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(...) Was ich allgemein mitbekomme – in Deutschland wie in Österreich – ist, daß das soziologische Klima in der Gesellschaft mit allen nur erdenklichen Hilfsmitteln zu Boden gedrückt wird. In Anbetracht dessen schreibt man als Künstler natürlich das eine oder andere Lied zu dieser Thematik. Man kommt gar nicht daran vorbei, wenn man so veranlagt ist wie ich. Sie kennen noch die Sachen wie „Weihnacht 2001“ und ähnliches. Diese kritische, hinterfragende Haltung ist eine Eigenschaft bei mir. Ob diese natürlich über die Medien bis an das Publikum weitergegeben wird, wage ich zu bezweifeln. Denn in der Medienlandschaft lautet der Grundsatz: Bloß keine Unterstützung für jemanden, der die Menschen zum Nachdenken anregt, der sie womöglich dazu bringt, daß ihnen noch etwas nicht gefällt. (...)

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Holger
Stürenburg

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Interview – Peter Cornelius

von Holger Stürenburg

(Holger Stürenburg, am 23. September 2003 – per Telephon)

Stürenburg:

Ihr letztes Album „Lebenszeichen“ (2001) wirkte eher still und sanft, ganz im Gegensatz zu Ihrer aktuellen Produktion „Schatten und Licht“. Wieso folgt dem ruhigen „Lebenszeichen“ nun ein freches, kritisches, durchaus aggressives Album?

Cornelius:

Daß „Lebenszeichen“ eher still war, ist mir erst im nachhinein aufgefallen. Als die CD entstand, befand ich mich in einer entsprechenden Lebensphase. Diese ist nun beendet, daher klingt „Schatten und Licht“ anders. Ich bin an die Produktion der neuen CD so herangegangen, daß ich mir vorgenommen hatte, das beste Album aufzunehmen, das ich jemals veröffentlicht habe. So ist „Schatten und Licht“ auch in keiner Weise vergleichbar mit früheren Platten wie „Reif für die Insel“ oder „Süchtig“.

Ich fühlte mich seelisch wie körperlich stark und vital genug, mein Vorhaben in der geplanten Form umzusetzen. Die Inhalte der neuen Lieder stimmen detailliert überein mit meiner Lebenssituation, mit meinem derzeitigen Fühlen. So wie „Schatten und Licht“ jetzt klingt, ist es stimmig und beschreibt absolut, wie ich heute denke und fühle. Wäre dem nicht so, hätte ich mich auf die Produktion gar nicht erst eingelassen.

Stürenburg:

„Schatten und Licht“ ist vergleichbar mit „Fata Morgana“, Ihrem Klassiker aus dem Herbst 1983. Es ist ähnlich düster und zeitkritisch. „Fata Morgana“ klang oft sehr sorgenvoll. „Schatten und Licht“ zeigt: die Inhalte und Ausprägungen der Sorgen haben sich geändert, die Sorgen selbst aber nicht.

Cornelius:

Düster? - Das ist mir gar nicht aufgefallen. Woran machen Sie das fest?

Stürenburg:

Ich denke z.B. an das Lied „E.T.“, thematisch ein Rückgriff auf den Erfolgsfilm der 80er Jahre. Doch diesmal raten Sie dem kleinen Außerirdischen, er möge unsere Erde schleunigst wieder verlassen, da er ansonsten schlecht beeinflußt würde.

Cornelius:

Stimmt. Dies wirkt auf den ersten Blick düster und bedrückend, ist aber mit einer gewissen Sarkastik versehen und soll durchaus eine unfreiwillige Komik darüber enthalten, wie sich unsere Spezies auf der Erde so verhält. Manche lyrische Formulierungen sind als ironisch aufzufassen. Nur ist das Lied in einer Form gehalten, daß man die Komik, die Ironie, nicht auf den ersten Blick erkennt. Die Ironie von „E.T.“ wird nicht in einer Form nach außen getragen, die sofort zu erkennen ist.

Dies ist aber ein Zeichen der Zeit. Heutzutage muß alles sofort als „lustig“ erkennbar sein – die Aussage muß in eine Schublade der Uniformität passen. Motto: Ein Polizist trägt einen grünen Anzug, nur dann ist er ein Polizist, ein Arzt trägt einen weißen Kittel, nur dann ist er ein Arzt.

Stürenburg:

Sie sprechen auf das Schubladendenken als Krankheit der Jetztzeit an?

Cornelius:

Piktogramme – die Menschen werden reduziert auf Piktogramme und Samples in ihrem Umgang miteinander. Dieser etwas obskure, aber sympathische Wiener Cafehausliteratenhumor wird dann nicht so leicht nachvollzogen. In einer Textzeile wie „Viele bei uns hier sind so neidisch / sie neiden sich mittlerweile die Sorgen“ steckt schon bitterer Humor drin. Es mag zwar vieles bitter klingen, aber es ist oft auch unfreiwillig komisch, was auf der Welt so veranstaltet wird. Ich denke etwa an die jüngste Geschichte um den Kirschkuchen von Angela Merkel. Ich bin erschrocken über so viel bornierten Blödsinn, der da verzapft wurde. Dies ist nicht nur bei Frau Merkel so, sondern leider allgemein bei einem Großteil unserer Politiker. Wenn ich etwa dieses feiste, breite Cleverle-Lächeln eines Rezzo Schlauch sehe... Oder vor einem Jahr, als Franz Müntefering mit der Claudia Roth zusammen sang „Lustig, lustig tralalalala, bald ist Nikolausabend da!“. Dieses niedere Niveau, mit dem diese Herrschaften Volksnähe beweisen wollen! Es ist zum Aus-dem-Fenster-Springen. Nur nicht WIR sollten auf die Idee kommen, aus dem Fenster zu springen, sondern die! Die müßten sich einmal sehen, mit welch irrsinniger, bornierter Blödheit sie sich in der Öffentlichkeit präsentieren.

Oft erschrecke ich, von welchen Personen Sie in Deutschland regiert werden. Ich stamme zwar aus Österreich, aber interessiere mich sehr für die Vorgänge in Deutschland, da ich eine sehr enge Verbindung zur Bundesrepublik habe und ihr sehr viel verdanke. Ich habe hier sehr viele liebe Freunde kennengelernt und fühle mich diesem Land deshalb eng verbunden. So leide auch ich sehr stark darunter, in welchem Zustand sich Deutschland momentan befindet. Also bin ich stets gut informiert, wie die Herrschaften dieses Land regieren, und ich muß sagen: Es ist zu einem großen Teil der helle Wahnsinn!

Stürenburg:

In Österreich bietet die Bundesregierung derzeit ja auch kein viel besseres Bild...

Cornelius:

Dies ist richtig. Auch unsere Regierung handelt oft so, daß man eigentlich lachen müßte, wenn es nicht so traurig wäre. Ein Beispiel: Die Koalition beschließt gegen den überzeugten Willen, gegen die Stimmung in der Bevölkerung den Kauf von Abfangjägern. Da könnte man glauben, man sei inzwischen längst in einer Demokratur gelandet. Die Österreicher lehnen den Kauf von Abfangjägern mehrheitlich ab – die Regierung akzeptiert dies nicht und beschließt trotzdem die Anschaffung. Oft bekommt man den Eindruck, die Nationalratssitzungen seien Liveübertragungen aus dem Irrenhaus. Mit ihrer Entscheidung, die Abfangjäger trotz allen Mißmuts in der Bevölkerung zu erwerben, plakatieren die Regierungsparteien letztendlich im übertragenen Sinne den Slogan „Wählt uns nie wider!“

Was ich allgemein mitbekomme – in Deutschland wie in Österreich – ist, daß das soziologische Klima in der Gesellschaft mit allen nur erdenklichen Hilfsmitteln zu Boden gedrückt wird. In Anbetracht dessen schreibt man als Künstler natürlich das eine oder andere Lied zu dieser Thematik. Man kommt gar nicht daran vorbei, wenn man so veranlagt ist wie ich. Sie kennen noch die Sachen wie „Weihnacht 2001“ und ähnliches. Diese kritische, hinterfragende Haltung ist eine Eigenschaft bei mir. Ob diese natürlich über die Medien bis an das Publikum weitergegeben wird, wage ich zu bezweifeln. Denn in der Medienlandschaft lautet der Grundsatz: Bloß keine Unterstützung für jemanden, der die Menschen zum Nachdenken anregt, der sie womöglich dazu bringt, daß ihnen noch etwas nicht gefällt.

Stürenburg:

Bleiben wir bei Ihrer österreichischen Heimat. Sie haben sich zum zweiten Male nach 1981 in einem Lied des Themas "Kindheit" angenommen, und blicken ein bißchen romantisch, verklärt darauf zurück. Im Schlußlied ihrer neuen CD singen Sie über Ihre „Wunderbare Kindheit in dem Land“. Aus dieser Formulierung erkenne ich eine gewisse distanzierte Haltung zu Österreich...

Cornelius:

Nein, das hat mit Abstand oder Distanz nichts zu tun. Ich bin mit Österreich, mit meiner Heimat sehr stark verwurzelt, hänge sehr an dem Boden, und es wird niemandem gelingen, mich einfach so zu verpflanzen. Mir erschien die Formulierung „in meinem Land“ nur recht unmusikalisch. Darüber hinaus bin ich zwar „in dem Land“ Österreich geboren und verwurzelt, lebe aber in erster Linie auf der Welt. Womöglich ist dies typisch wassermännisch, aber ich fühle mich nicht an eine einzige Betrachtungsweise gebunden, sondern treibe mich eher so ein bißchen außerhalb der Dinge herum. Ich schildere in „Wunderbare Kindheit“ mein Aufwachsen in dem Land, das per Zufall Österreich war. Zudem war es ja gar nicht das große Österreich, sondern nur meine kleine Umgebung: meine Bank, meine Wiese, mein Wald. Dies war meine absolute Lebensvollkommenheit. Und wichtig ist natürlich auch, wenn ich jetzt sehe, was aus „dem Land“ geworden ist, wenn ich singe, es käme mir so vor, als würde inzwischen auch das Lachen besteuert.

Wissen Sie, es kommt mir oft so vor, als habe man gerade den Menschen in Deutschland in gewisser Hinsicht „das Lachen besteuert“. Man hat der Bevölkerung in der Bundesrepublik den befreiten, aufrechten Gang abgewöhnt, seit vielen Jahren schon. Viele Deutsche erscheinen einem sehr gebückt und demütig. Dazu kommen natürlich auch die immensen, drückenden Kosten der Wiedervereinigung, was ja niemals offen ausgesprochen wird. Die Politiker praktizieren ein klammheimliches Lügen durch das „Nicht-Aussprechen“ von Wahrheiten. Man hat sich in Deutschland abgewöhnt, sich gegenseitig offen zu sagen, was Sache ist. Ich erlebe es oft, wenn ich in Deutschland Menschen, auch im privaten Umfeld, konkret mit der Wahrheit konfrontiere. Wenn ich über irgendjemanden sage „Dies san Trotteln!", dann schauen die ganz pikiert und erschrecken zutiefst. Die Feststellung entspricht zwar der Wahrheit, aber so etwas sagt man ja nicht. Man ist es ja nicht gewöhnt, die Wahrheit auszusprechen, sondern redet gerne stundenlang darum herum. Durch dieses ständige Drumherumreden fällt das ganze Land ins Koma. Es ist mir ein Rätsel.

Es hat sich in der deutschen Politik der Grundsatz durchgesetzt: Es will niemand mehr gewinnen, es will nur keiner mehr verlieren. Daher wird oft auf konkrete Aussagen, auf Hinweise auf die wahren Zustände verzichtet. Dies ist allerdings nicht die Natur dieser Nation, des Menschenschlages hier, so daß dieses Drückende auf diesem Land liegt. Man kann nun nur noch hoffen, daß gewisse Selbstheilungskräfte in der Bevölkerung einsetzen, so daß man sich wieder auf das Wahre besinnt. Leider jedoch werden viele junge Leute, gerade von den Medien, zu Zombies erzogen. Es wird ein immenser Schaden für die Zukunft angerichtet. Es ist unverantwortlich, wie mit den jungen Leuten umgegangen wird, z.B. in diesen Castings. Horden junger Menschen taumeln da hinein, die jungen Seelen gehen dadurch kaputt.

Stürenburg:

Darüber singen Sie ja in Ihrem Lied „Wo der Fluß entspringt, ist er rein“. Sie beziehen sich darin auf die Reinheit und Unbedarftheit der Kinderseele und scheinen sich danach zurücksehnen. Eine Textzeile lautet: Sie schütten jede Menge Mist in uns hinein“. Welchen "Mist" meinen Sie?

Cornelius:

Damit meine ich die Summe dessen, was uns in der Form einer „Psycho-Stalinorgel“ eingeprägt und eingeschossen wird. Dies geschieht zumeist durch die Medien. Da wir die Dinge in erster Linie visuell wahrnehmen, sehe ich hier das Fernsehen als Hauptkritikpunkt. Es hat eine Entwicklung stattgefunden, als deren Ergebnis wir in einer Diktatur des untersten Mittelmaßes leben: Leider friert dies fest, da man versucht, diesen Zustand mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten. Jeder zwingt Jeden, Jedes zwingt Jedes dorthin, auch gerade aus wirtschaftlichen Gründen – es ist ein Dilemma.

Die Verflachung des Kulturellen, denke ich, ist ein willkommenes Anliegen jeglicher politisch Herrschender, ob konservativ, ob sozialdemokratisch. Denn mit dummen Leuten haben es alle Politiker leichter. Nur entsteht hier ein Problem. Wir sind langsam an einer Sollbruchstelle angekommen. Jetzt haben sie so viele hilflose, entselbstständigte Leute erzeugt. Einerseits sagen sie „wir fangen Euch auf, wenn Ihr Probleme habt“, andererseits sagen sie „wir verdummen Euch, damit wir keinen Widerstand zu erwarten haben“ – Diese Denkweise schafft enorme Probleme: Wenn diese vielen hilflosen Leute mal zur kritischen Masse werden, kommt es zu einem Kippen. Es ist dann für den Staat nicht mehr zu finanzieren, diesen Menschen zu helfen. Wenn derartige Tabus nicht aufgebrochen werden, auch in der Öffentlichkeit, dann ist ein Genesungsprozeß unmöglich.

Vielleicht wird es ungern gesehen, wenn ich als Wiener daherkomme und mich in dieser Form in die deutsche Befindlichkeit einmische. Aber ich bin so frei und einen gewissen moralischen Freiraum muß ich auch haben. Man darf ja nicht vergessen: Die deutsche Regierung hat vor drei Jahren alles dafür getan, daß man uns die „Drei Weisen“ geschickt hat, um zu überprüfen, ob bei uns alles noch seinen richtigen demokratischen Weg läuft. Diese Aktion war auch bei uns kein Ankommer – und bei Herrn Berlusconi habe ich niemals „drei Weise“ gesehen. Die haben in unserer Zwergerlrepublik Österreich ihre Einmischungspolitik ausprobiert, wie die Nummer ankommt, und sich dies bei einem großen Land wie Italien nicht mehr getraut. Die haben sich uns gegenüber benommen wie böse, charakterlich nicht gerade erhebend gestimmte kleine Kinder – wenn dies die Hohe Politik sein soll - es ist zum Schreien, dieses Verhalten.

Irgendwann haben die sich überlegt, Kontrolleure zu schicken, ob bei uns alles richtig läuft, ob hier jetzt der Rechtspopulismus ausgebrochen sei oder so. Dies war lächerlich, ging aber zu einem großen Teil von Deutschland aus. Joschka Fischer, der ja in den Jahren angeblich geläutert wurde, war gut mitbeteiligt daran.

Durch all diese Beobachtungen bin ich auf „Wo der Fluß entspringt, ist er rein“ gekommen. Den Text hatte ich schon länger im Kopf, nur fehlte mir die Musik. Ich konnte zunächst diese Schwere nicht so ausdrücken. Nun ist dieses Stück fertig geworden und ich bin sehr zufrieden mit Musik, Text und Arrangement, auch wenn die Medien gerade dieses Lied natürlich nicht unbedingt wohlwollend aufnehmen werden.

Stürenburg:

Ich sehe eigentlich in fast allen Texten von „Schatten und Licht“ einerseits eine sehr wertkonservative Haltung, andererseits eine deutliche Sehnsucht nach Vergangenem, nach früheren Zeiten, besseren Tagen...

Cornelius:

Dies ist durchaus möglich. Vielleicht erkennt man es nicht an allen Farben der Lieder. Aber im Grunde genommen trifft Ihre Interpretation schon den Kern. Ich kann den Zuständen, in denen wir uns derzeit befinden, überhaupt nicht lobhudelnd gegenübertreten. Ich wüßte nicht, wie. Wenn ich sehe, was die Medien an seelischen Krüppeln fabrizieren mit diesen Casting-Shows. Momentan gibt es fünf solcher Sendungen, wie viele gibt es im nächsten Jahr?

Stürenburg:

Ihr neuer Song „Sie steht auf“ ist eine Art musikalische Novelle: Sie springen in eine Situation hinein, beschreiben diese kurz und eindringlich; schon folgt ein schnelles Fade Out. Dramaturgisch, wie ich finde, hervorragend inszeniert...

Cornelius:

„Sie steht auf“ ist ein Lied, das ich schon immer schreiben wollte, aber erst jetzt schreiben konnte. Es ist all den Frauen gewidmet, die ausbrechen, aus diesem patriarchalischen, machohaften Milieu, aus dem kriminellen Bereich des Menschenhandels etc. Wenn ich Berichte über Menschenhandel und Zwangsprostitution sehe, packt mich die Wut. Ich habe nichts übrig für diese Verbrecher. Im familiären Umfeld habe ich selbst erlebt, wie Frauen in einer solchen Situation leben mußten, und ich bin wütend, wenn ich heutzutage sehe, wie Kriminelle aus den östlichen Ländern junge Mädchen in den Westen bringen und hier zur Prostitution zwingen. Ich würde das denen in einer Form abgewöhnen, daß die nie wieder wagen würden, dieses Land zu betreten. Die würde ich in einer so heftigen Form zurechtweisen, daß sie ihren Landsleuten zu Hause erzählen können: Probiert das gar nicht erst aus, fahrt niemals nach Österreich oder nach Deutschland! Es bekommt Euch nicht gut! Leider tut die Justiz, die Gesetzgebung nur sehr wenig dagegen, daß Frauen, womöglich ihr Leben lang, in so einer Art Leibeigenschaft unterdrückt leben müssen. Es gilt beinahe schon als Kavaliersdelikt.

Stürenburg:

Ich denke, wie wir am Fall Friedman gesehen haben, derzeit am Fall Schill sehen, aber auch vor einigen Jahren in bezug auf den berüchtigten „Lokalaugenschein“ des Wiener FPÖ-Obmannes Hilmar Kabas erkennen konnten, hat vielleicht der eine oder andere Politiker und Gesetzgeber aus nur allzu nachvollziehbaren Gründen gar kein Interesse daran, daß solche Straftäter dingfest gemacht werden...

Cornelius:

Es geht mir in diesem Lied ja nicht nur um das Unterweltklima, sondern allgemein auch um Beziehungskatastrophen. Ich würde mir wünschen, daß alle unterdrückten Frauen den Entschluß fassen, aufzustehen und einfach zu gehen. Es wird sich nichts ändern: Denn, wenn ein Mann so denkt und handelt, bleibt er auch so, egal wie oft er Reue bekennen mag und Besserung gelobt. „Sie steht auf“ beschreibt zwei Ebenen: Die Kriminelle, betreffs Menschenhandel und Prostitution, und die Persönliche, in bezug auf sexuelle oder wie auch immer geartete Ausbeutung durch den Lebenspartner.

Stürenburg:

Man kann dies auch als Erziehungsproblem sehen. Wenn man den jungen Leuten von klein auf beibringen würde, in Elternhaus, Kindergarten und Schule: Halt, hier sind Deine Grenzen, auch und gerade gegenüber Mädchen, gegenüber Frauen, dann lernen sie, daß man seine Mitmenschen mit Respekt zu behandeln hat. Auch, was im späteren Verlauf der Jugend Beziehungen und Liebschaften betrifft. Nur stellt sich 30 Jahre nach 1968 die Frage, wer erzieht heute eigentlich noch??

Cornelius:

Inzwischen hat man ja das Problem erkannt, bzw. wurde geradezu dazu gezwungen, es zu erkennen, daß Erziehung wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt werden muß. Derzeit wird geplant, Benimmunterricht einzuführen. Dies ist auch nötig, weil sonst die Lehrkräfte gar nicht mehr imstande sind, Unterricht zu vermitteln. Ich hätte es schön gefunden, wenn wir Österreicher als kleines Land beschlossen hätten, zumal wir ja gewisse kulturelle Grundlagen besitzen, den Jugendlichen in Form von „In- und Out-Listen“ – so etwas mögen junge Leute ja ganz gerne – klarzumachen: Wir sind dafür, daß:

In ist, sich für etwas zu interessieren,
In ist, sich eine gewisse Allgemeinbildung anzueignen,
In ist, wenn man einen guten Umgang mit dem Nächsten pflegt.
Out sollte sein: Abstumpfung, Herumgegröle und dieses „Jeder gegen jeden“-Verhalten.
Vielleicht hätte dies sogar einigermaßen funktioniert. Doch was haben sie getan? Das ganze Gegenteil!

Stürenburg:

Musikalisch berufen Sie sich oft auf die Kinks. Sind es spezielle Menschentypen, die Ray Davies und seinen kruden Humor lieben?

Cornelius:

Ich habe nie viel anfangen können, mit solchen Sachen wie Lola“. Aber zum Beispiel mit „Dead End Street“. Besonders schätze ich an Ray Davies seine Gabe, daß er eigentlich zu einem großen Teil Jazz komponiert. „Sunny Afternoon“ besitzt vielfältige Jazzelemente. Irgendetwas ist dran an Rays Songs, das mich in meiner Kindheit sehr geprägt hat. Da waren die Beatles, die Stones – und eben die Kinks. Ray Davies schrieb auch hervorragende Texte wie „A well respected Man“ oder „Dedicated Follower of Fashion“. Da hat er viele Dinge schon in den 60ern vorausgesagt, die heutzutage Gang und Gäbe sind. Bei „Weihnacht 2001“ hatte ich auch in die Zukunft geblickt. Etwa mit der Zeile „Vater kriegt ein Schreiben vom Konsum-Pflichtkomitee / Er hat zu wenig eingekauft, oh je“. Viel fehlt nicht mehr, und wir bekommen auch ein „Konsumpflicht-Komitee“ vorgesetzt!

Stürenburg:

Sie haben auf „Schatten und Licht“, mit Ausnahme des Schlagzeugs, alle Instrumente selbst eingespielt. Wie kam es dazu?

Cornelius:

Ich freute mich, endlich einmal wieder in der Lage zu sein, dies alles selbst umzusetzen. Ich habe somit erstmals seit Jahren auch die Bässe im Alleingang eingespielt und aufgenommen. Was die Gitarren betrifft, so haben diese für mich ohnehin fast eine religiöse Bedeutung. Ich habe 50 Gitarren zu Hause, eine Vielzahl von Gitarrenverstärkern, und wollte all dies einmal wieder selbst einsetzen und ausprobieren. Ich mußte all diese Kindheitsträume nachholen, die ich hatte, als ich in den BRAVO-Heften die Instrumente der Bands aus England sah. Gitarren waren die angebetetsten Gegenstände auf der Welt. Wenn ich Photos dieser Gitarren gesehen habe, stellte ich mir vor, wie sie klingen. So etwas hatten wir ja nicht Der Ehrgeiz, die Bässe diesmal selbst einzuspielen, kam mir beim Durchhören alter Beatles-Platten, als ich feststellte, wie phantastisch McCartney bei „Penny Lane“ den Baß zupft. Ich habe mit dieser Liedermacherwelt nie etwas zu tun gehabt, kenne mich damit gar nicht aus und fühle mich fremd in ihr. Ich war in erster Linie Musiker, Instrumentalist und Komponist

Stürenburg.

Aber Ihre ersten Erfolge feierten Sie vor 22/23 Jahren durchaus im Liedermacherbereich. „Du entschuldige I kenn Di“ erschien in einer Zeit, als die Neue Deutsche Welle dafür gesorgt hatte, daß sich junge Künstler mit anspruchsvollem Pop in deutscher Sprache überhaupt an die Öffentlichkeit trauten. So hieß es damals: Cornelius, der neue Liedermacher aus Wien!

Cornelius:

Ich möchte unter keinen Umständen falsch verstanden werden, wenn ich folgenden Vergleich ziehe: In gewisser Hinsicht ist „Du entschuldige – I kenn Di“ mein persönliches „Yesterday“. Paule wußte nicht, was „Yesterday“ für ihn bedeuten würde, als er es schrieb. So war es auch bei mir, als mir „Du entschuldige - I kenn Di" einfiel. Ein großer Vergleich, der bitte nicht wörtlich genommen werden möge – aber so empfinde ich es schon. Ich konnte, als ich „Du entschuldige...“ schrieb, nicht erahnen, was dies einmal für mich werden sollte, daß es als unverwüstlich gelten würde. Derartige Gedanken hatte ich mir damals gar nicht gemacht.

Stürenburg

„Schatten und Licht“ ist sehr modern arrangiert, aber niemals nervtötend. Ich nenne es „unaufdringlich modern“...

Cornelius:

Das Album sollte durchaus auch eine gewisse Modernität ausstrahlen. Aber die neuen Instrumente und technischen Möglichkeiten wollte ich nicht mit der Brechstange einsetzen. Ich nehme mir Elemente aus der modernen Musik heraus, die mir gefallen, und die ich verantworten kann. So etwa bei „Spiele spielen“. Auf dessen Arrangement bin ich auch sehr stolz, auch wenn es natürlich dafür sorgen wird, daß es im Einheitsradiprogramm keine Chance hat. Wenn ich eine Platte produziert habe, auf der auch konsequent unkommerzielle Nummern wie „Spiele spielen“ zu finden sind, wird mir klar, daß nur die Leute, die das Album auch kaufen, jemals solche Songs hören werden, da sie ja im Radio nicht vorkommen. Dies muß ich während einer Produktion stets wegdrücken, sonst könnte ich gar nicht so kreativ daran arbeiten. „Spiele spielen“ strahlt eine gewisse unwirkliche Atmosphäre aus. Ich finde, die ist genau richtig! Genau dies wollte ich damit ausdrücken: Dieses Spielen in einer unwirklichen, sehr persönlichen, surrealen, etwas aggressiven Atmosphäre, wenn es so weit ist und der Mensch total aus sich herausgeht. – ein Ausleben ohne, daß es laut und brutal wird.

Stürenburg:

Manche Songs, wie z.B. „Wunderbare Kindheit“, erinnern an Tom Petty....

Cornelius:

Viele Lieder von Tom Petty bedeuten mir viell. So z.B. „I won't back down“ oder „Into the Great White Open“. All diese Songs sind von Jeff Lynne produziert und teilweise auch co-komponiert worden. Lynne verehre ich sehr. Zudem ist eine Verwandtschaft zwischen Petty und mir vorhanden, was die zwölfsaitige Rickebacker betrifft. Dieses Instrument kennt man von den Byrds, von George Harrison – und eben von Tom Petty. So zählt auch er zu meinen musikalischen Verwandten, bei denen ich mich zu Hause fühle.

Stürenburg:

Wer wäre Ihr Wunschproduzent für ein nächstes Album?

Cornelius:

Ich würde, wenn dies möglich wäre, bei Jeff Lynne anfragen. Eine solche Zusammenarbeit würde zwar nicht ganz so modern klingen, wäre aber musikalisch sehr interessant. Im eher modernen Bereich müßte ich wohl auf Trevor Horn zurückgreifen. Ich wüßte nicht, was dabei herauskommt. Vielleicht würde Jeff Lynne möglicherweise Jim Keltner ans Schlagzeug holen. In dieser Ecke würde ich mich wohlfühlen. Denn, wo es zu kalt, zu modern, zu konzipiert wirkt, habe ich wiederum nichts verloren.

Stürenburg:

„Schatten und Licht“ ist vor rund vier Wochen erschienen. Wie sieht es aus betreffs Verkäufen und Radioeinsätzen?

Cornelius:

In Österreich wird "Schatten und Licht" bereits häufig im Radio gespielt, in Deutschland läuft dies alles erst an. Es geht sehr langsam vor sich. Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ich zu einem deutschen Radiosender gehe, sagen die „Der kommt jetzt zu Besuch, gibt uns ein Interview – von jetzt an spielen wir auch seine Platte!“. Dies sind Entwicklungen, die man gar nicht kennen kann, wenn man sie nicht gesagt bekommt. In Österreich hingegen läuft es sehr gut! Ö3 spielt die Platte natürlich nicht. Die sagen schlicht, „Schatten und Licht“ passe nicht in deren Format; Begründungen dafür liefern sie aber nicht. Es kommen einfach keine! Was die Verkäufe betrifft, so muß man abwarten. Es war bei meinen Platten noch nie so, daß ich gleich nach Erscheinen große Mengen davon abgesetzt habe.

Stürenburg:

Welche Sender in Deutschland interessieren sich für „Schatten und Licht“?

Cornelius:

Wir bereisen vor allem Öffentlich-Rechtliche Sender, aber auch einige private. Natürlich nicht solche, die entweder nur Rock oder nur Charts, Hip Hop und ähnliches spielen. Bedauerlich ist, daß die deutsche Radiolandschaft in zwei unversöhnliche Teile gespalten ist: Auf der einen Seite bestehen viele Sender für Schlager und Oldies, und auf der anderen viele für Charts und Hip Hop. Radiostationen, in die meine Musik hineinpassen würde, gibt es eigentlich gar nicht mehr. Alles ist in diese zwei Lager aufgeteilt. Zwei Lager für zwei Zielgruppen. Ich möchte nun nicht weiter ausführen, wie ich diese beiden Lager bezeichnen würde, aber man kann es sich vorstellen...

Stürenburg:

Wird es in Deutschland bald auch Cornelius „live“ geben?

Cornelius:

Das werden wir im nächsten Jahr entscheiden. Für 2003 kann ich nichts mehr planen. Ich bin froh, daß ich dieses Album abschließen konnte und muß nun erst mal zur Ruhe finden. Was nun als „Schatten und Licht“ auf CD erschienen ist, war sozusagen die dritte endgültige Version. Es gab schon zuvor zwei endgültige. Ich mußte lange und intensiv arbeiten, bis ich mit dem jetzt vorliegenden Resultat eindeutig zufrieden war. Als ich die Produktion abgeschlossen hatte – Datum 21. Juli 2003, für eine Herbstveröffentlichung ohnehin der letzte Drücker – herrschte für mich erst mal wieder Stunde Null! Da begann das Leben von vorne!


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