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Leben ohne Fernseher - Ein Selbstexperiment |
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von Martin Lohmann
Am 4. Juli 1845, am amerikanischen Unabhängigkeitstag, zog sich der amerikanische Dichter Henry David Thoreau (1817 - 1862) für zwei Jahre in eine selbstgezimmerte Hütte am Waldensee beim Städtchen Concord zurück. Umgeben von der Einsamkeit der Wälder Massachusetts versuchte Thoreau in einem radikalen Selbstexperiment herauszufinden, was die wahren Grundbedürfnisse des Menschen sind. So verzichtete er beispielsweise auf Kaffee und Tee und löschte seinen Durst stattdessen mit dem klaren Wasser des Waldensees. Seinen Hunger stillte er mit dem, was er dem Boden in eigener Arbeit abrang. Er nutzte die Zeit, um über die Natur und die menschliche Existenz nachzusinnen. Seine Reflexionen fanden ihren Niederschlag in dem Buch Walden - Ein Leben mit der Natur, das zu den größten Klassikern der amerikanischen Literatur zählt. Oft wird Thoreaus Werk auf das Niveau von Naturprosa reduziert. Thoreau ging in seinem Anspruch jedoch viel weiter. Sein Selbstexperiment war eine Reaktion auf den durch die beginnende Industrialisierung einsetzenden Materialismus seiner neuenglischen Landsleute, die ihr vermeintliches Heil in der Wohlstandsmehrung durch technischen Fortschritt sahen. Thoreau verwarf diesen Irrglauben, weil die moderne Technik keinesfalls die innere Natur des Menschen zu bessern vermag: "Während die Zivilisation unsere Häuser verbessert hat, hat sie nicht in gleicher Weise auch die Menschen verbessert, die darin wohnen sollen." Vielmehr sah Thoreau die Gefahr, daß die Menschen zu Sklaven der Technik würden und sie sich durch ihre Habgier von ihren geistigen Bedürfnissen entfremden. In seinem Walden-Experiment versuchte Thoreau Alternativen aufzuzeigen: "Die eindimensional auf die materielle Bedürfnisbefriedigung ausgerichtete Yankee-Ökonomie sollte durch eine Ökonomie des Lebens, das heißt durch eine umfassende Lebensphilosophie ersetzt werden, welche den materiellen wie den immateriellen Bedürfnissen des ganzen Menschen Rechnung trug." (zit. aus: "Thoreau" von Klumpjan) Darüber hinaus sah Thoreau seine Zeit am Waldensee als ein Vorbild der Selbstreform. Eine moralisch kranke Gesellschaft - wie er sie in der neuenglischen erkannte - bedurfte der Selbstreform ihrer einzelnen Mitglieder. Nur so könne sie wieder gesunden. Ein idealistischer Anspruch, an dem Thoreau und die philosophische Schule der Transzendentalisten, denen er sich zugehörig fühlte, freilich gescheitert sind. Und heute? Hat Walden auch nach 150 Jahren noch einen Gegenwartsbezug? Der technische Fortschritt hat die Menschheit keineswegs wie von Thoreaus Zeitgenossen erhofft in das erhoffte Paradies geführt. Stattdessen wird die Depression zur Volkskrankheit Nr. 1. Dem Experten für Arbeitspsychologie, Prof. Michael Kaster, zufolge "ist der Zuwachs psychischer Erkrankungen auf die zunehmende Dynaxität (Komplexität plus Dynamik) moderner Lebens- und Arbeitsprozesse zurückzuführen. Damit könne das Entwicklungstempo des Menschen oftmals nicht mithalten. Es komme zu wiederholten Erfahrungen persönlicher Überforderung und dem krankmachenden Schluss, den Anforderungen modernen Lebens dauerhaft nicht gewachsen zu sein." (zit. aus: finanznachrichten.de, 11. November 2004) Thoreau hat dieses Problem bereits in seiner Zeit erkannt: "Tatsächlich hat der arbeitende Mensch heute nicht mehr die Muße, sein Leben Tag für Tag wirklich sinnvoll zu gestaltet. Wahrhaft menschliche Beziehungen zu seinen Mitmenschen kann er sich nicht leisten; es würde den Marktwert seiner Arbeit herabsetzen. Es fehlt ihm an Zeit, etwas anderes zu sein als eine Maschine." Die Technik bestimmt heute den Takt unseres Lebens. Von allen technischen Apparaten nimmt das Fernsehen den größten Platz in unserem Leben ein. Kein anderes Medium in der Geschichte hat die Denk- und Gefühlswelt der Menschen stärker beeinflusst. In einem Beitrag für die aktuelle Ausgabe des Wissenschaftsmagazins bild der wissenschaft berichtet der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Peter Winterhoff-Spurk, daß der Durchschnittsbürger 13 Jahre seines Lebens vor dem Fernseher verbringt. Über das gesendete Programm berichtet er, daß jeder dritte Beitrag in den privaten Sendern Gewaltdarstellungen intensiver Art beinhaltet. Das Fernsehen wird für viele Kinder und Jugendliche, die ohne geeignete Vorbilder auswachsen, zu einer Ersatzautorität quasi religiösen Charakters: "Keine andere Institution der postindustriellen Gesellschaft vermittelt so vielen Menschen so einheitliche Werte. (...) Fernsehen als unsichtbare Religion? Aber gewiss!" Die Folgen dieser Entwicklung hat der amerikanische Lyriker Robert Bly bereits 1996 in seinem Buch Die kindliche Gesellschaft kritisiert. Die fatale Wirkung dieses Mediums auf den menschlichen Geist verglich er mit der von Contergan auf den menschlichen Körper. Unter diesen Bedingungen aufwachsende Kinder zeigten sich außerstande, gewöhnliche intellektuelle Leistungen zu meistern: "1995 verbrachten die amerikanischen Kinder etwa ein Drittel ihrer wachen Zeit vor dem Bildschirm. Der National Association of Educational Progress zufolge konnten nur fünf Prozent der High-School-Abgänger die für das College erforderliche Literatur bewältigen." Es ist an der Zeit, diesen Zustand zu ändern! In Anlehnung an Thoreau wage ich das Experiment, ein Leben ohne Fernsehen zu führen, den ersten Schritt zu einer Selbstreform zu versuchen! Ich verstehe dieses Handeln nicht nur als ein Akt der Selbstbefreiung, sondern auch als einen Akt des Widerstandes gegen das System, welches mit dem Fernsehen über vermutlich das am perfektesten ausgeklügelte Medium der Gedanken- und Bewusstseinskontrolle aller Zeiten verfügt. Ist ein erfülltes Leben ohne Fernsehen eine Utopie? Erbringt der Verzicht mehr Gewinn als Verlust? Ellen Kositza lässt in der Jungen Freiheit (03/05) eine in materiell bescheidenen Verhältnissen lebende Mutter zu Wort kommen: "Zum einen haben wir seit Jahren keinen Fernseher, früher schon, aber nachdem wir Anfang der Neunziger uns ziemlich unbedacht eine Satellitenschüssel haben installieren lassen, ging uns recht schnell auf, welch ein Zeiträuber dieses Gerät ist - und beim ersten Defekt wurde es dann kurzerhand abgeschafft. Wir haben's nie bereut." An dieser Stelle werde ich in unregelmäßigen Abständen den Fortgang des Experiments dokumentieren. Ich werde über meine Eindrücke und Empfindungen berichten, die im Zusammenhang mit der Verbannung des Fernsehens vorfallen. Ich versuche, den Lesern einen Eindruck davon vermitteln, ob man durch Verzicht auf das Fernsehen reicher wird. Das Ende ist offen. Vielleicht hole ich mir den Fernseher zurück, so wie Thoreau nach zwei Jahren seine einsame Hütte am Waldensee verließ und nach Concord zurückkehrte, um andere Pläne zu verfolgen. Ein Scheitern sollte mich nicht frustrieren, denn ich bin sicher, egal wie es ausgeht am besten dem wichtigsten Grundsatz in der Lebensphilosophie Thoreaus nachgekommen zu sein: "Wie niedrig auch dein Leben sein mag, tritt ihm entgegen und lebe es! Weich ihm nicht aus und gib ihm keine Schimpfnamen! Es ist nicht so schlecht wie du. Es sieht am ärmsten aus, wenn du am reichsten bist. Der Krittler findet auch im Paradies etwas zu bekritteln. Liebe dein Leben, so arm es ist!" Tag X - die Verbannung des Fernsehers (6. Februar 2005)Es ist Sonntagnachmittag, nur noch wenige Stunden, bevor ich das Fernsehgerät in den Keller tragen werde. Eigentlich sollte es ganz raus aus dem Haus, aber es fand sich niemand in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, der das Gerät "in Pflege nehmen" wollte. Um das Programm noch einmal Revue passieren zu lassen, zappe ich vorher noch einmal durch die Sender. Keine Sendung hält mich länger als wenige Minuten fest. So konsumierte ich meistens das Fernsehprogramm. Die Ausnahme bildet eine Folge der neuen Enterprise-Staffel auf Sat1. Die Werbepausen schließt der Sender mit dem Hinweis auf die neue Staffel Witz-Sendung "Schillerstrasse" - Comedy für Debile. Ich lande zwischendurch bei VIVA und MTV, zwei Sender, deren Werbeblöcke gelegentlich von Musikvideos unterbrochen werden. Hauptsächlich wird für Handy-Klingeltöne geworben. Die Jugendlichen sollen hierfür angeblich Unsummen ausgeben. Der größte Renner ist offenbar das singende Küken "Tweety", der Beweis, daß BSE jetzt auch auf Geflügel übertragbar ist.Phönix ist der Name eines einst vielversprechenden Senders, der sich in seinem Informationsangebot deutlich von allen anderen Sendern, aber vor allem von den Privaten abheben sollte. Die Erwartungen werden enttäuscht. Ellenlange Übertragungen von belanglosen Pressekonferenzen irgendwelcher Politiker sind die Regel. Ansonsten beschränkt sich das Programm in der Regel auf ein Thema: die deutsche Vergangenheit. Ich bin heute nicht abgehärtet genug für das Interview mit Ralph Giordano über sein Lieblingsthema "Die zweite Schuld". Sein Auftritt damals bei Erwin Böhme mit Jörg Haider hatte mir besser gefallen. Ist dieses Programm eine angemessene Gegenleistung für die rund 100 Euro, die ich jedes Jahr an die GEZ bezahlen muß? Bevor ich den Fernseher nehme, kommt ein Gefühl der Unsicherheit auf. Aber ich unterdrücke die Selbstzweifel und trage das Gerät in den Keller. Um alle Zweifel zu zerstreuen, rufe ich mir noch einmal das Programm des heutigen Nachmittags in das Gedächtnis und frage mich, warum ich diesen Schritt nicht schon viel früher vollzogen habe? Ich freue mich nun auf eine Zeit, in der ich meine geistigen Ressourcen endlich anderen Aufgaben zuwenden kann. Die erste Woche (13. Februar 2005)
Ich merke, daß der Einstieg in den Ausstieg aus einem Leben mit dem Fernseher nicht so leicht ist, wie ich dachte. Wenn die Euphorie abgeklungen ist, kehren die alten Reflexe zurück. Läßt beim Lesen eines Buches meine Konzentration nach, greife ich unwillkürlich zur nicht mehr vorhandenen Fernbedienung. Nach einigen Augenblicken nehme ich eine bisher noch nie bemerkte Stille im Raum wahr. Ich fange nun an zu begreifen, in welcher Atmosphäre Thoreau seine in Kontemplation gewonnenen Eingebungen am Waldensee erlangte. Es müssen Augenblicke wie dieser gewesen sein, allerdings angefüllt mit all den angenehmen Klängen, die die Natur Massachusetts zu bieten hatte. Am Dienstag fiel mir in der Zeitung ein passender Artikel über den Fernsehkonsum der Deutschen auf:
Mehr als fünf Stunden seines täglichen Lebens verbringt ein alleinlebender Mensch vor dem Fernseher! Was ist nur in den vergangenen zehn Jahren mit uns passiert, daß wir mit unserer Zeit nichts besseres anzufangen wußten? Die Bändigung des Raubtiers? (20. Februar 2005)
Ist es möglich, das Raubtier Fernseher, das uns so viel unserer wertvollen Zeit wegfrisst zu bändigen? Ist es möglich, der modernen Variante des "römischen Zirkus", welches über das Fernsehen seine Macht über unser Bewußtsein auszuüben versucht, so ein Schnippchen zu schlagen, daß wir nicht ganz darauf verzichten müssen, sondern es sinnvoll auf unsere Bedürfnisse hin abgestimmt nutzen können? Worauf ich hinaus will, ist - in technischen Begriffen gesprochen - , ob man das Fernsehgerät technisch so zu manipulieren kann, daß es keine Programme mehr empfängt, also aus dem Fernseher einen Monitor zu machen. Das Gerät soll zwar keine Programme mehr empfangen, aber gewöhnliche DVDs und Videos abgespielen. Auf diese Weise ließe sich ein Stück mehr Selbstbestimmung über den Fernsehapparat gewinnen. Ich befragte hierzu einen Fernsehtechniker, der diese Möglichkeit prinzipiell bejahte. Hierzu müßte im Fernsehgerät der Tuner, also jene Einheit, die die Feinabstimmung zwischen dem TV-Gerät und dem Programmempfang übernimmt, zerstört werden. Dieser Eingriff ist allerdings nicht bei allen Herstellern erfolgreich! Bei Philips sowie Sony beispielsweise führt dies zum komletten Funktionsausfall des Gerätes. Dann geht nichts mehr. Die Kosten bleiben mit ca. 30 bis 100 Euro in einem überschaubaren Rahmen. Einige meinen, so der Techniker, es reiche, die Antennenbuchse im Fernsehgerät abzuklemmen. Das ist aber juristisch nicht anerkannt! Der Besitzer des Gerätes bekommt das von der GEZ nicht anerkannt und muß gegebenenfalls saftige Nachzahlungen leisten. Er habe schon einige Kunden gehabt, die sich von ihm auf sachkundige Weise alle Fernseher und Radiokassettenrekorder so haben umbauen lassen. Seine Bescheinigungen werden von der GEZ auch anerkannt. Allerdings läßt dieser Verein auch nach der Abmeldung niemanden in Ruhe und verdächtigte alle Abmelder unterschwellig, "Schwarz-Seher" zu sein. Das System mit der GEZ, so der Techniker abschließend, ist so angelegt, daß eigentlich niemand da raus kann. In der Tat gleicht das Wechselspiel zwischen bewußten Medienkonsumenten, die aus dem zwangsgebührenfinanzierten Programmsystem aussteigen wollen und den Ansprüchen der GEZ den berühmten Rennen zwischen Hase uns Igel. Was immer der Konsument tut, die GEZ ist in ihrem Hunger nach unserem Geld einfallsreicher: dank dem Bundesverfassungsgericht sind ab dem 1. Januar 2007 auch internetfähige Computer rundfunkgebührenpflichtig! Fortsetzung folgt... |