Die konservative Informationsbasis im Internet

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pingreen.gif 1 KB Wo Übersetzer sich über vieles hinwegsetzen

Die komplexen Umgestaltungsprozesse in der Sowjetunion erfordern im Interesse objektiver Information eine korrekte Vermittlung der Perestrojka-Texte. Wer jedoch die russischen Originale mit den in der Bundesrepublik veröffentlichten deutschen Fassungen vergleicht, begegnet schon bald Ungereimtheiten, Textentstellungen und sogar dreisten Falschbehauptungen.

von Prof. Dr. phil., Diplom Dolmetscher Günter Friedrich Kratzel

Politisch interessierte Hamburger Bürger werden sich daran erinnern, daß Gorbatschows international vielbeachtete ZK-Rede vom 27. Januar 1987 "über die Umgestaltung und die Kaderpolitik der Partei" kurz danach in einer deutschen Übersetzung der Moskauer Presseagentur Nowosti (APN) in den Hamburger Bücherhallen auslag. Wer jedoch in Kenntnis dieses deutschen APN-Textes den bald darauf in den Buchhandlungen ausgestellten "Sonderdruck Nr. 340" der "Blätter für deutsche und internationale Politik" (Pahl-Rugenstein Verlag) in die Hand nahm, dort unter dem Titel "Wir brauchen Demokratie wie die Luft zum Atmen" veröffentlicht, stieß auf eine Fülle von Divergenzen gegenüber dem APN-Text, obwohl die gleiche Übersetzung zugrunde liegt.

Vor allem begegnete er plötzlich 51 Zwischenüberschriften, gegen die allerhand einzuwenden ist; denn sie täuschen zum Beispiel thematisch gebündelte Inhalte vor, was nicht nur vielfach garnicht zutrifft, sondern vor allem jene Leser auf eine falsche Fährte lockt, die den Text nur zur Schnellinformation überfliegen wollen und die - angesichts von Zusatzüberschriften wie "Freier Geist in einem freien Land", "Die Rolle der Jugend", "0ffenheit", "Festigung der Rechtsordnung", "Aktive Sozialpolitik" - den trügerischen Eindruck gewinnen müssen, daß von Lenin und dem Leninismus, vom "demokratischen Zentralismus" , vom Bolschewismus und Kommunismus nicht mehr die Rede sei. Wie soll auch jemand, der den Text nur mal überblättert, um schnell einen gewissen Gesamteindruck zu bekommen, ahnen, daß in einem Zwischenkapitel unter der Zwischenüberschrift "Wesentlich erweiterte Gewerkschaftsrechte" Gorbatschow davon spricht, daß die "atheistische Erziehung richtig in Schwung kommen" müsse und daß dort weniger von Gewerkschaftsrechten die Rede ist als vielmehr von der Formung des Bewußtseins der Werktätigen "im Sinne der Umgestaltung" als einer "Schlüsselaufgabe in der ideologischen Arbeit"?

Wer subtile Retuschen argwöhnt, findet sich bestätigt, zum Beispiel an jener Stelle, wo Gorbatschow die zu Stolz berechtigenden moralischen Werte des Sowjetvolkes zitiert, nämlich "ideologische Überzeugtheit, Arbeitselan und sowjetischen Patriotismus", die Redaktion der "Blätter" aber das Wörtchen "ideologische" wegläßt, oder dort, wo Gorbatschow "die weitere Demokratisierung der sowjetischen Gesellschaft" als eine "unaufschiebbare Aufgabe der Partei" bezeichnet, die Redaktion aber "der Partei" nicht übernimmt. Beschränken sich die eben genannten Eingriffe im wesentlichen auf eigenmächtige Umgliederungen des Originaltextes, so erweist sich die deutsche Fassung eines weiteren bedeutsamen Zeitdokumentes, des "Perestrojka"-Buches von Gorbatschow, als ein wahrer Sumpf von Falschübersetzungen, Ursache ist die offensichtlich ohne Hinzuziehung des russischen Originals veranstaltete Übersetzung aus dem Amerikanischen, lobenswert getreulich gemacht, aber auch in getreulicher Reproduktion aller amerikanischen Fehler.

Da ist von Vollbeschäftigung" die Rede statt von "Beschäftigung", von "sittlichem" statt "geistigem" Klima, von "Neubeurteilung" statt "Umwertung" der Werte (bei Lenin!). von "Gesetzen" statt von "Gesetzgebung", von "Bildungsreform" statt von "Schulreform" von "Sowjetunion" Statt von Sowjetrepublik" von "Pflicht" statt "Bedarf", von "schwieriger und heroischer Geschichte" statt von einem "mühseligen Alltag", vom "russischen Volk" statt von der "russischen Nation" (im Zusammenhang mit der Nationalitätenfrage!), von "allen Bereichen der Gesellschaft" statt von "allen Schichten , . .", von einer "westeuropäischen" Zeitung statt von einer "westdeutschen", von "Grundrechten" statt von "existentiellen Interessen" , von "offener Diplomatie" statt von "Volksdiplomatie", vom "Grundstein für die Aufteilung Europas" statt von der "Grundlage der Nachkriegsordnung Europas", von einer "Wirklichkeit, die aufgrund von Vereinbarungen nach dem Zweiten Weltkrieg entstand" statt von einer "Realität, die durch die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges geschaffen wurde" von der "Einigung (der Großmächte) in Potsdam" statt von der "Einheit" Deutschlands, schließlich gar von "Marx" statt von "Engels".

Gorbatschow spricht unter anderem auch nicht von der Beurteilung der "Ernsthaftigkeit der Bestrebungen einer Partei", sondern von der Beurteilung der "Seriosität der führenden Kommunistischen Partei", an anderem Ort wiederum nicht von "Herrschenden", sondern von "herrschenden Klassen" . Auch sieht er in der Entwicklung von der Urgesellschaft zum Sozialismus des 20 Jahrhunderts nicht "natürliche Sprossen auf der Leiter der Geschichte", sondern "gesetzmäßige Stufen einer einzigen historischen Leiter" Und dies ist nach Gorbatschow auch nicht eine "unvermeidliche Evolution der Welt" sondern ein "unausweichlicher Weltprozeß" - eine Falschübersetzung, die seinerzeit gar bundesdeutsche Wissenschaftler veranlaßte, darin ein klar angezeigtes Abschwenken des Kreml-Chefs vom revolutionären zum evolutionären Denken zu erblicken.

Daß auch der "Spiegel" in diesem Szenario vertreten ist, wird wohl nicht alle seine Leser überraschen. Ahnungslose werden bereits geleimt, wenn sie die Ankündigung der neuen "Extras" in Nummer 411990 lesen, wonach "die erste Exklusivbeilage... die Abonnenten mit diesem ,Spiegel-Heft' (erreicht): Michail Gorbatschows große Grundsatzrede über ,Die sozialistische Idee und die revolutionäre Umgestaltung'"; denn, intellektuelle Redlichkeit unterstellend, glauben diese Leser aus der Ankündigung schließen zu können, daß ihnen eine vollständige Übersetzung der Gorbatschow-Rede vorgelegt wird. Und auch das separate "zeitgeschichtliche Dokument" selbst scheint ihre Logik zu bestätigen, da es nirgendwo erkennen läßt daß es sich nur um eine Auswahl handelt, am Schluß nicht einmal um eine Auswahl, da die letzten 25 Prozent des Textes völlig weggelassen wurden. Aber auch mehr als 22 Prozent des übrigen Textes fehlen, so daß dem Leser insgesamt fast die Hälfte des Gesamttextes vorenthalten wird, bezeichnenderweise auch jeglicher Hinweis auf die Quellen - die sowjetische Parteizeitung "Prawda" vom 26, November 1989 bzw. die theoretische und politische ZK-Zeitschrift "Kommunist" vom Dezember 1989. Und wie der "Spiegel" -Leser inhaltlich in die lrre geführt wird, demonstriert gleich das erste Kapitel; denn Gorbatschow beendet es eben nicht, wie dies vorgespiegelt wird, mit der Aussage, daß sich auf dem Weg des Sozialismus und in "Abwendung vom autoritär-bürokratischem System" ein "wahrhaft demokratischer, selbstververwaltender (sic!) gesellschaftlicher Organismus herausbildet", sondern mit fünf weiteren Sätzen. Dort ist die Rede von einer revolutionären Übergangsperiode, von einem "Wettkampf verschiedener ökonomischer und sozialer Formen, Institute und ideologischer Tendenzen", wobei ein "neues Antlitz des Sozialismus" sich herauskristallisiere, ein Erneuerungsprozeß, der in das 21. Jahrhundert hineinlaufen werde.

Hierbei stütze man sich auf das "gigantische intellektuelle und sittliche Potential der sozialistischen Idee einer humanen, freien und rationalen Gesellschaft", einer Idee, die "sich für uns mit der Theorie des Marxismus-Leninismus verbindet". Verborgen bleibt dem Leser dieser "Spiegel"-Dokumentation Gorbatschows Hinweis auf Marx, der den "Kampf für die Befreiung der Arbeiterklasse" als einen Kampf "um die Vernichtung jeglicher Klassenherrschaft" verstanden habe, wodurch "das Klassenprinzip als Vektor mit der Richtung des Fortschritts der Zivilisation zu Freiheit und Frieden zur Deckung gebracht worden sei. Unterschlagen wird Gorbatschows Hinweis auf die "besondere Rolle" de Kommunistischen Partei im "neuen gesellschaftlichen Organismus, einer Partei, die als "politische Avantgarde der sowjetischen Gesellschaft" die "edle und schwierige Mission" zu erfüllen habe, die Demokratisierungsprozesse usw. "im Rahmen eines Einparteiensystems" voranzutreiben.

Vorenthalten wird dem Leser so die Neudefinition der Parteifunktionen, unter anderem Gorbatschows Mahnung, die Partei müsse ihre "prognostische Tätigkeit durch Erweiterung der theoretischen Arbeit auf der Grundlage der marxistisch-leninistischen Prinzipien und Werte" leisten. Und verschwiegen wird seine Aussage, daß die Umdefinition der Parteifunktionen auch die "Stellung der Partei im politischen System als geistige, politische und sittliche Avantgarde des Volkes" neu bestimme und daß die schwierige Gegenwartssituation "die Zweckmäßigkeit der Beibehaltung des Einparteiensystems" diktiere, wobei die Partei die "Entwicklung des Pluralismus fördern" werde.

Auch die Literatur über die Perestrojka bietet Erstaunliches. Wahre Glanzlichter setzte der Hamburger Politologe Lothar Jung in seinem Buch "Wir haben begonnen, umzudenken". Dort stellte er unter anderem die Behauptung auf, das neue Parteiprogramm der KPdSU von 1986 sei "von jeglicher revolutionären Rhetorik gereinigt" und dies angesichts jenes ersten Programmteiles, den man gerade wegen seines im Vergleich mit dem Programm von 1961 knapperen Umfanges gar nicht anders denn als eine konzentrierte revolutionstheoretische Orgie bezeichnen kann. Doch Jung geht noch weiter. Nicht mehr, so behauptet er, stünde im neuen KPdSU-Programm 1986, daß die Welt des Kapitalismus "schrumpft", aber genau das Gegenteil steht dort: "Die allgemeine Krise des Kapitalismus vertieft sich (dies sogar in Fettdruck!). Unaufhaltsam schrumpft sein Herrschaftsbereich."

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