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Holger Stürenburg (links) ist 29 Jahre alt und arbeitet seit 1996 als Freier Journalist und Publizist für Politik, Musik und Zeitgeist. Besonders, wenn es die 80er Jahre betrifft, ist Holger Stürenburg "live" mit dabei. Für verschiedene Blätter und Magazine greift er zur Feder bzw. zur Tastatur, wenn es darum geht, Bands und Künstler, Politiker und Zeitzeugen, Ereignisse und Gegebenheiten aus der "Kühlen Dekade" zu beschreiben, zu analysieren, zu hymnisieren. "Die 80er Jahre waren nicht nur die beste Zeit meines Lebens, sondern bedeuteten mir eine gewisse Kühle, Ruhe und Gediegenheit. Dies vermisse ich heutzutage sehr!", sagt Stürenburg, der mit der "heutigen Zeit" eigentlich nicht viel anfangen kann - außer, daß er ihr ziemlich kritisch gegenübersteht! |
Marillion - The Best of Marillion |
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von Holger Stürenburg In den rund 25 Jahren ihres Bestehens hat die schottische Rockband Marillion vor allem eines getan: Polarisiert! Je häufiger Kritiker die fünfköpfige Truppe als schale Genesis-Kopisten schalten, ihr unnötige Theatralik und Pathos vorwarfen, desto mehr liebten sie die Fans. Zwischen 1984 und 1994 galten Marillion als interessanteste Vertreter der Artrock/Progressive Rock-Szene, zumal sie Intellekt und Feingeistigkeit mit eingängigen Melodien verbanden und zumeist auf epische Längen, vertrackte Tempowechsel und sonstige, oft zum Exzeß betriebenen Übertreibungen progressiver Rockbands verzichteten. Da die Band seit einigen Jahren nicht mehr an vorderster Front des Musikgeschehens schwimmt und zeitweilig sogar ohne Vertriebspartner dastand, veröffentlicht ihre langjährige Firma EMI nun auf The Best of Marillion 18 der bekanntesten und interessanten Songs der 1978 in Aylesbury/Buckinghamshire gegründeten Melodicrocker mit der Hoffnung, alte Fans fänden zu ihren Idolen zurück und junge Leute, denen die krachende, disharmonische Rockmusik der heutigen Zeit zum Hals heraus hängt, lernten sie kennen! Die Geschichte von Marillion ist in zwei Phasen unterteilt: Von 1982 bis 1988 fungierte der sympathische Holzfäller Derek William Dick alias Fish als Sänger, Texter, letztendlich als Mittelpunkt der Band. Stimmlich nahe bei Vorbild Peter Gabriel, lyrisch beeinflußt von Fantasygeschichten, Mythen und surrealen Gegebenheiten, trug Fish dazu bei, daß unter seiner Leitung Marillion von einem Geheimtip zu einer angesehenen Rockband wurden. Beginnend mit Garden Party, einem nervösen, aber stets sympathischen Rocksong über eine Feier auf dem Collage von Fishs einstiger Freundin, führt die aktuelle Kompilation mit acht Songs durch die Fish-Ära. 1984 folgte Assassing, Marillions Antwort auf Genesis Abacab - eindringlich, fordernd, unterschwellig aggressiv. Inzwischen hatten sich Fish und Begleiter einen treuen Fanstamm, besonders in Großbritannien und Deutschland, erspielt, der dafür sorgte, daß ihre Konzerte stets ausverkauft waren, auch wenn es kommerziell noch nicht ganz so gut laufen sollte. Der Einstieg in die Welt der Hitparaden folgte im Juni 1985: Kayleigh, eine hochmelodiöse, zutiefst romantische, wehmütige Liebesballade, deren Text, so sagen Gerüchte, Fish in der Badewanne eingefallen sei, stürmte die Hitlisten und zog sogar in die deutschen Top 10 ein. Der stimmige Sommerhit entstammte dem Konzeptalbum Misplaced Childhood, das im Herbst 1985 an den Erfolg der Single anschloß und Platz 3 der hiesigen LP-Charts erreichte. Nun waren Marillion das Thema breiter Schichten von Rock- und Popfans. Sie galten als Festivalhelden des Sommers 1985; Lavender und Heart of Lothian, zwei eigentlich als musikalische Zwischenspiele von Misplaced Childhood gedachte Kompositionen, wurden eiligst als Singles ausgekoppelt und konnten den Erfolg von Kayleigh beinahe wiederholen. 1987 waren Marillion endgültig Popstars; die Band genoß den Jet Set; Fish selbst vertrug ihn nicht so gut und gab sich zunehmend dem Alkohol hin. Dennoch geriet das 87er-Album Clutching at Straws zu einem weiteren Erfolg für die sich nach und nach zerstreitende Band. Hymnisch, aufputschend die erste Single Incommunicado. Balladesk, verträumt, verzweifelt: Die Folgeauskoppelungen Warm Wet Circles und Sugar Mice. Nach einer letzten gemeinsamen Tour im Herbst 1987 war Schluß. Fish verließ die Band, klagte Management und Firma wegen angeblich nicht erhaltener Tantiemen die Zukunft der Band stand auf des Messers Schneide. Bisher hatte der charismatische Frontmann mit seinem Showtalent und seiner kumpelhaften Art den Erfolg der Band maßgeblich bestimmt. Zudem war es nur ihm zu verdanken, daß Marillion den Eingeweihtenstatus verlassen konnten und vom Mainstreampublikum angenommen wurden, ohne ihre Musik massengerecht verwässern zu müssen. Mit Steve Hogarth, dem einstigen Frontmann der chronisch unterschätzten New-Wave-Band The Europeans, war bald ein gleichwertiger Ersatz gefunden. Obwohl Hogarth ein ganz anderer Typ ist als sein Vorgänger, setzte schon 1989 die LP The Seasons End einen positiven Anfangspunkt von Phase 2. Hogarth Stimme klang weicher, souliger, aber noch eindringlicher und gefestigter, als die von Fish. Als Ende August 1989 die erste Single der neuen Marillion vorab erschien, staunten manche nicht schlecht: Hooks in you ist ein schneller, eingängiger Rocksong, nahe bei US-Rock der Marke Foreigner oder Survivor. Würden Marillion unter neuer Führung nun zu einer der Tausenden Radiorockbands avancieren? Doch Hooks in you blieb die Ausnahme. Schon die zweite Single Easter bewies, daß auch Hogarth progressiven Spielereien nicht abgeneigt war und somit auch Altfans nicht enttäuscht wurden. An den kommerziellen Erfolg der Fish-Phase konnten Marillion Part II allerdings nicht mehr anschließen. Da half auch das phantastische Album Holidays in Eden nichts, das 1991 auf den Markt kam und dem Rezensenten als eines der schönsten klassischen Rockalben der 90er Jahre in Erinnerung blieb. Die Zeiten für melodramatischen Romantikrock ala Cover my Eyes (Pain and Heaven), düstere Liebeslieder wie No one can oder Mythen ala Dry Land waren einfach vorbei. 1982/83 wäre Holidays in Eden umgehend an die Spitze der Hitlisten gezogen und hätte sich dort mit Icehouse, Roxy Music und TOTO um den ersten Platz geprügelt. In den 90ern wollte davon niemand mehr etwas wissen. Nur knapp in die Top 100 zogen Singles und Album ein. Drei Jahre später gab es mit dem erneuten Konzeptalbum Brave das letzte öffentlich bemerkte Lebenszeichen von Marillion. Steve Hogarth hatte sich inzwischen fest ins Bandgefüge eingelebt und glänzte als Sänger und Texter eines elfteiligen Songzyklus über eine junge Frau, die 1988 in London aufgegriffen wurde und sich, obwohl sie weder taub noch stumm war, beharrlich weigerte, Auskünfte über sich zugeben. Die recht schwache Singleauskoppelung Alone again in the Lap of Luxury fand auch den Weg auf The Best of Marillion. Die letzten vier Songs der aktuellen Kompilation stammen aus der Zeit nach 1995, in der Marillion letztendlich nur noch für sich und ihre übriggebliebenen Extremfans musizierten. Als besonders glücklich sind eher epische Nummern wie Beautiful. Man of thousand Faces oder Between you and me auch nicht zu bezeichnen. Doch ist es aus chronologischen Gründen durchaus richtig, auch diesen unbedeutenden Zeiten Marillions zu gedenken. Mehr The Best of war beim besten Willen nicht auf einer CD unterzubringen. Natürlich fehlen einige spezielle Klassiker (z.B. Market Square Heroes, 1982, The Party, 1991, Paper Lies, 1994). Aber für die Fans werden die wirklich bedeutsamsten Songs ihrer Helden komprimiert präsentiert, während sich der spätgeborene Einsteiger ein Bild von einer Band zu machen, die wesentlich mehr zu bieten hatte, als den einen unvermeidlichen Singlehit Kayleigh. Selbst wenn manch andere Band sich glücklich schätzen könnte, wenn sie Zeit ihres Bestehens nur einmal so viel künstlerisches Potential besäße, wie alleine dieser eine romantische Sommerhit aus dem Juni 1985, auf den Marillion oft reduziert werden, in sich trägt! (Gesamtnote: 1) |