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AUTONOME

Wie die "Antifaschistische Aktion" in Dolgenbrodt auftrat


Schon weit vor dem Ortsschild ist Schluß. Polizeifahrzeuge, Personenkontrolle - Dolgenbrodt im Belagerungszustand. Die "Antifaschistische Aktion" hat zur Demo auf gerufen, man will am diesem Sonntag "Haß nach Dolgenbrodt" tragen und dem "gutbürgerlichen rassistischen Gesindel auf die Pelle rücken". Wer kein Rassist sei, müsse ein weißes Tuch aus dem Fenster hängen, alle anderen Häuser - also die der Rassisten - würden angezündet, so die selbsternannten Vertreter der vom "rassistischen Deutschland" Verfolgten. Dolgenbrodt ist ein kleines Dorf südlich von Berlin, umrahmt von zwei Seen, vorzügliches Erholungsgebiet. Und ein so kommen zu 280 Einwohnern noch 2000 Datschenbesitzer. die hier ihre Wochenenden verbringen. Im November 1992 wurde hier ein ehemaliges Kinderferienheim, das zur Asylbewerber-Unterkunft umgebaut worden war, angezündet. Der Brandstifter ist inzwischen verurteilt, vier mutmaßliche Anstifter, die 1200 Mark gezahlt haben sollen, sitzen in Untersuchungshaft.

Den Vorwurf, im ganzen Dorf sei für den Brandstifter gesammelt worden, sämtliche Bürger hätten sich mit dem Anschlag identifiziert, weisen die Menschen empört zurück. "Wenn jemand mit einem solchen Anliegen zu mir gekommen wäre, dem hätte ich in die Fresse gehauen", sagt ein Mann, der zunächst mit Journalisten nicht sprechen will, denn von "der Niedertracht der Presse habe ich die Schnauze voll". Verzweiflung überall, was die Medien angerichtet haben: "Die Unwahrheiten, die da über uns verbreitet werden, sind zum Kotzen", meint einer. "Ich jedenfalls habe ein gutes Gewissen. Auch jetzt ist wieder zu beobachten, wie die Lage aufgeheizt wird. Da war von einer Bürgerwehr die Rede. "Ein Dorf rüstet gegen Antifaschistinnen, schrieb die "taz'', heizte die Stimmung an mit dem Gerücht von "geplanten Straßenblockaden durch Traktoren" - dem Bürgermeister zufolge gibt es im ganzen Dorf nur noch einen. Jedenfalls ist auffällig, wie viele Leute, die demonstrativ oder zumindest deutlich mit den "Antifaschisten" gemeinsame Sache machen, mit Presseausweisen die Absperrung der Polizei passieren können.

Bereits zur Mittagszeit sickern die Demonstranten zunächst mit Privatwagen in Dolgenbrodt ein. Die Nummernschilder verraten: Es sind Demonstrationstouristen, die bei solchen Gelegenheiten aus ganz Deutschland herbeigeordert werden. Auf die Frage, was denn heute Faschismus sei, erwidert ein junger "Na ja, wenn Leute unterdrückt werden und so, etwas in dieser Art." Auch eine Antifaschistin ist wenig auskunftsfreudig: "Na hör'n Se mal, Sie als Journalist müßten doch wissen, was Faschismus ist. Die Frage ist ja schon eine Beleidigung."

Über ein geschlossenes ideologisches Konzept, so zeigt sich bei diesen Gesprächen, verfügen die zumeist jungen Leute nicht. Nur wenige bemühen sich um nachvollziehbare Positionen, den meisten reicht ein Grundgefühl von militanter Antistaatlichkeit. "Ich bin faul, es geht um's Prinzip'', begründet ein Autonomer seine Lebenseinstellung. "Es ist nicht mein Ding, mich kaputtzumachen für so ein Kapitalistenarschloch. Ich will mich nicht ausbeuten lassen." Ein anderer beschreibt seine Utopie eines antifaschistischen Lebens: "Eine große Wohngemeinschaft mit vielen Leuten, große helle Räume, viel Grün drumrum, in der Metropole, keine Maloche und Miete und viele von solchen WG's." Das Ziel: "Moral, die soziale Aneignungsformen wie beispielsweise Einklauen, Schwarzfahren, 'Sozialbetrug' eindeutig legitimiert."

Dann endlich kommen sie, die Antifaschisten aus Berlin. "Reiselust mit Willi Brust" steht auf den Bussen, die mit Klimaanlage, WC und Waschraum ausgestattet sind. Den Waschraum haben die meisten offenbat nicht genutzt, viele der Klassenkämpfer bevorzugen Piratenaufzug, abgerissene Kleidung, Schmuddel-Look. Organisiert wird der Aufmarsch vom einem jungen Mann mit Handy, der aber, so sagt er, nur Ansprechpartner für die "Antifaschistische Aktion" ist. Von ihr distanziert sich sogar die PDS. Das ist leicht nachvollziehbar, denn die Autonomen verstehen sich als Basisbewegung, die sich entsprechend ihrer Organisations- und Ideologiefeindlichkeit nur regional in lockeren Gruppierungen und Plänen ohne feste Ordnung zusammenfindet. Zur Agitation und Mobilisierung verfügt die Berliner Szene über verdeckte informelle Strukturen, zum Beispiel interne Telefonketten. Die Szene ist in offene, halboffene und geschlossene Gruppen getrennt: Halboffene Gruppen arbeiten öffentlich, besitzen feste Mitgliedschaften, aber es wird im Einzelfall entschieden, wer an Treffen teilnehmen darf Geschlossene Gruppen arbeiten praktisch im Untergrund. Die überwiegende Mehrheit der Autonomen gehört in die Altersgruppe zwischen 18 und 28 Jahren. Nur wenige sind bereit, für ihren Unterhalt Gelegenheitsjobs anzunehmen, die meisten leben von der von ihnen ansonsten verteufelten "Staatsknete".

Die einzige Ideologie dieser Gruppen ist Gewaltanwendung gegen "rechts" - wobei alles rechts ist, was nicht in ihren Dunstkreis gehört. So mag Karl Pfannenschwarz wohl durchaus richtig liegen, wenn er meint, den "Antifaschisten" gehe es nicht um den antifaschistischen Kampf, sondern darum, Aggressionsbereitschaft zu belegen. Der parteilose Bürgermeister spricht von Selbstzweck und davon, daß die Demonstranten nur ein Interesse haben: die Auseinandersetzung mit der Polizei. Und die wird sofort gesucht. Kaum angekommen, schließen sich die Chaoten, viele von ihnen vermummt, zu einem Kreis zusammen und rennen auf die Absperrungen der Polizei zu. Als die Beamten den Durchbruch verhindern, legt ein Einpeitscher am Lautsprecher los, und dann wird skandiert. "Nie, nie, nie wieder Deutschland . . .", "Wir haben Euch was mitgebracht: Haß, Haß, Haß!", Tod dem Staatsterrorismus", "Deutschland muß sterben!" Was das alles mit Dolgenbrodt zu tun hat, ist schwer verständlich. Ach ja, zumindest ein Haßgesang bezieht sich auf das Dorf: Tod dem deutschen Vaterland, Dolgenbrodt wird abgebrannt." Während der Kundgebung weist der Einsatzleiter der Polizei mehrfach darauf hin, daß die Vermummung als Gesetzesverstoß nicht geduldet werden kann. Gelächter ist eine Antwort; einzelne stellen sich mit Trillerpfeifen vor die Beamten und pfeifen ihnen ins Gesicht. Kein Beamter läßt sich provozieren.

Schließlich nimmt die Polizei einige Vermummte vorläufig fest, und die Einpeitscher haben wieder Gelegenheit, vom "Staatsterrorismus" zu klagen. Nach gut einer Stunde ist der ganze Spuk vorbei: Die Antifaschisten Haben das "Ku-Klux-Klan-Dorf" verlassen, sie sind auf dem Weg nach Berlin. In Dolgenbrodt ist wieder Ruhe eingekehrt. Auch die Journalisten, nahezu ebenso viele wie die Demonstranten. sind wieder verschwunden. Und einer in Dolgenbrodt stellt sich eine gute Frage: "Was wäre aus dieser Demo wohl geworden, wenn keine Journalisten da gewesen wären?" Ja, was wohl...

Quelle: Rheinischer Merkur vom 21. März 1997, S. 3

pingreen.gif 1 KB DSU-Treffen in Taucha - Randale in Lokal: vier Verletzte, 21 Festnahmen

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