vielen Leuten verändert habe, wollte die Band versuchen, sich an all diese Veränderungen anzupassen. Für das in diesen Tagen erscheinende 14. Studioalbum der Münchener Freiheit, Zeitmaschine (SONY), bekamen 14 Klassiker ein vollkommen neues Arrangement verpaßt; Zauner selbst sang zudem sämtliche Stimmen neu ein heraus kam dabei ein größtenteils ungenießbares Konglomerat aus aktuellen Hip Hop Beats, Rapeinsprengslen, DrumnBass-Tupfern; sogar Tekknobeats kommen zum Zuge und zerstören die einst herrlich düstere Mitt-80er-Komposition SOS. Nicht nur jener Erfolgstitel aus dem Mai 1985 büßt in der Neufassung jeglichen Charme ein. Die tief in der New Romantic-Bewegung der mittleren 80er Jahre verwurzelten Kompositionen passen schier gar nicht zu den oft nervtötenden Klangwelten der heutigen Zeit. Beim Versuch, mit Vocoder, Hallgeräten und Drumcomputer aus der einst regentrüben und doch so hoffnungsvollen Ballade Tausend Mal Du das seichte Popnümmerchen 1000 x Du zu machen, änderte sich nicht nur die Schreibweise, sondern die vollständige Aussage des Songs zu dessen ungunsten. Wie man auf die Idee kommen kann, aus der einst dramatischen, an Spandau Ballet gemahnenden Rocknummer Es gibt kein nächstes Mal einen verspielten, relaxten Reggae zu kreieren, wissen die Götter. Herz aus Glas im bumsenden Boygrouparrangement ala *NSYNC grenzt an Blasphemie. Ich will Dich noch mal zählte schon von jeher zu den schwächeren Songs der Freiheit in der aktuellen Mischung aus Crossovergitarren aus dem Synthesizer und kindlichen Rapklischees ala Oli. P. ist der Song erst recht unerträglich. Du bist Energie für mich klingt anno 2003 wie ein Einschlaflied von Rolf Zuckowski und seinen Freunden. Der einstige Blues Oh Baby wird zum Mitstampfer für Kneipengelage und Fußballspiele Oh Baby, lieb mich im Mondschein..., heißt es im Text das Baby wird den Teufel tun, den vocoderverstärkten Stefan Zauner im Mondlicht zu küssen, in Anbetracht dieses schlicht unpassenden Fankurvenarrangements. Gegen Keith-Richards-mäßige Gitarrenriffs ist nichts einzuwenden bei der einstigen Synthiballade Ohne Dich haben sie allerdings nix verloren! Herzschlag ist der Takt gerät, voller moderner Extrasystolen und Herzrhythmusstörungen, vollkommen aus demselben. Auf diese Weise werden noch viele andere Ohrwürmer früherer Zeiten Opfer dieser Selbstkasteiung. Dankbar ist der Altfan, daß ihm wenigstens eine Latinofassung von Zeig mir die Nacht, Marie oder ein durch Grungegitarren verzerrtes Ich steh auf Licht erspart bleibt. Wenn das Presseinfo schreibt, die Lieder der Freiheit übten losgelöst von Moden, Zeitgeist und Trends unsterbliche Anziehungskraft aus, dann ist dem nichts hinzuzufügen. Sonst würden Ohne Dich und all die anderen Popperlen der 80er und 90er nicht zu den spezifischen Klassikern der deutschen Pop zählen und nicht bis heute tagtäglich im Radio laufen und auf Partys gespielt. Nur stand da nicht gerade etwas von losgelöst von Moden und Zeitgeist? Zeitmaschine vollbringt das ganze Gegenteil: Es fesselt sich widerstandslos an den oberflächlichen, vergänglichen musikalischen Zeitgeist des Jahres 2003. Wäre Zeitmaschine das Debüt einer aktuellen Popband, deren Mitglieder zu Hochzeiten der Freiheit gerade erst das Licht der Welt erblickten, - es bliebe bei dieser einen Platte, ein halbes jahr später wäre die Teenietruppe (zurecht) vergessen. Entweder die Münchener Freiheit hat so wenig Respekt vor ihrer eigenen Kunst oder das schnöde Geld hat eine Rolle gespielt - zumal sich die letzten, gar nicht mal so üblen Alben der Band nicht gerade berauschend verkauften und es tatsächlich so schien, als hätte die Freiheit den Anschluß an die Zeit verpaßt. Aber es ist ehrlicher, mit Anstand unterzugehen, als mit Kinderspielereien an Deck bleiben zu wollen und sich zum Gespött zu machen: Sowohl gegenüber den bisher treuen Fans, die die Freiheit seit Anfangstagen verehren und in Anbetracht von Zeitmaschine nicht wissen, ob sie lachen oder weinen sollen, als auch gegenüber der mit diesem Album anvisierten Teenagergeneration. Kein 15, 16jähriges Mädel nimmt es einem gediegenen 51jährigen ab, wenn dieser von der Liebe auf den ersten Blick schmachtet. (Gesamtwertung: 4-) |