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(...) Nicht so verklärt wie Niedecken, nicht so verbissen wie Kunze und nicht so ironisch verbrämt wie Lindenberg, stellt Cornelius am plakativsten im Schlußlied, aber letztendlich auf dem gesamten Album das Vergangene dem Gegenwärtigen gegenüber und entscheidet, daß das „Gestern“ womöglich viel mehr Charme, Romantik Gemütlichkeit, schlicht Ruhe und Geborgenheit ausstrahlte, als das sich immer schneller drehende „Heute“. 20 Jahre nach der Hochphase des oft brillanten, engagierten Politrock liefert Cornelius mit „Schatten und Licht“ ein hervorragendes Stück Musik ab, das 1983 genauso seine geschichtliche Bedeutung gehabt hätte, wie es sie 2003 besitzt. Die Vergangenheit ist aktueller denn je!

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Holger
Stürenburg

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Peter Cornelius „Schatten und Licht“

von Holger Stürenburg

Vor zehn Jahren, 1993, hatte Peter Cornelius die Nase voll. Es war die Geburtsstunde von Kommerzialismus und totaler Verflachung des Musikgeschäfts. Der 1951 geborene Österreicher wollte sich diesem Rhythmus der Banalitäten nicht unterordnen und zog sich von heute auf morgen aus der Popszene zurück. Nein, er setzte sich nicht zur Ruhe, sondern versuchte, zu sich selbst zu finden, Abstand zu gewinnen und seiner Kreativität jenseits von Plattenstudios und Tourneestreß freien Lauf zu lassen.

Zur Jahrtausendwende wurde der eingefleischte Kinks-Fan von der Lust gepackt, nach fast neun Jahren mal wieder eine CD einzuspielen. Das „Lebenszeichen“ (so der Titel) erwies sich als sehr stille, in sich gekehrte, leicht esoterische, ab und zu die Grenze zum Langweiligen streifende Angelegenheit: Balladen über Balladen, mit Texten, die zwar einen erleichterten und zeitgeistfernen Poeten zeigten; von Cornelius’ einstiger Gabe aber, Geschichten zwischen beißender Ironie und beobachtender Zuspitzung zu erzählen, war auf dem Comebackalbum kaum etwas übriggeblieben – der Markt wie auch geneigte Freunde deutschsprachiger Popmusik und Radioredakteure nahmen davon kaum Notiz.

Einem Paukenschlag gleich kommt Peter Cornelius nun, zeitgleich mit seinem 30jährigen Bühnenjubiläum, mit „Schatten und Licht“ (Koch/Universal) daher, schlicht einem Klassealbum. Traditioneller Deutschrock im Stile der 80er und doch zeitgemäß, modern und alles andere als angestaubt wirkend arrangiert. „Schatten und Licht“ kann in einem Atemzug genannt werden mit den Cornelius-Klassikern „Bevor I geh“ (1982), „Gegen den Strom“ (1986) und besonders „Fata Morgana“, seinem Meisterstück aus dem Herbst 1983.

Das neue Album des „Wiener Liedermachers ohne morbiden Touch“ („Oxmox“) transferiert die etwas naive Zukunftsangst, die 1982/83 in Anbetracht von NATO-Nachrüstung, Kaltem Krieg und Umweltverschmutzung ihre Urstände feierte, gekonnt und ohne altmodisch zu klingen ins neue Jahrtausend mit seinen anderen und doch so ähnlichen Sorgen und Nöten in Bezug auf Oberflächlichkeit, Geist- und Seelenlosigkeit und Marktwahn. Wertkonservativ und konsequent gegen den Zeitgeist gerichtet, äußert sich Cornelius metaphorisch und mit gelungenen Wortspielen („Ist die Wirklichkeit in Wirklichkeit die Wirklichkeit?“ in „So oder So“) in seinen zwölf neuen Songs, denen alles balladeske, stille, ja langweilige vollkommen abgeht. In seinem Wohnzimmerstudio spielte der Autodidakt nahezu im Alleingang – nur die wenigen Schlagzeugparts wurden von Depeche-Mode-Tourdrummer Christian Eigner übernommen – sein neues Opus ein. Cornelius brilliert, wie seit fast 20 Jahren nicht mehr, als begnadeter Gitarrist – sei es mit bluesigen Soli oder folkigen Wällen aus Akustikgitarren – und beherrscht die Programmierung von Computern, Synthesizern und Keyboards besser als manch 20jähriger Jungspund.

Los geht’s mit dem persönlich gehaltenen und dennoch seine Zuhörerschaft aufmunternden Titelsong: Rockende Gitarren eröffnen das zwölfteilige Puzzle, das zum Schluß zu einer musikalischen Einheit zusammenwächst. Gleich danach sehnt sich Cornelius in „Wo der Fluß entspringt, ist er rein“ nach den unbelasteten, vorurteilsfreien Seelen der Kinder, denen Gewalt, Haß und Mißgunst fremd sind – doch: „sie schütten jede Menge Mist in uns hinein!“. Der Einzelne kann sich für sich selbst denken, welcher „Mist“ gemeint ist; seien es verquaste Ideologien, billige Parolen oder die seichte Primitivkultur der Jetztzeit. Als „musikalische Novelle“ zeigt sich der schnelle, gitarrengeführte Pop/Rocksong „Sie steht auf“: Cornelius „springt“ beobachtend in das Leben einer Frau, die sich in dieser Sekunde entschlossen hat, alles Grausame hinter sich zu lassen, aus dem Raum, wo all dies passiert ist, hinauszugehen, nicht zu zögern und ein neues Leben zu beginnen. Abrupt, unerwartet endet diese Gedankendarstellung, die den Zuhörer selbst herausfinden läßt, in welcher Situation sich die Frau befand: im Gefängnis einer Beziehung, einer (sexuellen) Abhängigkeit, einer Entführung...?

Trotz moderner Drum’n’Bass-Sounds, verfremdeter Stimmen und vertrackter Rhythmen hätten Songs wie „Spiele spielen“ oder „E.T.“ phantastisch in das historische wie musikalische Umfeld der dunklen, ängstlichen frühen 80er Jahre gepaßt – Cornelius Hinweis auf das kleine außerirdische Wesen aus dem Erfolgsfilm des Winters 82/83 zeigt sein Spiel mit der Zeitgeschichte auf perfekte Weise. Doch Cornelius rät dem kleinen Alien, die Erde diesmal nicht zu besuchen; es könne negativ beeinflußt werden von all den Mißständen auf unserem Planeten.

Dies sind nur ein paar Beispiele aus einer vorzüglichen Songkollektion, in der jeder einzelne Teil geprägt ist von einer außergewöhnlichen Mischung aus sanfter Radikalität und romantischer Aggression, die in der Musikszene des neuen Jahrtausends ihresgleichen lange suchen muß. Versöhnlich läßt Cornelius seine geballte Zeitgeistkritik ausklingen mit einer erneuten Hymne auf seine „Wunderbare Kindheit“. Zu folkigen, spannenden Gitarrenklängen a’la Tom Petty schwärmt der Wiener von Kindertagen „in dem Land“; eine abfällig wirkende Formulierung, die auf Verbitterung über die gesellschaftlichen Zustände in Österreich schließen läßt: „Scheinbar wird in diesem Land seit einiger Zeit sogar das Lachen besteuert... wahrscheinlich ist ein Lacher heute längst nicht mehr abgabenfrei.... die meisten schauen in sich selber an eine graue Wand“...

Nicht so verklärt wie Niedecken, nicht so verbissen wie Kunze und nicht so ironisch verbrämt wie Lindenberg, stellt Cornelius am plakativsten im Schlußlied, aber letztendlich auf dem gesamten Album das Vergangene dem Gegenwärtigen gegenüber und entscheidet, daß das „Gestern“ womöglich viel mehr Charme, Romantik Gemütlichkeit, schlicht Ruhe und Geborgenheit ausstrahlte, als das sich immer schneller drehende „Heute“. 20 Jahre nach der Hochphase des oft brillanten, engagierten Politrock liefert Cornelius mit „Schatten und Licht“ ein hervorragendes Stück Musik ab, das 1983 genauso seine geschichtliche Bedeutung gehabt hätte, wie es sie 2003 besitzt. Die Vergangenheit ist aktueller denn je!

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