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(...) Wahrheiten werden niedergehalten, Dispute werden eingeschläfert, Fakten werden verbogen, gestutzt oder ganz und gar ignoriert. Bei der "Aufarbeitung" jüngster deutscher Geschichte werden immer wieder Sprachregelungen und Denkregelungen "erlassen". Es wird zum Boykott von Verlegern, von Autoren, von Wissenschaftlern, von Publikationen aufgerufen. Und es wird immer wieder, meist auf sehr subtile Art und Weise, Zensur ausgeübt; oder Autoren, Wissenschaftler, werden zur Anpassung an den "Zeitgeist", an "politische Korrektheit", zur "Selbstzensur" angehalten. (...)

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Helmut Bärwald

Nadel, grün

Niedergehaltene Wahrheiten

von Helmut Bärwald

Zahlreiche Patrioten veröffentlichten 1995 aus Anlaß des 50. Jahrestages des Kriegsendes einen Aufruf "8. Mai 1945 - Gegen das Vergessen". Die Unterzeichner, unter ihnen etliche ehemalige Mitglieder der SPD, warnten in diesem Aufruf vor einer einseitigen Charakterisierung des 8. Mai 1945 als "Tag der Befreiung vom Faschismus" mit der Begründung:

Dabei droht in Vergessenheit zu geraten, daß dieser Tag nicht nur das Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft bedeutete, sondern zugleich auch der Beginn von Vertreibungsterror und neuer Unterdrückung im Osten und den Beginn der Teilung unseres Landes. Ein Geschichtsbild, das diese Wahrheiten verschweigt, verdrängt oder relativiert, kann nicht Grundlage für das Selbstverständnis einer selbstbewußten Nation sein, die wir Deutschen in der europäischen Völkerfamilie werden müssen, um vergleichbare Katastrophen künftig auszuschließen."

Diese Worte stehen in einer guten Tradition. Der Patriot und Sozialdemokrat Dr. Kurt Schumacher, von 1946 bis zu seinem Tode 1952 Vorsitzender der SPD in Westdeutschland (ab Herbst 1949 die Bundesrepublik Deutschland) hat nach Kriegsende in Wort und Schrift engagiert und konsequent immer wieder das Selbstverständnis einer selbstbewußten Nation auch für Deutschland und die Deutschen gefordert. Das ist in zahlreichen Veröffentlichungen Kurt Schumachers nachzulesen. Ein Beispiel: Im Vorwort zum Handbuch sozialdemokratischer Politik, 1953 vom Parteivorstand der SPD herausgegeben, hatte Kurt Schumacher wenige Wochen vor seinem Tode die nationale Selbstaufgabe der Deutschen abgelehnt und geschrieben:

"Nur ein Volk, das sich selbst behauptet, kann ein wertvolles Glied einer größeren Gemeinschaft sein. Die deutsche Jugend darf nicht das Gefühl bekommen, daß die Demokratie verknüpft sein soll mit nationalem Niedergang."

Wie berechtigt, wie notwendig, solche Mahnungen eines Kurt Schumacher oder der Unterzeichner des genannten Aufrufs vom Mai 1995 sind, wird immer wieder durch die Art und Weise bestätigt, mit der in großen Bereichen von Politik, Publizistik und Forschung mit der jüngsten deutschen Geschichte umgegangen wird.

Wahrheiten werden niedergehalten, Dispute werden eingeschläfert, Fakten werden verbogen, gestutzt oder ganz und gar ignoriert. Bei der "Aufarbeitung" jüngster deutscher Geschichte werden immer wieder Sprachregelungen und Denkregelungen "erlassen". Es wird zum Boykott von Verlegern, von Autoren, von Wissenschaftlern, von Publikationen aufgerufen. Und es wird immer wieder, meist auf sehr subtile Art und Weise, Zensur ausgeübt; oder Autoren, Wissenschaftler, werden zur Anpassung an den "Zeitgeist", an "politische Korrektheit", zur "Selbstzensur" angehalten.

Dieser Prozeß der Tabuisierung, Verdrängung, des "neurotischen Schweigens" (David Gress) betrifft zum Beispiel in starkem Maße das keinesfalls abgeschlossene und aufgearbeitete Thema " Das Verbrechen der Vertreibung Deutscher" vor fünf Jahrzehnten. Um so bemerkenswerter ist es, wenn ein dänischer Historiker, David Gress, Professor für Geschichte und alte Sprachen an der renommierten Universität Aarhus, Anfang dieses Jahres in der dänischen liberalen Zeitung "Politiken" (Ausgabe vom 13. Januar 2001) unter der Überschrift "Das letzte Tabu" (es ist nicht das letzte!) eine "auf den Punkt gebrachte" Darstellung dieses Kapitels vorlegt.

Dieser Artikel liegt jetzt in deutscher Sprache vor. Die Übersetzung aus dem Dänischen besorgte Frau Anna Duus, die gemeinsam mit Bernhard Dörries die deutschprachige Fassung des Artikels erstmals veröffentlichte. Eine Übersetzung ins Englische wird vorbereitet.

Helmut Bärwald


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