"Neue APO": Das Kanzleramt, das ist nicht viel - der Sozialismus ist das Ziel
von Helmut Bärwald
Es wäre eine fatale Fehleinschätzung der Lage nach der
Bundestagswahl, anzunehmen, die Außerparlamentarische Opposition
hätte nun "nichts mehr zu tun". Im Gegenteil: Noch während
die künftigen rot-grünen Koalitionspartner miteinander
palaverten und die "Farbenlehre" der Regierungsarbeit
aushandelten, setzte sich eine breite außerparlamentarische
Bewegung in Marsch, mit dem Ziel, die Regierung Schröder gehörig
"unter Druck von links" zu setzen.
Drei Marschsäulen der außerparlamentarischen "Kampfgruppen"
haben bisher Flagge gezeigt:
Nach dem ersten Schritt (der Abwahl Kohls) will das im Januar 1997
mit der "Erfurter Erklärung" gegründete
Volksfrontbündnis "Erfurter Bewegung" nun den zweiten
Schritt tun. Im hessischen Fulda trafen sich Aktive des Bündnisses
zur Lagebeurteilung und zu Beratungen über die weitere Arbeit.
Die Weichen für künftige Aktivitäten einer breiten, von
der "Erfurter Bewegung" mit initiierten und mitgetragenen außerparlamentarischen
Bewegung sollen auf einem Kongreß am 30. Januar 1999 gestellt
werden. Das erste Ziel, eine neue Regierung, sei am 27. September
erreicht worden. Nun muß das zweite Ziel, ein "wirklicher
Politikwechsel" anvisiert werden, verlangen die "Erfurter".
Dieser zweite Schritt sei nur "mit einem breiten demokratischen
Engagement zu erzwingen". Dabei müßten die Erfahrungen
der Achtundsechziger im Westen und der Mitteldeutschen aus dem Herbst
1989 in die Strategiedebatte eingebracht werden, verlangte der agile
Volksfrontstratege Bodo Ramelow, Landesvorsitzender der
DGB-Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen in Thüringen.
Die PDS-Zeitung "Neues Deutschland" ließ der
Gewerkschaftsobere wissen, daß der rot-grünen
Bundesregierung gegenüber, aus der Sicht der Linken, der "Progressiven",
Skepsis angebracht sei.
Ein Umdenken und Umsteuern der Politik der "sogenannten"
(sic!) Inneren Sicherheit verlangen acht "Bürgerrechtsorganisationen"
- unter anderem die Gustav-Heinemann-Initiative, die Humanistische
Union, die Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen, und
die Initiative Kritische Polizistinnen und Polizisten - in einem
Memorandum von der rot-grünen Bundesregierung. Gefordert werden
unter anderem eine totale Liberalisierung des Staatsbürgerrechts
sowie der Asyl- und Flüchtlingspolitik insgesamt; eine "behutsame
Liberalisierung und Entkriminalisierung" der "gescheiterten
Drogenprohibition"; die Entkriminalisierung von "Bagatelldelikten";
sowie eine "kritische Überprüfung der mangelhaften
demokratischen Legitimation und Kontrolle von Europol und Schengener
Informationssystem kund der unerträglichen Immunität der
Europapolizisten".
Die dritte APO-Marschsäule formiert sich auf Initiative der
Jungsozialisten in der SPD auf der Grundlage eines mehrseitigen
Papiers "Alternatives 100-Tage-Programm - Für einen
grundlegenden Politikwechsel". Die Initiatoren und Autoren dieses
"Programms" stellen in der Präambel die Frage, ob denn
die neue Regierung tatsächlich auch eine neue, eine andere
Politik machen, oder ob sie eine alte Politik im neuen Gewand präsentieren
wird. Die Antwort der "Alternativen": "Es
hängt von uns selber ab. Fortschrittliche Reformen erfordern
gesellschaftliche Bewegung. Auch eine rot-grüne Bundesregierung
wird neoliberale Züge tragen, wenn kein Druck von unten
organisiert wird. Nur das Zusammenspiel von politisch bewußter
Wissenschaft, der Kreativität und Kompetenz gesellschaftlicher
Bewegungen und einer fortschrittlichen Parlamentsmehrheit kann den Weg
für einen sozial gerechten, wirtschaftlich effizienten und
demokratisch organisierten Modernisierungspfad eröffnen."
Die Initiatoren und Unterzeichner des "Alternativ-Programms"
erwarten von der rot-grünen Bundesregierung, in den ersten
hundert Tagen Konzepte für die Lösung der dringendsten
Probleme vorzulegen und erste Maßnahmen in die Wege zu leiten.
Auf zunächst fünf Feldern:
- Schaffung von qualifizierten Arbeitsplätzen und
Wiederherstellung sozialer Gerechtigkeit
- Offensives Herangehen an die EU-Präsidentschaft für
ein demokratisches Europa
- Eine Bildungsreform, die schulische und berufliche Ausbildung
nach vorne bringt
- Eine zukunftsfähige Energiepolitik
- Ein progressives Staatsbürgerschaftsrecht und eine humane
Flüchtlingspolitik.
Diese fünf Felder sollen in Zusammenarbeit mit Menschen aus den
eingangs erwähnten Kreisen ("politisch bewußte
Wissenschaft", gesellschaftliche Bewegungen und eine "fortschrittliche
Parlamentsmehrheit") formuliert werden. Die Autoren,
Unterzeichner und Anhänger des "Alternativ-Programms"
wollen diesen Prozeß anstoßen: "Wir verstehen unsere
Initiative vor allem als Anstoß für gesellschaftliche
Bewegung." Deren Ziel soll auch eine Reform des Staates, "hin
zu mehr Bürgerinnennähe, gesellschaftlicher Selbstverwaltung
und mehr Demokratie" sein.
Die Parole der breiten, vielfältig strukturierten "gesellschaftlichen
Bewegung" lautet: "Helmut Kohl ist abgewählt. Geschafft
ist damit nur der erste Schritt. Jetzt liegt es an uns, einen
wirklichen Politikwechsel einzufordern!"
Zu den Erstunterzeichnern des "Alternativen 100-Tage-Programms"
gehören Jungsozialisten, Angehörige der Jugendorganisation
der Grünen, Wissenschaftler, Künstler, Publizisten und viele
DGB-Gewerkschaftsfunktionäre, Funktionäre in
Studentenorganisationen, in Arbeitslosen- und anderen "gesellschaftlichen"
Bewegungen. Viele von ihnen sind auch Aktive der "Erfurter
Bewegung".
Die Initiatoren und Unterzeichner des "Alternativ-Programms"
verstehen sich als Teil des gesellschaftspolitischen Aufbruchs, der
gegenwärtig von verschiedenster Seite angestoßen wird und
zu dem sie über den Tag hinaus ihren Beitrag leisten wollen. Die
Anfangsphase der rot-grünen Bundesregierung soll kritisch
begleitet, nach hundert Tagen soll eine erste Zwischenbilanz
vorgenommen werden. Zu den Protagonisten des "Alternativ-Programms"
als Fundament einer breiten "Volksfront"-Bewegung gehört
die Bundesvorsitzende der Jungsozialisten in der SPD, Andrea Nahles.
Sie ist Mitglied des SPD-Parteivorstandes und zog nach der letzten
Bundestagswahl über die Landesliste Rheinland-Pfalz als
Abgeordnete in den Bundestag ein - als eine Exponentin einer "
fortschrittlichen Parlamentsmehrheit".
In der Mitte Oktober erschienenen Ausgabe des "Sprachrohrs"
der Linken in der SPD, der "Zeitschrift für Sozialistische
Politik und Wirtschaft" (spw) läßt sich die zur
Parlamentarierin avancierte Juso-Bundesvorsitzende recht präzise über
Voraussetzungen, Gefahren und Chancen des Wahlsieges für Rot-Grün
und über die künftigen Aufgaben der (SPD-)Linken aus. Sie
schreibt dazu: "Aus der an sich zentralen Rolle der SPD-Linken muß
ein Bewußtsein für sich werden. Die Parteilinke muß
sich disziplinieren, stringenter organisieren, programmatisch
offensiver werden und lernen, wie man politische Positionen
inszeniert, Kampagnen macht."
Der Aufruf zur Bildung einer breiten außerparlamentarischen
Oppositionsbewegung, die "Druck von links" auf die rot-grüne
Regierung ausüben soll, ist der Anfang. Das Vorhaben, in die außerparlamentarische
Bewegung auch eine "fortschrittliche Parlamentsmehrheit"
(vor allem von Abgeordneten der SPD, der Grünen und der
SED-Fortsetzungspartei PDS) einzubeziehen, weckt historische
Reminiszenzen:
Die revolutionäre Kommunistin Rosa Luxemburg hatte auf dem Gründungsparteitag
der KPD am Jahreswechsel 1918/19 auch diesen taktischen Leitsatz verkündet:
"Die Straße soll überall zur Herrschaft und zum
Triumph kommen. Wir wollen innerhalb der Nationalversammlung ein
siegreiches Zeichen aufpflanzen, gestützt auf die Aktion von außen.
Wir wollen dieses Bollwerk von innen heraus sprengen. Wir wollen die
Tribüne der Nationalversammlung, und auch diejenige der Wählerversammlungen."
Ein halbes Jahrhundert später äußerten sich zwei
Funktionäre der im September 1968 als KPD-Nachfolgerin "neukonstituierten"
DKP, Hans Adamo und Helmut Rödl, im Funktionärsorgan der DKP
"Marxistische Blätter" (Mai/Juni 1969) zum Thema "Bundestagswahl
- Bestandteil des Klassenkampfes". Beide Autoren merken an, daß
die Kommunisten "den Wahlkampf auch als Instrument der Zusammenführung
der demokratischen Kräfte zu gemeinsamen Aktionen verstehen",
und daß der Wahlkampf "auch darauf orientiert sein muß,
ins Parlament zu gelangen und damit die von den herrschenden Kreisen
errichtete Mauer zu durchbrechen". Allein "die bloße
Tatsache des Eindringens ins Parlament wäre bereits für die
gesamte demokratische Opposition ein bedeutender Erfolg",
stellten die Autoren fest. Die von der DKP, die von den Kommunisten
vertretenen Ziele, "in das Parlament einzudringen, es als Tribüne
zu nutzen, um die außerparlamentarischen Aktionen zu stärken",
wurde damals von den Autoren vor allem gegen die Kritik aus der "antiautoritären
Bewegung" mit dem ausdrücklichen Hinweis auf Aussagen Rosa
Luxemburgs verteidigt.
Andrea Nahles verkündete, daß die neue - richtig ist: die
weitere - APO-Initiative auch PDS-Mitgliedern offensteht (wie zum
Beispiel auch der "Erfurter Bewegung".
Eine "mehrfarbige" außerparlamentarische Opposition,
mit Repräsentanten im Parlament, ist nun, mit überlieferten
kommunistischen (leninistischen) "Anleitungen zum Handeln"
in den Taschen, angetreten, die rot-grüne Bundesregierung kräftig
von links unter Druck setzen zu wollen. Die SED-Fortsetzungspartei
nennt den "Druck von links" auch "antreibende Unterstützung".
Nach Ansicht der PDS steht der von Rot-Grün angekündigte
Politikwechsel "von vornherein unter Pannenverdacht". Dem
will die PDS-Fraktion im Bundestag als "unbequeme Opposition"
begegnen - gewiß mit der Partei insgesamt in vielfältigen
parlamentarisch-außerparlamentarischen Bündnissen. |