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MIT UMWELTFORUM
EPOCHE UND UMWELT
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Ideenmagazin und "Argumente- und Informationsmagazin für Meinungsführer und Multiplikatoren" nannte Manfred Wörner (NATO-Generalsekretär 1988-94) die EPOCHE - Ideen von heute sind Taten von morgen

Nadel, grün

Friedensfreunde mit doppelter Moral

»Man hatte einfach die besten Drogen und den besten Sex, wenn man in der Antikriegsbewegung war«

Indochina und das Versagen der westlichen Linken. Die damals lautstarken »Friedensfreunde« sollten heute Selbstbeschau betreiben, um ihre politische Vergangenheit zu bewältigen: Vor mehr als einem Vierteljahrhundert fielen Südvietnam, Kambodscha und Laos in die Hand der Kommunisten Kurz nach dem Abzug der Amerikaner aus Saigon griff die Sowjetunion Afghanistan an: Warum wurde den Afghanen seitens der »Friedensfreunde« keine Solidarität zuteil? Waren sowjetische Aggressionen »gute Kriege«?

Von Stefan Winckler

Verwundert fragt Peter Scholl-Latour: »Was ist aus der deutschen 68er-Generation geworden, die in dicht gedrängten Rotten mit dem Kampfruf »Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh« gegen die bürgerliche Gesellschaft angetreten war und amerikanische Flaggen verbrannte? Die Prominentesten unter ihnen haben den lange Marsch durch die Institutionen vollzogen. Diese glühenden Pazifisten von einst sind auf ihre Weise Erfüllungsgehilfen für der verpönten »Yankees« geworden ... Für die deutschen Phantasten wird Vietnam ein ewiger Vorwurf bleiben. Für mich bleibt Indochina das verlorene Land einer unstillbaren Nostalgie.«

Ab der Zeitenwende 1945 erkämpften asiatische Völker ihre Unabhängigkeit, nachdem die Japaner ihnen kurz zuvor demonstriert hatten, daß die weißen Kolonialherren keineswegs so unbesiegbar sind, wie man bis dahin dachte. Der dreißigjährige Krieg in Vietnam fand weltweit besondere Aufmerksamkeit, da er zum ersten »Fernsehkrieg« mit erheblicher Wirkung insbesondere in der akademischen Jugend zwischen San Francisco und Berlin wurde. Fahnenflucht, Korruption und ausbleibende Waffenlieferungen brachen der südvietnamesischen Armee das Genick, nachdem seit Jahren die Kampfmoral zu wünschen übrig ließ. In den sechziger Jahren war es die US-Army, die unnötigerweise den Krieg weitgehend selbst führte statt den Bündnispartner Südvietnam in größerem Umfang zu eigenen Aktionen zu befähigen.

Mit dem Friedensabkommen von Paris 1973 zogen sich die Vereinigten Staaten völlig aus den Kampfhandlungen zurück. Fast gleichzeitig verweigerte der Kongreß (gerade auch wegen der Watergate-Affäre) die notwendigen Finanzmittel für Südvietnam und vor allem die Zustimmung zu jenen Kampfeinsätzen, die das Völkerrecht bei den systematischen nordvietnamesischen Vertragsverletzungen erlaubte und die als Option unabdingbar waren. Auch Nordvietnam hatte sich zum Rückzug verpflichtet, schleuste jedoch 130.000 Mann, Panzer und schwere Artillerie nach Süden.

In Kambodscha konnten die Roten Khmer am 17.4.1975 die Hauptstadt Phnom Penh erobern. In Laos übernahmen die Kommunisten offiziell am 2.12.1975 die Macht. Nordvietnam selbst nutzte die Gelegenheit und zog die für 1976/77 geplante Invasion des Südens vor: mit der Folge, daß das fruchtbare Mekongdelta einschließlich der Hauptstadt Saigon innerhalb weniger Wochen eingenommen war (30.4.1975). Unvergessen sind die Fernsehbilder von den Menschentrauben, die sich an Hubschrauber klammerten, um auf amerikanisches Hoheitsgebiet evakuiert zu werden. In den westlichen Zeitungen war viel von der »Milde der Sieger« die Rede, die freilich nur in den ersten Wochen anhielt, solange die Augen der Welt auf Saigon gerichtet waren. Wenig später setzte die erste Flüchtlingswelle ein und die kommunistischen Sieger errichteten Konzentrationslager.

In den folgenden zehn Thesen sollen die (von der Linken bis heute ignorierten) Hintergründe und Wechselwirkungen des Kampfes um Vietnam ins Blickfeld gerückt werden:

  1. Die Regierung Nixon hatte bei ihrem Amtsantritt 1969 eine Erblast übernommen: Über 540.000 amerikanische Soldaten standen in Vietnam, aber nicht, um das gegnerische Nordvietnam zu erobern, sondern um Südvietnam zu »halten«. Rücksicht auf die weltpolitische Konstellation verlangte ein derart defensives Vorgehen. Wie 1917, 1941 und 1950 war es ein aus der Demokratischen Partei hervorgegangener Präsident (Johnson), die ihr Land in einen Überseekrieg führte, während der gemäßigte Konservative Nixon vergleichbar mit Eisenhower im Koreakrieg mit der Rückführung der Truppen beschäftigt war; innerhalb von drei Jahren waren 90 Prozent der Soldaten abgezogen, ohne daß Hanoi ein Äquivalent geboten hätte. Im Gegenteil! Daß Vorleistungen der westlichen Seite nicht belohnt wurden, wiederholte sich übrigens um 1980 in Westeuropa, als die USA tausende Atomsprengköpfe abzogen, während die UdSSR mit landgestützten Raketen (SS-20) im Mittelstreckenbereich hochrüstete.

  2. Die amerikanische Friedensbewegung forderte nicht mehr und nicht weniger als den Abzug der US-Truppen aus Vietnam, um so den »schmutzigen Krieg« zu beenden. Ihr war dabei offenbar völlig egal, was aus Südvietnam wurde wohin eine Million Menschen nach 1954 aus dem kommunistischen Norden geflohen waren. Tiefere Zusammenhänge nachzudenken, war den »Tauben« zuwider, eindimensional war ihre Sichtweise. Die Emotionalität der »Fortschrittlichen« und Moralisten ließ keinen Platz für rationale, zukunftsfähige Lösungskonzepte. Sie blieben die Antwort schuldig: Wie steht es mit der Glaubwürdigkeit und Berechenbarkeit einer Weltmacht, die sich angesichts von Schwierigkeiten zurückzieht und ein verbündetes Regime mitsamt Millionen Menschen den kommunistischen Eroberern überläßt? Es damals für Studenten einfach schick und zeitgeistkonform, den einseitigen Rückzug des Westens zu fordern. Die Aktivistin Sylvia Roba erinnert sich: »Man hatte einfach die besten Drogen und den besten Sex, wenn man in der Antikriegsbewegung war« (Quelle: Apokalypse Vietnam, Berlin 2000, S. 142).

  3. Amerikanische Kriegsverbrechen wurden zu Recht beklagt und geahndet (so das Massaker von My Lai 1968 mit 22 Toten; auch in Spielfilmen wurde ähnliches nachgestellt), doch Verbrechen der nordvietnamesischen Armee, beispielsweise an amerikanischen Gefangenen, bleiben im dunkeln. Daß Vietcong-Rebellen, die ohnehin »keine Gefangenen machten«, auch Kriegsverbrechen gegen kooperationsunwillige vietnamesische Zivilisten verübten, bleibt meist unerwähnt. Ein Historiker erinnerte kürzlich an kommunistische Massaker: »In den wenigen Wochen, in denen der Vietcong (während der Tet-Offensive im Februar 1968) die alte Kaiserstadt Hue kontrolliert, tötet er mindestens 3.000 Menschen (sehr viel mehr als amerikanische Soldaten bei ihren schlimmsten Greueln), darunter vietnamesische Priester, französische Mönche, deutsche Ärzte und alle kleineren oder höheren Beamten, derer die Kommunisten habhaft werden können. Einige werden lebendig begraben, andere zu hStudienkursenV vorgeladen, von denen sie nie zurückkehren werden.« Amerikanische Verbrechen wurden und werden an die große Glocke gehängt, während sich für kommunistische Untaten nur wenige interessieren. Traditionell neigt die Linke zum Fanatismus, zur totalen Durchsetzung ihres Machtanspruchs. Ein Kompromiß ist laut Lenin immer nur eine taktisch verstandene »Zwischenstufe« auf dem Weg zur Vernichtung des Gegners. Die nordvietnamesische Regierung machte keine Ausnahme. Ihr Ziel war der totale Sieg: einseitiger, bedingungsloser Abzug der Amerikaner und Sturz des Regimes in Südvietnam. Im Gegensatz dazu strebte die US-Regierung einen ehrenhaften Kompromißfrieden an. Nach jahrelangen Verhandlungen unterzeichneten schließlich Le Duc Tho und Henry A. Kissinger 1973 ein Abkommen.

  4. Vertragsbrüche Nordvietnams waren seit dem Januar 1973 nicht die Ausnahme, sondern die Regel. So schleuste Nordvietnam Truppen nach Südvietnam ein, obwohl dies im Pariser Friedensvertrag untersagt worden war. Hanoi konnte nun, von den USA ungestört, eine militärische Infrastruktur zur Eroberung des Südens nutzen. Das Ignorieren von »lästigen« Vertragsverpflichtungen gegenüber dem »kapitalistischen«, »imperialistischen« Feind kommunistischer Tradition. Das Genfer Abkommen von 1962, das 15 beteiligten Nationen (auch den USA) den Truppenrückzug aus dem bürgerkriegsgeschüttelten Nachbarland Laos auferlegte, wurde von Nordvietnam als einzigem Land nicht erfüllt: 7.000 Mann blieben; ihre Zahl verzehnfachte sich bis 1972, als das Hanoier Regime Laos zum Durchmarsch mißbrauchte.

  5. Zu den Standardvorwürfen der entschiedenen Linken gehörte der »Imperialismus«-Vorwurf an die Vereinigten Staaten: ein Bindestrich-Imperialismus in den Varianten »Wirtschafts-Imperialismus« oder »Coca-Cola-Imperialismus« (»Cocacolonisation« als Variante für Feinschmecker). In den späten sechziger Jahren verletzte Nordvietnam die Souveränität der Nachbarstaaten Laos und Kambodscha, indem es Teile dieser Länder der Kriegslogistik unterwarf: als Nachschubweg (Ho-Chi-Minh-Pfad), als Hafen (Sihanoukville), als Truppenstandort von einer Viertelmillion Mann (das östliche Kambodscha). Als Amerikaner und Südvietnamesen 1970 ebenso dort eindrangen, erbeuteten sie 25 Millionen Schuß nordvietnamesische Munition. Gegen diese Invasion unter Nixons Verantwortung erhob sich massiver Prostest jener Anti-Kriegsbewegung, die erstaunlich stumm blieb, als sich die vietnamesischen Kommunisten die gleiche Region untertan machten. Seit 1975 agiert Vietnam als Hegemonialmacht in Laos. Schon 1976 flohen drei Millionen Menschen, also ein Zehntel des Volkes, aus Laos nach Thailand, was nahezu ohne Echo der Weltöffentlichkeit blieb. Vietnam zählte, obwohl wirtschaftlich durch Krieg und Kommunismus zugrundegerichtet, bis zum Zusammenbruch der Schutzmacht Sowjetunion zu den größten Militärmächten Asiens. Noch heute umfaßt die Armee, um die Hälfte reduziert, noch fast 500.000 Mann (bei einem Volk von 80 Millionen).

  6. Dem Präsidenten Südvietnam, Thieu, sagten weite Kreise des Westens Korruption nach. Dies war berechtigt. Doch ob er korrupter war als die Politiker oder der öffentliche Sektor Südostasiens im allgemeinen, sei dahingestellt. Peter Scholl-Latour, der es besser wissen muß als die meisten anderen, schreibt, es habe mehr »hochanständige« südvietnamesische Offiziere und Beamte gegeben, als die westlichen Medien suggerierten. Die Thieu-Regierung gebrauchte ihre Macht durchaus autoritär eine demokratische Tradition gab es nicht. Die Wahlen von 1971, die trotz des Krieges stattfanden, waren durch Verfälschungen beeinträchtigt. Eben dies konnte von Nordvietnam nicht behauptet werden, denn dort fanden niemals Wahlen statt. Da totalitäre Macht eher korrumpiert als begrenzte Herrschaft, können wir jedoch von einer erheblichen Schattenwirtschaft (mit hohen »inoffiziellen Abgaben« an Funktionäre) im kommunistischen Vietnam ausgehen, die 1997 sogar zu Bauernaufständen führte.

  7. Der Sieg der national-kommunistischen Kräfte in Vietnam, verbunden mit der Lähmung der Vereinigten Staaten Mitte der siebziger Jahre und eine einseitig »kritische« Öffentlichkeit in Westeuropa, ermutigte weltweit ähnliche linksradikale, an Moskau orientierte »Befreiungsbewegungen« insbesondere in Afrika und Lateinamerika. So viel sich auch gegen Militärdiktaturen und Apartheid einwenden läßt: ihre Gegner sind nur selten besser. Aber da erhebt sich kaum eine linke Stimme des Protestes.

  8. Humanitäres Engagement ist oft den Konservativen zu danken, nicht den Linken, obwohl diese die Begriffe »Solidarität« und »Menschlichkeit« für sich in Anspruch nehmen. Es war es Ernst Albrecht (CDU), der als niedersächsischer Ministerpräsident Ende 1978 eintausend Vietnamflüchtlinge (»boat people«) nach Deutschland holte, während die einstigen Friedensdemonstranten gegen das amerikanische Engagement in Indochina auf ihrem gar nicht so beschwerlichen Marsch durch die Institutionen stets beharrlich schwiegen, wenn kommunistische Verbrechen ans Tageslicht kamen.

  9. Im Jahr 1981 berichtete ein Spiegel-Reporter über Vietnam: »Ein Militär- und Polizeiapparat beherrscht das Land, der zwei Drittel des mageren Staatshaushalts beansprucht«. Unterernährung war verbreitet. Zwischenzeitlich verzeichnete zwar die Wirtschaft dank einiger Reformen beachtliche Wachstumsraten. Doch jede noch so zaghafte Reform stößt an ihre Grenzen, wenn sie am Machtmonopol der Kommunisten kratzt. In diesem Sinne ist Vietnam ähnlich orthodox wie die weit häufiger genannten Länder Nordkorea und Kuba.

Am Schluß bleiben offene Rechnungen und bohrende Fragen:

  • Wird die selbstkritische Erinnerung der Linken (namentlich der »Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh«-Schreier) zum Vietnam-Krieg noch lange auf sich warten lassen? Ihr damaliges Haßobjekt, der amerikanische Verteidigungsminister McNamara (1961-67) hat sich beispielhaft zu Schuld und Verantwortung bekannt.

  • Was haben die Gegner des amerikanischen Kriegseinsatzes in Vietnam für die Flüchtlinge aus dem kommunistischen Vietnam getan? Gelegenheiten dazu gibt es reichlich, von Rupert Neudeck und dem Komitee »Ein Schiff für Vietnam« dürfte jeder Zeitungsleser und Fernsehnutzer erfahren haben, ebenso von den Vietnamesen, die vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten nach Deutschland kamen.

  • Wo gab es Protest der »kritischen« Öffentlichkeit gegen den vietnamesischen Imperialismus und Militarismus? Vietnam unterhält auch in der Bundesrepublik Deutschland eine Botschaft, vor der sich sicher gewaltlos, versteht sich demonstrieren ließe.

  • Der vielstimmige Protestchor gegen Amerikas Kriegseinsatz in Vietnam wiederholte sich später nicht einmal ansatzweise, als die Sowjetunion das blockfreie Afghanistan besetzte und sich sehr schnell in einem Krieg mit Rebellen befand, die nationale Unabhängigkeit forderten. Die linken Gutmenschen sollen uns bitte erklären, warum ihre Solidarität den Afghanen nicht zuteil wurde.


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