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pingreen.gif 1 KB Gesellschaft für Soziale Demokratie e.V.

Verrat der Genossentreue

"Verratene Treue - Die SPD und die Opfer des Kommunismus"

1994 erschien in der Kölner Universitätsverlag GmbH das von Prof. Dr. Konrad Löw herausgegebene und mit einem Einleitungskapitel "Über Bedeutung und Stellenwert der Freiheit im demokratischen Sozialismus" versehene Buch "Verratene Treue - Die SPD und die Opfer des Kommunismus". Konrad Löw hat in diesem Buch die Schilderungen von elf Autoren gesammelt. Sie waren überwiegend Opfer des kommunistischen Terrors und beschreiben ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit der SPD, der sie lange Zeit angehörten oder nahestanden.

Zu den Autoren gehören drei Mitglieder des Vorstandes der Gesellschaft für Soziale Demokratie: Der 1996 verstorbene Wolfgang Düysen (Hamburg) berichtete unter dem Titel "Kommunisten im Staatsdienst"; Hermann Kreutzer (Berlin) fühlt sich "Zweimal von der SPD verraten"; und Helmut Bärwald, "Von der SPD zur Persona non grata erklärt".

Das Buch "Verratene Treue" ist vergriffen.

Wir dokumentieren den Beitrag von Helmut Bärwald. Dieser Bericht enthält zahlreiche Hinweise auf die Arbeit und den durch die SPD-Führung Ende der 60er Jahre verursachten Niedergang des Ostbüros der SPD.

Helmut Bärwald

Von der SPD zur persona non grata erklärt

Ich war kein "in der Wolle gefärbter" Sozialdemokrat. Zur Sozialdemokratie, zur SPD, kam ich nicht durch ein verfaßtes Programm, nicht durch die Beschäftigung mit einer Theorie. Zur Sozialdemokratie, in die SPD, hatten mich vielmehr das vorbildhafte Handeln und die überzeugenden, mit diesem Handeln übereinstimmenden Aussagen und "gelebten" Prinzipien von Sozialdemokraten, allen voran Kurt Schumacher, in der offensiven Auseinandersetzung mit dem Kommunismus geführt.

Im März 1928 wurde ich in Leipzig geboren, und wuchs in einem "gutbürgerlichen", national-konservativen Elternhaus auf. Kein Mitglied meiner Familie hatte jemals Kontakt zu SPD gehabt. Über die Sozialdemokratie in Deutschland erfuhr ich kaum etwas; außer den wenigen zumeist abfälligen Hinweisen in der Schule, wenn im Geschichtsunterricht die Weimarer Republik und deren Zusammenbruch zur Sprache kam.

Als Sechzehnjähriger meldete ich mich wie fast alle meine Klassenkameraden freiwillig als Reserveoffiziersbewerber (ROB). Anfang März 1945, wenige Tage vor meinem 17. Geburtstag, wurde ich zur Wehrmacht eingezogen, kam in eine an der tschechisch-österreichischen Grenze stationierten Ausbildungseinheit und geriet nach der Kapitulation in amerikanische Gefangenschaft. Nach wenigen Wochen entlassen, kehrte ich kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee in meine damals noch von den Amerikanern besetzte Heimatstadt zurück.

Politik war für mich und meine Freunde zu dieser Zeit kein Thema. Es galt, in der schwierigen Zeit nach Ende des Krieges halbwegs "über die Runden" zu kommen. Und es gab die kleinen und großen, unbezahlbaren und unvergeßlichen Freuden: den Zustand des Nicht-Krieges, die beginnende große Liebe, die Hoffnung, die Pläne und Illusionen für die Zukunft. Im Herbst 1945 begann wieder der Schulunterricht. Da gab es für den Oberprimaner den selbstgestellten Auftrag und nur das eine Ziel, ein ordentliches Abitur zu "bauen".

Gewiß hatte ich Interesse am politischen Geschehen; wohl wußte ich, was SPD und KPD, was LDP und CDU, was ab April 1946 die aus der Vereinigung von SPD und KPD entstandene SED, propagierten und taten. Gewiß bekam ich den Beginn der Bolschewisierung in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands mit und verspürte eine wachsende Beklemmung. Für eine aktive politische Betätigung empfand ich aber keine Begeisterung.

Doch dann, ab Sommer 1946, änderte sich vieles. Mein zukünftiger Schwiegervater, ein alter Sozialdemokrat, ein Gegner der Vereinigung seiner Partei mit den Kommunisten, erzählte mir begeistert über die deutsche Sozialdemokratie, über den Kampf vieler Sozialdemokraten gegen den Totalitarismus, gegen Diktaturen jeder Couleur; so auch gegen die sich entwickelnde kommunistische Zwangsherrschaft in der Sowjetischen Besatzungszone. Er erzählte von einem Dr. Kurt Schumacher, der "weit weg", als Vorsitzender der SPD in den westlichen Besatzungszonen, vernehmlich und unbeirrt vor der Diktatur jedweder Art, vor den Kommunisten, den "rotlackierten Nazis" warnte. Nun las ich genauer, mit steigendem Interesse und mit wachsender Anteilnahme eines politisch "Umherirrenden", was Kurt Schumacher schrieb, und was in der SBZ zum Beispiel im sozialdemokratischen "Telegraf" aus Berlin sowie in anderen Publikationen zu finden war. Nun hörte ich immer öfter Kurt Schumacher zu, wenn er im Radio über einen Sender in den Westzonen oder in West-Berlin sprach.

Zwei Ereignisse im Herbst 1946 hatten scheinbar garnichts miteinander zu tun, doch bestand zwischen beiden eine für mich damals nur vage spürbare enge Verknüpfung. Beide Geschehnisse veränderten mein Leben, stellten Weichen, bestimmten damalige und künftige Entscheidungen. Damals wußte ich das nicht; ich ahnte es nicht einmal.

Es mag im September oder Oktober des Jahres 1946 gewesen sein, als ich mich hoffnungsvoll und zukunftsgläubig auf den Weg in die Leipziger Universität machte, um mich für das Studium der Medizin immatrikulieren zu lassen. An der Universität wurde ich von einem jungen Mann in Empfang genommen, der sich als Sekretär der kommunistischen Freien Deutschen Jugend (FDJ) vorstellte und mich, hinter einem großen "bourgeoisen" Schreibtisch thronend, einem strengen Verhör unterzog. Seine erste Frage galt nicht etwa meiner Schulbildung oder meinen Studienwünschen. Vielmehr herrschte er mich an: "Was ist denn Dein Vater?" Ich antwortete: "Großhandelskaufmann". Da prasselte es wie ein Gewitter auf mich herab. Ich wurde darüber "belehrt", daß ich mich in den Räumen einer Arbeiter-und-Bauern-Universität befände, in der die "Töchterchen und Söhnchen der Bourgeoisie, der Kapitalisten, Ausbeuter und Nazis" nichts mehr zu suchen hätten. Der Sohn eines Großkaufmanns bildet sich doch wahrhaftig ein, studieren zu dürfen, wetterte der immer mehr in Rage gekommene FDJ-Funktionär, ...Der FDJ-Aufseher konnte es nicht fassen. Ich erlebte, unvorbereitet, die erste, mich unmittelbar berührende Konfrontation mit der damals bereits in alle Lebensbereiche hineinreichenden kommunistischen Gewaltherrschaft in der Sowjetischen Besatzungszone. Meine Enttäuschung und mein Zorn müssen wohl irgendwie sichtbar gewesen sein. Denn plötzlich beugte sich der FDJ-Obere jovial lächelnd über den Schreibtisch und sagte, es gäbe vielleicht noch eine Möglichkeit, immatrikuliert zu werden, wenn ich Mitglied "einer Partei des antifaschistisch-demokratischen Blocks" würde. So - und nun 'raus! Ich entfernte mich und handelte. Ich wurde Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei (LDP). Drei Wochen später ging ich - ich gebe es zu: mit heftigem Herzklopfen - wieder zum Universitäts-"Politruk" und legte ihm meine LDP-Mitgliedskarte als Beweis dafür vor, daß ich, wie von ihm "empfohlen", Mitglied "einer Partei des antifaschistisch-demokratischen Blocks" geworden war. Mit spitzen Fingern und spitzen Blick nahm er die Karte an sich, warf sie nach wenigen Augenblicken über den Schreibtisch und brüllte mich an: "Du A..., das ist doch die falsche Partei. Verschwinde! Raus!". In diesen wenigen Minuten war mir vieles klar geworden. Ich hatte einen Blick hinter die Kulissen der als "Demokratie" getarnten kommunistischen Diktatur getan. Ich wußte damals nicht, wie es vor allem in beruflicher Hinsicht nun weitergehen sollte. Aber ich spürte, auf welcher Seite, unter welchen Kreisen Gleichgesinnter, ich meinen Platz suchen sollte. Die Entscheidung kam bald.

Ich wurde Mitarbeiter im Sekretariat des Vorsitzenden des Stadtverbandes Leipzig der LDP. Dort lernte ich auch den damaligen Jugendreferenten der Leipziger LDP, Manfred Gerlach, kennen. Gerlach, der es im SED-Staat bis zum stellvertretenden Vorsitzenden des Staatsrates brachte, vertrat schon damals mehr sozialistische denn liberal-demokratische Ansichten und trug, von ihm gewiß nicht gewollt, durch sein agitatorisches Geschwätz und seine indoktrinäre Einstellung zu einer Vertiefung meiner antikommunistischen Geisteshaltung und meines zunächst noch theoretischen Widerstandes gegen die kommunistische Zwangsherrschaft in Mitteldeutschland bei.

Zu dieser Zeit, in den letzten Wochen des Jahres 1946 - in dieser Zeit des beginnenden Suchens nach "politischem Halt", nach Antworten auf brennende, manchmal auch verzweifelte Fragen - lernte ich einen neuen Gesellschafter in einer der väterlichen Unternehmen kennen: einen alten, "gestandenen" Sozialdemokraten. Nach Kriegsende wurde dieser Mann einer der SPD-Kreissekretäre in Leipzig. Ab April 1946, nach der Vereinigung der SPD und KPD zur SED, war er einer der Kreissekretäre dieser Partei. Trotz des Altersunterschiedes entwickelte sich zwischen uns sehr schnell ein solides Vertrauensverhältnis. Schließlich, im Januar 1947, bekam ich von ihm zu hören, daß er der Leiter einer sozialdemokratischen Widerstandsgruppe in Leipzig sei, die Verbindung mit dem im Mai 1946 von Kurt Schumacher gegründeten Ostbüro der SPD habe. Nachdem er mir gründlich "auf dem Zahn gefühlt" und mir zahlreiche Fragen, zum Beispiel zu Kurt Schumacher, zum Ostbüro, zum Widerstandskampf gegen die kommunistische Diktatur, beantwortet hatte, fragte er mich, ob ich in der von ihm geleiteten Widerstandsgruppe mitarbeiten wolle. Ich erinnere mich auch nach über vier Jahrzehnten noch sehr deutlich daran, daß ich ohne Zögern, in großer Erregung, mit einem schier überwältigenden Hochgefühl "Ja" sagte. Mit einem festen Händedruck wurde ich in die Gruppe und zugleich in die SPD Kurt Schumachers aufgenommen. Ich war Teil einer verschworenen Kampfgemeinschaft geworden.

Als ich mich dieser sozialdemokratischen Widerstandsgruppe in Leipzig anschloß, die ihren Anteil an der kämpferischen Auseinandersetzung mit dem totalitären Regime der sowjetischen und der deutschen Kommunisten, am aktiven Widerstand und an der Bekämpfung der wachsenden kommunistischen Gewaltherrschaft in Mitteldeutschland zu leisten bereit war, gaben mir und meinem politischen Handeln die Worte und Taten des Patrioten Kurt Schumacher Richtung und Ziel. Der damals und in den folgenden Jahren von den Kommunisten immer wieder als Schmähung und als Begründung für Verfolgungen, Verurteilungen und Liquidierungen verwendete Begriff "Schumacheragent" wurde für mich zum Symbol für unzählige demokratisch gesinnte Menschen in Mitteldeutschland. Das von den Kommunisten gebrauchte Schimpfwort, das Totschlag-Wort "Schumacheragent" gereichte den so Geschmähten zur Ehre.

Nicht nur durch die Worte Kurt Schumachers, auch durch Berichte anderer zahlreicher Kämpfer gegen die kommunistische Diktatur, durch Berichte in Zeitungen, Rundfunksendungen, Flugblätter und andere Publikationen aus den Westzonen und aus West-Berlin, aber auch durch historische Dokumente wurden meine Freunde und ich im Widerstand, im Denken und Handeln beeinflußt. Sehr beeindruckt war ich zum Beispiel von einer Vision, die Oskar Umrath (1913 - 1943) 1942 in einem Brief aus einem Haftkrankenhaus nach Beendigung der Schlacht um Stalingrad niederschrieb. Dieser Briefauszug kursierte 1947 in "meiner" Widerstandsgruppe: "Die Würfel sind gefallen. Jetzt kommt der Bolschewismus nach Europa. Und wir, die unter Hitler im Zuchthaus sitzen, werden auch unter den Sowjets wieder in den Bunker müssen."

Die Echtheit dieses Zitats fand ich über ein Jahrzehnt später in dem Buch "Das Gewissen entscheidet - Bereiche des deutschen Widerstands von 1933 - 1945 in Lebensbildern" (Mosaik Verlag Annedore Leber, Berlin und Frankfurt/Main 1957, S. 44) bestätigt.

Oskar Umrath stammt aus einem sozialdemokratischen Elternhaus. Im September 1939 wurde er wegen politischen Widerstandes vom "Volksgerichtshof" gemeinsam mit Fritz Erler zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Im März 1943 verstarb er im Haftkrankenhaus. In "Das Gewissen entscheidet" (S. 44) wird sein letztes Bekenntnis wiedergegeben: "In der radikalen Einheit von Gedanke und Handlung liegt das erreichbare Maß an menschlicher Freiheit begründet."

Im Mai 1948 mußte ich aus meiner Heimatstadt nach West-Deutschland flüchten, um der Deportation in ein sowjetisches Uranbergwerk in der Nähe von Aue (Sachsen) und einer Verhaftung zu entgehen. Ein Mitglied unserer Widerstandsgruppe, der bei der deutschen politischen Polizei (Kommissariat 5) tätig war, konnte den Leiter unserer Gruppe wie in etlichen anderen Fällen auch diesmal warnen. Dieser sorgte dann dafür, daß mich Freunde schleunigst an die Zonengrenze zwischen Thüringen und Bayern brachten. Über eine Furt der Saale gelang mir die Flucht. In Hof wurde ich von "Grenzbeauftragten" des SPD-Ostbüros in Empfang genommen. Nach zwei Tagen fuhr ich nach Hannover und meldete mich dort in der Zentrale des SPD-Ostbüros, dem meine Ankunft bereits signalisiert worden war.

Ein Jahr später, im April 1949, erhielt ich vom Personalchef des Ostbüros das Angebot, eine vakant gewordene Stelle zu besetzen. Aus materiellen Gründen hätte ich dieses Angebot nicht anzunehmen brauchen. Ich hatte in Hannover eine Beschäftigung als Hilfssachbearbeiter bei einer Versicherung gefunden und hatte überdies meine Pläne, Medizin zu studieren, noch nicht aufgegeben. Doch ein starkes, alle Einwände hinwegdrängendes Empfinden, mich aktiv an der geistig-politischen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus und am Kampf um Freiheit für alle Deutschen beteiligen zu müssen, ließ mich die Ostbüro-Offerte annehmen. Am 2. Mai 1949 trat ich meinen Dienst in der damaligen Zentrale dieses Büros in der Böttcherstraße in Hannover-Herrenhausen an.

Es mag zahlreiche Zeitgenossen schockieren, etliche werden mich gar des Chauvinismus oder Revanchismus zeihen, wenn ich bekenne, daß für mich über das Kriegsende hinaus, der Zerstückelung Deutschlands zum Trotz, und unbeeinflußt von allen Versuchen der "Umerziehung" das Lied der Deutschen nichts an Bedeutung, Lebenskraft und richtungweisender Aussage verloren hatte. So war denn auch die Forderung nach "Einigkeit und Recht und Freiheit für das (ganze) deutsche Vaterland" neben den von Kurt Schumacher vertretenen Prinzipien in der Deutschland- und Ostpolitik bestimmend für meinen Eintritt in das Ostbüro, für meine Arbeit in diesem Büro und für mein gesamtes berufliches und politisches Wirken - bis in die Gegenwart und Zukunft. Da gab es - und gibt es - für mich kein Wenn und Aber. Da mußte und muß nicht nur die Sprache klar und eindeutig sein. Da mußte und muß auch alles Tun und Lassen selbstbewußt patriotisch sein. Meine Tätigkeit im Ostbüro richtete ich stets an an einem Anspruch Kurt Schumachers aus. Er hatte nicht nur von seiner Partei, sondern von allen Deutschen im freien Teil Deutschlands gefordert, auch auf dem Weg zur Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit kämpferisch und aktiv zu sein, die Macht im Erkennen und Verstehen des Gegners und in der Aufstellung der Ziele ebenso zu suchen wie in der Energie und Zähigkeit, von diesen Zielen nicht abzulassen. Zu diesen Grundsätzen gehört auch, daß patriotische Demokraten zwar bereit sein sollten, Realitäten zu erkennen, nicht jedoch, Realitäten der Unmenschlichkeit, der Unfreiheit, des Unrechts und Terrors anzuerkennen und vor Diktaturen und Diktatoren "das Handtuch zu werfen". Ich erinnere mich auch, welchen starken Eindruck Ernst Reuter, der langjährige Regierende Bürgermeister des freien Teils Berlins, auf mich machte, als er in einer Rede zu Beginn der Blockade West-Berlins im Juni 1948 vor den Menschen warnte, "die in einer kritischen Stunde anfangen davon zu reden, man müsse sich mit den Realitäten, mit den Tatsachen, mit den Dingen und Verhältnissen abfinden". (24. Juni 1948 auf einer Protestkundgebung auf dem Hertha-Sportplatz)

Ich war überzeugt, daß ich mit meiner Gesinnung beim Ostbüro der SPD, das damals unmittelbar dem SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher unterstand, "auf dem richtigen Dampfer" war. Zu Lebzeiten Schumachers und für etliche Jahre über seinen Tod im August 1952 hinaus haben das Ostbüro und seine Mitarbeiter hüben und drüben, die bis zur Liquidierung dieses Büros im Januar 1971 auf der Position eines kämpferischen Antikommunismus standen, in voller Übereinstimmung mit der SPD-Führung und wohl auch der Mehrheit der SPD-Mitglieder gewirkt und ihren Platz in dem opferreichen Kampf unzähliger Demokraten um Demokratie, Selbstbestimmung und Freiheit in ganz Deutschland eingenommen. In einem Kampf "für die Freiheit und gegen die verschleierte, als Demokratie eigener Art getarnte Diktatur in Mitteldeutschland" (Prof. Dr. Carlo Schmid, "20 Jahre Grundgesetz", Herausgeber Vorstand der SPD Bonn, o.J. <1969> S. 5).

Gelegentlich wurde und wird den Frauen und Männern, die in ihrem Widerstand gegen das kommunistische Regime in Mitteldeutschland Kontakte zum Ostbüro hatten, der törichte Vorwurf gemacht, illegal gehandelt und sowohl in der SBZ gegen Gesetze der Besetzer, als auch in der "DDR" gegen Gesetze des SED-Staates verstoßen zu haben. Gleiche Anschuldigungen wurden und werden hin und wieder auch gegenüber dem Ostbüro und seinen hauptamtlichen Mitarbeitern erhoben. Tausende von Widerständlern und Oppositionellen sind mit der- artigen "Begründungen" von Sowjetischen Militärtribunalen oder deutschen Gerichte in der SBZ/"DDR" verurteilt worden. Mitarbeiter des Ostbüro im freien Teil Deutschlands mußten sich hin und wieder, nicht nur in der SPD, gegen solche dümmlichen Vorwürfe zur Wehr setzen. Solchen Anschuldigungen halte ich die Auffassung des Sozialdemokraten Dr. Rudolf Wassermann, des langjährigen Präsidenten des Oberlandesgerichts in Braunschweig entgegen. Wassermann schrieb im Sommer 1991 in einem bemerkenswerten Aufsatz "Zur Sicherheitslage nach der Wiedervereinigung" unter der Überschrift "Umdenken tut not!" auch dieses:

"Die Erfahrungen mit der NS- und mit der SED-Diktatur versahen den Widerstand mit einer Gloriole; dies zu Recht, denn einer menschenverachtenden Diktatur kann man mit Zivilcourage allein nicht beikommen. Erstaunlich war jedoch, daß bei der Hochschätzung von Widerstand dessen Legitimitätsgrund in Vergessenheit geriet, nämlich die Existenz eines die Menschenrechte mit Füßen tretenden, gewalttätigen Unterdrückungssystems, das dem Rechtsgewissen rechtlich denkender Bürger keinen anderen Weg als den des Rechtsbruchs läßt, um der Menschlichkeit zum Sieg zu verhelfen." (Aufsatz "Umdenken tut not! Zur Sicherheitslage nach der Wiedervereinigung", in: "Kriminalistik" 6/91, S. 362)

1951, nach dem Umzug des SPD-Parteivorstandes einschließlich der Zentrale des Ostbüros, wurde ich Assistent, "rechte Hand", Vertrauter des damaligen Ostbüro-Chefs Stephan Thomas. In den fünfziger Jahren (nach Schumachers Tod 1952 wurde Erich Ollenhauer Parteivorsitzender), hatte ich keinerlei Schwierigkeiten, meine Arbeit im Ostbüro ohne Gewissenskonflikte zu leisten. Ich war mir damals sicher, daß Inhalt, Richtung und Ziel der Tätigkeit des Ostbüros mit Prinzipien, Vorstellungen und Politik der Parteiführung, der Bundestagsfraktion und der Mehrheit der SPD-Mitglieder grundsätzlich übereinstimmten. Das traf wohl für die offensive Auseinandersetzung mit dem Kommunismus und mit den totalitären Regimen in Mitteldeutschland, in der Sowjetunion und anderen kommunistischen Staaten ebenso zu wie für die entschiedene Abwehr kommunistischer "Westarbeit", Infiltration, Subversion und Bündnispolitik. Diese Einmütigkeit herrschte damals innerhalb der SPD nach meinen Erfahrungen und Eindrücken auch im Streben nach der Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit. Öffentlich sichtbar wurde dieser Konsens hin und wieder in parteioffiziellen Erklärungen und Berichten, die zum Beispiel in SPD-Jahrbüchern der fünfziger Jahre nachzulesen sind. Meine Kolleginnen, Kollegen und mich bestärkten und ermutigten solche Stellungnahmen der Parteiführung. Wie zum Beispiel eine Erklärung vom 3. Mai 1956, in der der Erste Sekretär des ZK der SED, Walter Ulbricht, und der "DDR"-Ministerpräsident und ehemalige Vorsitzende der SPD in Mitteldeutschland, Otto Grotewohl, zurechtgewiesen werden:

"Das Ostbüro der SPD als Agenten- und Spionagezentrale zu bezeichnen, ist eine Verleumdung. Das Ostbüro koordiniert die Tätigkeit jener Sozialdemokraten und ihrer Freunde in der Sowjetzone, die infolge des Verbots der SPD in der Zone nicht legal...wirken können. Die Tätigkeit des Ostbüros der SPD kann und wird erst dann enden, wenn in einem wiedervereinigten Deutschland auch die Sozialdemokratische Partei Deutschlands in der heutigen Sowjetzone frei und legal tätig sein kann."

Doch bereits 1958 tauchten anfangs noch unscharfe Zweifel an einer völligen Übereinstimmung der Tätigkeit des Ostbüros, seiner Mitarbeiter und seiner Vertrauensleute in Mitteldeutschland, mit Vorstellungen zunächst einiger Spitzenfunktionäre auf. Auf dem Bundesparteitag im Mai 1958 war Herbert Wehner erstmals zum Stellvertretenden Bundesvorsitzenden der SPD gewählt worden. Zu den Wehner unterstellten Ressorts gehörte auch das Ostbüro. Fritz Heine, Vorstandsmitglied seit 1946, Vertrauter von Kurt Schumacher, über Schumachers Tod hinaus nicht nur für das Ostbüro zuständiges Mitglied des Parteivorstandes, sondern einer der aktivsten Förderer dieses Büros, kam nicht wieder in den Vorstand. Stephan Thomas bestätigte und erhärtete aufgrund seiner Kenntnisse und Ahnungen die aufkeimenden Zweifel. Die Verunsicherungen wuchsen, als im Herbst 1958 der alte aus dem Sudetenland stammende Sozialdemokrat Wenzel Jaksch in einem dreiseitigen Brief seinen Austritt aus der SPD erklärte. Der prinzipienfeste und glaubwürdige Ost- und Deutschlandpolitiker Jaksch brachte in diesem Brief seine große Sorge über den wachsenden Widerspruch zwischen Wahlpropaganda der SPD und den damals für die Öffentlichkeit noch nicht oder kaum erkennbaren Veränderungen des deutschland- und ostpolitischen Kurses der Partei zum Ausdruck. Die Parteiführung überredete Jaksch zur Zurücknahme seiner Austrittserklärung und machte ihm einige, allerdings nicht für lange Zeit haltbare Zugeständnisse.

Im März 1959 wurde der von Wehner ausgearbeitete "Deutschlandplan der SPD" vom Parteivorstand und von der Bundestagsfraktion gebilligt. Die Gegnerschaft zwischen Wehner und dem Ostbüro verschärfte sich. Nicht nur Wehner, sondern auch einige andere Präsidiums- oder Parteivorstandsmitglieder versuchten, damals noch ergebnislos, den Ostbüro-Chef zu Veränderungen, realiter: zu Restriktionen der Tätigkeit und Orientierung des Ostbüros zu veranlassen. Das weckte neue Ungewißheiten und neue Verunsicherungen. Doch die meisten Mitarbeiter des Ostbüros ließen sich nicht entmutigen. Ich erinnere mich, daß ich bereits damals Trotz und Unnachgiebigkeit entwickelte, die bis zur Liquidierung des Ostbüros im Januar 1971 anhielten. Diese Haltung bestimmte wesentlich meinen Vorsatz, insbesondere ab 1966 als Leiter des Büros, in dem von der Parteiführung gesteckten Rahmen so viel und so wirkungsvoll wie möglich die Aufgaben verwirklichen zu helfen, die das Büro bei seiner Gründung durch Kurt Schumacher im Jahre 1946 erhalten hatte.

Ab Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre wurde die von Wenzel Jaksch bereits im Herbst 1958 angeprangerte Doppelzüngigkeit zumindestens für Insider immer deutlicher. Tatsächlich gab es in den sechziger Jahren zahlreiche Bekundungen und Bekenntnisse von SPD-Führern zu einem in Freiheit wiedervereinigten Deutschland und zu den Opfern kommunistischen Terrors in Mitteldeutschland. Diese Bekundungen waren durchaus beeindruckend. Ich gebe zu, daß auch ich hin und wieder vor der Frage stand, welches denn nun die wirkliche Auffassung und Politik der Parteiführung sei: die in der Öffentlichkeit zur Schau gestellte oder die damals noch intern, innerhalb des Apparates, praktizierte.

Trotz nagender Zweifel fand ich es immer noch bemerkenswert, wie durchaus glaubhaft der damalige SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer und auch der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, auf dem Kongreß "10 000 Jahre Kerker für Deutschlands Freiheit" im April 1961, der Wahlkampf zur Bundestagswahl 1961 hatte begonnen, ihre vom Ostbüro entworfenen Reden vortrugen. Brandts Ansprache auf dem Häftlingskongreß enthält unter anderem diesen Passus:

"Unsere Landsleute in der Zone erfüllen durch ihre Haltung, durch ihr Ausharren, durch alle Zeichen, die sie dafür geben, sich nicht zu beugen und dieses Regime nicht zu unterstützen, eine Aufgabe, die im Interesse unseres ganzen Volkes liegt."

Zur Einstimmung auf den Wahlkampf zur Bundestagswahl 1965 hatte die SPD ihren Bundesparteitag im November 1964 in Karlsruhe unter dem eindrucksvollen Motto "Erbe und Auftrag" veranstaltet. Diese Worte waren in der Tribünendekoration auf einer graphischen Darstellung von Deutschland in den Grenzen von 1937 zu lesen. Das paßte zwar gar nicht mit meinen Erfahrungen und denen meiner Freunde und Kollegen im Ostbüro zusammen. Aber ich ließ mich, trotz anhaltender Verunsicherungen, noch einmal in die Irre führen und der trügerischen Hoffnung verfallen, daß die Mehrheit der SPD-Führung in der Ost- und Deutschlandpolitik sowie in der kämpferischen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus auf dem von Kurt Schumacher abgesteckten Weg bleiben werde.

Doch hinter dieser, selbst für Insider nicht immer hinterschaubaren Kulisse entwickelte sich eine allmählich wachsende Entfremdung zwischen dem Ostbüro und, von Ausnahmen abgesehen, den die Politik der SPD letztlich bestimmenden Führungsgremien der Partei. Zwar hielt sich die SPD-Führung Mitte der sechziger Jahre mit direkten Eingriffen in die Arbeit des Ostbüros noch zurück. Doch der damalige Ostbüro-Chef Stephan Thomas und ich gewannen immer deutlicher den Eindruck, mit etlichen grundsätzlichen politischen Standpunkten und zahlreichen Aktivitäten des Ostbüros neben der von erstarkenden Kräften in der Parteiführung durchgesetzten Linie zu liegen. Eines Tages stand ich, wie mein damaliger Chef und einige Kollegen, betroffen vor den Fragen: Wohin geht die SPD? Ist die SPD noch die Partei Kurt Schumachers? Werden Position, Prinzipien und Ziele, Inhalt und Methoden der Tätigkeit des Ostbüros von der SPD noch uneingeschränkt getragen? Die Antworten, die ich mir nach einer nüchternen Lagebeurteilung geben mußte, fielen nicht gut aus. Deswegen war ich auch sofort zur Zustimmung bereit, als mir Stephan Thomas Anfang 1966 das Angebot machte, mit ihm und einigen wenigen Ostbüro-Mitarbeitern ein von der SPD unabhängiges "DDR- und Osteuropa-Forschungsinstitut" zu gründen, mit dem die Arbeit des Ostbüros ein wenig modifiziert fortgesetzt werden könnte.

Doch dann kam alles anders. Das Projekt zerschlug sich, weil zunächst unverbindliche Finanzierungsangebote vor allem aus der Wirtschaft zurückgezogen wurden. Stephan Thomas schied Ende Juni 1966 aus den Diensten beim Parteivorstand der SPD aus und wurde Leiter der Abteilung Internationale Beziehungen der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Ich übernahm zunächst kommissarisch die Leitung des Ostbüros.

Wie gestört das Verhältnis zwischen der SPD-Führung und dem Ostbüro war, zeigte sich damals auf zweifache Weise: Der Boden, auf dem das Ostbüro arbeitete, wurde immer brüchiger. Personell und finanziell gab es manchen Engpaß. Die Atmosphäre vor allem im Verhältnis - präziser: im Mißverhältnis - zwischen Wehner und dem Ostbüro wurde immer stickiger. Und: Das SPD-Präsidium ließ sich zehn Monate Zeit, die Aufrechterhaltung des Ostbüros und meine endgültige Bestätigung als Leiter dieses Büros zu beschließen. Der traditionsreiche, bei Freund und Feind gleichermaßen bekannte Name "Ostbüro" wurde in "Referat für gesamtdeutsche Fragen" geändert. Von einem guten Freund aus der Führung der SPD-Bundestagsfraktion wußte ich, daß es bereits damals - Ende 1966, Anfang 1967 - im SPD-Präsidium die Absicht gab, das Ostbüro aufzulösen. Daß es noch nicht dazu kam, lag wohl vor allem daran, daß dieses Büro noch als Alibi, als Aushängeschild für den nächsten Wahlkampf (zur Bundestagswahl 1969) gebraucht wurde. Außerdem wollte die Parteiführung wohl auch nicht auf die erheblichen öffentlichen Zuschüsse zur Finanzierung der vom Ostbüro geleisteten gesamtdeutschen Arbeit verzichten.

Mir war klar, auf welch schmalem Grad ich mich bewegte. Oft mußte ich in den nächsten vier Jahren Balanceakte ausführen, um auf immer bewegterem Meer und angesichts unzähliger Klippen den Kurs des "Ostbüro-Schiffes" halten zu können. Gewiß, ich hätte "meinen Hut nehmen" können. Noch unterließ ich es. Nicht aus Loyalität zu einer sich stetig verändernden Partei, die Ende der sechziger Jahre schon nicht mehr meine "politische Heimat" war, vielmehr aus Treue zu einer selbstgewählten, aus eigenem Willen und aus Überzeugung übernommenen Aufgabe, etwas für mein Vaterland, für dessen Einheit und Freiheit zu leisten.

Die Parteiführung sagte mir bis zur Liquidierung des Ostbüros im Januar 1971 nie direkt, daß sie mich, meine Arbeit und das von mir geleitete Büro als Ballast, als Belastung der sich entwickelnden "neuen" Ost- und Deutschlandpolitik der SPD und der sich stetig verdichtenden Beziehungen zwischen SPD-Funktionären und SPD-Gliederungen mit Exponenten kommunistischer Diktaturen empfand. Stattdessen gab es eine Fülle von Indizien, von Einschränkungen im organisatorischen Bereich und an Äußerungen führender Funktionäre, die meine Position als Nonkonformist, als Außenseiter in der SPD der späten sechziger Jahre deutlich machten.

Bemerkenswert war zum Beispiel die Haltung und die Reaktion der Parteiführung auf die Gründung des Kurt-Schumacher-Kreises als einer Gemeinschaft innerhalb der SPD durch ehemalige politische Häftlinge und einige politischen Flüchtlingen aus Mitteldeutschland im Frühjahr 1968. Ich gehörte zu den Mitbegründern dieses Kreises. Der Parteiführung berichtete ich, daß sich der Kurt-Schumacher-Kreis die Aufgabe gestellt hatte, im Sinne des Namensgebers aktiv an der kämpferischen Auseinandersetzung zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus und an der Abwehr und Bekämpfung kommunistischer Bündnispolitik und linksextremer Tendenzen sowie Infiltration in der SPD mitzuwirken. Diese Gruppierung war bereit, eine konstruktive offensive Deutschlandpolitik mit dem Ziel der Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit im Sinne der Präambel des Grundgesetzes zu unterstützen. Außerdem stellte sich der Kurt-Schumacher-Kreis die Aufgabe, für die Belange ehemaliger politischer Häftlinge aus dem kommunistischen Machtbereich einzutreten. Die Reaktion der Parteiführung war äußerst zurückhaltend. Von einem Vorstandsmitglied wurde ich gar gefragt, was für einen Sinn denn eigentlich die Gründung des Kurt-Schumacher-Kreises habe. Da sollte doch wohl mal wieder ein "Sondergrüppchen" innerhalb der Partei gebildet werden. Nur zwei Jahre nach Gründung des Kurt-Schumacher-Kreises, 1970, begann das Verhältnis zwischen der Parteiführung und diesem Kreis immer problematischer zu werden. Ende des selben Jahres erklärte einer der Mitbegründer des Kreises, der 1901 geborene alte Sozialdemokrat Paul Kreutzer, nach fünfzigjähriger Mitgliedschaft seinen Austritt aus der SPD. Der Direktor des Präsidiumsbüros Heinz Castrup brachte mir das an den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt gerichtete Schreiben zur Stellungnahme mit der unverschämten Bemerkung: "Was ist denn das für eine Spinnerei?!" Diese Frechheit, gewiß nicht nur "auf dem Mist" des Präsidiumsdirektors gewachsen, war erschütternd und entlarvend: Loyale und zugleich konstruktiv kritische Sozialdemokraten, die sich vor allem auch in der offensiven Auseinandersetzung mit dem Kommunismus dem Geist und dem politischen Erbe Kurt Schumachers verpflichtet fühlten, die Opfer kommunistischen Terrors geworden waren, wurden als Spinner oder Querulanten abgetan. Meine Versuche, den Genossen Präsidiumsdirektor zurechtzuweisen, liefen ins Leere. Wieder einmal hatte ich ein Zeugnis dafür erhalten, daß sich die SPD vom Wege Kurt Schumachers entfernt hatte.

Dafür, daß die SPD drauf und dran war, nicht nur alte Prinzipien preiszugeben, sondern auch prinzipientreue Sozialdemokraten abzusondern, zu isolieren und zu verraten, erhielt ich nach der Bundestagswahl 1969 und nach Beginn der offenen Durchsetzung der "neuen" Ost- und Deutschlandpolitik der SPD, immer mehr Bestätigungen.

Am 13. Oktober 1970 erschien in der Tageszeitung DIE WELT zum 75. Geburtstag Kurt Schumachers ein von mir geschriebener Aufsatz unter dem Titel "Ein unbestechlicher Kämpfer gegen den Sowjetimperialismus". Am selben Tag sendete der Deutschlandfunk ein von mir verfaßtes Feature über Kurt Schumacher. Für beide Publikationen erhielt ich zwar im In- und Ausland eine breite Zustimmung, auch von zahlreichen Sozialdemokraten, erntete jedoch in der SPD-"Baracke" mehr oder minder versteckte Kritik, teilweise in solche törichten Bemerkungen verpackt wie "Na, da hast Du ja mal wieder was fabriziert". Ähnliche Reaktionen erlebte ich, als ich demonstrativ ein großes Foto Kurt Schumachers in meinem Arbeitszimmer aufhing. Demonstrativ gemeint und vom Direktor des Präsidiums als provokativ empfunden und kritisiert.

Die SPD-Führung hatte bereits Mitte der sechziger Jahre begonnen, zum Beispiel Informationen darüber zu verschweigen, zu verdrängen oder in vage Bruchstücke zu zerfleddern, wie, unter welchen Umständen und mit welchen Zielen der Kampf unzähliger Demokraten um die Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit begann, wie dieser Kampf geführt wurde, und welche Opfer in Mitteldeutschland er gekostet hat.

Im Februar 1970 rief mich aus dem Bundeskanzleramt ein enger Mitarbeiter Willy Brandts an und bat darum, für den Kanzler einen Vermerk über das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar zu schreiben. Brandt wollte das Zusammentreffen mit dem Vorsitzenden des "DDR"-Ministerrates Willi Stoph im März 1970 in Erfurt nutzen, die Gedenkstätte dieses ehemaligen Konzentrationslagers zu besuchen. Sowohl dem Anrufer als auch Brandt waren die "Benutzung" des früheren Konzentrationslagers der Nationalsozialisten durch die Kommunisten nach Kriegsende bis Frühjahr 1950 und vor allem die Tatsache bekannt, daß ab 1945 auch zahlreiche Sozialdemokraten im KZ Buchenwald eingekerkert wurden. Trotzdem wies ich in meinem schriftlichen Vermerk ausführlich auf diese Tatsachen hin. Als Brandt die KZ-Gedenkstätte besuchte, verlor er - wider besseres Wissen - kein einziges Wort des Gedenkens wenigstens an die sozialdemokratischen Opfer kommunistischen Terrors in Mitteldeutschland.

1970 kamen die Dummschwätzer, die Naivlinge, die Kollaborateure, und auch die "Einflußagenten" in der SPD immer mehr ans Licht. Sie faselten von einem "menschlichen" oder "weißen" Kommunismus. Sie praktizierten stetig unverfrorener die "Aktionseinheit der Arbeiterklasse" und volksfrontartige Bündnisse mit Kommunisten. Sie verstärkten und festigten die "Agitationseinheit" und Kollaboration mit hohen und höchsten Repräsentanten des totalitären SED-Staates. All diese SPD-Mitglieder handelten und redeten im Gegensatz zu formal noch geltenden Unvereinbarkeits- und Abgrenzungsbeschlüssen der SPD und unter Mißachtung von Kurt Schumacher überlieferten Prinzipien der kämpferischen Auseinandersetzung zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus wie für die offensive Abwehr kommunistischer politischer Aggression, Subversion und Unterwanderung.

Regelmäßig unterrichtete ich aufgrund zuverlässiger Informationen das SPD-Präsidium von derartigen Entwicklungen. Immer mehr stieß ich mit derartigen Berichten ins Leere. Zum Beispiel wies ich im August und September 1970 das SPD-Präsidium ausführlich auf die Vorbereitungen einer von der DKP, mit Unterstützung der SED, ausgerichtete "Konferenz über Fragen der europäischen Sicherheit" im Oktober des selben Jahres in Frankfurt/Main sowie auf die Tatsache hin, daß mehrere Bundestagsabgeordnete der SPD und andere exponierte SPD-Mitglieder aktiv an dieser "Konferenz" teilzunehmen gedenken. Zunächst blieb jede Reaktion des SPD-Präsidiums aus. Erst nachdem es mir mit Hilfe eines Präsidiumsmitglieds gelungen war, nachzustoßen, bequemte sich der SPD-Vorsitzende Willy Brandt, die "Aktionseinheitler" zu bitten (!), an der Frankfurter "Konferenz" nicht teilzunehmen. Die meisten der Angesprochenen beteiligten sich doch aktiv an dieser eindeutig von Kommunisten ausgerichteten und beeinflußten Veranstaltung, ohne daß für sie daraus irgendwelche Konsequenzen, zum Beispiel in Form von Parteiordnungsverfahren, entstanden.

Als ich am Rande einer Referentenbesprechung Herbert Wehner auf die stetig wachsenden Kontakte von Jungsozialisten mit Kommunisten hüben in der Bundesrepublik Deutschland wie drüben im SED-Staat aufmerksam machte und auf die Notwendigkeit vermehrter Anwendung organisatorisch-administrativer Maßnahmen, zum Beispiel Parteiordnungsverfahren, hinwies, wurde ich mit den Worten abgekanzelt: "Das ist eine Verleumdung junger Genossen!" Das war's dann auch schon....

Kennzeichnend für diesen Prozeß der Aufweichung, der stetigen Veränderungen des Verhältnisses vieler SPD-Mitglieder, auch von Spitzenfunktionären, zu Kommunisten - und auch typisch für die Situation, in der ich mich am Ende der sechziger und zu Beginn der siebziger Jahre befand - war ein mich damals unmittelbar berührender Vorfall "am Rande" des SPD-Bundesparteitages im Mai 1970 in Saarbrücken:

Als "Sicherheitsbeauftragter" beim SPD-Parteivorstand war ich auch auf diesem Parteitag in enger Zusammenarbeit mit staatlichen Sicherheitsorganen für die "innere und äußere Sicherheit" verantwortlich. Nach Gesprächen mit dem Direktor des Präsidiumsbüros und des Leiters der Abteilung Organisation des Parteivorstandes war ich mir, trotz einer nicht unerheblichen Skepsis, sicher, in Übereinstimmung mit den Führungsgremien der Partei und mit dem Präsidium des Parteitages zu handeln, wenn ich Kommunisten und deren "Bündnispartnern" - wenn ich erkannten Abgesandten der im September 1968 "neukonstituierten" DKP, der SED, oder der zahlreichen kommunistischen Hilfs- und Tarnorganisationen - den Zutritt zu Tagungsräumen des SPD-Parteitages verweigerte.

Dieses Verdikt sprach ich zum Beispiel im Beisein zweier Zeugen gegenüber zwei "offiziellen" Abgesandten der DKP, dem Landesvorsitzenden der DKP Saar, Heinz Merkel, und dem Referenten des DKP-Parteivorstandes Hans Adamo aus. Ich verweigerte außerdem die Entgegennahme einer schriftlichen Grußadresse des DKP-Parteivorstandes an die Delegierten des SPD-Bundesparteitages, die für das "Zusammenwirken aller demokratischen Kräfte" und für das "gemeinsame Handeln von Sozialdemokraten und Kommunisten" gewonnen werden sollten. Die abgewiesenen Kommunisten reagierten prompt: Kurze Zeit später verteilten DKP-Mitglieder außerhalb des Tagungsgebäudes die Grußadresse zusammen mit einem Brief an die Delegierten und Gäste des SPD-Parteitages. Darin empörte sich die DKP darüber, daß "von Verantwortlichen des Tagungsbüros unseren Genossen mitgeteilt (wurde), daß das Präsidium Ihres Parteitages die Entgegennahme unserer Grußadresse abgelehnt habe". Wenige Stunden darauf wurde mir von einem Mitglied des Parteitags-Präsidiums unter eindringlicher Berufung auf den stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Herbert Wehner, bedeutet, daß ich die beiden von mir zurückgewiesenen DKP-Abgesandten als "Zuhörer" einzulassen hätte. Noch am selben Tag erschienen die DKP-Funktionäre Merkel und Adamo wieder und marschierten mit einem herablassend hämischen Siegergrinsen an mir vorbei. Wieder einmal war mir der Beweis dafür geliefert worden, daß auch immer mehr Mitglieder der Parteiführung drauf und dran waren, von Kurt Schumacher überkommene Prinzipien in der Auseinandersetzung mit Kommunisten jedweder Couleur zu verraten - oder, wenn sie sie schon lange vorher verraten oder nie vertreten hatten, dieses nun offenkundig machten.

Nach der Bundestagswahl 1969 begann in der SPD die Suche nach Kandidaten für die Position des Vizepräsidenten des Bundesnachrichtendienstes (BND). Einer der ins Gespräch Gebrachten war ich, wesentlich unterstützt durch den SPD-Bundestagsabgeordneten Dr. Hermann Schmitt-Vockenhausen, damals einer der Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages und Vorsitzender des Arbeitskreises "Inneres" der SPD-Bundestagsfraktion. Irgendwann im Jahre 1970 ließ mich Heinz Castrup mit einem mokanten Lächeln wissen, daß ich keinerlei Chancen hätte, in die engere Wahl zu kommen: "So ein kalter Krieger wie Du, und dann noch mit diesem Königsmacher". Über diese "Begründung" war ich genau so wenig überrascht wie über eine Äußerung des zum BND-Vizepräsidenten gemachten ehemaligen Geschäftsführers der SPD-Landesorganisation Hamburg, Dieter Blötz. Dieser hatte mir gegenüber in einem Gespräch nach Antritt seines Dienstes beim BND zugegeben, von "diesem Job in Pullach" nicht viel zu verstehen. Auf meine Frage, warum er diesen Posten trotzdem angenommen habe, antwortete er: "Das war ein Parteibefehl"...

Anfang 1970, nur wenige Wochen nach Übernahme der Bundesregierung durch die SPD/FDP-Koalition, berichtete ein damaliger Mitarbeiter eines "Westarbeits"-Apparates des SED-Staates Freunden in der Bundesrepublik Deutschland über die von der SED-Führung angestellte Lagebeurteilung und über modifizierte Taktiken im politisch-psychologischen Krieg gegen die Bundesrepublik Deutschland. Die SED-Analytiker und "Westarbeits"-Strategen gingen damals davon aus, daß der SPD die echte Chance gegeben sei, über längere Zeit Regierungspartei zu bleiben und verantwortlich die Richtlinien der Bonner Politik festzulegen. "Diese Tatsache bestimmt unsere Taktik und Strategie im Blick auf die Einflußnahme auf Mitgliedschaft und Funktionäre der SPD," sagte der "Westarbeits"-Experte aus dem SED-Staat.

Über zwei Jahrzehnte später berichten zwei ehemalige Stasi-Offiziere aus der Abteilung "Aktive Maßnahmen" der MfS-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), daß zu Beginn des Jahres 1970 der Vorgang "Klärung" eröffnet wurde, der das Ziel gehabt habe, mittels geeigneter Maßnahmen und Materialien die innerparteilichen Positionen in der SPD zu "klären", das heißt, "linke Personen und Programme zu fördern und rechten zu schaden". Dabei arbeitete die genannte Abteilung eng mit der Abteilung II der HVA zusammen, "weil diese operative Stützpunkte im linken Drittelhohen Bedarf an Materialien, Expertisen, Forderungskatalogen, Argumenten, Personendossiers gehabt; "alles, was benötigt wurde, ging von Ost nach West". (G. Bohnsack/H. Brehmer, Auftrag: Irreführung Wie die Stasi Politik im Westen machte, Hamburg 1992).

Zum Jahreswechsel 1970/71 wurde das Ostbüro, gewiß auch nach einer sowjetischen Intervention, aufgelöst. Ich sollte ein Referat "Andere Parteien" aufbauen, das vor allem die CDU/CSU und den Koalitionspartner der SPD, die FDP, "beobachten" sollte. Am 18. Januar 1971 übergab ich dem SPD-Präsidium meine Kündigung. Kein Präsidiumsmitglied wollte danach mit mir reden. Man ließ mich ziehen, wenige Tage später erhielt ich "Hausverbot". Am 29. März 1971 beschloß der SPD-Parteivorstand einstimmig, gegen mich ein "Feststellungsverfahren nach § 34 des Organisationsstatus" einzuleiten. Für die Kommission wurden die Parteivorstandsmitglieder Heinz Ruhnau (damals Innensenator von Hamburg), Holger Börner (damals Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium) und Dr. Diether Posser (damals Justizminister in Nordrhein-Westfalen) nominiert. Vorgeladen wurde ich nie. Ich habe auch nie erfahren, zu welchem Ergebnis die Kommission gekommen ist. Im September 1971 trat ich nach 24-jähriger Mitgliedschaft aus der SPD aus. Zur Begründung schrieb ich damals unter anderem:

"Mir waren und sind die von Dr. Kurt Schumacher und anderen - wie zum Beispiel von Ernst Reuter und Wenzel Jaksch - aufgestellten und von zahllosen Widerstandskämpfern gegen den Kommunismus erfüllten Maximen für die Auseinandersetzung mit der sowjetkommunistischen Machtpolitik unerläßliche und - bei aller Elastizität der Taktik - unwandelbare Orientierungspunkte."

Für die SPD bin ich auch zwei Jahrzehnte später persona non grata geblieben. Dafür zwei Beispiele: Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung verweigert mir in Übereinstimmung mit dem SPD-Parteivorstand beharrlich den Zugang zum Ostbüro-Archiv. Auch für Forschungsarbeiten bleibt mir dieses Archiv verschlossen (warum eigentlich?). Das liegt, wie ein der SPD angehörender Doktorand, der selbstverständlich sowohl das Ostbüro-Archiv als auch andere Archive der SPD nutzen konnte, an die Redaktion einer großen Wochenzeitung schrieb, "einzig und allein in der Person Bärwalds begründet", der "über Jahre hinweg führende Personen angeschossen hat". Woher der Briefschreiber seine "Informationen" wohl haben mag?

Das SPD-Mitglied Dr. Werner Müller, lange Zeit an dem von Prof. Hermann Weber geleiteten Mannheimer Institut zur Erforschung der DDR-Geschichte tätig und Ende 1992 Gastprofessor an der Universität Halle/Saale, nennt mich in einer Rezension meines Buches "Das Ostbüro der SPD 1946 - 1971: Kampf und Niedergang" (Krefeld, 1991) in der Annotierten Bibliographie für die politische Bildung (Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 2/92) einen "leidenschaftlichen Kämpfer gegen die Entspannungspolitik", unterschlägt jedoch auch den geringsten Hinweis darauf, gegen welche Art von "Entspannungspolitik" ich gehandelt, geredet und geschrieben habe.

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