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"Mancher IM war natürlich auch ein Garant für den inneren Frieden der DDR gewesen." Dieser Satz stammt nicht von Manfred Stolpe, sondern von einem anderen Diplomjuristen, von dem Meistermelker Dr. Peter-Michael Diestel, der dem Bayrischen Fernsehen während seiner Dienstzeit als DDR-lnnenminister über den Umgang mit den Stasi-Akten sagte, daß ihm "eine Vernichtung dieses Materials sehr nahe am Herzen" lag.von Hans-Ulrich Langner Dies ist keine verspätete Reue des Ministers, das gehört zu den Fakten und Argumenten zum Umgang mit den Stasi-Akten, die 1994 anläßlich des 5. Jahrestages der friedlichen Besetzung der "Runden Ecke" in Leipzig einem interessierten Hörerkreis und nun auch dem aufgeschlossenen Leser zu Teil wurden. (Einblick in das Herrschaftswissen einer Diktatur - Chance oder Fluch? Westdeutscher Verlag Opladen, 27,80 DM, herausgegeben von Tobias Hollitzer im Auftrag des Leipziger Bürgerkomitees.) Schade, daß die Veröffentlichung so lange brauchte; zu betonen ist die sorgfältige Edition. Das Leipziger Bürgerkomitee, bekannt durch seine unnachgiebigen Forderungen nach Offenlegung der MfS- Unterlagen, bekannt durch das Buch "Stasi intern", dem ersten großeren Bericht über Macht und Banalität des SED-Staates, hatte ein Seminar einberufen, das Bestand und Richtigkeit der Entscheidung hinterfragte, die Akten des MfS zu erhalten und zu öffnen. "Herrn Diestels Kampf gegen die Geschichte" (so Henryk M. Broder) - und der Prozeßhansl verlor ihn in seiner Klage gegen das Leipziger Bürgerkomitee - ist nur einer dieser Vorträge, die von den Referenten zum Druck überarbeitet und mit Anmerkungen ergänzt wurden. Die Namensliste der Verfasser ist ein deutschlandweites und leipzigspezifisches "Who is who" des "Ringens um Wahrhaftigkeit in unserem Volk" , so der Sächsische Staatsminister der Justiz, Steffen Heitmann, zur Eröffnung. Neben Joachim Gauck kommt seine Leipziger Außenstellenleiterin Regina Schild zu Wort, neben Manfred Kittlaus. der Leipziger Präsident des Landgerichtes, Martin Burkert, neben Günter Nooke vom Stolpe-Untersuchungsausschuß und Hans-Jürgen Grasemann aus Salzgitter der Leipziger CDU-Fraktionsvorsitzende Walther Wojcik neben Friedemann Stengel von der Martin-Luther- Universität Halle Ulrich Schacht von der "Welt am Sonntag". Weitere Namen aus Deutschland und wiederum spezieIl aus Leipzig wären zu ergänzen. Es ist von den Etappen der Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit zu lesen und vom täglichen Umgang mit den Stasi-Akten, von dem Kampf für Gerechtigkeit nach dem Untergang der SED-Diktatur und den Aspekten und Grenzen der strafrechtlichen Rehabilitierung, die politische Dimension des Falles Stolpe wird erläutert, die Arbeit der Erfassungsstelle des SED-Unrechtes in Salzgitter und die Beurteilung der Zusammenarbeit mit dem MfS in Leipzigs Stadtparlament: es ist gesammeltes Insider-Wissen. Fachleute sprechen eindringlich und mit größter Sachkenntnis über die Bedeutung der Akten für die historische und zeitgeschichtliche Forschung, für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Diktaturen, für die personelle Erneuerung, für die Erkenntnis der eigenen Vergangenheit und über die gesetzlichen Grundlagen für den Umgang mit den Akten. "Und wenn einige Leute aus unseren Kreisen, auch aus unseren Kirchenkreisen und sogar einige alte Freunde von uns jetzt die Auseinandersetzung scheuen, weil sie einen schnelleren inneren Frieden wollen, so widersprechen wir deutlich." (Joachim Gauck) "ln vielen Fällen ist es auch ratsam, den Antrag in wenigen Jahren zu wiederholen, da dann auf einen höheren Erschließungsstand der Unterlagen zurückgegriffen werden kann." (Regina Schild) - "Es bleibt nichts verborgen, die Betroffenen und die Wissenschaft konnten aber zu spät kommen." (Manfred Kittlaus) - "Als ich im März 1991 mit den Rehabilitierungen in Leipzig begann, wurde ich von all den vielen Menschen, die mich sprechen wollten, regelmäßig zuerst gefragt, ob ich West-Richter sei, was ich mit meiner fränkisch gefärbten Sprache sehr leicht untermauern konnte." (Martin Burkert) - "Denn immerhin ist Herr Engholm noch zurückgetreten, weil er einen untersuchungsausschuß belogen hat." (Günter Nooke) - " Der frühere Niedersächsische Justizminister Arwid von Nottbeck hat den und den Zweck der Zentralen Erfassungsstelle 1961 in einem Satz zusammengefaßt: ,Es soll nichts vergessen werden, und es soll auch nichts verjähren.'" (Hans- Jürgen Grasemann) - "Der Ausschuß hat es immer abgelehnt, zur Klärung des Grades der Zusammenarbeit Führuungsoffiziere zu befragen. Ein Lügner von damals ist für uns auch jetzt nicht glaubwürdig." (Walther Wojcik). In diesem Zusammenhang soll auf die schuldhafte Verstrickung auch von einigen Theologen hingewiesen werden, die zur Urteilsbegründung mit ihrer IM-Tätigkeit beitrugen." (Friedemann Stengel) - "Denn das ist die entscheidende Methode, um zu verhindern, daß ein ,Zweckverband Abfallbeseitigung Ostelbien' die ,Grube Mielke' bei Potsdam einfach zuschütten läßt." (Ulrich Schacht) - "Die seit dem Prozeß gegen Galileo Galilei geltende Erfahrung, daß nichts mehr Mühe erfordert als der Nachweis des Offensichtlichen, - hat sich auch beim Verfahren gegen Diestel bestätigt." (Henryk M. Broder). Das ist kein Lesebuch. Diese Dokumentation lebt von dem Schwung und dem Elan des freien Wortes: des befreiten und des befreienden Wortes. Wenn die Präsidentin des Deutschen Bundestages, Frau Dr. Rita Süßmuth, in ihrem Grußwort als Schirmherrin der Tagung sagte, daß diese weit über den Kreis der Teilnehmer hinaus Beachtung finden möge, so sind nun wiederum Möglichkeiten geboten worden, die Strukturen von Diktaturen zu erkennen, um den Wert der Freiheit und der Demokratie zu begreifen. Die Greußener JungsAnfang Oktober 1945 wurden infolge einer Denunziation 38 unschuldige Jugendliche in der thüringischen Kleinstadt Greußen vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verhaftet und schließlich in Sachsenhausen, dem Lager 7 des NKWD, interniert. Diese Geschichte, die den Vorzug hat, wahr zu sein, hat Günter Agde in seinem Buch "Die Greußener Jungs" an Hand von spärlich und vorsichtig kommentierten Dokumenten dargestellt. Nur sieben von den 38 Jungen haben das Lager überlebt, 31 finden den Tod. Verantwortlich dafür ist ein Mann, dessen charakterliche und intellektuelle Beschaffenheit aus den Dokumenten der Partei (SED) und der Polizei deutlich wird. Aber nicht die charakterliche Qualifikation eines Denunzianten ist entscheidend für die Haltung und die Maßnahmen einer Besatzungsmacht; ihre vorbereitete Auffassung in Hinblick auf die Behandlung des besiegten Gegners war entscheidend. Es war damals so, daß jeder kleine Kretin jeden anderen in Gefängnis bringen konnte. Und da liegt der Wert dieses Buches. Hier wird eine geschehene Geschichte anhand von Dokumenten dargestellt, die deutlich die unmittelbare Nachkriegszeit in der Sowjetischen Besatzungszone schildert. Der Kampf der EItern um ihre Kinder, die damalige Bürokratie, die Ohnrnacht der Deutschen gegenüber den Sowjets, die vergeblichen Bemühungen der Evangelischen Landeskirche in Thüringen, alles daß zeigt dieses ausgezeichnete zeitgeschichtliche Werk auf. Geschichten von großer Kraft erfahren. Agde, Günter, "Die Greußener Jungs", Dietz-Verlag Berlin, 1995. Preis: 30,- DM. |