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Holger
Stürenburg

Holger Stürenburg (links) ist 29 Jahre alt und arbeitet seit 1996 als Freier Journalist und Publizist für Politik, Musik und Zeitgeist. Besonders, wenn es die 80er Jahre betrifft, ist Holger Stürenburg "live" mit dabei. Für verschiedene Blätter und Magazine greift er zur Feder bzw. zur Tastatur, wenn es darum geht, Bands und Künstler, Politiker und Zeitzeugen, Ereignisse und Gegebenheiten aus der "Kühlen Dekade" zu beschreiben, zu analysieren, zu hymnisieren. "Die 80er Jahre waren nicht nur die beste Zeit meines Lebens, sondern bedeuteten mir eine gewisse Kühle, Ruhe und Gediegenheit. Dies vermisse ich heutzutage sehr!", sagt Stürenburg, der mit der "heutigen Zeit" eigentlich nicht viel anfangen kann - außer, daß er ihr ziemlich kritisch gegenübersteht!

Schreib' mal wieder ...  :-)) HolgerStuerenburg@web.de Tel./Fax: 089-6908004

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Big Country „No Place like Home – Peace in our Time“ (Doppel-CD)

von Holger Stürenburg, 26./27. August 2003

Im Dezember vor zwei Jahren fand man Stuart Adamson tot in einem Hotelzimmer auf Hawaii. Es hieß, der 43jährige Sänger und Gitarrist der britischen Rockband Big Country habe sich durch Erhängen umgebracht. Freunde des Sängers gaben an, Adamson sei daran verzweifelt, mit handgemachter, kraftvoller Rockmusik ohne Sperenzchen und zwanghafte Modernität, keine Chance mehr im oberflächlichen und schnellebigen Musikbusiness der heutigen Zeit zu haben. Mit Adamsons Tod ging die abwechslungsreiche Karriere von Big Country zu Ende; einer Band, die zwar nie den Durchbruch in die erste Liga der Superstars geschafft hatte, sich aber trotzdem mit feiner, niveauvoller Rockmusik jenseits des Chartseinerleis, besonders in Großbritannien, den Niederlanden und der Bundesrepublik, eine feste Fangemeinde erspielte, die ihre musikalischen Lieblinge fast 20 Jahre lang treu begleitete.

Ihre große Zeit hatten Adamson, Bruce Watson (git), Tony Butler (b) und Mark Brzezicki (dr) zwischen 1983 und 1986. Hymnischer, leicht pathetischer, aber stets eindringlicher und eingängiger Gitarrenrock kam damals als erdverbundene Antwort auf Synthipop und Italo Disco gerade recht. U2, die Simple Minds oder The Alarm zählten zu den bekanntesten Namen dieser Stilrichtung. Bei Big Country spielte – anders bzw. eindeutiger als bei den später zu Stadionstars mutierten U2 oder den Jungs um Jim Kerr – traditionelle keltische Folklore eine große Rolle. Obwohl keiner der Vier in Schottland geboren wurde, prägte Adamson den Stil seiner Band besonders dadurch, daß er seiner E-Gitarre Klänge entlockte, die einem elektronisch verstärkten Dudelsack („Bagpipe“) nicht unähnlich waren. So verbanden Big Country klassischen Folkrock mit einer Prise New Wave, deutlichen Blicken auf Blues und Country, und immer wieder eingestreuten Hardrock-Elementen zu einer Mixtur, die bis dato in der Rockszene ihresgleichen sucht. „The Crossing“ (1983) und „Steel Town“ (1984) hießen die berühmtesten Alben der Band in ihrer britischen Heimat. Das Debüt erhielt Platin in GB, Gold in den USA und sogar Doppelplatin in Kanada, dem Geburtsland von Gitarrist Bruce Watson. „Steel Town“ überbot diesen Erfolg noch, belegte im Herbst 1984 wochenlang den ersten Rang und konnte sich in den britischen Hitlisten insgesamt 83 Wochen halten. Hierzulande besaßen Adamson und seine Mitstreiter zunächst eher den Status des ewigen Geheimtips: Von den Rockgourmets verehrt, von der Masse ignoriert. Dies änderte sich im Juni 1986 schlagartig, als „Look away“ in die Top 20 der deutschen Singlehitlisten einzog, woraufhin sich auch die LP „The Seer“ und die Folgeauskoppelung „One Great Thing“ als durchaus erfolgreich erwiesen, und Big Country als, wie es so schön heißt, „Next Big Thing“ gehandelt wurden.

Doch daraus wurde nichts. Als Teeniestars eigneten sich Big Country wirklich nicht; zu intelligent und verschroben waren ihre Texte, zu eigenwillig und widerspenstig ihre Kompositionen. Zu trocken, zu erdig der Klang, zu skandalfrei das Leben der vier Vollblutmusiker, die sämtlich neben ihrer Tätigkeit bei ihrer Stammband auch bei Studioaufnahmen und Liveauftritten von Weltstars wie The Pretenders, Phil Collins, Jerry Lee Lewis oder Ultravox ihren Beitrag leisteten. Die nach 1986 veröffentlichten Big Country-Alben waren lange nicht auf CD erhältlich. So freuen sich Fans wie Chronisten, daß Track Records/Bellaphon dieser Tage den 88er-Auswurf „Peace in our Time“ und das 91er-Werk „No Place like Home“, mit Bonusliedern und DVD-Sequenzen angereichert, auf einer Doppel-CD veröffentlicht. 1988 waren Adamson und Co. beinahe vergessen, als sie im August mit der völlig untypischen Single „King of Emotion“ an vergangene Erfolge anknüpfen wollten. Der Vorbote der im September ´88 veröffentlichten LP „Peace in our Time“ war alles andere als knochentrockener Folkrock mit den bislang gewöhnten „Bagpipe“-Gitarren, sondern krachender Rhythm’n’Blues mit angreifenden Riffs, im Stile der Rolling Stones – das Kuhglockenintro hatten die Jungs eins zu eins von „Honky Tonk Women“ übernommen. Die Fans reagierten verwundert; die von US-Rockproduzent Peter Wolfe arrangierte Single erreichte in Großbritannien nur den 16. Rang; in Deutschland wurde „King of Emotion“ gar nicht gelistet. Derweil war die dazugehörige LP alles andere als schlecht. Die Band hatte unter Wolfe’s Anleitung neue Wege beschritten, experimentierte mit Radioballaden („In this Place“), amerikanisch angehauchtem Pop/Rock („From Here to Eternity“), romantischen Akustikgitarren („Everything I need“), U2-Gitarrengewummer („I could be happy here“) oder an Fairport Convention angelehnte Landhausfreuden („The Travellers“) – fand aber stets den Weg zurück zu schottischer Folklore und krachendem Gitarrenrock. Mal melodiebetont („Broken Heart (Thirteen Valleys)“), mal aggressiv („River of Hope“), mal hymnisch (Titellied) oder straight („When the Drum beats“). Kurzum: “Peace in our Time” ist noch heute ein vielfältiges, knackiges, wenn auch eher poporientiertes Album, das vor 15 Jahren eigentlich vollkommen zu Unrecht kaum beachtet wurde. Es zeigt die Potentiale der Band, jenseits des zuvor meist frequentierten Pfades des Folkrock.

Doch übertriebene Stilvielfalt, zu viele Neuerungen, können auch leicht orientierungslos wirken. Dies zeigte „No Place like Home“, der zweite Silberling der aktuellen Doppel-CD; im September 1991 das letzte Big Country-Album bei einem Majorlabel. Man könnte vermuten, die Band selbst hatte bei den Aufnahmen kaum etwas zu bestimmen gehabt; Produzent Pat Moran habe alle Zügel krampfhaft in der Hand behalten. Gute Melodien („We’re not in Kansas“) wurden weichgespült; bei der ersten Singleauskoppelung „Republican Party Reptile“ die Band mit Slidegitarrengewittern in Richtung Aerosmiths gedrängt. Frauenchöre bei „Leap of Faith“, funkige Bässe bei „You and me and the Truth“, gepflegte Langeweile („The Hostage speaks“) und versuchte Anpassung an die Prae-Grunge-Phase bei vielen Nummern, ließen die Band zu einem 0815-Rockact verkommen, der seine einstige hochgelobte Eigenständigkeit zugunsten von Radiokompatibilität und Mainstreamanleihen abgelegt zu haben schien. Schlecht war dies alles mitnichten – aber „No Place like Home“ wirkte wie alles andere, nur halt nicht wie ein Big Country-Album. Sympathisch hingegen: der Geradeaus-Rock von „Keep on Dreaming“ „Kiss the Girl Goodbye“ oder „Comes a Time“ (Bon Jovi lassen grüßen!), der Countryblues „Beautiful People“ und die schlicht schöne Pianoballade „Ships“. Allerdings ließ der Stilmischmasch von „No Place like Home“ in seiner Gesamtheit frühzeitig erahnen, daß Big Country in den 90er Jahren jenseits der beinharten Fans und Neugierigen aus der Independentszene keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen würden – was schlußendlich ja auch eingetreten ist.

(Wertung: “Peace in our Time”: 2plus / “No Place like Home”: 3)


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