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Holger Stürenburg (links) ist 29 Jahre alt und arbeitet seit 1996 als Freier Journalist und Publizist für Politik, Musik und Zeitgeist. Besonders, wenn es die 80er Jahre betrifft, ist Holger Stürenburg "live" mit dabei. Für verschiedene Blätter und Magazine greift er zur Feder bzw. zur Tastatur, wenn es darum geht, Bands und Künstler, Politiker und Zeitzeugen, Ereignisse und Gegebenheiten aus der "Kühlen Dekade" zu beschreiben, zu analysieren, zu hymnisieren. "Die 80er Jahre waren nicht nur die beste Zeit meines Lebens, sondern bedeuteten mir eine gewisse Kühle, Ruhe und Gediegenheit. Dies vermisse ich heutzutage sehr!", sagt Stürenburg, der mit der "heutigen Zeit" eigentlich nicht viel anfangen kann - außer, daß er ihr ziemlich kritisch gegenübersteht! |
The Korgis Dont look back The very Best of The Korgis |
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von Holger Stürenburg, 30./31. Juli 2003 1979/80 war Pop kein Pop mehr, aber noch längst nicht New Romantic oder Synthipop. Eine gedrückte Stimmung lag über Europa. In Brüssel wurde der NATO-Doppelbeschluß ausgerufen, in Großbritannien beendeten Margret Thatchers Radikalreformen den liebgewonnenen, überbordenden Sozialstaat der Labour-Ära. In Deutschland gewann die Friedensbewegung an Zulauf; die sozialliberale Koalition wurde von der Opposition gerettet, die einen polarisierenden Kanzlerkandidaten präsentierte, der nur verlieren konnte. Diese gedämpfte, zurückhaltende Stimmung schlug sich auch in der Musikszene nieder. Scheußlicher Discostampf versuchte vergeblich, die aufgesetzte Fröhlichkeit der 70er in die neue Dekade zu retten; die Heroen des New Wave schrieen mit rabiaten Klängen und bitteren Texten gegen die Düsternis der Dekadenwende an. Klassischer Pop verlor an Zugkraft. Getragene Melodien, melancholische Synthiklänge fanden Einzug in die Popmusik. Cliff Richards Hits der ausgehenden 70er, We dont talk anymore oder Dreamin, besaßen etwas von der Tristesse des Blues; der ansonsten unbedeutende B.A. Robertson fuhr auf dieser Schiene mit Erfolg; Soundzauberer Mike Batt sehnte sich sanft die Winds of Change herbei jenseits der Mainstreams zeichneten die Buggles düstere Zukunftsaussichten (The Age of Plastic); New Music begründeten, vielleicht ohne es zu wollen, den später so erfolgreichen Technopop. Zu den amüsantesten musikalischen Wegbegleitern auf dem Schritt aus den 70ern in die 80er zählten The Korgis. Das aus Großbritannien stammende Duo verstand sich weniger als traditionelle Band, (verzichtete daher auch konsequent auf Liveauftritte), sondern genoß das Mysteriöse, Anonyme, generell Abwesende, das diese Art von künstlerischem Projekt in sich trug. James Warren und Andy Davis bildeten den Kern der Korgis. Oft halfen andere Musiker bei Plattenaufnahmen aus. So z.B. der später mit Depeche Mode zu Ruhm und Ehre gekommene Alan Wilder oder Violinist Stuart Gordon, 20 Jahre später Begleiter des Deutschrockers Heinz Rudolf Kunze (!). Drei interessante Alben haben Warren und Davis in nur ebenso vielen Jahren aufgenommen. Endlich gibt es diese, einst viel zu wenig bedachten Kunstwerke des frühen Synthipop gesammelt auf einer Doppel-CD. Dont look back The very Best of The Korgis (Sanctuary) beinhaltet nicht nur die drei LPs The Korgis (1979), Dumb Waiters (1980) und Sticky George (1981) in ihrer Gesamtheit, sondern zusätzlich die lange verschollene, letzte reguläre Korgis-Single Dont look back, eine Alternative Version des einzigen Top-5-Hits des Duos, Everybodys got to learn sometime und (dem hätte es aber nicht bedurft) einen Houseremix des gleichen Songs von DNA aus dem Jahr 1992. YoungnRussian hieß die erste Single der Korgis, die am 2. März 1979 das Licht der Welt erblickte: Eine zeittypische Agentengeschichte aus den Untiefen des Kalten Krieges - mysteriöser Mann aus dem Westen liebt undurchschaubare Frau aus dem Osten - auf der Basis einer zickigen und trotzdem eingängigen, baßlastigen Melodie mit viel Synthis und einem unerwarteten Break - voller Romantik, Hoffnung einerseits und Schwere und Kühle andererseits. Nahe an Mike Batts damaligen Liedern hielt sich die zweite Single If I had you auf - und für eine Woche sogar auf Rang 13 der britischen Charts: Lässige Countrygitarren, gepaart mit einer wohligwarmen Melodie und einem traurigen Text von der unerreichbaren Liebe, die doch soviel Kraft mit sich brächte: I would change the World, if I had you. Diesem ersten Achtungserfolg folgte im Sommer 1979 die Debüt-LP der Korgis: Ein aufstrebendes, ideenreiches Album voller bizarrer musikalischer wie lyrischer Experimente. Beatleesker Gitarrenpop trifft auf sachte Synthis; coole, wavige Keyboardspielereien auf unterkühlte Technokratie ala Flash & the Pan, fröhlicher 60er-Pop auf RocknRoll ala Chuck Berrys Memphis Tennessee. Die Texte drehen sich um Zappaeske Machoträume von der devoten Fernostfrau (Chinese Girl), um die Entführung der Geliebten aus der Hochschule der Schönen Künste (Art School Annexe), Schlankheitswahn und Androgynie (Boots and Shoes), enttäuschte Gedanken des höchsten Berges der Erde (Mount Everest sings the Blues) oder bizarre Geschichten aus der Welt der Gangs und Ghettos (Cold Tea). Das Album bedeutete den Einstieg für The Korgis in die aufstrebende New Wave-Szene Großbritanniens. Zwar konnte eine Wiederveröffentlichung der ersten Single, Young'n'Russian, im Oktober 1980 nicht nochmals punkten. Auch der letzten Auskoppelung des Debüts, I just can't help it, blieb im Januar 1980 der große Erfolg verwehrt. Dann jedoch erschien am 4. April 1980 die Single Everybodys got to learn sometime als Vorbotin des zweiten Korgis-Albums Dumb Waiters. Mitte Juni erreichte die banduntypische Schmuseballade, die bis heute auf vielen Kuschelrock-Samplern ihren Platz hat und, laut Warren, eher als ironische Parodie auf amerikanische Rockballaden gedacht war, einen ehrenvollen fünften Rang in den britischen Top 40, umgeben von so grauslichen Discoacts wie Mash, Teena Marie, Stacy Lattislaw, Jermaine Jackson oder ganz furchterregend Spoldgenessabounds bzw. Lipps Inc. Dem Romantikpop der 80er Jahre war ein erster Erfolg vergönnt! Kurz darauf die LP Dumb Waiters: Futuristischer Synthipop ala Buggles (Silent Running), obskure Liebesphantasien (Love aint too far away), leichte Discoanklänge und New Wave-Abgeklärtheit (Drawn and Quartered erinnert irgendwie an ABBAs Voulez Vous, Intimate an Fischer-Z), verspielte Popklänge (Its no good, unless you love me) musikalisch kompakter als der Erstling, lyrisch teils philosophischer, abstrakter; leider viel weniger Ironie und Situationskomik als auf dem Debüt. (Am Rande sei angemerkt, daß Dumb Waiters beinahe ein Soloalbum von James Warren darstellt. Sein Partner Andy David hatte sich kurzzeitig aus dem Staub gemacht, so daß viele seiner Instrumentalparts von Fairlight Computern und Synclavier Synthesizern übernommen werden mußten und weder auf dem Cover noch auf der Innenhülle des Originalalbums ein Photo von David zu sehen ist.) Als zweite Single erschien im Juli die romantische Ballade If its alright with you Baby; textlich harmlos, musikalisch bieder; zu deutlich an den Erfolgshit Evergbodys got... angelehnt, aber nicht mit soviel Potential bestückt, um daran auch kommerziell anschließen zu können. Auf Rang 56 blieb der wiederum 60er-beeinflußte Popschlager hängen. Der gitarrenlastige Titelsong folgte als nächste Single im Oktober 1980: Ein nettes Popnümmerchen, das aber über keine besondere Ausstrahlung verfügte, aus den Tausenden End-70er-Produktionen dieser Machart nicht herausstach und daher auch nicht in den Hitlisten landete. Eher als Witz gedacht war Auskoppelung Vier aus Dumb Waiters: Das schnieke Instrumental Rovers Return wurde zwar kein Hit in Großbritannien, dafür aber in Deutschland besonders deshalb, weil NDR 2 das rennende (und zum Schluß bellende!) Synthischmankerl als Erkennungsmelodie seiner beliebten Radioshow Die NDR-Plattenkiste, täglich ausgestrahlt zwischen 13.00 Uhr und 14.00 Uhr, einsetzte so daß Rovers Return im Norden Deutschlands noch heute so etwas wie Kultstatus besitzt! Ende 1980 entschied sich Andy Davis, gemeinsam mit James Warren als The Korgis weiterzumachen. Zwar nicht mehr als festes Bandmitglied, zumindest jedoch als guter Geist im Hintergrund. Zu drei Songs des dritten und letzten regulären Korgis-Albums Sticky George trug David seine kompositorischen Künste bei obwohl einige Singles unter dem Label James Warren & The Korgis erschienen. Schon That was my big Mistake, die im April 1981 veröffentlichte erste Singleauskoppelung, ließ die ruhige, stille, zunehmend romantische Grundtendenz von Sticky George erahnen. Eine ruhige Ballade, die auch wie Single Nummer 2, All the Love in the World in Dramaturgie und Arrangement Ähnlichkeiten mit TOTO aufwies. Ebenso amerikanisch Cant we be Friends now oder Foolishness of Love, während Domestic Bliss, Nowhere to Run der Titelsong andeuteten, daß The Korgis von der Neuen Romantic-Welle erfaßt worden wären hätten Warren und Davis nicht Ende 1981 ihr Projekt sanft einschlafen lassen. Die oft gegenteiligen Vorstellungen betreffs musikalischer Umsetzung, die starken Charaktere beider hochtalentierter Musiker und sicher auch der Mißerfolg des dritten Albums führten zum Split. Im Sommer 1982, New Romantic und Synthipop waren längst etabliert, reanimierte Warren ein letztes Mal den Namen Korgis und veröffentlichte die von Trevor Horn produzierte Single Dont look back den Titelgeber der aktuellen Korgis-Kompilation. Natürlich konnten etablierte Popstars wie Cliff Richard, Elton John oder Mike Batt den synthilastigen Düsterpop der Jahre 79/80 gewinnträchtiger an den Markt bringen, auch boten die Buggles höhere Innovation und ausgeprägtere instrumentale Fähigkeiten trotzdem war es schön, daß es The Korgis gab. Oft nahe am Perfekten Popsong, mit Spielfreude, aber auch Exzentrik versehen, lieferten die beiden Pole Warren und Davis eine ganze Menge interessanter Popklänge zwischen traditionellem Pop und futuristischer New Wave ab, die viel zu schade wären, als daß man sie in irgendwelchen Archiven schlummern ließe. Daher ein deutlicher Dank an Sanctuary, daß sie den 80er-Fanatikern unter uns, den Freunden der abgedrehtesten Synthipopeskapaden jener (nicht nur musikalisch) hochspannenden Tage, den Historikern, Sammlern und Spezialisten, mit dieser gelungenen Veröffentlichung, die zudem sehr informative Liner Notes, geschrieben unter Beteiligung von James Warren persönlich, beinhaltet, eine Wahnsinnsfreude gemacht hat! |