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Vorwort zu dem Buch von Robert Becker,

Der Wahrheit die Ehre! Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.

Dr. Böttiger Verlags-GmbH Wiesbaden, 2000, ISBN 3-925725-35-0, DM 38,80

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Helmut Bärwald

Nadel, grün

Der Wahrheit die Ehre! Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.

von Helmut Bärwald

Vorwort

Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buches befindet sich Deutschland in einer Situation fortschreitenden Werteverfalls; der Geschichtsverdrängung und Geschichtsverfälschung; der Denk- und Sprachregelungen. Politische, geistig-kulturelle, psychologische Klimaveränderungen entwickelten sich in den sechziger und siebziger Jahren. Diese Klimaveränderungen halten an. Das ethische und moralische Verhalten vieler Bürger und deren Bewußtsein für ethische Werte haben sich verändert, verbogen. Dazu zählen eine wachsende Loslösung von traditionellen Bindungen an Familie, Elternhaus, Nachbarschaften, Kinder und Vereine. Eine Dominanz individueller Werteorientierungen wie Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung zu Lasten von Tugenden wie Pflichterfüllung, Verläßlichkeit, Fleiß, Einfügung ins Ganze und Rücksichtnahme und eine zunehmende Neigung zur Gewaltbereitschaft. Zu diesen Erosionen von Werten gehören auch das Abwenden ja gar die Verächtlichmachung von Patriotismus. Vom Bekennen zum Vaterland und zur Muttersprache; zur ganzen Geschichte des eigenen Volkes.

Ein Kreis ehemaliger SPD-Mitglieder, unter ihnen Opfer des kommunistischen Terrors in Mitteldeutschland, rief Anfang der neunziger Jahre in einem Offenen Brief an Politiker aller demokratischen Parteien in Deutschland dazu auf, schleunigst der wachsenden Libertinage, dem zunehmenden Egoismus, dem abnehmenden Gemeinsinn und dem rapiden Verlust politischer Ethik kund Moral Einhalt zu gebieten und endlich wieder eine von den meisten Deutschen zu akzeptierende Staatsidee zu entwickeln. Die Mahner erinnerten an Tugenden wie Redlichkeit, Verlässlichkeit, Disziplin und Rechtstreue.

Andererseits werden von Leuten und Gruppen jedweder Couleur Sprachregelungen und Denkregelungen diktiert. Da wird zum Boykott von Verlegern, von Publikationen, von Wissenschaftlern aufgerufen. Da werden Meinungen, Standpunkte, wissenschaftliche Thesen; da werden Überzeugungen und das Hochhalten altbewährter moralischer, ethischer Werte diskreditiert. Da werden Giftwörter als Giftpfeile verschossen. Da werden positive Inhalte von Begriffen eliminiert und durch neue, diskreditierende Inhalte ersetzt. Da wird hier und da, meist auf verschleierte Art und Weise, Zensur ausgeübt und damit dem geistigen Totalitarismus, den Totalitären unerwünschte, unangenehme Meinungen, Wahrheiten, auch Beweismaterialien unterdrückt oder deren Verbreitung zumindestens behindert.

Diese Behinderungen, Verdrängungen, Verfälschungen, das "Der-Vergessenheit-Anheimfallen-Lassen", bestimmen seit vielen Jahren auch die Beschäftigung mit deutscher Geschichte, sowohl im wissenschaftlichen Bereich und im Bildungswesen, als auch in der Publizistik und in der vom diktierten, oktroyierten "Zeitgeist" beeinflußten sogenannten "öffentlichen Meinung".

Geschichtslehrer stellten mir in einem Seminar die Frage, aus welchen Gründen denn in Politik, Publizistik und Wissenschaft, in der Aufarbeitung deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert, zum Beispiel das System des international-sozialistischen Totalitarismus im deutlichen Gegensatz zur Aufarbeitung des national-sozialistischen Totalitarismus vernachlässigt wird. Ich vermochte und vermag auf diese Frage keine definitive Antwort zu geben. Ist es Arroganz und Ignoranz? Ist es politisch, ideologisch begründete «vorauseilende» Zerstückelung historischer Fakten und geschichtlicher Kontinuitäten? Ist es die Furcht Mancher, als ewig gestrige "Kalte Krieger" bezichtigt zu werden?

Doch kein Volk, auch nicht das deutsche Volk, kann sich aus seiner Geschichte davonstehlen. Jedes Verschweigen, jede Verdrehung und Verbiegung von Wahrheiten, sind nicht nur töricht und unrealistisch, sondern letztendlich schädlich und können Nährböden für das Entstehen neuer Diktaturen, und von Strukturen geistigen und politischen Totalitarismus bilden.

Fürwahr, alle kämpferischen Demokraten und Patrioten sind verpflichtet, allem Vergessen und Vergessenwollen zum Trotz, nach ihren Möglichkeiten alle Perioden, Abschnitte und Facetten deutscher Geschichte zu erforschen, zu analysieren, darüber zu schreiben und zu reden. Auch gegen die Stürme des sogenannten Zeitgeistes; auch gegen Mauern des Unverständnisses, der Ignoranz und Arroganz.

Es ist dringend geboten, daß sich das deutsche Volk, und nicht nur wenige diesem Volk Angehörende, zurückbesinnen auf die ganze, nicht nach Belieben in Fragmente geteilte Geschichte. Dazu gehören auch die faire kritische Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Ideen, mit Erfahrungen, und mit dem Handeln und dem Unterlassen von Individuen und Gruppen in bestimmten Perioden und Situationen; und das Begreifen und Lernen und das Ziehen von Konsequenzen für Handeln und Unterlassen in der Gegenwart.

All das Forschen, das Rückbesinnen, die Auseinandersetzung, müssen von der Verpflichtung bestimmt sein, "der Wahrheit die Ehre" zu geben.

Das hat Robert Becker in diesem Buch über einen Kampfbund kämpferischer Demokraten und Patrioten, dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, in vorbildlicher Weise getan. Der Sozialdemokrat Robert Becker, solchen sozialdemokratischen Führern wie Dr. Julius Leber und Dr. Kurt Schumacher verbunden, hat diese "Kampftruppe" von Demokraten gegen Totalitarismen jeglicher Couleur, gegen Links- wie Rechtsextremisten, engagiert und facettenreich beschrieben und zu recht als Vorbild für das Handeln kämpferischer, engagierter Demokraten in der Gegenwart dargestellt.

Robert Beckers Arbeit ist nicht nur ein Geschichts- und Erinnerungsbuch über das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Sie ist auch eine eindringliche Schrift der Ermahnung, der Aufforderung von Demokraten zum Handeln.

Der Vorsitzende der SPD in den westlichen Besatzungszonen, in der späteren Bundesrepublik Deutschland, Dr. Kurt Schumacher, forderte einmal im Bundestag die Verabschiedung eines Republikschutzgesetzes und stellte in diesem Zusammenhang klipp und klar fest, daß der Tod der Demokratie nicht die ihr feindlichen Prinzipien sind, sondern die Passivität, das Nichtkämpfen, und das auf die Auf-die -Gunst-der-Entwicklung-Hoffen der Demokraten. Ich füge hinzu: Und die Naivität, falsche Lagebeurteilungen, mangelnde oder verdrängte Geschichtskenntnisse sowie das "Vergessen" oder Verleugnen von Prinzipien, die für die kämpferische Auseinandersetzung mit allen Demokratie- und Freiheitsfeinden, mit politischen und geistigen Totalitarismen jedweder Couleur gültig sein müssen.

Ein Spruchband auf der von Demokraten im Februar 1968 nach einem kommunistischen "Vietnamkongreß" durchgeführten Freiheitskundgebung vor dem Schöneberger Rathaus in West-Berlin trug die Aufschrift "Wir wollen unsere Ruhe haben!". Ruhe vor den Demokratie- und Freiheitsfeinden, gewiß. Doch um diese "Ruhe" muß engagiert gekämpft werden. Die Ruhe und Beschaulichkeit politischer Abstinenzler sind keine Mittel, mit denen gefährdete Freiheit, gefährdete Demokratie verteidigt und bewahrt werden können.

Demokraten sollten in der Auseinandersetzung mit jeder totalitären Ideologie; bei der Abwehr und Zurückdrängung eines jeden geistigen Totalitarismus weder in Schrecken und Hysterie, noch in Erstarrung, Resignation, Gleichgültigkeit und ängstliches Schweigen verfallen. Gewiss sollte Toleranz ein Faktor dieser geistigen Auseinandersetzung und dieses Kampfes zur Erhaltung freiheitlicher demokratischer Prinzipien sein. Doch muss die Toleranz da ein Ende haben, wo sie zur Beseitigung jener Prinzipien mißbraucht wird.

Der langjährige Präsident des Freien Deutschen Autorenverbandes, Hubertus Prinz zu Löwenstein, als junger Mann aktiver Kämpfer im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold antwortete 1974 auf den als Schimpfwort gebrauchten Vorwurf, konservativ zu sein: "Konservativ? Ganz gewiss. Wir wollen den freiheitlichen Rechtsstaat konservieren."

Ich hoffe, daß die Arbeit Robert Beckers manchem Wissenschaftler, manchem Studierenden dazu bringt, sich intensiv mit dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold zu beschäftigen und dieses zum Thema wissenschaftlicher Arbeiten und Dispute macht.


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