|
(...) Auch wer mit Recht so manche Heuchelei und Doppelmoral anprangert, die dem Kampf gegen Rechts in einigen Institutionen innewohnt, auch wer nicht ohne jede Substanz auf Zustände in Staat und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland hinweist, die dringend einer Veränderung bedürfen, wird kaum verkennen können, dass jenes Konzept, das Jürgen Schwab verficht, abgesehen von seinen rechtsstaatsverachtenden und inhumanen Zügen im Umgang mit Nichtdeutschen vor allem auch noch den Rest jener Kontrollmöglichkeiten und demokratischen Mitbestimmungsrechten beseitigen würde, die das politische System des Landes gewährleistet und das jedenfalls die Aussicht bietet, untaugliche Eliten durch gleiche, freie und geheime Wahl auszuwechseln. (...) |
|
Elitenirrsinn statt VolksstaatFragwürdiger Schwab-Katalog zur Reform an Haupt und Gliedern im Staatsgefüge der Bundesrepublik |
|
von Maximilian Ohl Wer die ersten beiden Bücher des früheren Deutsche Stimme-Redakteurs und Aula-Mitarbeiters Jürgen Schwab aus welchem Grund auch immer verpasst hat, hat jetzt durch die Lektüre des neuen, im Tübinger Hohenrain-Verlag erschienenen Werkes Volksstaat statt Weltherrschaft die Gelegenheit, das Versäumte nachzuholen. Zum Teil werden ganze Passagen wortident übernommen, jedenfalls aber bleibt das Grundanliegen das Gleiche. Schwab möchte über den Staat reden, darüber, wie er sich aus seiner Sicht im Moment darstelle und darüber, wie er künftig sein solle. Thematisch beginnt die Abhandlung bei televisionären Schmuddelformaten und endet beim Konzept eines Ständestaates unter einem quasi monarchischen Herrscher. Auf dem Weg dorthin offenbart Schwab in nicht zu knappem Ausmaß so manche Absonderlichkeit in seinem Weltbild, was nicht selten die Frage aufwirft, ob der Verfasser und viele seiner Leser im gleichen Land, ja ob sie überhaupt auf dem gleichen Planeten leben. Die Bundesrepublik Deutschland und ihre freiheitlich-demokratische Grundordnung mutieren bei Schwab zu einem einzigen Sündenpfuhl an Volksverrätern und fremdbestimmten Führungsschichten, die planvoll die Vernichtung des deutschen Volkes anstreben, grundlos aufrechte Patrioten verfolgen und diese mit Dämonisierung und Zensur belegen würden. Dass dabei selbst die FPÖ und die Republikaner, ja sogar rechtsnationale Politiker wie Franz Schönhuber in den Verdacht geraten, Wegbereiter eines langsamen Volkstodes zu sein, engt zusätzlich noch einmal den Kreis jener Deutschen ein, die diesen Namen nach Schwabs Dafürhalten noch verdienen und deshalb mit dem Aufbau der von ihm ersehnten neuen Ordnung betraut sein sollten, die übrigens nach eigener Aussage auf Menschenrechte gern verzichten kann. Am Ende bleibt im Grunde für diese Aufgabe dann auch lediglich das Umfeld der Null-Komma-Partei NPD übrig, die grölenden Glatzköpfe ihrer Straßenaufmärsche, ihre sektiererischen Berufsfunktionäre und ihre aberwitzigen Revolutionsfantasten wie Oberlercher oder Mahler, um jene Elite zu bilden, die allein die absolute Wahrheit in Gestalt des lebensrichtigen Menschenbildes erkannt hätte und dieses nun langfristig in die politische Praxis umsetzen sollte. Schwab klärt dankenswerterweise auch darüber auf, dass dieses der Ausdruck eines positiven, idealistischen Deutschtums sei und selbstverständlich nichts mit fremdenfeindlichen Straftaten zu tun hätte, und man fragt sich in der Tat, wie man angesichts des Gebarens dieser Partei (die Ausländer in Presseerklärungen als Zivilokkupanten bezeichnet und bekennende Neonationalsozialisten und auch Angehörige gewaltbereiter Gruppen gerne als Redner und Kongressteilnehmer begrüßt) überhaupt jemals auf diesen Gedanken kommen könnte... |
|
Dennoch bleibt der Neue Nationalismus, für den er sich stark macht, im Grunde ein alter Hut, zu dem wahllos Versatzstücke der Konservativen Revolution von 1919ff. mit populistischen Gemeinplätzen und Erkenntnissen aus den Elfenbeintürmen des völkischen Gettos zusammengeflickt wurden. Wenn Schwab das Abstammungsprinzip zum politischen Dogma erhebt, ohne auch nur daran zu denken, dass die Situation der Revolutionäre zu Zeiten der deutschen Zersplitterung im 19.Jahrhundert sich doch in manchen Bereichen von jener des doch in seiner Substanz weitgehend gesicherten deutschen Nationalstaats von heute unterscheiden könnte, erklärt er die deutsche Nation faktisch zu einem unwandelbaren Museumsstück, das des Denkmalschutzes für die Ewigkeit bedürfte, um überleben zu können. Wer nicht über Generationen hinweg eine rein deutsche Abstammung aufweist, würde nach Schwab auch dann nicht zur deutschen Nation gehören können, wenn er täglich auf dem Berliner Ku-Damm das Deutschlandlied in sämtlichen Strophen singt. Da Schwabs Konzept auch die Rückführung von herkunftsmäßigen Ausländern mit einschließt, die bereits seit Jahrzehnten einen deutschen Pass besitzen, offenbart sich, dass er einen Stilbruch gegenüber der Gedankenwelt der Deutschen Revolution von 1848 dort nicht scheut, wo ihm das Festhalten an der Tradition als inopportun erscheinen würde: Eine solche Maßnahme würde nämlich voraussetzen, dass so ziemlich alle tragenden Prinzipien des Grundgesetzes, das ja zu einem nicht geringen Anteil auf die damaligen Ziele eines demokratischen Verfassungsstaates zurückgreift, in der neuen Ordnung nicht mehr gelten würden. Jenes Deutschland, das Schwab und den Vordenkern seines Neuen Nationalismus vorschwebt, würde zwar ohne Ausländer und ohne Mitgliedschaft in internationalen Organisationen auskommen, dafür wäre es aber immerhin mit der Errungenschaft eines Parlaments gesegnet, das nur noch drei Parteien aufweisen dürfte, nämlich eine für die Arbeiter, eine für die Grundbesitzer und eines für die Eigner von Produktionsmitteln, wobei nicht ganz klar ist, worunter dabei etwa jener Kohlekumpel fallen soll, der sich vom Ersparten eine kleine Datsche mit Garten am Stadtrand kauft und dort gelegentlich mithilfe von Vorrichtungen, die gleichfalls in seinem Eigentum stehen, Schnaps brennt. Das Wahlrecht würde sich zudem nach der Zugehörigkeit zur Berufsgruppe des Einzelnen bestimmen, einen prägenden Einfluss auf die Staatsgeschäfte würden ständische Körperschaften (und dabei wohl vor allem ihre Funktionäre) erlangen. Bürokratenwillkür und Verwaltungsapparate, die selbst realsozialistische Verhältnisse spielend in den Schatten stellen, wären dadurch vermutlich vorprogrammiert. Immerhin würde uns auf diese Weise vielleicht der Spaßwahlkampf eines Guido Westerwelle erspart bleiben... Auch wer mit Recht so manche Heuchelei und Doppelmoral anprangert, die dem Kampf gegen Rechts in einigen Institutionen innewohnt, auch wer nicht ohne jede Substanz auf Zustände in Staat und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland hinweist, die dringend einer Veränderung bedürfen, wird kaum verkennen können, dass jenes Konzept, das Jürgen Schwab verficht, abgesehen von seinen rechtsstaatsverachtenden und inhumanen Zügen im Umgang mit Nichtdeutschen vor allem auch noch den Rest jener Kontrollmöglichkeiten und demokratischen Mitbestimmungsrechten beseitigen würde, die das politische System des Landes gewährleistet und das jedenfalls die Aussicht bietet, untaugliche Eliten durch gleiche, freie und geheime Wahl auszuwechseln. Immerhin lässt die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland Jürgen Schwab und seinen Mitstreitern die Freiheit, sie zu diffamieren und an ihrer Stelle faktisch die Diktatur einer selbst ernannten Gegenelite in Gestalt einer Art völkischen Klerus` zu fordern, ohne durch die Anwendung von Willkürgesetzen oder auch nur durch Indizierung die Verbreitung solcher Thesen zu behindern. Umgekehrt gewährleistet sie dadurch aber auch die Freiheit des mündigen Bürgers, auf den Erwerb von Pamphleten dieser Art zu verzichten oder diese mit Kopfschütteln oder gar zu Zwecken der Belustigung zu lesen. Letzteres könnte man in Anbetracht des Inhaltes der Schrift durchaus auch als Ausdruck von Souveränität begreifen. Max Ohl Jürgen Schwab Volksstaat statt Weltherrschaft, Hohenrain Verlag Tübingen 2002, 412 Seiten; ISBN 3-89180-067-3; Preis: EUR |