Die konservative Informationsbasis im Internet |
![]() | |
| Zugriff
Nr.: |
![]() |
Nein, einen Schlapphut trug er nicht, der IM "Clemens" aus der Eisenacher Straße in Berlin- Schöneberg. Wohl aber die Dienstmütze der West-BVG. Ein ganz gewöhnlicher Spitzel: Als Diener zweier Herren kutschierte er einen der großen Busse auf den Linien 75, 41, 73 und 77 durch den Bezirk Neukölln. In seiner Freizeit traf er sich fast 25 Jahre lang als inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi mit seinen MfS-Führungsoffizieren in Ost-Berlin oder Potsdam.von Lutz-Peter Naumann Der Axel-Springer Verlag war der Stasi seit seinem Bestehen eine "Feindzentrale im Operationsgebiet" - gemeint war der freie Teil Deutschlands einschließlich West-Berlins. Dieter G. (Jahrgang 1935) alias "Clemens" sollte unter anderem das verhaßte Verlagshaus ausforschen. Seine Führungsoffiziere, Hauptmann Link und Major Böhm von der Stasi- Bezirksverwaltung Potsdam, rühmten ihren "Kundschafter" bereits im April 1978: "Bei dem IM "Clemens" handelt es sich um einen langjährigen IM zur Erarbeitung von Regime-Informationen und zur Schaffung einer Kontaktmöglichkeit zu einem mittleren SPD-Funktionär genutzt." Und weiter: Es "kann eingeschätzt werden, daß der IM ehrlich mit dem MfS zusammenarbeitet. In der Vergangenheit hielt sich der IM im wesentlichen an die ihm gegebenen Instruktionen. Als Agenten eingefangen hatte die Stasi den Busfahrer, der 1955 aus der DDR geflüchtet war, beim ersten Passierschein- Abkommen für West-Berliner im Jahre 1963. Er habe damals alte Bekannte besucht und eine Freundin kennengelernt, sagt Dieter G. heute. Um seine Braut regelmäßig zu sehen, habe er sich eine westdeutschen Reisepaß besorgt, mit dem man damals jederzeit in den Osten reisen durfte. "Plötzlich wurden wir beim Spazierengehen von mehreren Stasi-Leuten in Ost-Berlin in ein Auto gezerrt und nach Oranienburg gebracht." Dort sei er eine Nacht lang verhört worden. Der Vorwurf: Er wolle seine Freundin zur Republikflucht verleiten. Ein Stasi-Vernehmer habe gedroht: "Entweder Sie arbeiten für uns oder Sie verschwinden hier für einige Jahre im Bunker." G. unterschrieb eine Verpflichtungserklärung. Schließlich drohte der Stasi-Mann für den Fall, daß sich "Clemens" im Westen offenbare: "Wir kriegen Sie schon." Und so spielte der West-Berliner mit. Im Axel-Springer-Verlag tauchte "Clemens" nach einer telefonischen Bitte um ein Gespräch über Familienzusammenführung im Sommer 1978 auf. Hauptmann Link hatte zuvor ein zwölfseitiges Papier ausgearbeitet. Ein der Stasi besonders lästiger Journalist (gemeint war Naumann, Die Redaktion), der vorwiegend über Ausreisewillige, Häftlinge und Flüchtlinge schrieb, sollte "operativ aufgeklärt" werden. Und so tischte der Busfahrer im Journalistenclub des Verlags allerlei Legenden auf. Seine Braut in Ost-Berlin sei schwanger, sie wolle zu ihm in den Westen. Zu gern hätte sich der Stasi-Bote eine Weitervermittlung an Fluchthelfer empfehlen lassen. Doch "Clemens" mußte sich mit dem Rat begnügen, in Ost-Berlin erst entsprechende Anträge zu stellen und die "zuständigen Organe" abzuklappern. Dann sei es möglich, über die verweigerte Familienzusammenführung zu berichten. Zehn Tage später traf sich "Clemens" mit zwei Stasi-Offizieren, die er nur mit den Vornamen "Eberhard" und "Lothar" kannte, im konspirativen Objekt "Heiden in Potsdam und erstattete einen fünfseitigen Bericht. Detaillierte Beschreibung des Journalisten: "Ich muß sagen, daß er eine sympathische Erscheinung ist." 1983 heiratete "Clemens" seine Braut in Ost-Berlin, mit der er unterdessen zwei Kinder hatte. Im selben Jahr durften sie zu ihm übersiedeln. 1987 brach "Clemens" den Kontakt zur Stasi ab. Auf die Frage, warum er sich nicht früher westlichen Sicherheitsbehörden offenbart habe, sagt der inzwischen pensionierte Busfahrer: "Ich hatte Angst vor beiden Seiten." Nach eigenen Angaben hat er für das Vierteljahrhundert Agententätigkeit 12 000 Westmark erhalten. Naumann unterbrach die Rede Ulbrichts durch Trinklieder22. Juni 1972: "In der Strafsache gegen Lutz-Peter Naumann, geb. am 10. Juli 1944 in Papitz, seit dem 3.12.1971 in der UHA (MfS) Potsdam, wegen staatsfeindlicher Hetze hat der 1. Strafsenat des Bezirksgerichtes Potsdam in der Hauptverhandlung am 7. - 14. Juni 1972 für Recht erkannt: Der Angeklagte wird wegen mehrfach begangener staatsfeindlicher Hetze zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren verurteilt." Begründung: Der Angeklagte nahm die am 31. Dezember 1964 gehaltene Neujahrsansprache des Vorsitzenden des Staatsrates, Walter Ulbricht, auf Tonband auf. Im Jahre 1966 entschloß er sich, diese Ansprache durch Einblendung von Musiktiteln überwiegend westlicher Herkunft sowie gesprochener Texte zu entstellen ... An der Stelle der Ansprache, in der der Vorsitzende des Staatsrates ausführte, daß die DDR bei der Erfüllung des Perspektivplanes bis 1970 gut vorangekommen ist, blendete der Angeklagte den Schlager 'Soviel Träume müssen in der Welt vergehen' ein ... Nach den Ausführungen Walter Ulbrichts, allen DDR-Bürgern gehöre der Staat der DDR und seine hochentwickelte Volkswirtschaft, folgte der Schlager ,Träumen, ist das nicht wunderschön' ... Die Diffamierung der deutsch-sowjetischen Freundschaft wird besonders an folgender Stelle deutlich: Walter Ulbricht verwies darauf, daß die DDR seit Jahren mit der UdSSR und den anderen Bruderstaaten den Jahreswechsel in bester Freundschaft feiert. Daran schließt sich an der Titel: ,Das kann morgen vorbei sein ...'.An anderen Stellen unterbrach der Angeklagte die Ansprache durch Trinklieder ... " |