Die konservative Informationsbasis im Internet

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pingreen.gif 1 KB Die letzte kreditwürdige Immobilie der DDR

Wer am 9. November 1989 kurz vor 19 Uhr den Fernseher eingeschaltet hatte, konnte erleben, wie der letzte Medienzar der DDR, Günter Schabowski, offenbar unsicher in seinen Unterlagen kramte, seine Rede mit immer mehr ähs streckte und auf der Suche nach einem Souffleur immer wieder über seine Halbbrille in die Runde schaute. Er teilte einer mehr und mehr erstaunt zuhörenden Weltöffentlichkeit mit, daß die SED-Spitze sich entschlossen habe, eine Regelung zu treffen, die "die ständige Ausreise regelt, also das Verlassen der Republik". Dann liest er die neue Reiseregelung, die der Ministerrat beschlossen haben soll, von einem Zettel ab. Wann das in Kraft träte, wird er gefragt. "Sofort, unverzüglich!" entnimmt er wieder den Papieren. Krampfhaft versucht Schabowski, die Grundzüge seiner eigenen Politik zu begreifen.

von Hans-Ulrich Langner

"Haste gesehen?" fragt der Generaldirektor des ADN, des Nachrichtendienstes der DDR, den Regierungssprecher. "Der muß total verrückt sein" , erwidert dieser konsterniert.- "Herr Gauck", fragt ein überraschter Polizeioffizier aus dem Auto heraus den an diesem wie an jedem Donnerstag demonstrierenden Rostocker Pfarrer, "im Rundfunk sagen die eben, in Berlin ist die Mauer aufgemacht. Das kann doch nicht sein, ne." "Nee", sagt dieser, "das kann nicht sein. Das ist bestimmt 'ne Ente." Nicht einmal eine halbe Stunde später stehen in Leipzig und in Altenburg die ersten DDR-Bürger am Fahrkartenschalter und verlangen von den völlig entgeisterten Schalterangestellten der Deutschen Reichsbahn ohne den erforderlichen Sichtvermerk in ihrem Paß, also zutiefst verdächtig und staatsfeindlich, Fahrkarten in die Bundesrepublik. Drei Stunden später erzwingen herandrängende Ost-Berliner die Öffnung des Grenzüberganges Bornholmer Straße, sechs Stunden später tanzen Tausende Berliner auf der Panzermauer vor dem Brandenburger Tor.

Wer hatte der SED-Führung den Fall der Mauer "eingebrockt?" Um Schabowskis Pressekonferenz und um den folgenden Tag ranken sich bis heute immer noch Legenden. So wird geheimnist, dieser Zettel wäre ihm erst während der Pressekonferenz zugespielt worden, der KGB solle seine Hand im Spiel gehabt haben; es wird spekuliert, Egon Krenz habe die Mauer fallen lassen wollen. Tatsächlich handelte es sich bei diesem Zettel um ein Dokument des DDR-Ministerrates, das Schabowski unmittelbar vor der Pressekonferenz ausgehändigt erhielt.

Doch wer hatte die Freigabe von ständigen Ausreisen und Privatreisen entschieden, die Schabowski dort bekanntgab? Hatten Ministerrat, Politbüro und SED- Zentralkomitee überhaupt begriffen, daß dieser Beschluß nicht nur "die Situation der ständigen Ausreise von DDR-Bürgern nach der BRD über die CSSR" veränderte? (Wie von der Regierung der CSSR ausdrücklich gefordert.) War nicht vielmehr Krenz dieser seiner eigenen Suggestion erlegen, und hatte damit nur versehentlich "Privatreisen nach dem Ausland ohne Vorliegen von Voraussetzungen" ab sofort ermöglicht? Sollte nur das Problem der ständigen Ausreisen gelöst werden und waren die SED-Häuptlinge von vier leitenden Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit und des Ministeriums des Innern übertölpelt worden? Beruht die deutsche Einheit auf einem historischen Irrtum? In welcher Form war die Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken beteiligt und was hatte Gorbatschow dazu gesagt? Ist der Mauerfall eine nicht beabsichtigte Folge eines plötzlich Anfalles von sozialem Handeln der DDR-Spitze? Oder ist der Fall der Mauer gar, wie der Wittenberger Pfarrer und Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer mutmaßte, der letzte Versuch der SED, die Bürgerrechtler um ihre Revolution zu betrügen?

Was hat es zu bedeuten, daß am Folgetag, also am 10. November, die 1. Mot.-Schützen-Division und das Luftsturmregiment 40 der NVA in "erhöhte Gefechtsbereitschaft" versetzt wurden, und - mit dem Wachregiment und den Grenztruppen der DDR - etwa 30.000 Soldaten nicht mehr nur in den verfassungswidrigen "polizeilichen" Hundertschaften sondern plötzlich in ihrer militärischen Struktur eingesetzt werden konnten? Sollte mit diesen Truppenteilen, die der "Berliner Gruppe" der NVA und der Roten Armee angehörten und die den Einmarsch in und die Unterwerfung von West-Berlin jahrelang geprobt hatten, die Truppen des Warschauer Paktes den Zwischenergebnissen der Kerzenrevolution ein militärisches Ende bereiten? Was bedeutete der Befehl Gorbatschows die Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte, "ihre Kasernen nicht zu verlassen, was auch immer geschehen möge"? Wie versuchte der Genosse Alexander Schalck-Golodkowski in seinem Gespräch am 15.11.1989 mit dem Chef des Bundeskanzleramt, Rudolf Seiters, aus der letzten kreditwürdigen Immobile der DDR, der Berliner Mauer, politisches und kommerzielles Kapital zu schlagen?

Es ist außergewöhnlich, daß von einem Autor in zwei unterschiedlichen Verlagen zum gleichen Thema fast gleichzeitig zwei Bücher erscheinen, Hans-Hermann Hertle hat dieses Kunststück fertig gebracht. (Hans-Hermann Hertle: "Chronik des Mauerfalls, Die dramatischen Ereignisse um den 9. November 1989" , Ch. Links Verlag, Berlin 1996, 29,80 DM und "Der Fall der Mauer - Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates" Westdeutscher Verlag, Opladen 1996, 76,00 DM). Man kann vielleicht darüber streiten, ob das eine Buch nur eine Sparversion darstellt, lesenswert sind sie allemal beide, und der dicke Block aus Opladen ist nach den 330 Seiten des Links-Verlages viel interessanter.

Auf der Grundlage von Aktenbeständen der DDR-Archive, insbesonders des Politbüros und des Zentralkomitees der SED, des Ministerrates, des Staatssicherheit des Ministeriums des Innern, des Ministeriums für Nationale Verteidigung, der Staatlichen Plankommission der DDR, des Präsidiums der deutschen Volkspolizei in Berlin und des Polizeipräsidenten von West-Berlin, aus Gesprächen mit Mitgliedern der Politbürokratie der DDR und Generälen, Offizieren und Soldaten der Nationalen Volksarmee, der Grenztruppen und der Paßkontrolleinheiten des MfS, von Angeklagten und Verhafteten im Mauerschützenprozeß und von sowjetischen Diplomaten, von Politikern und Amtsträgern West-Berlins wurde ein nuancenreiches und umfassendes Bild jener Tage der Agonie eines Systems und des Beginns der Freiheit für alle Deutschen gezeichnet. Eduard Ackermann zitiert sein Telefonat mit Bundeskanzler Kohl an diesem Abend mit folgenden Sätzen: "Ich sagte: ,Herr Doktor Kohl, halten sie sich fest, die DDR-Leute machen die Mauer auf.' Er wollte es nicht glauben: ,Sind Sie sicher, Ackermann?' Ich erzählte ihm, daß ich die Pressekonferenz von Schabowski im Fernsehen verfolgt hätte und daß in Berlin bereits Menschen aus dem Ostteil herübergekommen seien. ,Das gibt´s doch nicht. Sind Sie wirklich sicher?' Ich sagte: ,Das Fernsehen überträgt live aus Berlin, ich kann es mit eigenen Augen sehen.' Kohl: ,Das ist ja unfaßbar!.´" Es ist faßbar. Es sollte immer in Erinnerung bleiben.

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