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(...) Es war 1976/77, als Kinks-Chef Ray Davies schmerzlich erkennen mußte, daß die in den Jahren zuvor veröffentlichten Konzeptalben seiner Band mehr dem eigenen künstlerischen Ego genutzt hatten, denn seinen Fans. Hitsingles waren seit Anfang der 70er nicht mehr drin gewesen; schwermütige Lyrik im epischen Rockoper-Gewand sorgten dafür, daß die Kinks außerhalb von Zirkeln weltschmerzender Intellektueller nahezu in Vergessenheit geraten waren. Als jedoch die nachwachsenden Punkbands in Ray Davies und seinen Mannen letztendlich die Urväter der neuen, frechen Musikbewegung sahen, einige sogar betagten Kinks-Hits aktuelles Punk- und Wavegefühl verliehen (z.B. The Jam – „David Watts“ oder The Pretenders – „Stop your Sobbing“), erinnerten sich breitere Schichten der Legende aus den 60ern, und der Popmusikmogul Clive Davis verschaffte den Kinks einen neuen Plattenvertrag bei der amerikanischen Arista. (...)

Bild von Holger Stürenburg
Holger
Stürenburg

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The Kinks „Come Dancing with The Kinks – The Best of The Kinks 1977-1986“ (Wiederveröffentlichung)

von Holger Stürenburg

Wer in den letzten Jahren an die CD-Ausgabe der einstigen Vinyl-Doppel-LP „Come Dancing with The Kinks“ herankommen wollte, mußte entweder liebe Verwandte in den USA haben oder horrende Preise beim Import Service investieren. Die zum Weihnachtsgeschäft 1986 veröffentlichte Hitkollektion mit den besten Hymnen der Kinks aus ihrer Ära bei Arista Records war auf normalem Wege in Deutschland nicht erhältlich. Zur Adventszeit, 17 Jahre nach offiziellem Erscheinen, hat sich Koch Records/Universal der Sache angenommen und eine 20-Bit Remastered-Version der raren Silberscheibe endlich auch den deutschen Fans des Raymond Douglas Davies zugänglich gemacht. Die aktuelle Ausgabe von „Come Dancing with The Kinks“ beinhaltet 18 Songs – also zwei mehr als beim Original-Release – von denen jedoch einige, im Vergleich zur einst bei Arista erschienenen US-Erstpressung, nicht immer ganz glücklich ausgetauscht wurden. Doch, obwohl 2003 z.B. die romantisch-herbstlichen Gitarrenpop-Songs „Heart of Gold“ oder „Long Distance“ fehlen, bietet die Neuauflage von „Come Dancing with The Kinks“ einen klanglich perfekten Hörgenuß und beinhaltet tatsächlich einen Großteil der bedeutsamsten Lieder von Ray und Co. aus den frühen 80ern.

Es war 1976/77, als Kinks-Chef Ray Davies schmerzlich erkennen mußte, daß die in den Jahren zuvor veröffentlichten Konzeptalben seiner Band mehr dem eigenen künstlerischen Ego genutzt hatten, denn seinen Fans. Hitsingles waren seit Anfang der 70er nicht mehr drin gewesen; schwermütige Lyrik im epischen Rockoper-Gewand sorgten dafür, daß die Kinks außerhalb von Zirkeln weltschmerzender Intellektueller nahezu in Vergessenheit geraten waren. Als jedoch die nachwachsenden Punkbands in Ray Davies und seinen Mannen letztendlich die Urväter der neuen, frechen Musikbewegung sahen, einige sogar betagten Kinks-Hits aktuelles Punk- und Wavegefühl verliehen (z.B. The Jam – „David Watts“ oder The Pretenders – „Stop your Sobbing“), erinnerten sich breitere Schichten der Legende aus den 60ern, und der Popmusikmogul Clive Davis verschaffte den Kinks einen neuen Plattenvertrag bei der amerikanischen Arista. Davis – ohne „ie“ – kümmerte sich liebevoll um die Gebrüder Davies – mit „ie“ - und so gelang es schnell, die britische Beatband per Excellance auf dem amerikanischen Markt zu etablieren. Sieben Studio- und eine Live-LP erschienen zwischen 1977 und 1986 bei Arista. Mit den meisten dieser schaffte es der lakonische Working Class Hero Ray Davies, an seine besten Zeiten, Mitte, Ende der 60er Jahre, anzuschließen.

Höhepunkt jener Phase der Kinks war ohne Zweifel der Titelgeber der vorliegenden Best-of-Kollektion, „Come Dancing“. Kultregisseur Julian Temple drehte ein Video zu einem Song, der zwar zum Kommerziellsten gerechnet werden muß, was die Kinks jemals aufgenommen haben, aber trotzdem eine hohe lyrische wie musikalische Qualität an den Tag legt und deshalb bis heute zu den immerwährenden Favoriten der Fans zählt. Ray erzählt im CD-Beiheft, wie ihm sein größter USA-Erfolg seit 1964 in den Sinn gekommen war: Zunächst habe er Sorge gehabt, die Grenze zum radiokompatiblen Popsong zu überschreiten, und beschloß daher, allen Kommerzzwängen zum Trotz, sich das Rohe, die Ecken und Kanten nicht nehmen zu lassen. Ray erfand nach einem Besuch bei seiner älteren Schwester die Charaktere, aus deren Sicht er „Come Dancing“ vortragen wollte. Der einstige Freund der Schwester und der Busfahrer, der die beiden in den frühen 50er Jahren des Nachts oft in die Tanzsäle Londons fuhr, boten die Grundlage für jene imaginäre Person, die der Komponist und Lyriker „Come Dancing“ singen ließ – doch viele Fans erkannten in dieser Figur niemand geringeren als Davies selbst, der zu zickigen Rock’n’Roll-Rhythmen seine glühende Eifersucht in Anbetracht der mit ihrem Lover knutschenden Schwester kaum verbergen konnte. Er, der kleine, schwierige, verklemmte Ray saß Samstagnacht alleine zu Hause, während seine Schwester mit all den schnieken Kerlen rummachte: „After Midnight I could see them in the Moonlight / Two Silhouettes saying Good Night at the Golden Gate...“ Der konventionelle Plattenkäufer erkannte nicht den verbitterten Ray hinter der im Song agierenden Figur und kaufte „Come Dancing“ in den USA bis auf Platz 6, in Großbritannien immerhin auf Platz 11.

Aber die Arista-Jahre der Kinks beinhalteten noch viele weitere grandiose Rocksongs, die hier zu einem Großteil versammelt sind. Etwa „Low Budget“, eine aggressiv-zynische Trotzreaktion eines Modernisierungsverlierers aus dem Londoner East End, die trotz typisch britischer Formulierungen zu Zeiten der großen Rezession in den USA dort ein Riesen-Radiohit wurde, den plakativ bitteren Blues „A Gallon of Gas“, der sich – Ray war schon immer ein kleiner Prophet! – mit unbezahlbar hohen Steuern auf Kraftfahrzeugtreibstoff auseinander setzte, oder die surreale Ballade „A Rock’n’Roll Fantasy“, die Ray zu einem Zeitpunkt schrieb, als seine Differenzen mit Bruder Dave Davies derartige Ausmaße angenommen hatten, daß sie beinahe zum Ende der Kinks geführt hätten – in der Nacht als Elvis Presley starb, stellte Ray, zwischenzeitlich in New York lebend, das Lied fertig: Seine tiefe Trauer über den Tod des einzigartigen Rock’n'Roll-Stars ließ ihn dem zunächst wehmütig/enttäuschten Text doch noch einen positiven Schluß geben, der auch dazu führte, daß die Kinks noch einige Jahre zusammenblieben. Ebenso großartig: die 80er-Hymnen „Better Things“ (1981), „Do it again“, und Good Day“ (beide 1984): aufmunternde, lebensbejahende Songs auf romantischer Gitarrenbasis, wie geschaffen für die düster-hoffnungsvolle Stimmung jener Jahre. „(Wish I could fly like) Superman“ (1979) erwies sich für Arista-Mentor Davis als kommerzieller Glücksfall; für Davies und Co. war es eine bitterböse, an „I was made for loving you“ von Kiss angelehnte Parodie auf das oberflächliche Glitzergehabe der Discoszene. Von den eher psychologischen Selbstreflexionen „Sleepwalker“ (1977) und „Misfits“ (1978) fanden die jeweiligen Titelsongs sowie die etwas schwermütige und –fällige Rockballade „Full Moon“ den Weg auf die 2003-Ausgabe von „Come Dancing with...“.

Der Triumphzug der nach Jahren der Dürre wieder hochgeachteten Band durch die USA wurde 1980 auf dem Live-Doppelalbum „One for the Road“ festgehalten. Die daraus entnommenen knackigen Konzertfassungen der Uralthits „Lola“ und „You Really got me“ erstrahlen auf der Hitkollektion in neuem Glanz. Der von Ray stets in die zweite Reihe verfrachtete Bruder Dave Davies darf seine Ballade „Living on a Thin Line“ (1984) singen, einen der besten Songs, den Gitarrist Dave jemals schrieb; knalligen Hardrock vernimmt der Fan hingegen in „Destroyer“ (1981). Zum Schluß der fast 80minütigen geballten Kinks-Power hören wir die winterliche Ballade „Don’t forget to Dance“, die uns die Jahreswende 1983/84 versüßte und – wäre es nach Manager Clive Davis gegangen – eigentlich anstelle von „Come Dancing“ als Hitsingle hätte ausgekoppelt und beworben werden sollen, bevor der auf keiner regulären LP veröffentlichte Bonustrack „Father Christmas“ zu eingängigen Rockrhythmen zynische Gedanken von Kindern armer Eltern an Weihnachten sensibel und kraftvoll zugleich aufarbeitet.

Als sich die Kinks 1985 von Arista trennten, war ihre große Zeit vorüber. Zwei Alben bei London/MCA (1986/89) und eines bei SONY (1993) folgten, bevor sich die Wege der Gebrüder Davies bis auf weiteres trennten. Ray zieht seitdem als gedigener Geschichtenerzähler durchs Land und kündigt Jahr für Jahr ein dann doch nicht erscheinendes Soloalbum an, während Dave mit eigener Band tourt, kaum beachtete Solo-CDs veröffentlicht und ansonsten mit Hardrockversionen der Kompositionen seinen Bruders begeistert. Selbst wenn sich die beiden Streithähne doch noch mal am Riemen reißen und die Kinks wiedererstehen lassen, würden der schnellebige Zeitgeist und die billige, unkreative, nur auf Verkaufszahlen und Skandale ausgerichtete Popszene der heutigen Zeit garantiert verhindern, daß den Kinks nochmals solche Jahrhundertklassiker gelingen, wie die auf „Come Dancing with The Kinks“ versammelten. Und selbst, wenn Ray erneut derart gehaltvolle Texte, verbunden mit so wunderbar eingängigen Melodien einfielen – welcher Jungspund würde anno 2003 Gefallen daran finden? Also folgen wir lieber der Aufforderung des CD-Titels und tanzen uns zusammen mit den Kinks durch die hochspannenden 70er und 80er Jahre, als ihr zweiter Frühling den ersten um ein Haar in den Schatten zu stellen vermochte.

(Gesamtnote: 1 bis 2)


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