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EPOCHE Nr. 148
MIT UMWELTFORUM
EPOCHE UND UMWELT
Ideenmagazin und "Argumente- und Informationsmagazin für Meinungsführer und Multiplikatoren" nannte Manfred Wörner (NATO-Generalsekretär 1988-94) die EPOCHE - Ideen von heute sind Taten von morgen - 148 - 07-2001 - 26. Jahrgang

(...) Man solle Patriotismus und europäische Integration nicht als Gegensatz sehen, meint François-Poncet. »Zwischen diesen Begriffen, ich würde auch sagen zwischen diesen Gefühlen, gibt es keinen Gegensatz.« Wohl aber zwischen Patriotismus und Nationalismus. Französische Präsidenten beenden ihre Ansprachen traditionell mit dem patriotischen Wunsch »vive la France«. Einer von ihnen, François Mitterrand, hat in seiner letzten Rede vor dem Europäischen Parlament vor einem aufkommenden Nationalismus in Europa gewarnt. Nationalismus bedeute Krieg, sagte Mitterrand. Die Wahrheit dieses Wortes wird derzeit auf dem Balkan demonstriert. Wo ist die Grenze zu ziehen zwischen Nationalismus und Patriotismus? (...)

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Jürgen Liminski

Nadel, grün

»Patriotismus ist ein gesundes Gefühl«

Mit dem ehemaligen Außenminister Frankreichs, Jean François-Poncet, sprach Jürgen Liminski über Geschichte, Nation, Vaterlandsliebe und Europa

Die Frage, ob man stolz darauf sein kann, Deutscher zu sein, ist emotional hoch befrachtet und kann schon deshalb in einer »Stimmungsdemokratie« weder links noch rechts liegen gelassen werden. Die beiden großen Parteien ringen um die Meinungsführerschaft. Die SPD, indem sie alles, was sich politisch rechts von der Mitte bewegt, als extremistisch einstuft. Die CDU, indem sie die Sozialdemokraten indirekt als »vaterlandslose Gesellen« darstellen möchte.

Für Außenstehende muß die Debatte grotesk wirken. Über den Begriff Nation haben Briten und Franzosen klare Vorstellungen. »Nation ist die Gemeinschaft der Toten, der Lebenden und der Zukünftigen«, meinte schon vor mehr als zweihundert Jahren der britische Konservative Edmund Burke. Das macht die Sache für die Deutschen nicht einfacher. Bei den Lebenden ist auch nicht so ohne weiteres absehbar, wie viele um das Wohl des Volkes bemühte Staatsmänner unter ihnen befinden. Und bei den Toten kann man in etlichen Fällen froh sein, daß sie nicht mehr sind, was sie waren.

So weit die Politik. In der Wissenschaft und vor allem in der Musik sieht es anders aus. Da erweist sich das Volk der Dichter, Denker, Forscher und Komponisten in Deutschland durchaus des Stolzes würdig. Aber ist es nicht etwas anachronistisch, im Europa von heute mit patriotisch aufgeblähter Brust in die Zukunft zu schauen? Wem gehören Goethe, Beethoven, Kant, Mozart oder auch Victor Hugo, Voltaire und Balzac? Ist der Nationalstolz kein Gefühl der Vergangenheit? Sind französische Politiker zum Beispiel stolz darauf, Franzosen zu sein?

Für den ehemaligen Außenminister Frankreichs und jetzigen Senator Jean François-Poncet ist das keine Frage: »Ja, warum nicht? Selbstverständlich kann man der französischen Nation viele Vorwürfe machen, aber auch viel Gutes kann man vorlegen. Ich meine, Frankreich und Deutschland haben viel zur Weltzivilisation und zur Weltkultur beigetragen. Aber nationaler Stolz heißt selbstverständlich nicht Nationalismus.« Der sei in der Tat »anachronistisch« und für beide Völker »ein schädliches Gefühl«.

Anders verhalte es sich mit Patriotismus. Der sei auch nicht abhängig von der Größe des Landes. »Wenn das der Fall wäre, dann würde man Patriotismus mit Machtwillen gleichstellen. Patriotismus ist Liebe zum Vaterland, ein Gefühl der Zugehörigkeit«. Das habe mit Größe nichts zu tun. Deshalb könnten auch Luxemburger stolz sein auf ihr Land. Der Diplomat und Wissenschaftler Ernest Renan hat vor 130 Jahren in der Nationalversammlung gesagt, die Nation sei ein tägliches Plebiszit.

Man solle Patriotismus und europäische Integration nicht als Gegensatz sehen, meint François-Poncet. »Zwischen diesen Begriffen, ich würde auch sagen zwischen diesen Gefühlen, gibt es keinen Gegensatz.« Wohl aber zwischen Patriotismus und Nationalismus. Französische Präsidenten beenden ihre Ansprachen traditionell mit dem patriotischen Wunsch »vive la France«. Einer von ihnen, François Mitterrand, hat in seiner letzten Rede vor dem Europäischen Parlament vor einem aufkommenden Nationalismus in Europa gewarnt. Nationalismus bedeute Krieg, sagte Mitterrand. Die Wahrheit dieses Wortes wird derzeit auf dem Balkan demonstriert. Wo ist die Grenze zu ziehen zwischen Nationalismus und Patriotismus? Für François-Poncet liegen die Konzepte weit auseinander: »Ich würde sagen, daß Patriotismus und Nationalismus weit voneinander entfernt sind. Patriotismus ist ein gesundes Gefühl. Nationalismus ist eine gefährliche Perversion des Patriotismus, eine Verirrung des 19. und 20. Jahrhunderts und es ist sehr wahrscheinlich so, daß der Balkan geistig noch im 19. oder im 20. Jahrhundert wohnt. In unserem Jahrhundert ist er jedenfalls noch nicht angekommen.

Bei anderen patriotischen Völkern sei die Geschichte weitergegangen. Etwa bei den Bretonen oder den Korsen: »In Frankreich hat die Geschichte Nation und Staat gleichgestellt.« Deshalb seien Bretonen und Korsen keine eigenständigen Nationen. »Die Antwort könnte jedoch anders lauten, wenn die Geschichte anders abgelaufen wäre.«

Kleinere Nationen bedürften unserer Hilfe. Beispiel Balkan. Da sei ein kleines Land, ein kleines Volk, das mazedonische, das um Hilfe schreie. Hier sollten große Nationen wie Frankreich und Deutschland den kleinen zur Seite stehen. François-Poncet: »Ich meine, die NATO muß eingreifen. Wenn die Amerikaner nicht mitmachen, müssen das Frankreich und Deutschland tun. Warum? Weil sonst das schwankende Gleichgewicht auf dem ganzen Balkan gestört werden kann. Mit den Grenzen in dieser Gegend darf man nicht mehr spielen.«


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