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Holger Stürenburg (links) ist 29 Jahre alt und arbeitet seit 1996 als Freier Journalist und Publizist für Politik, Musik und Zeitgeist. Besonders, wenn es die 80er Jahre betrifft, ist Holger Stürenburg "live" mit dabei. Für verschiedene Blätter und Magazine greift er zur Feder bzw. zur Tastatur, wenn es darum geht, Bands und Künstler, Politiker und Zeitzeugen, Ereignisse und Gegebenheiten aus der "Kühlen Dekade" zu beschreiben, zu analysieren, zu hymnisieren. "Die 80er Jahre waren nicht nur die beste Zeit meines Lebens, sondern bedeuteten mir eine gewisse Kühle, Ruhe und Gediegenheit. Dies vermisse ich heutzutage sehr!", sagt Stürenburg, der mit der "heutigen Zeit" eigentlich nicht viel anfangen kann - außer, daß er ihr ziemlich kritisch gegenübersteht! |
Nino de Angelo |
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von Holger Stürenburg, 14./15. Juli 2003 Im Herbst ist es genau 20 Jahre her, daß Nino de Angelo seinen Klassiker Jenseits von Eden veröffentlichte. Der damals knapp 20jährige Sohn eines italienischen Gastarbeiterehepaares hatte schon in den zwölf Monaten zuvor mit interessanten deutschsprachigen Songs zwischen Pop und Schlager (Und ein Engel fliegt durch die Nacht, Vielleicht (Seit Jimmy zu den Sternen ging), Ich sterbe nicht noch mal etc.) auf sich aufmerksam gemacht, aber den großen Durchbruch erzielte der sympathische Formel-Eins-Fan erst mit jener Bombastballade, die bis heute untrennbar und unwiderruflich mit ihm verbunden ist. Komponiert von Drafi Deutscher, getextet von Howard Carpendales musikalischem Leiter Joachim Horn-Bernges, enthielt die fundamentale Ballade alles, was zum Ende eines Jahres erfolgversprechend war, das von Kriegsängsten, Nachrüstungsdiskussion und der endgültigen Durchsetzung des NATO-Doppelbeschlusses in Form der Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Deutschland geprägt war und trotz langsam boomender Wirtschaft nicht zu den fröhlichsten und glücklichsten Zeiten zählte: Eine starke Melodie, eine getragene düstere Stimmung, basierend auf einem dunklen Synthesizerarrangement, eine gute Portion Weltschmerz und Zukunftsangst im bedeutungsschwangeren Text. Die düstere Romantik des schwermütigen Songs bescherte uns einen Moment lang das Gefühl, nicht allein zu sein in diesen schweren Zeiten, die von heftigen und polemischen innenpolitischen Auseinandersetzungen um die künftige Außen- und Sicherheitspolitik gekennzeichnet waren. Rund einen Monat nach ihrer Veröffentlichung sprang die Single auf Rang Eins der Media-Control-Listen und verblieb dort ganze zehn Wochen. Erst Ende Februar 1984 wurde sie von der A-Capella-Nummer Only you von den Flying Pickets an der Spitzenposition abgelöst. Dieses Jubiläum nimmt der heute 40jährige Sänger, Komponist, Texter und Produzent zum Anlaß für ein neues Album: Zurück nach vorn (Koch/Universal) beinhaltet zehn der bekanntesten Hits aus 20 Jahren Nino de Angelo sowie zwei brandneue Songs und ein Duett mit dem Schweizer Popstar Francine Jordi. Zurück nach vorn ist nicht einfach eine weitere Best-of-Koppelung mit Nino-Hits, von denen es, zumal mit oft gleicher Tracklist, schon fast ein Dutzend gibt. Stattdessen hat der Balladenspezialist für seine neue CD den Topproduzenten Dieter Falk (u.a. PUR, Juliane Werding, Marque, Brings) ins Studio gebeten und unter dessen Regie seine besten Lieder der vergangenen zwei Dekaden in vollkommen neuen Arrangements und abgeänderter Instrumentierung neu eingespielt. Doch keine Angst: Anders als mancher in die Jahre gekommener Ex-Schlagerstar hat Nino de Angelo seine Lieblingssongs nicht einfach mit Dancefloor-BumBum, Beats und Loops verkaufsfördernd verunstaltet. Es gab durchaus Überlegungen, Jenseits von Eden als Tekkno- oder Dancefloorversion wiedererstehen zu lassen. Doch Nino selbst hat solche Versuche schnell ad Acta gelegt und stattdessen geschmackvolle, gediegene, erwachsene Popversionen seiner Hits eingespielt, ohne das Heroische, Brachiale, Bombastische mancher Originale So wird der einst düster/rockigen Großstadtballade Doch Tränen wirst Du niemals sehen alles Trotzig/Jugendliche genommen es rockt noch immer, aber stilvoller und weniger pubertär als im Original. Ähnlich wie aus Jenseits von Eden 2003 eine akustische, gitarrenbetonte Popballade mit sanftem Groove ohne die Drafi-Deutscher-typische orchestrale Überproduktion der 83er-Hitversion geworden ist, verzichtet Nino auch bei Atemlos, der einst nach dem gleichen Schema aufgebauten Nachfolgesingle zu Eden, auf alles Theatralische und aufgesetzt Übertriebene. Heutzutage hat der bluesige Popsong einiges von den Dire Straits oder Chris Rea. So verfuhr Nino auch bei der Neufassung von Flieger, seinem Beitrag zum Grand Prix Eurovision 1989 in Lausanne: Aus einer in recht billigem Bohlen-Arrangement eingespielten Synthiballade wird 2003 ein rockender Popsong; etwas düster, aber sehr sympathisch und stilistisch beinahe näher am musikalischen Zeitgeist der 80er als das Original! Ich sterbe nicht noch mal, Ninos Sommerhit des Jahres 1983, klingt 20 Jahre später wesentlich kompakter, überzeugter; die schlagerhaften Akustikgitarren wurden von bluesigen Rockgitarren abgelöst; dezente Keyboardeinwürfe sorgen für einen treibenden, aufwühlenden Rhythmus Nino goes Springsteen, ohne seine musikalischen Wurzeln bzw. seine Anfänge in den 80ern zu verleugnen. Zu sehr in Richtung Dancefloor blickt hingegen Ich fahr die Nacht, Ninos deutsche Version des Roy Orbison/Cindy Lauper-Hits I drove all Night, die schlicht zu modern und zu eintönig geraten ist. Und wenn ich abends einschlaf und Sohn der Straße waren nie spezielle Singlehits. Sie entstammten den Alben Jenseits von Eden bzw. Zeit für Rebellen (beide 1984) und zählen zu Ninos persönlichen Favoriten. Auch sie leben im neuen, eher sanften, akustisch gehaltenen Arrangement deutlich auf und zeigen einen gereiften Künstler mit viel Lebenserfahrung. Stimmlich kräftiger und geschulter als vor 20 Jahren, möchte Nino de Angelo künftig deutscher Popmusik frönen: Nicht hartem Rock, aber auch nicht seichtem Schlager. Die Betonung liegt auf Pop. Ihm ist es schlicht zu wider, daß alles Deutschgesungene jenseits von Hip Hop, Soul oder Rock umgehend in die Schublade Schlager gesperrt wird. Daher sollen die beiden neuen Kompositionen auf seiner aktuellen CD, Laß uns fliegen (eine urbane, tanzbare Popnummer mit südamerikanischen Einflüssen) und Wo sind die Engel (eine unter die Haut gehende Rockballade, jedoch kaum weniger schwülstig als einst Jenseits von Eden...), schon mal andeuten, wie Nino künftig klingen will, welchen Weg er auf künftigen Alben einschlagen wird: Leicht rockende Popklänge von internationalem Niveau, mit leisen RnB-Anklängen, kaum hör-, aber doch spürbaren jazzigen Untertönen, mal zum tanzen, mal zum kuscheln nur eben und dies ist Ninos besonderer Verdienst mit ansprechenden, interessanten Texten in deutscher Sprache! (Gesamtnote: 2) |