|
Gigantomanie in London und Hannover - Die Veranstalter könnten am Ende mehr lernen als die Zuschauer - Musterbeispiele politischer Hybris: wenn Mächtige sich selbst Denkmäler errichten wollen - Vernichtung öffentlicher Gelder, verkrampfte Pädagogik und Modernismus ohne Tiefenschärfe - Dabei bietet schon ein kurzer Ausflug ins Internet einen interessanteren Einstieg in die Uferlosigkeit des Wissens als jene Kakophonie von Signalen, die Verwirrung in höchster Opulenz zurückläßt |
|
Doppeltes Panoptikum 2000: Expo und »Dome« |
|
von Thomas Kielinger In Candide oder der Optimismus läßt Voltaire - Aufklärer und Zyniker - seinen Helden durch die Abgründe und Dummheiten der modernen Welt stolpern wie einen Tropf, der partout nichts von dem Chaos um ihn herum begreifen will. Vielmehr bemühen sich Candide und sein Begleiter Pangloss auf krampfhaft-komische Weise, das wiederholte Mißlingen ihrer optimistischen Prämisse in lauter happy ends umzudeuten. Es bestätigt sich damit, was 120 Jahre zuvor ein anderer Franzose, Descartes, an den Anfang seiner Schrift Diskurs über die Methode gestellt hatte: »Kein Ding ist auf dieser Welt so gut verteilt wie der gesunde Menschenverstand (bon sens).« Denn ein jeder, so schrieb Descartes mit exquisitem Hintersinn, glaubt damit ausreichend versehen zu sein: »Selbst diejenigen, die in allen übrigen Dingen nur sehr schwer zu befriedigen sind, wollen gewöhnlich nicht mehr Verstand haben, als sie wirklich besitzen.« Dieser selbstgefällige »bon sens« stellt sich heute an zwei Orten der Gegenwart überaus deutlich zur Schau - im Dome zu Greenwich, im Themsebogen östlich des Stadtkerns von London gelegen, und auf der Weltausstellung von Hannover, der Expo 2000. Um beide Aufführungen hat sich inzwischen so etwas wie ein »anschwellender Bocksgesang« entwickelt. Kritiker wie Anpreiser halten sich vor den Argumenten der jeweils anderen Seite die Ohren. Dann bückt man sich, um die Steine aufzuheben. An der Themse wie an der Leine haben die hochgesteckten Erwartungen, schon was die Zuschauerzahlen angeht, einen Riesendämpfer erlitten. Dabei steht der Dome schon nicht mehr bloß für eine gedämpfte Erwartung. Das Riesenzelt, achtmal so ausgedehnt wie das Wembley-Stadion, gilt inzwischen als Musterbeispiel politischer Hybris schlechthin. Die regierende Klasse hat sich ein Denkmal gesetzt für den Irrglauben, sich und ihre Zeit als »die beste aller Welten« ausloben zu können. Candide als Designer - das kann nicht gut gehen. Umgerechnet 2,4 Milliarden D-Mark hat das kostspielige Spektakel bisher verschlungen, davon zwei Drittel aus öffentlichen Mitteln, der staatlichen Lotterie. 12 Millionen Besucher hatte man veranschlagt, um die Kosten einzuspielen. Heute, nach dem enttäuschenden Verlauf seit der Eröffnung im Januar 2000, ist diese Zahl auf 6 Millionen heruntergerechnet worden. Und auch das kann sich noch als übermütig herausstellen bis Ende Dezember, wenn der Dome schließt. Vor kurzem wurde das angeschlagene Unternehmen nur durch eine letzte Injektion von umgerechnet 93 Millionen D-Mark vor dem Konkurs bewahrt. Dieser ist damit noch lange nicht abgewehrt. Grausame Ironie: Ausgerechnet mit diesem - mit so viel Vorschußlorbeeren bedachten - Jahrtausend-Projekt begann Tony Blairs Stern zu sinken. Alles an Exponaten unter dem Dome verrät verkrampfte Pädagogik, übertriebene Fröhlichkeit, Modernismus ohne Tiefenschärfe, »Hasch-mich-ich-bin-das-Millenium«. Dazu, als Köder, ein verflachter Patriotismus. »So kühn, so schön, so inspirierend wird derDome wirken,« hatte Tony Blair vor der Eröffnung gesungen, »daß er ebenso den Geist der Zuversicht und Abenteuerlust im heutigen Großbritannien wiedergibt wie auch den Schwung der Zukunft in der Welt überhaupt.« Die Politik des Symbols will eine Gesellschaft im Übergang mit öffentlich finanzierter Sinnstiftung fesseln und aus dem zerrissenen Netz des Seins ein optimistisches Muster der Zukunft knüpfen. An dieser Stelle berühren sich London und Hannover. Die schlechten Besucherzahlen, das überzogene Budget, die wiederholten Finanzspritzen - das ist nur die eine Seite. Die Analogie in der Tiefe ist frappierender. Auch Hannover überstrapaziert die Möglichkeit, mit einem voluntaristischen Kraftakt dem Menschen von heute den Zusammenhang der Dinge erläutern zu können. Schon die kirchentagsmottogleiche Expo-Formel Mensch-Natur-Technik nimmt den Mund zu voll. Kühn wäre es, zu behaupten, in Hannover allein bei dem Begriff »Mensch« auch nur dem Umriß einer Anthropologie zu begegnen. Auch »Natur« wird in ihrer polymorphen Qualität nur gespiegelt, nicht begriffen. Und was die Technik angeht, so kommt sie als audio-visuelle Berieselung daher, eine erschlagende Kakophonie von Signalen. Jeder Heimcomputer, zum Surfen herangeholt, vermittelt inzwischen fesselndere Einstiege in die Uferlosigkeit des Wissens als das Panoptikum 2000 von Hannover. Dabei hatte Thomas Gottschalk bei der Eröffnungsgala lautstark verkündet: »Wir wollen auch etwas lernen.« Und Johannes Rau wünschte allen Besuchern »sinngebende Erlebnisse«. Schön wärs. In Wirklichkeit durchleben wir eine Zeit, in der selbst Wissenschaft »die systematisch betriebene Ungewißheit« bedeutet, wie Dietrich Schwanitz unlängst in der Welt schrieb. Wenn das schon das Fachwissen zugeben muß, warum sollte der Mann auf der Straße an den Superlativ von »sinngebenden Erlebnissen« glauben? Sein »bon sens« (Descartes), im Gegensatz zum amtlichen Fortschrittsglauben frei von Illusionen, sagt ihm etwas anderes: Es gibt keine Gegenwart mehr, die sich so ausstellen ließe, daß wir davon lernen könnten, »was die Welt im Innersten zusammenhält«; oder daß man von ihr mehr lernen könnte, als was jeder in seinem Leben nicht längst an Unwägbarkeiten, aber auch an Wunderbarem erfahren hat. Zukunft in Hannover oder im Dome von London: Das bietet sich dar mit vielen Meinungen, aber mit keiner Welt; mit vielen Geräuschen, aber keiner Melodie, mit vielen Noten, aber keiner Partitur. Selbst Candide, dieser oberflächliche Optimist, müßte hier verzweifeln. Den Zeitgenossen lassen die großen Nummern der Sinnstiftung heute kalt; er sucht seinen Kern in den Daten des Alltags; ihnen bleibt er auf der Spur. Das können die Netzwerke der Freundschaft sein oder eine Love Parade in Berlin oder Tina Turners kürzliche Abschiedsvorstellung in - oh Wunder - Hannover. »Die Menschen wollen keine globale Gesellschaft«, wie ein Teilnehmer auf dem »Club-of-Three«-Forum Lord Weidenfelds Anfang Juli in London formulierte, »keine eingemeindende Welt-Sicht. Ihr Life style ist ihre Identität.« Offenbar fühlt sich in der atomisierten Welt von heute das Individuum am glücklichsten unter lauter anderen Atomen der Selbsterfahrung. Die beste aller Welten liegt jenseits von Ausstellungen, welche Zusammenhänge behaupten, und doch nur Verwirrung in höchster Opulenz zurücklassen. Wenn von den 40 Millionen erwarteten Besuchern auf der Expo 2000 am Ende 20 Millionen den Weg nach Hannover gefunden haben werden, könnten sich die Veranstalter noch beglückwünschen. »Wir wollen auch etwas lernen« - das wird sich anders bewahrheiten, als die Planer geglaubt hatten. |