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»Man hatte einfach die besten Drogen und den besten Sex,
wenn man in der Antikriegsbewegung war«
Indochina und das Versagen der westlichen Linken. Die damals
lautstarken »Friedensfreunde« sollten heute Selbstbeschau
betreiben, um ihre politische Vergangenheit zu bewältigen: Vor
mehr als einem Vierteljahrhundert fielen Südvietnam, Kambodscha
und Laos in die Hand der Kommunisten Kurz nach dem Abzug der
Amerikaner aus Saigon griff die Sowjetunion Afghanistan an: Warum
wurde den Afghanen seitens der »Friedensfreunde« keine
Solidarität zuteil? Waren sowjetische Aggressionen »gute
Kriege«?
Von Stefan Winckler
Verwundert fragt Peter Scholl-Latour: »Was ist aus der
deutschen 68er-Generation geworden, die in dicht gedrängten
Rotten mit dem Kampfruf »Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh« gegen die bürgerliche
Gesellschaft angetreten war und amerikanische Flaggen verbrannte? Die
Prominentesten unter ihnen haben den lange Marsch durch die
Institutionen vollzogen. Diese glühenden Pazifisten von einst
sind auf ihre Weise Erfüllungsgehilfen für der verpönten
»Yankees« geworden ... Für die deutschen Phantasten
wird Vietnam ein ewiger Vorwurf bleiben. Für mich bleibt
Indochina das verlorene Land einer unstillbaren Nostalgie.«
Ab der Zeitenwende 1945 erkämpften asiatische Völker ihre
Unabhängigkeit, nachdem die Japaner ihnen kurz zuvor demonstriert
hatten, daß die weißen Kolonialherren keineswegs so
unbesiegbar sind, wie man bis dahin dachte. Der dreißigjährige
Krieg in Vietnam fand weltweit besondere Aufmerksamkeit, da er zum
ersten »Fernsehkrieg« mit erheblicher Wirkung insbesondere
in der akademischen Jugend zwischen San Francisco und Berlin wurde.
Fahnenflucht, Korruption und ausbleibende Waffenlieferungen brachen
der südvietnamesischen Armee das Genick, nachdem seit Jahren die
Kampfmoral zu wünschen übrig ließ. In den sechziger
Jahren war es die US-Army, die unnötigerweise den Krieg
weitgehend selbst führte statt den Bündnispartner Südvietnam
in größerem Umfang zu eigenen Aktionen zu befähigen.
Mit dem Friedensabkommen von Paris 1973 zogen sich die Vereinigten
Staaten völlig aus den Kampfhandlungen zurück. Fast
gleichzeitig verweigerte der Kongreß (gerade auch wegen der
Watergate-Affäre) die notwendigen Finanzmittel für Südvietnam
und vor allem die Zustimmung zu jenen Kampfeinsätzen, die das Völkerrecht
bei den systematischen nordvietnamesischen Vertragsverletzungen
erlaubte und die als Option unabdingbar waren. Auch Nordvietnam hatte
sich zum Rückzug verpflichtet, schleuste jedoch 130.000 Mann,
Panzer und schwere Artillerie nach Süden.
In Kambodscha konnten die Roten Khmer am 17.4.1975 die Hauptstadt
Phnom Penh erobern. In Laos übernahmen die Kommunisten offiziell
am 2.12.1975 die Macht. Nordvietnam selbst nutzte die Gelegenheit und
zog die für 1976/77 geplante Invasion des Südens vor: mit
der Folge, daß das fruchtbare Mekongdelta einschließlich
der Hauptstadt Saigon innerhalb weniger Wochen eingenommen war
(30.4.1975). Unvergessen sind die Fernsehbilder von den
Menschentrauben, die sich an Hubschrauber klammerten, um auf
amerikanisches Hoheitsgebiet evakuiert zu werden. In den westlichen
Zeitungen war viel von der »Milde der Sieger« die Rede, die
freilich nur in den ersten Wochen anhielt, solange die Augen der Welt
auf Saigon gerichtet waren. Wenig später setzte die erste Flüchtlingswelle
ein und die kommunistischen Sieger errichteten Konzentrationslager.
In den folgenden zehn Thesen sollen die (von der Linken bis
heute ignorierten) Hintergründe und Wechselwirkungen des Kampfes
um Vietnam ins Blickfeld gerückt werden:
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Die Regierung Nixon hatte bei ihrem Amtsantritt 1969 eine
Erblast übernommen: Über 540.000 amerikanische Soldaten
standen in Vietnam, aber nicht, um das gegnerische Nordvietnam zu
erobern, sondern um Südvietnam zu »halten«. Rücksicht
auf die weltpolitische Konstellation verlangte ein derart
defensives Vorgehen. Wie 1917, 1941 und 1950 war es ein aus der
Demokratischen Partei hervorgegangener Präsident (Johnson),
die ihr Land in einen Überseekrieg führte, während
der gemäßigte Konservative Nixon vergleichbar mit
Eisenhower im Koreakrieg mit der Rückführung der Truppen
beschäftigt war; innerhalb von drei Jahren waren 90 Prozent
der Soldaten abgezogen, ohne daß Hanoi ein Äquivalent
geboten hätte. Im Gegenteil! Daß Vorleistungen der
westlichen Seite nicht belohnt wurden, wiederholte sich übrigens
um 1980 in Westeuropa, als die USA tausende Atomsprengköpfe
abzogen, während die UdSSR mit landgestützten Raketen
(SS-20) im Mittelstreckenbereich hochrüstete.
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Die amerikanische Friedensbewegung forderte nicht mehr und nicht
weniger als den Abzug der US-Truppen aus Vietnam, um so den »schmutzigen
Krieg« zu beenden. Ihr war dabei offenbar völlig egal,
was aus Südvietnam wurde wohin eine Million Menschen nach
1954 aus dem kommunistischen Norden geflohen waren. Tiefere
Zusammenhänge nachzudenken, war den »Tauben«
zuwider, eindimensional war ihre Sichtweise. Die Emotionalität
der »Fortschrittlichen« und Moralisten ließ keinen
Platz für rationale, zukunftsfähige Lösungskonzepte.
Sie blieben die Antwort schuldig: Wie steht es mit der Glaubwürdigkeit
und Berechenbarkeit einer Weltmacht, die sich angesichts von
Schwierigkeiten zurückzieht und ein verbündetes Regime
mitsamt Millionen Menschen den kommunistischen Eroberern überläßt?
Es damals für Studenten einfach schick und zeitgeistkonform,
den einseitigen Rückzug des Westens zu fordern. Die
Aktivistin Sylvia Roba erinnert sich: »Man hatte einfach die
besten Drogen und den besten Sex, wenn man in der
Antikriegsbewegung war« (Quelle: Apokalypse Vietnam, Berlin
2000, S. 142).
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Amerikanische Kriegsverbrechen wurden zu Recht beklagt und
geahndet (so das Massaker von My Lai 1968 mit 22 Toten; auch in
Spielfilmen wurde ähnliches nachgestellt), doch Verbrechen
der nordvietnamesischen Armee, beispielsweise an amerikanischen
Gefangenen, bleiben im dunkeln. Daß Vietcong-Rebellen, die
ohnehin »keine Gefangenen machten«, auch
Kriegsverbrechen gegen kooperationsunwillige vietnamesische
Zivilisten verübten, bleibt meist unerwähnt. Ein
Historiker erinnerte kürzlich an kommunistische Massaker: »In
den wenigen Wochen, in denen der Vietcong (während der
Tet-Offensive im Februar 1968) die alte Kaiserstadt Hue
kontrolliert, tötet er mindestens 3.000 Menschen (sehr viel
mehr als amerikanische Soldaten bei ihren schlimmsten Greueln),
darunter vietnamesische Priester, französische Mönche,
deutsche Ärzte und alle kleineren oder höheren Beamten,
derer die Kommunisten habhaft werden können. Einige werden
lebendig begraben, andere zu hStudienkursenV vorgeladen, von denen
sie nie zurückkehren werden.« Amerikanische Verbrechen
wurden und werden an die große Glocke gehängt, während
sich für kommunistische Untaten nur wenige interessieren.
Traditionell neigt die Linke zum Fanatismus, zur totalen
Durchsetzung ihres Machtanspruchs. Ein Kompromiß ist laut
Lenin immer nur eine taktisch verstandene »Zwischenstufe«
auf dem Weg zur Vernichtung des Gegners. Die nordvietnamesische
Regierung machte keine Ausnahme. Ihr Ziel war der totale Sieg:
einseitiger, bedingungsloser Abzug der Amerikaner und Sturz des
Regimes in Südvietnam. Im Gegensatz dazu strebte die
US-Regierung einen ehrenhaften Kompromißfrieden an. Nach
jahrelangen Verhandlungen unterzeichneten schließlich Le Duc
Tho und Henry A. Kissinger 1973 ein Abkommen.
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Vertragsbrüche Nordvietnams waren seit dem Januar 1973
nicht die Ausnahme, sondern die Regel. So schleuste Nordvietnam
Truppen nach Südvietnam ein, obwohl dies im Pariser
Friedensvertrag untersagt worden war. Hanoi konnte nun, von den
USA ungestört, eine militärische Infrastruktur zur
Eroberung des Südens nutzen. Das Ignorieren von »lästigen«
Vertragsverpflichtungen gegenüber dem »kapitalistischen«,
»imperialistischen« Feind kommunistischer Tradition. Das
Genfer Abkommen von 1962, das 15 beteiligten Nationen (auch den
USA) den Truppenrückzug aus dem bürgerkriegsgeschüttelten
Nachbarland Laos auferlegte, wurde von Nordvietnam als einzigem
Land nicht erfüllt: 7.000 Mann blieben; ihre Zahl
verzehnfachte sich bis 1972, als das Hanoier Regime Laos zum
Durchmarsch mißbrauchte.
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Zu den Standardvorwürfen der entschiedenen Linken gehörte
der »Imperialismus«-Vorwurf an die Vereinigten Staaten:
ein Bindestrich-Imperialismus in den Varianten »Wirtschafts-Imperialismus«
oder »Coca-Cola-Imperialismus« (»Cocacolonisation«
als Variante für Feinschmecker). In den späten sechziger
Jahren verletzte Nordvietnam die Souveränität der
Nachbarstaaten Laos und Kambodscha, indem es Teile dieser Länder
der Kriegslogistik unterwarf: als Nachschubweg (Ho-Chi-Minh-Pfad),
als Hafen (Sihanoukville), als Truppenstandort von einer
Viertelmillion Mann (das östliche Kambodscha). Als Amerikaner
und Südvietnamesen 1970 ebenso dort eindrangen, erbeuteten
sie 25 Millionen Schuß nordvietnamesische Munition. Gegen
diese Invasion unter Nixons Verantwortung erhob sich massiver
Prostest jener Anti-Kriegsbewegung, die erstaunlich stumm blieb,
als sich die vietnamesischen Kommunisten die gleiche Region
untertan machten. Seit 1975 agiert Vietnam als Hegemonialmacht in
Laos. Schon 1976 flohen drei Millionen Menschen, also ein Zehntel
des Volkes, aus Laos nach Thailand, was nahezu ohne Echo der Weltöffentlichkeit
blieb. Vietnam zählte, obwohl wirtschaftlich durch Krieg und
Kommunismus zugrundegerichtet, bis zum Zusammenbruch der
Schutzmacht Sowjetunion zu den größten Militärmächten
Asiens. Noch heute umfaßt die Armee, um die Hälfte
reduziert, noch fast 500.000 Mann (bei einem Volk von 80
Millionen).
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Dem Präsidenten Südvietnam, Thieu, sagten weite Kreise
des Westens Korruption nach. Dies war berechtigt. Doch ob er
korrupter war als die Politiker oder der öffentliche Sektor Südostasiens
im allgemeinen, sei dahingestellt. Peter Scholl-Latour, der es
besser wissen muß als die meisten anderen, schreibt, es habe
mehr »hochanständige« südvietnamesische
Offiziere und Beamte gegeben, als die westlichen Medien
suggerierten. Die Thieu-Regierung gebrauchte ihre Macht durchaus
autoritär eine demokratische Tradition gab es nicht. Die
Wahlen von 1971, die trotz des Krieges stattfanden, waren durch
Verfälschungen beeinträchtigt. Eben dies konnte von
Nordvietnam nicht behauptet werden, denn dort fanden niemals
Wahlen statt. Da totalitäre Macht eher korrumpiert als
begrenzte Herrschaft, können wir jedoch von einer erheblichen
Schattenwirtschaft (mit hohen »inoffiziellen Abgaben« an
Funktionäre) im kommunistischen Vietnam ausgehen, die 1997
sogar zu Bauernaufständen führte.
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Der Sieg der national-kommunistischen Kräfte in Vietnam,
verbunden mit der Lähmung der Vereinigten Staaten Mitte der
siebziger Jahre und eine einseitig »kritische« Öffentlichkeit
in Westeuropa, ermutigte weltweit ähnliche linksradikale, an
Moskau orientierte »Befreiungsbewegungen« insbesondere
in Afrika und Lateinamerika. So viel sich auch gegen Militärdiktaturen
und Apartheid einwenden läßt: ihre Gegner sind nur
selten besser. Aber da erhebt sich kaum eine linke Stimme des
Protestes.
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Humanitäres Engagement ist oft den Konservativen zu danken,
nicht den Linken, obwohl diese die Begriffe »Solidarität«
und »Menschlichkeit« für sich in Anspruch nehmen.
Es war es Ernst Albrecht (CDU), der als niedersächsischer
Ministerpräsident Ende 1978 eintausend Vietnamflüchtlinge
(»boat people«) nach Deutschland holte, während die
einstigen Friedensdemonstranten gegen das amerikanische Engagement
in Indochina auf ihrem gar nicht so beschwerlichen Marsch
durch die Institutionen stets beharrlich schwiegen, wenn
kommunistische Verbrechen ans Tageslicht kamen.
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Im Jahr 1981 berichtete ein Spiegel-Reporter über
Vietnam: »Ein Militär- und Polizeiapparat beherrscht das
Land, der zwei Drittel des mageren Staatshaushalts beansprucht«.
Unterernährung war verbreitet. Zwischenzeitlich verzeichnete
zwar die Wirtschaft dank einiger Reformen beachtliche
Wachstumsraten. Doch jede noch so zaghafte Reform stößt
an ihre Grenzen, wenn sie am Machtmonopol der Kommunisten kratzt.
In diesem Sinne ist Vietnam ähnlich orthodox wie die weit häufiger
genannten Länder Nordkorea und Kuba.
Am Schluß bleiben offene Rechnungen und bohrende Fragen:
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Wird die selbstkritische Erinnerung der Linken (namentlich der »Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh«-Schreier)
zum Vietnam-Krieg noch lange auf sich warten lassen? Ihr damaliges
Haßobjekt, der amerikanische Verteidigungsminister McNamara
(1961-67) hat sich beispielhaft zu Schuld und Verantwortung
bekannt.
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Was haben die Gegner des amerikanischen Kriegseinsatzes in
Vietnam für die Flüchtlinge aus dem kommunistischen
Vietnam getan? Gelegenheiten dazu gibt es reichlich, von
Rupert Neudeck und dem Komitee »Ein Schiff für Vietnam«
dürfte jeder Zeitungsleser und Fernsehnutzer erfahren haben,
ebenso von den Vietnamesen, die vor etwas mehr als zwei
Jahrzehnten nach Deutschland kamen.
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Wo gab es Protest der »kritischen« Öffentlichkeit
gegen den vietnamesischen Imperialismus und Militarismus? Vietnam
unterhält auch in der Bundesrepublik Deutschland eine
Botschaft, vor der sich sicher gewaltlos, versteht sich
demonstrieren ließe.
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Der vielstimmige Protestchor gegen Amerikas Kriegseinsatz in
Vietnam wiederholte sich später nicht einmal ansatzweise, als
die Sowjetunion das blockfreie Afghanistan besetzte und sich sehr
schnell in einem Krieg mit Rebellen befand, die nationale Unabhängigkeit
forderten. Die linken Gutmenschen sollen uns bitte erklären,
warum ihre Solidarität den Afghanen nicht zuteil wurde.
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