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(...) 1989 trat Domenico Sica, damals Hochkommissar zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens, mit der These an die Öffentlichkeit, die Mafia sei Drahtzieherin der Moro-Ermordung und des Terrors der Roten Brigaden insgesamt gewesen. Motiv dahinter wäre die Angst um den politischen Einfluss gewesen, den nach späterer Auffassung auch weiterer Justizorgane Politiker wie Andreotti garantiert hätten. Andererseits wurde jedoch später die These kolportiert, wonach es die Mafia selbst gewesen sein soll, die der Regierung Hilfe beim Aufspüren des Volksgefängnisses angeboten hätte, ohne dass man auf dieses Angebot eingegangen wäre. (...) |
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Ein Werk unsichtbarer Mächte? - Vor 25 Jahren wurde DC-Präsident Aldo Moro ermordet |
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von Maximilian Ohl Seit Ende der 60er-Jahre erlebte Italien eine Welle des politisch motivierten Terrorismus, die an Brutalität und Gefährlichkeit jenem der in der BRD tätigen RAF oder der französischen Action directe nahe kam, ihn zum Teil sogar noch übertraf. Zwischen 1969 und 1980 starben insgesamt 362 Menschen bei mehr als 12.000 politisch motivierten Anschlägen, 4.500 wurden zum Teil schwer verletzt. Diese bleiernen Jahre wurden zum Ausgangspunkt für allerlei Verschwörungstheorien und Spekulationen über mögliche Verwicklungen sogar von staatlichen Stellen, Geheimdienste oder anderweitige Einflussgruppen, die bis in die heutige Zeit anhalten. Als Aldo Moro, damals Parteichef der DC, am 16.März 1978 auf dem Weg zu einer Sondersitzung im italienischen Parlament war, wurde er von einem bewaffneten Kommando gekidnappt und seine fünf Leibwächter erschossen. In der Situation einer Stimmenmehrheit des PCI und eines Staates am Rande des Bürgerkrieges wollte der als Verhandlungskünstler geltende mehrfache Architekt zum Teil sehr heterogener Mitte-Links-Koalitionen mit Sozialisten oder Linksliberalen nunmehr die Kommunisten in eine Regierung der nationalen Solidarität aufnehmen. Dieses Vorhaben ging unter dem Begriff des Historischen Kompromisses in die Geschichtsbücher ein. Es hätte innerhalb der westlichen Welt einen Tabubruch bedeutet. Die Entführung Moros vereitelte diesen Plan, das Parlament wählte seinen schärfsten innerparteilichen Rivalen Giulio Andreotti zum Ministerpräsidenten, der PCI blieb jedoch weiter außen vor. Die linksextremistischen Roten Brigaden bekannten sich in mehreren Erklärungen öffentlich zu der Entführung. Aldo Moro werde in einem Volksgefängnis gehalten, er werde gegen die Freilassung von dreizehn gefangenen BR-Mitgliedern freigelassen, ansonsten würde man ihm den Prozess machen. Nur kurze Zeit nach der blutig verlaufenen Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF lehnte die politische Elite in Italien jegliche Verhandlungen mit den Terroristen ab, auch die Kommunisten unterstützten - nicht zuletzt aus Angst, in die politische Nähe der Roten Brigaden gerückt zu werden eine harte Linie gegenüber den Moro-Entführern. |
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Moro indessen richtete mehrere Briefe aus dem Volksgefängnis an seine Parteifreunde, an Mandatsträger und kirchliche Würdenträger. Er berief darin in seiner Eigenschaft als DC-Präsident einen Kongress ein, in dem über die Aufnahme von Verhandlungen abgestimmt werden sollte. Außerdem attackierte er innerparteiliche Rivalen in scharfer Form und warf ihnen unter anderem Korruption und die Begünstigung ultrarechter Terrorzellen vor. Andreotti verweigerte die Einberufung des Kongresses und erklärte, Moros Briefe seien Resultat seiner Zwangslage und er würde durch die Terroristen zu diesen äußerungen erpresst. Auch der Vatikan lehnte Moros Ansinnen ab, gegenüber den Roten Brigaden als Vermittler zu fungieren. Als die polizeilichen Maßnahmen zum Aufspüren des Aufenthaltsortes des DC-Führers, die vom damaligen Innenminister Francesco Cossiga geleitet wurden, ergebnislos verliefen, war Sozialistenchef Bettino Craxi der erste führende Repräsentant der Republik, der öffentlich für eine Verhandlungslösung plädierte. Zu diesem Zeitpunkt war es jedoch zu spät, Moro wurde am 9.5.1978 erschossen in einem Auto aufgefunden, das exakt in der Mitte des Weges zwischen den Parteihauptquartieren von DC und PCI abgestellt war. Schon bald wurden Fragen laut, ob die Ermordung des verhältnismäßig beliebten Politikers nicht doch durch eine entschlossenere Vorgehensweise hätte verhindert werden können. Es wurden Stimmen laut, die insbesondere Andreotti ein eminentes Interesse an der Beseitigung seines mächtigen Konkurrenten unterstellten. Ein ideologisches Interesse der Roten Brigaden an einer Regierungsbeteiligung des PCI war in der Tat zweifelhaft. Einerseits hatte das harte Vorgehen auch kommunistischer Bürgermeister gegen illegale Streiks und Protestaktionen von links wie etwa in Bologna die Bereitschaft der Terroristen gesteigert, die Kommunisten als Klassenverräter anzuprangern. Daraus resultierte auch die Befürchtung, der PCI als traditionelle Vorhut des Proletariates könnte von der etablierten politischen Klasse aufgesogen werden und dadurch die extreme Linke in ihrer Wirkungsmacht beschränken. Andererseits hätten sich die Linksextremen möglicherweise gerade dann aber auch als neue breite Protestbewegung in Szene setzen können, außerdem galt das Opfer Aldo Moro zweifelsfrei nicht gerade als weithin verhasster Repräsentant eines autoritären Systems, sodass auch aus der Perspektive der Terroristenlogik der Nutzen einer solchen Tat zweifelhaft bleiben musste. Im Übrigen war in den fanatisierten Köpfen im akademischen Elfenbeinturm lebender Linksterroristen wohl schon damals nicht immer die Bereitschaft gegeben, zwischen bösen und weniger bösen Klassenfeinden zu differenzieren. Zwischen einem Mord an Moro und einem etwa an Andreotti hätte aus ihrer Sicht wohl kaum ein wesentlicher Unterschied im Hinblick auf deren revolutionäre Legitimität geherrscht. Ein Jahr nach Moros Tod wurde der Journalist Mino Pecorelli ermordet. Dieser hatte zuvor nicht nur eine Reportage über Korruptionsenthüllungen zu Lasten des amtierenden Ministerpräsidenten angekündigt, sondern auch von Papieren aus der Zeit der Entführung Moros, die Andreotti belasten würden. Die 1979 eingeführte Kronzeugenregelung, die erst politischen Terroristen den Ausstieg aus ihrem Milieu ermöglichen sollte und bis 1985 kontinuierlich auch auf Mafia-Angehörige zugeschnitten wurde, hatte eine Vielzahl von Aussagen erbracht, die Andreotti in diesem Zusammenhang belasteten. Im Jahre 1986 erschien ein Dokumentarfilm, der eine potenzielle Verwicklung der 1981 entdeckten Freimaurerloge P 2 in die Ermordung Moros andeutete. Aus Sicht der strikt antikommunistischen P 2 wären Moros kritische Haltung zur NATO und seine Bereitschaft zur Koalition mit den Kommunisten eine Gefahr gewesen. Zudem hätte die Loge, der zahlreiche einflussreiche Politiker, Militärs und Unternehmer (darunter der heutige Ministerpräsident Silvio Berlusconi) angehört hätten, versucht, durch eine Unterwanderung der Terroristenszene und inszenierte Attentate den Boden für die Errichtung eines autoritären Regimes zu schaffen. Dieses Zusammenspiel zwischen staatlichen Stellen, westlichen Geheimdiensten und Neofaschisten bezeichnete man als Strategie der Spannung. Die Vielzahl und die Schwere der Pannen im Zuge der Ermittlungen, die nach und nach ans Tageslicht gekommen waren, würden sogar ein Interesse des Staates am Tod Moros vermuten lassen. Auf welche Weise jedoch eine eindeutig säkulare und kirchenkritische Bewegung wie die Freimaurerei etwa einen solchen Einfluss auf den Vatikan hätte nehmen können, dass sie diesen zur Ablehnung der Moro-Forderungen aus dem Volksgefängnis hätte bewegen können, blieb als eine von vielen Fragen auch in dieser Dokumentation offen. 1989 trat Domenico Sica, damals Hochkommissar zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens, mit der These an die Öffentlichkeit, die Mafia sei Drahtzieherin der Moro-Ermordung und des Terrors der Roten Brigaden insgesamt gewesen. Motiv dahinter wäre die Angst um den politischen Einfluss gewesen, den nach späterer Auffassung auch weiterer Justizorgane Politiker wie Andreotti garantiert hätten. Andererseits wurde jedoch später die These kolportiert, wonach es die Mafia selbst gewesen sein soll, die der Regierung Hilfe beim Aufspüren des Volksgefängnisses angeboten hätte, ohne dass man auf dieses Angebot eingegangen wäre. 1990 wurde enthüllt, dass die USA zu Zeiten des Kalten Krieges auch in Italien mit Gladio eine Geheimarmee gegründet hatten, die für den Fall eines kommunistischen Umsturzes militärischen Widerstand leisten sollte. In diesem Zusammenhang wurden auch neofaschistisch gesinnte Militärs wegen deren besonders ausgeprägten antikommunistischen Motivation in die Planung einbezogen. Ein durchschlagender Beweis für einen Zusammenhang mit Moros PCI-Bündnispolitik fand sich jedoch auch in diesem Zusammenhang nicht, auch wenn im Oktober des gleichen Jahres weitere Moro-Briefe mit Vorwürfen gegen die politische Klasse aufgefunden wurden. Die neuerliche Machtübernahme Berlusconis und das harte Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten vom Weltwirtschaftsgipfel in Genua haben in der Gegenwart gerade in linken Kreisen die alten Verschwörungstheorien wieder belebt, wonach die italienische Rechte mittels der Strategie der Spannung versuche, linken Protest zu diskreditieren und mit Sondergesetzen die Verfassung aus den Angeln zu heben. In einem Beitrag für das Internetmagazin Malmö wurde kürzlich dafür wieder ein Bogen hin zu P 2, der Moro-Ermordung und der Mafia gezogen. Beweise bleiben nach wie vor aus, Widersprüche bleiben ungeklärt. Wenn sich Rechte wie etwa zu Zeiten der österreichischen Briefbombenaffäre Gedanken über den potenziellen Nutzen der Attentate für mögliche autoritäre Pläne von links machen, gilt dies gemeinhin als Zeichen von extremistischer Paranoia. Bramarbasieren hingegen Fortschrittliche über angebliche Verschwörungen konservativer Kreise, soll dies plötzlich ein Zeichen eines besonders ausgeprägten kritischen Bewusstseins sein. Noch Fragen? |