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(...) In den unromantischsten Zeiten hielten Erasure Ende der 80er Jahre treu das Fähnchen des dunklen, gefühlvollen Synthipop hoch. Jahr für Jahr erschien ein Album, aus dem mindestens vier Singles ausgekoppelt wurden, die zumindest in der Heimat der Beiden stets die Top 10 stürmten und, umzingelt von so grausigen Acts wie Snap, Jive Bunny & the Mastermixers oder den New Kids on the Block, den Beweis antraten, daß die 80er allen Unkenrufen zum Trotz noch lange nicht vorbei waren. (...) |
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Erasure HITS! The very Best of Erasure |
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von Holger Stürenburg 1986/87 verflüchtigten sich New Romantic und Synthipop aus den internationalen Hitlisten. Viele stilbildende Bands trennten sich (Ultravox, Frankie goes to Hollywood), verzettelten sich mit erwachsenen Klängen (Duran Duran, Spandau Ballet), retteten ihren Erfolg durch Verbreiterung des musikalischen Spektrums (Depeche Mode, A-Ha) oder verschwanden einfach von der Bildfläche (A Flock of Seagulls, Men without Hats). Orientierungslosigkeit lag in der Luft, ein konturloses One-Hit-Wonder folgte auf das nächste. Ausschließlich zwei Duos gelang es, die Fans weiterhin mit melancholischem und doch stets tanzbarem Maschinenpop zu begeistern. Dies waren die Pet Shop Boys und Erasure! Während Neil Tennant und Chris Lowe seit ihren Anfängen 1985 durchgehend erfolgreich sind und sich heutzutage längst als anspruchsvolles Discospektakel für gediegene Großbürger etabliert haben, betonten Vince Clarke und Andy Bell alias Erasure stets die poppige, hitparadenkompatible Attitüde der späten New Romantic-Szene. Das, was der verschlossen/verschrobene Tastenzauberer Clarke und der narzißtische Selbstdarsteller Bell in ihren besten Jahren 1986 bis 1994 zusammenbrauten, ist häufig als kompositorisch genial und ewigkeitstauglich zu bezeichnen, nicht selten aber auch als grenzenlos banal, nahe an der Grenze zum Wegwerf-Pop. Entsprechend polarisierte das bis heute bestehende Duo aufs Schärfste: Die einen hielten Erasure-Songs für Stoff, aus dem man Hits macht, andere verachteten das Schwul/Schwülstige an manchen Arrangements oder stellten böse Vergleiche mit Billiggedudel ala Modern Talking an. Das Wichtigste aus 17 Jahren Erasure erscheint nun als HITS! The very Best of Erasure bei Clarkes Hauslabel Mute, vertrieben über Virgin/EMI. HITS! ist die zweite Best-of-Kollektion in der Bandgeschichte und läßt selten musikalisch, dafür aber in Auswahl und Zusammenstellung deutlich zu wünschen übrig. Pop! The First 20 Hits galt im Weihnachtsgeschäft 1992 als beste Kompilation des Jahres und versammelte tatsächlich alle wichtigen Hits von Clarke und Bell in chronologischer Reihenfolge auf einer CD. Elf Jahre später ist die weitere Best-of-CD mit rund 79 Minuten Spielzeit zwar bis zum Bersten gefüllt vieles Bedeutsame fand aber nicht den Weg auf den aktuellen Rückblick. Zwar erscheint in limitierter Auflage zeitgleich eine Doppel-CD gleichen Titels. Doch diese erweitert nicht etwa das Songprogramm, sondern bietet auf der Bonus-CD ausschließlich einen schier grausamen Hitmix der erfolgreichsten Klassiker. Trotz dieser prekären Ausgestaltung, erhält man auf HITS! einen passablen Überblick über spannende und weniger aufregendere Arbeiten von Komponist Clarke und Sänger/Texter Bell. Nach seinen Erfolgen mit Depeche Mode (1981/82), Yazoo (1982/83) und dem auf Einmaligkeit ausgerichteten Projekt The Assembly (1983/84), suchte der heute 43jährige Keyboardspezialist Clarke über eine Anzeige im britischen Musikmagazin Melody Maker einen Sänger für ein neues musikalisches Spielfeld. Unter 42 Bewerbern wurde der blonde Bühnenartist Andy Bell ausgewählt, mit dem Clarke im Sommer 1985 unter dem Namen Erasure die ersten Singles einspielte. Das Dollar-Cover Oh lAmour richtete im Frühjahr 1986 erste Aufmerksamkeit auf das ungleiche schwule Pärchen; der Einstand in die Top 10-Listen dieser Welt gelang im darauffolgenden Herbst mit der härteren, rhythmusbetonten Synthinummer Sometimes: Rang Zwei in Großbritannien und Deutschland. Von nun an folgte ein Hit dem anderen. In den unromantischsten Zeiten hielten Erasure Ende der 80er Jahre treu das Fähnchen des dunklen, gefühlvollen Synthipop hoch. Jahr für Jahr erschien ein Album, aus dem mindestens vier Singles ausgekoppelt wurden, die zumindest in der Heimat der Beiden stets die Top 10 stürmten und, umzingelt von so grausigen Acts wie Snap, Jive Bunny & the Mastermixers oder den New Kids on the Block, den Beweis antraten, daß die 80er allen Unkenrufen zum Trotz noch lange nicht vorbei waren. Die Essenz dieser Hitserie findet auch auf HITS! The very Best of Erasure ihren Platz. Sei es der dramatische High-Energy-Titel Stop!, der aufgedrehte Tanzpop Victim of Love oder die verdammt nach Clarkes früherer Band Depeche Mode klingende Monumentalballade Ship of Fools viele kompositorische Highlights gelangen Clarke in jenen Tagen. Herausragend: die an die naive Romantik der 50er gemahnende Ode Blue Savannah oder das melodramatische Tanzepos Love to hate you. Doch immer wieder fanden sich zwischen derartigen, überaus stimmigen Songs allzu alltägliche Popnümmerchen, denen jegliche Eigenständigkeit abging. Beispiele: Chains of Love mit schwacher Melodie auf bumsender 70er-Disco-Basis, Chorus, ohne die sonst gewohnte Ohrwurmgarantie, oder Breath of Life, unnötig mit Tekkno-Elementen ausstaffiert. 1992 nahmen die bekennenden ABBA-Fans unter dem Titel ABBA`esque vier Songs ihrer schwedischen Idole auf. Die E.P. geriet kommerziell zum Größten, was Erasure in ihrer Karriere erreichten musikalisch verharrten die Umsetzungen von Lay all your Love on me, Voulez Vous oder Take a Chance on me allerdings im bloßen Nachspielen der bekannten Harmonien mit dem Synthesizer; dümmliche Rappassagen zerstörten das spezielle ABBA-Gefühl, hämmernde Rhythmen und unnötiges Computergewummer ließen mehr an eine Vergewaltigung denken als an eine Hommage. Drei der vier E.P.-Songs finden sich auf HITS! und rauben so Platz für wesentlich interessantere Erasure-Klassiker ala Who needs Love like that (1985), You surround me (1990) oder It doesn't have to be (1986), die auf der aktuellen Erasure-Kollektion umgangen wurden. Der Zenit von Erasure war 1992 erreicht. Je älter die musikalisch ansonsten belanglosen 90er wurden, desto weniger Interesse rief Erasures verspielter Synthipop hervor. 1994 erschien mit Always eine letzte göttliche Popperle von allem, was danach kam, nahm man kaum noch Notiz. Stay with me (1995), In my Arms (1997) oder Freedom (2000) erreichten längst nicht mehr den Charme früherer Hits, wirkten unausgegoren und gelangweilt. Eine durchwachsene Neueinspielung von Peter Gabriels Solsbury Hill sowie ein amüsanter, getragen/akustischer August Mix des 85er-Hits Oh lAmour beenden die Zeitreise, die viel Ansprechendes, aber auch nicht selten Ex-und-Hopp-Material präsentiert. Neueinsteiger sind mit HITS The very Best of Erasure gut bedient. Sie erfahren, daß die 80er Jahre nicht schon 1987 zu Ende waren, sondern ihre Ausläufer bis in die Dekade von Tekkno, Grunge und Billigpop hineinreichten. Chronisten und Alt-86er hingegen wäre eine größere Freude gemacht worden mit einer Doppel-CD, bestückt mit wirklich allen Singlehits des kreativen Duos, das hauptsächlich mit seinen 45ern glänzte, während die Alben oft belangloses Füllmaterial enthielten. Wertung Musik: 1 / 4 |