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von Helmut Bärwald Eine Zeile aus einer Hymne des deutschen kommunistischen, stalintreuen Schriftstellers Erich Weinert, die dieser 1939 in der Emigration in der Sowjetunion schrieb, gibt den Titel einer erregenden Dokumentensammlung über Spitzenkontakte von SED/PDS und KPdSU in den Jahren 1989 bis 1991 her: "Im Kreml brennt noch Licht". Herausgegeben und mit einer Einführung versehen von den Zeitgeschichtlern Detlef Nakath, Gero Neugebauer und Gerd-Rüdiger Stephan. Als Ende 1989 die 43 Jahre alte SED korrodierte, einen neuen Namen erhielt und unter diesem fortbestand; als der "real existierende sozialistische" SED-Staat dröhnend zusammenbrach und eine "geläuterte", durchweg zur Existenz unfähige DDR vom Drang des Volkes zur Wiedervereinigung Deutschlands überholt worden war, starrten Spitzenfunktionäre der SED/PDS nach Moskau, erhofften und erhielten auch gelegentlich Lichtzeichen aus dem Kreml. Sie rechneten mit Beistand zur Rettung, zur Erhaltung der DDR; für den Fortbestand des Sozialismus. Sie erhielten viel Zuspruch, zahlreiche Streicheleinheiten und von erfahrenen "Westarbeitern" der KPdSU etliche Ratschläge, viele politisch-ideologische Hinweise und bündnispolitische Anregungen für ihr künftiges Verhalten, für Agieren und Agitieren der SED-Fortsetzer in einem demokratischen, freiheitlich parlamentarischen Deutschland. Der SED-Staat, die "DDR", war nicht zu halten. Das hatten die Genossen in Moskau sehr schnell erkannt, und die Genossen in Ost-Berlin schließlich auch kapiert. Es gibt etliche Belege für die Tatsache, daß die im April 1946 durch Zusammenschluß von SPD und KPD in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands entstandene SED Ende 1989 nicht aufgelöst, sondern mit einem anderen Namen - Partei des Demokratischen Sozialismus - erhalten wurde und bis heute fortgesetzt wird. Weitere Beweise dafür, daß die PDS eben nicht die Nachfolgerin sondern die Fortsetzerin der SED ist, sind auch in den hier erwähnten Protokollen zu finden. Gregor Gysi machte als gerade eben gewählter Vorsitzender der SED, bereits am 10. Dezember 1989 in einem Gespräch mit dem stellvertretenden Leiter der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU, Raffael Fjodorow, deutlich, daß er keine nachteiligen rechtlichen Konsequenzen bei einer Änderung des Parteinamens SED sehe. Der Parteivorstand müßte einen Beschluß fassen, daß alle Rechte bei der Partei bleiben, die anstelle SED einen neuen Namen trägt. Am 2. Februar 1990 informierte Gysi (zu diesem Zeitpunkt Vorsitzender der Doppelnamen-Partei SED/PDS) den Generalsekretär der KPdSU und Vorsitzenden des Obersten Sowjets der UdSSR, Michail Gorbatschow, über den Ruf zahlreicher SED/PDS-Genossen nach Auflösung der Partei. Gysi ließ den Moskauer Obergenossen wissen, daß er auf einer Präsidiumssitzung in einer Rede (am 26. 1. 1990 mit dem Titel "Hören wir auf, über Auflösen zu reden - machen wir unsere politische Arbeit!") klargemacht habe, "daß jetzt das Stoppzeichen gesetzt werden müsse, daß man keine Auflösung zulassen und nicht weiter zurückweichen dürfe". Der SED/PDS-Parteivorstand hatte sich am 20. Januar 1990 nochmals mehrheitlich für den Erhalt der Partei entschieden. Am 4. Februar beschloß der Parteivorstand die Streichung des Namens SED und die Fortführung der (alten) Partei mit der Firmenbezeichnung PDS. Zu den wichtigsten sowjetischen Gesprächspartnern der SED/PDS-Apparatschiks gehörte einer der erfahrensten und gewieftesten sowjetischen "Westarbeiter", Valentin Falin, in der infrage kommenden Zeit Chef der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU. Dieser war es denn auch, der in einem Gespräch in Moskau Anfang Februar 1990 die ob des Volkszorns gegen die SED/PDS verschreckten deutschen Genossen mit einer düsteren Agentengeschichte zu trösten und zu stärken versuchte. Falin machte Gysi darauf aufmerksam, daß die "Empörung gegen die SED-PDS nur scheinbar der Spontaneität" unterliege. Bereits 1956 sei "in der NATO ein Szenarium zur Unterminierung der DDR erarbeitet worden, das die Einschleusung einer großen Anzahl von Agenten in die DDR vorsah. Gleiches wiederholte sich 1979... Der konzentrierte Angriff auf das MfS habe vor allem das Ziel verfolgt, die DDR gegen die Aktivitäten der Agenten schutzlos zu machen." Im Zusammenhang mit Untersuchungen über die Rolle des SPD-Politikers Herbert Wehner in der gesamtdeutschen Nachkriegsgeschichte ist der in der Gesprächsnotiz enthaltene Vermerk über Falins Hinweis interessant: "Entsprechende Dokumente (über das angebliche NATO-Szenarium - H.B.) hätten sich u. a. im Besitz von Herbert Wehner befunden." Bereits Anfang Februar 1990 wurde in mehreren Gesprächen zwischen hochrangigen KPdSU- und SED/PDS-Funktionären vereinbart, die Zusammenarbeit zwischen beiden Parteien auf eine "völlig neue Stufe zu heben", insbesonders in diesen Bereichen: Herstellung von Kontakten auf Arbeitsebene zwischen leitenden Funktionären der einzelnen Kommissionen des Parteivorstandes der SED/PDS mit ihren sowjetischen Partnern im ZK der KPdSU; Fortsetzung des Austausches von Kadern der PDS bzw. der KPdSU zum Studium und zur Weiterbildung in den zentralen Bildungseinrichtungen beider Parteien; Unterstützung seitens der sowjetischen Medien für das politische Wirken der PDS; verstärkte Entsendung von Repräsentanten der KPdSU in die DDR und ein massenwirksames Auftreten dieser in den DDR-Medien und vor der Öffentlichkeit; und - das war sehr wichtig bei der "Umwandlung" des heruntergekommenen "alten" Sozialismus in einen (scheinbar) "neuen" Sozialismus - die Intensivierung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit zur Schaffung eines theoretischen Vorlaufs für gesellschaftliche Veränderungen in Richtung eines demokratischen Sozialismus. In Thesen der PDS-Kommission Internationale Politik vom 7. Dezember 1990 "Zur weiteren Gestaltung der Parteibeziehungen mit der KPdSU" wird zu den inhaltlichen Schwerpunkten gleichfalls die "wissenschaftlich-konzeptionelle Entwicklung der Sozialismus-Theorie" gezählt. Anfang Februar 1990 hatte Gorbatschow dem Genossen Gysi den Rücken gestärkt mit der Bemerkung, "was auch geschehen werde, die Idee des Sozialismus werde weiterleben". Gysi bedankte sich mit dem Hinweis, er sei Rußland zu Dank verpflichtet. Sein Urgroßvater habe Industriewerke in Kolomna besessen und dies sei der Ursprung dafür, daß er die Gelegenheit erhielt, Kommunist zu werden. Für ihn gebe es keine besseren Ideen in der Welt. Hans Modrow, der Ehrenvorsitzende der PDS, bekam im Januar 1991 von Valentin Falin nach einem Exkurs über Marxismus-Leninismus die Feststellung und den Auftrag mit auf den Weg: "Alles in allem sind wir doch offensichtlich Vertreter einer Lehre, die bis heute nicht in vollem Maße zur Entfaltung gekommen ist. Gerade aber eine solche Entfaltung sollte man im Auge haben." In einem anderen Gespräch mit deutschen Genossen im September 1990 hatte Falin verkündet, von einem Zusammenbruch des Sozialismus könne nicht gesprochen werden. Gescheitert sei nicht der Sozialismus, sondern "sein stalinistisches Modell". Die PDS-Genossen wurden von Falin im Januar 1991 aufgefordert, das "Modell DDR" und die "Errungenschaften der DDR" in die gesamtdeutsche und internationale Arbeit, in Politik und Agitation der PDS einzubringen: Die PDS "ist im Grunde genommen die einzige Partei geblieben, die im Bundestag und in entsprechenden Landtagen, in parlamentarischen Institutionen der BRD aber auch in der Europäischen Gemeinschaft Westeuropas in parlamentarischen Kontakten in der Lage ist, den Nachlaß der DDR ökonomisch, sozial, kulturell, national differenziert und ausgewogen, das heißt den Staat DDR, ohne den die heutige Entwicklung in Europa undenkbar wäre, zu vertreten. Ebenso wenig vorstellbar wäre ohne die DDR die positive Wende in Europa in der jüngsten Zeit. Die DDR war über 40 Jahre eine Art Gegengewicht gegenüber der BRD. Insbesondere gilt das für die erste Zeit ihrer Existenz. Sie war ein Gegengewicht in militärischer, politischer und auch in anderer Hinsicht. Wie viele soziale Beschlüsse in der BRD sind nur dank der Existenz der DDR zustande gekommen. Dies erfolgte sowohl auf staatlicher Ebene als auch kommunal. Die BRD-Bürger vermochten damit, diese Errungenschaften, die nicht ohne die DDR erzielt wurden, tagtäglich zu genießen." Falin ermahnte die deutschen Genossen im gleichen Gespräch auch, daß es im Zusammenhang mit einer "allseitigen sachlichen Darstellung der Geschichte" nützlich wäre, "solche Leistungen wie die Bodenreform, die Schulreform, die demokratischen Ansätze (in der SBZ/"DDR" - H.B.) herauszuarbeiten, die viel weiter in ihrer Entwicklung waren als seinerzeit in den Westzonen". Der gewiefte "Westarbeiter" Falin fügte hinzu: "Dies wird wichtig sein, auch wenn es darum geht, für eine neue Verfassung der BRD einzutreten." Der totalitäre Unrechtsstaat "DDR" und seine "Errungenschaften" als Modell für eine freiheitliche demokratische Bundesrepublik Deutschland! In einem Gespräch mit Modrow im Juli 1990 äußerte Falin die Meinung, "noch in der DDR alle Möglichkeiten zu nutzen, daß sich nicht das BRD-Recht durchsetzen könne". Noch während der SED-Staat zusammenbrach und auf seinen Trümmern an der Entwicklung einer nicht totalitären DDR gebastelt wurde, wollten sowohl die Genossen der KPdSU als auch die der SED/PDS das Experiment "Neuer Sozialismus" in eben einer solchen DDR, also in einem zweiten deutschen Staat, verwirklicht sehen. Ungenannte Mitarbeiter der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU machten Mitgliedern der PDS-Kommission Internationale Politik in einem Gespräch am 20. März 1990 in Berlin deutlich, daß die KPdSU eine "wesentliche, ja die entscheidende Aufgabe der PDS" darin sehe, "mit aller Kraft und allen Mitteln gegen einen Anschluß der DDR an die BRD zu kämpfen". Die sowjetischen Genossen brachten allerdings bereits in dieses Gespräch Gedanken über eine mögliche Vereinigung der "alten" Bundesrepublik Deutschland mit den mitteldeutschen Ländern ein, wenn auch die "Eigenstaatlichkeit der DDR bis zur Jahrtausendwende" halten bleiben sollte. "Die Sowjetunion werde ihr möglichstes dazu beitragen, versprachen die sowjetischen Genossen und ermahnten ihre deutschen Genossen: Gemeinsam müßten alle Anstrengungen darauf gerichtet sein, daß der "spätere Einheitsstaat keine vergrößerte BRD, sondern durch die gleichberechtigte Mitgestaltung durch die DDR ein völlig neuer demokratischer Staat werde". Der PDS-Vorsitzende Gysi äußerte gegenüber Gorbatschow im Februar 1990, die Europäer hegten keine guten Gefühle gegenüber einem mächtigen Großdeutschland, und auch er, Gysi, habe dazu sehr gemischte Gefühle. "Die Losung von 'Deutschland, einig Vaterland' komme ihm gegenwärtig nur schwer über die Lippen," jammerte er. Daraufhin meinte Gorbatschow "scherzhaft, da werde er wohl noch üben müssen". In einem Gespräch mit dem PDS-Ehrenvorsitzenden Modrow am 24. Juli 1990 räumte Falin ein, "daß der Beitritt der DDR in die BRD nicht als Schlußpunkt der Geschichte angesehen werden sollte. Man müsse 5, 10 bis 20 Jahre weiter denken. Dieses Weiterdenken betrifft auch solche Fragen, wie den möglichen geforderten Austausch polnischer Gebiete zwischen Ost und West". Mitte Januar 1991 gab Falin dem gleichen deutschen Gesprächspartner gegenüber zu: "Die Tatsache, daß auf Grund der Arroganz von Erich Honecker, Günter Mittag und einigen anderen Genossen man gezwungen sein werde, die DDR zu verlieren, stand im Grunde genommen seit längerem fest. Wann das geschieht, war nur eine Frage der Zeit." Von der "Westarbeit" der SED zur "Bündnisarbeit" der PDS Falin zu Modrow im Juli 1990: "Es müsse deutlich gemacht werden, welchen Einfluß doch die DDR eigentlich auf die BRD gehabt habe." In den Unterredungen zwischen führenden Genossen der KPdSU und der SED/PDS kam auch immer wieder die vom SED-Staat geleistete, von der KPdSU bzw. der Sowjetunion strategisch konzipierte, organisatorisch, finanziell und politisch-ideologisch kräftig unterstützte "Westarbeit" im freien und gegen den freien Teil Deutschlands gerichtet, zur Sprache. Den deutschen Genossen wurde von ihren sowjetischen "großen Brüdern" nachhaltig klargemacht, daß etliche Elemente der "Westarbeit", der politisch-psychologischen Kriegsführung gegen die (alte) Bundesrepublik Deutschland und deren freiheitliche demokratische Grundordnung, nach dem Ende der "Eigenstaatlichkeit" der "DDR" in der neuen Bundesrepublik Deutschland in die praktische politische Arbeit der PDS übernommen werden sollen. Das betrifft insbesondere die in zahlreichen Kampagnen und Bewegungen (z. B. im Anti-Berufsverbote-Kampf, in der Friedensbewegung) erfolgreich praktizierte Bündnispolitik der Kommunisten/Sozialisten. Aus Notizen über KPdSU-SED/PDS-Spitzengespräche zwischen Ende 1989 und Anfang 1991 wird deutlich, daß etliche strategische und taktische Leitlinien, vor allem auch bündnispolitisches Agieren sowohl auf der nationalen als auch auf der internationalen Ebene bereits in diesen Konsultationen erörtert und festgelegt wurden. In einem dieser Gespräche, in der Unterredung des SED/PDS-Vorsitzenden Gysi mit Alexander Jakowlew, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der KPdSU, am 2. Februar 1990, bestätigte der deutsche Obergenosse die Tatsache, daß die DKP (und über sie etliche Hilfs- und Tarnorganisationen sowie zahlreiche "Bewegungen", Kampagnen und Einzelaktionen) wie die Sozialistische Einheitspartei Westberlins (SEW) von der SED, zu einem großen Teil über SED-Unternehmen in der "DDR", in der Bundesrepublik Deutschland und im Ausland, finanziell unterstützt worden waren. In dem Gespräch mit Jakowlew bekundete Gysi die Absicht der PDS, "mit der KPdSU kurzfristig gemeinsame Betriebe zu gründen. Die PDS werde zunächst 2 - 3 Vorschläge für Pilotprojekte unterbreiten, wobei westliche Betriebe einbezogen werden könnten. Auf diese Weise könnte auch der DKP und der SEW konkrete Unterstützung geleistet werden. Die finanzielle Hilfe der PDS für diese Parteien müsse in Kürze eingestellt werden, da sie keine Möglichkeit mehr für die Einnahme von Devisen habe." Auch in dem Gespräch mit Gorbatschow am selben Tag hatte Gysi gejammert: "Die Partei habe eine Reihe ihrer Betriebe abgeben müssen. Sie beginne jedoch auch damit, neue Betriebe aufzubauen und neue juristische Möglichkeiten dafür zu erschließen. Man erhalte Unterstützung von vielen Seiten, darunter auch von bestimmten Personen und Kräften aus der BRD." Am 18. Mai 1990 traf sich Gysi mit dem erfahrenen sowjetischen "Westarbeiter" Falin in Berlin. Gysi gab eingangs die Absicht der PDS kund, "einen breiten Konsens mit den Linkskräften in der BRD herzustellen, die inhaltlichen Probleme zu diskutieren und die organisatorischen Fragen erst ganz am Schluß zu stellen". Als Zielgruppen der PDS nannte der PDS-Vorsitzende insbesondere die Intelligenz, linke Gewerkschafter und die Jugend aus allen Bevölkerungsschichten. Falin kam während der Unterredung auch auf die vom SED-Staat sowie der Sowjetunion und deren "5. Kolonnen" in der Bundesrepublik Deutschland (wie auch international) forcierten und auf mannigfache Weise unterstützten "Friedensbewegung" zu sprechen. Dieses Thema wurde in einem Gespräch zwischen dem PDS-Ehrenvorsitzenden Modrow und Falin am 24. Juli 1990 in Moskau vertieft. Falin äußerte: "Mit der Vereinigung muß die Friedensbewegung erneut stärker entwickelt werden." In einer Reihe von KPdSU-PDS-Gesprächen, vor allem in Bemerkungen Falins wurde immer wieder deutlich, welche erhebliche Rolle diese "Friedensbewegung" auch im Kampf gegen die NATO gespielt hat. Falin ließ Gysi zum Beispiel in diesem Zusammenhang wissen: "Wenn die NATO aufgelöst werden könnte, wenn erreicht werden könnte, daß keine NATO mehr als militärische Offensivorganisation existiert, dann wären die Anstrengungen der Vergangenheit nicht umsonst gewesen." Im Rückblick von den derzeitigen Ergebnissen und Erfolgen der von der PDS praktizierten Bündnispolitik auf nationaler wie internationaler Ebene zeigt sich, wie großteils realistisch bündnispolitische Lageanalysen und Konzepte in den KPdSU-PDS-Spitzengesprächen am Beginn der neunziger Jahre waren. Hans Modrow, damals noch DDR-Ministerratsvorsitzender, konferierte an der Spitze einer Regierungsdelegation am 6. März 1990 mit Gorbatschow. Dieser ermahnte die deutschen Genossen, ihre Bestrebungen zur Förderung der Zusammenarbeit der linken Kräfte, einschließlich der SPD, zu verstärken. 14 Tage später, in einem Gespräch zwischen Mitgliedern der PDS-Kommission Internationale Politik und einem namentlich nicht genannten Vertreter der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU wurde den deutschen Genossen angeraten, "ein Zusammengehen mit allen linken Kräften elastisch, behutsam aber zielstrebig zu entwickeln". Der sowjetische Genosse konstatierte: "Auf die Dauer betrachtet würden die PDS und die SPD in der DDR, und in weiterer Ferne in einem Gesamtdeutschland, zusammengehen. Das sei schon deshalb unausbleiblich, da es sehr viele Gemeinsamkeiten gebe und sich die PDS nach seiner Auffassung im Prinzip bereits in eine sozialdemokratische Partei verwandelt habe." Ein Mitarbeiter der PDS vermerkt in der von ihm angefertigten Gesprächsnotiz: "Worten und Tonfall des Gesprächspartners war zu entnehmen, daß er darin keine negative Etikettierung, sondern eine positive Entwicklung sieht." Modrow sagte Falin im Januar 1991 zu, die Bündnispolitik sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene zu intensivieren, "insbesondere angesichts der Notwendigkeit einer stärkeren Entwicklung der internationalen Solidarität, eines Zusammenwirkens der verschiedenen linken Kräfte und der Kontakte mit den Sozialdemokraten". Bemerkenswert ist, wie Falin in einem Gespräch mit Modrow im Juli 1990 die SPD einschätzte: "Die DDR war doch stets die Linke für die SPD. Nur deshalb konnte auch die SPD in der BRD existent bleiben. Ohne die DDR besteht für die SPD in Westdeutschland eher die Gefahr, entweder ganz unterzugehen oder zu einer ähnlich bedeutungslosen Kraft zu werden, wie die Sozialisten in den USA." Im Linkskartell wird unvermindert über die in Deutschland angeblich herrschende "Siegerjustiz" und die anhaltende angebliche politische Verfolgung ehemaliger "Bürger der DDR" gezetert. Falin versprach dem Genossen Modrow in einem Gespräch im Juli 1990, daß die sowjetische Presse deutlicher "zu Verfolgungen von Kommunisten in der DDR" berichtet. Dazu müßten allerdings die sowjetischen Medien stärker mit entsprechendem Material ausgerüstet werden. Im September des selben Jahres sprachen PDS-Genossen mit Falin gar über die Notwendigkeit einer "zweiten Emigration deutscher Genossen und Freunde" in die Sowjetunion und deren "Einsatz an wissenschaftlichen Instituten, als Spezialisten in Betrieben". Die deutschen Genossen übergaben Falin bei dieser Gelegenheit ein Exemplar eines "für DDR-Bürger" vorgeschriebenen Fragebogens zur Entscheidung über deren Verwendung in der Bundeswehr. Das Gesprächsprotokoll vermerkt: "Gen. Falin sprach sich für eine Veröffentlichung dieses Fragebogens in der Presse und entsprechende Kommentierung aus. Die sowjetischen Genossen bleiben an der Übermittlung weiterer konkreter Fakten von Verfolgungen demokratischer Kräfte interessiert, um überzeugender auf verschiedenen Kanälen wirken zu können." Wladimir Bukowski zitiert in seinem Buch "Abrechnung mit Moskau" (Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1996) einen Beschluß des KPdSU-Politbüros vom Oktober 1990 "Über Maßnahmen im Zusammenhang mit der Verfolgung der Partei des Demokratischen Sozialismus (DDR)" (In Deutsch veröffentlicht auszugsweise in dem genannten Buch sowie vollständig im "Deutschland Archiv" Nr. 2/94). Im Dezember 1989 wurde mir (H. B.) von einer leitenden Mitarbeiterin eines SED-Institutes glaubhaft berichtet, daß bereits im Herbst 1988 zahlreiche Kisten mit geheimen Archivmaterialien aus dem Politbüro und Zentralkomitee sowie anderen "empfindlichen" Bereichen der SED "in Richtung Osten" abtransportiert wurden. Die "Sicherstellung", realiter: das Verschwindenlassen, das Verstecken von SED-Archiven, war auch Gegenstand mehrerer der SED/PDS-KPdSU-Spitzengespräche. In einem ebenfalls von Bukowski beschafften Papier aus der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU berichtet der in der "Westarbeit" sehr erfahrene "Berater" in dieser von Falin geleiteten Abteilung, Nikolai Portugalow, über eine Dienstreise Mitte März 1991 durch Deutschland und über ein bei dieser Gelegenheit mit dem PDS-Vorsitzenden Gysi geführtes Gespräch. Gysi bat seinen Gesprächspartner dringendst um Hilfe bei der "Sicherstellung" des SED-Archivs, das "eine Menge geheimer Dokumente enthalte, deren Veröffentlichung nicht nur für die PDS, sondern auch für die KPdSU äußerst unerwünschte Folgen hätte". Geradezu beschwörend wies Gysi darauf hin, daß das Archiv zum Beispiel auch Dokumente enthält, "die mit der Tätigkeit illegaler kommunistischer Parteien zusammenhängen, die die SED (in Absprache mit uns <KPdSU - H.B.>) materiell unterstützt hat. Es handele sich dabei um die Buchführung über die finanzielle Hilfe der SED an progressive Organisationen in der BRD bis zur Wiedervereinigung Deutschlands. "Gysi zufolge wäre die Veröffentlichung der Dokumente aus dem Archiv 'eine echte Katastrophe'." (Bericht Portugalows vom 13. 3. 1991 an den Vertreter des Generalsekretärs des ZK der KPdSU, Genossen Iwaschko, W.A. In Deutsch veröffentlicht a.a.O.). In den Jahren nach den hier geschilderten Spitzengesprächen und Kontakten hat die SED-Fortsetzungspartei tatsächlich, vor allem in bündnispolitischen Bereichen, eine Menge von dem erreicht, das sie sich in Übereinstimmung mit den Genossen in Moskau, teilweise auch auf deren "Anraten" vorgenommen hatte. Detlef Nakath, Gero Neugebauer, Gerd-Rüdiger Stephan, Herausgeber: "Im Kreml brennt noch Licht" Die Spitzenkontakte zwischen SED/PDS und KPdSU 1989 - 1991, Berlin Dietz Verlag 1998, 36 DM (Veröffentlicht in "Das Ostpreußenblatt" 13/99 3.4.99 und 14/99 10.4.99). |
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