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(...) Die immer wieder einmal geschwungenen Keulen "Kollektivschuld "oder "Politische Korrektheit" zerstören auch das nationale Selbstbewußtsein und das offene Bekenntnis dazu. Diejenigen, die sich nicht eine Selbstzensur auferlegen lassen und keine Schweigeverpflichtung ablegen, werden als Ewig-Gestrige, als "Unanständige", verunglimpft und finden gar in Verfassungsschutz-Akten Eingang. Dr. Kurt Schumacher hatte bereits auf dem 1. Parteitag der SPD in den westlichen Besatzungszonen im Mai 1946 eine "nationale Selbstachtung" der Deutschen gefordert. In einer packenden Rede im Jahre 1951, die vom Parteivorstand der SPD in einer Broschüre mit dem Titel "Deutschlands Forderung: Gleiches Risiko, gleiches Opfer, gleiche Chancen!" verbreitete wurde. In dieser Rede vertrat Schumacher die Meinung, "daß das deutsche Volk jetzt endlich und besser und mehr als bisher ein selbstverständliches, ruhiges, ausgeglichenes, aber unerschütterliches nationales Selbstbewußtsein braucht, seinetwegen, aber auch der Völker Europas wegen". (...)

Bild von Helmut Bärwald
Helmut Bärwald (†)

Nadel, grün

"Politische Korrektheit" - Ein Instrument der Manipulation und Einschüchterung

von Helmut Bärwald

"Der Kult mit der Schuld" ist der Titel eines Buches" von Heinz Nawratil. Der Untertitel lautet "Geschichte im Unterbewußtsein", der auch heißen könnte: Zur Manipulation der Deutschen mißbrauchte deutsche Geschichte.

Von Politikern und Journalisten, von irgendwelchen Verbänden und Institutionen, werden immer wieder öffentliche und offene Diskussionen über Themen, Ereignisse, über Handeln oder Unterlassen von Personen oder Personengruppen, ganz abgewürgt, als "politisch inkorrekt", als unzulässig erklärt, zumeist mit der ermahnenden, oft auch drohenden Bemerkung: Gerade die Deutschen sollten im Hinblick auf unsere "jüngste Geschichte" (gemeint ist die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur) in dieser oder jener Frage zurückhaltend sein, möglichst die Klappe ganz halten. Erlaubt sind dann nur Bekundungen der als "anständig" befundenen Angehörigen der Kaste der "politisch Korrekten". Grundlage dieser für Politik und Kultur, für unsere Demokratie- und Moralbegriffe, und für das innere Gefüge der deutschen Republik belastenden, fatalen Entwicklung, ist die den Deutschen noch während des Zweiten Weltkrieges und verstärkt danach oktroyierte "Kollektivschuld".

Auf dem Buchumschlag wird der US-amerikanische Präsident Theodor Roosevelt zitiert: "Dem gesamten deutschen Volk muß eingehämmert werden, daß die ganze Nation an der gesetzlosen Verschwörung gegen die Gesittung der modernen Welt beteiligt war." Der unter dem Zitat stehende Satz "Die Schläge dieses 'Hammers' wirken bis heute nach" ist Motto und Inhaltsangabe der von Nawratil vorgelegten sehr fundierten Darstellung des "Kultes mit der Schuld".

Der erste Vorsitzende der SPD in Westdeutschland, Dr. Kurt Schumacher, lehnte jede Zuweisung von Kollektivschuld an das deutsche Volk entschieden ab. Bereits in sehr frühen Schriften und Reden Schumachers bald nach Kriegsende wies er auf die außerordentlich groß Bedeutung hin, die die Frage nach der Schuld des gesamten deutschen Volkes für den moralischen und politischen Aufbau in Deutschland habe. Schumacher wies in diesem Zusammenhang auch auf das "Schuldbekenntnis" der deutschen Kommunistischen Partei hin, das er als eine Selbstverständlichkeit bezeichnete, "denn ohne die Haltung der Kommunisten wäre das Versagen des deutschen Parlamentarismus und damit die Möglichkeit für die Nazi, an die Regierung zu kommen, nicht gegeben gewesen".

Selbstbewußt verlangte Schumacher in den "Richtlinien für die Arbeit in der SPD", daß das Verhältnis der Deutschen zu den Siegermächten loyal, anständig und vor allem absolut ehrlich sein solle. "Aber wir dürfen bei aller Loyalität nicht ängstlich werden, sondern müssen das Recht stets für uns in Anspruch nehmen, bei jeder Gelegenheit auch gegenüber den Siegern unsere Meinung zu sagen", schrieb Schumacher und fuhr fort: "Die Sieger müssen sich von vornherein darüber klar werden, daß die Wiederholung des Kardinalfehlers von 1918, nämlich die Behandlung der neuen Männer und Kräfte als schuldige Feinde, nach 1945 nie wieder gutzumachen wäre."

In einem für eine US-amerikanische Zeitschrift im Hinblick auf eine angekündigte, dann doch nicht stattgefundene Viererkonferenz verfaßten, jedoch unveröffentlicht gebliebenen Aufsatz vom Sommer 1951, schrieb Schumacher, daß es nicht möglich ist, ein Volk dauernd im Zustand der Zerknirschung über die Sünden eines nicht mehr existierenden Systems zu halten. Man kann nicht von falschen Kollektivurteilen ausgehen und die Demokratie für die Sünden der Diktatur büßen lassen.

Die immer wieder einmal geschwungenen Keulen "Kollektivschuld "oder "Politische Korrektheit" zerstören auch das nationale Selbstbewußtsein und das offene Bekenntnis dazu. Diejenigen, die sich nicht eine Selbstzensur auferlegen lassen und keine Schweigeverpflichtung ablegen, werden als Ewig-Gestrige, als "Unanständige", verunglimpft und finden gar in Verfassungsschutz-Akten Eingang. Dr. Kurt Schumacher hatte bereits auf dem 1. Parteitag der SPD in den westlichen Besatzungszonen im Mai 1946 eine "nationale Selbstachtung" der Deutschen gefordert. In einer packenden Rede im Jahre 1951, die vom Parteivorstand der SPD in einer Broschüre mit dem Titel "Deutschlands Forderung: Gleiches Risiko, gleiches Opfer, gleiche Chancen!" verbreitete wurde. In dieser Rede vertrat Schumacher die Meinung, "daß das deutsche Volk jetzt endlich und besser und mehr als bisher ein selbstverständliches, ruhiges, ausgeglichenes, aber unerschütterliches nationales Selbstbewußtsein braucht, seinetwegen, aber auch der Völker Europas wegen".

Heinz Nawratil, der auch ein "Schwarzbuch der Vertreibung" geschrieben hat, analysiert sehr sorgfältig die Entstehungsgeschichte der politisch-psychologischen "Waffe" Kollektivschuld und zeichnet profund die Anwendung dieser "Waffe"; mit anderem Namen, jedoch mit der gleichen Bestimmung; bis in die Gegenwart auf. Der Autor läßt es nicht mit Behauptungen bewenden, er legt vielmehr eine Fülle von Beweisen vor. Aus den Bereichen Kultur und Politik ebenso wie über die rassistische Komponente und aus den Bereichen Schuldkomplex und Moral und Schuldkomplex und Demokratie.

Im Schlußkapitel "Endstation Neurose" zieht der Autor das Fazit: Der kollektive Schuldkomplex, unter diversen wohlklingenden Decknamen, hat sich zur deutschen "Zivilreligion" entwickelt, die mittlerweile pseudoreligiöse Formen angenommen hat. Prof. Herbert Speidel kommt im Nachwort "Aus der Sicht des Psychologen" zu der Diagnose: Kollektivschuld hat verheerende Wirkungen, sie verhindert unter anderem positives nationales Selbstbewußtsein, sie beschädigt ein produktives Zusammengehörigkeitsgefühl, sie fördert Unterwerfung und eine Satellitenmentalität. Sie ist, unter welchem Namen auch immer, ein gefährliches Risiko.

Dieses Buch ist einer weiten Verbreitung, des gründlichen Lesens und der Nutzung in politischen und historischen Debatten wert.

Heinz Nawratil, Der Kult mit der Schuld Geschichte im Unterbewußtsein, Universitas München, 2002, 256 Seiten, 16,90 Euro


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