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Ideenmagazin und "Argumente- und Informationsmagazin für Meinungsführer und Multiplikatoren" nannte Manfred Wörner (NATO-Generalsekretär 1988-94) die EPOCHE - Ideen von heute sind Taten von morgen - 145/III/2000/25. Jahrgang

Unteilbare Erinnerung - Die bisher selten genannten Verbrechen an Deutschen - Was Bashford im Sommer 1945 im Auftrag der britischen Regierung recherchierte: »Die Konzentrationslager sind nicht aufgehoben, sondern von den neuen Besitzern übernommen worden« - Allein in die Sowjetunion wurden nach 1945 rund 700.000 Deutsche verschleppt und zur Sklavenarbeit gezwungen - Es ist an der Zeit, deutschen Zwangsarbeitern die gleichen Entschädigungen zukommen zu lassen, wie sie jetzt für die Opfer des Nationalsozialismus beschlossen wurden (...)

Nadel, grün

Es gab auch deutsche Zwangsarbeiter

von Hans-Peter Uhl, MdB

Das Wachhalten der Erinnerung an vergangenes Leid darf nicht dazu führen, daß das Gedenken zur alleinigen Verpflichtung der Deutschen wird. Richtiges Erinnern kann nicht bei der schonungslosen Aufdeckung von Verbrechen unter der Nazi-Herrschaft stehen bleiben. Denn diese Form der Erinnerung ist meist unvollständig: Der Verbrechen der Deutschen wird gedacht, aber die Verbrechen an Deutschen werden ausgeblendet.

Erinnern kann nicht teilbar sein. Es darf zu keiner ewigen Stigmatisierung der Deutschen kommen. Sonst würde dies bedeuten: Deutsche dürfen die in ihrem Namen begangenen Verbrechen nicht aufrechnen, wohl aber dürfen Verbrechen, die an Deutschen begangen wurden, mit dem NS-Unrecht aufgewogen werden. Wenn wir an die Opfer der Nazi-Herrschaft erinnern, sollten wir auch jener unschuldigen Deutschen gedenken, denen als Zwangsarbeiter schweres Leid und grausamste Behandlung widerfahren sind. So müssen wir uns daran erinnern, wie der jüdische Deutsche Hans-Georg Adler, der während des Zweiten Weltkriegs in Theresienstadt inhaftiert war, die Verhältnisse im ehemaligen KZ im Jahre 1946, also nach Kriegsende, schilderte: »Bestimmt gab es unter ihnen welche, die sich während den Besatzungsjahren manches haben zu-schulden kommen lassen, aber die Mehrzahl, darunter viele Kinder und Halbwüchsige, wurden bloß eingesperrt, weil sie Deutsche waren. Nur weil sie Deutsche waren? Der Satz klingt erschreckend bekannt; man hatte bloß das Wort »Juden« mit »Deutsche« vertauscht ... Die Menschen wurden elend ernährt, mißhandelt, und es ist ihnen um nichts besser ergangen, als man es von deutschen Konzentrationslagern her gewohnt war.«

Wir müssen auch an das Folgende erinnern: In einem von 1255 polnischen Arbeits- und Deportationslagern kamen beispielsweise von 8064 Insassen 6488 ums Leben. Darunter waren auch 628 Kinder, die wirklich nichts für Hitlers Herrschaft konnten. Viele der Zwangsarbeiter ließ man verhungern, prügelte man zu Tode oder erschoß sie. Wer nicht arbeiten konnte, wurde ermordet. Wir müssen auch daran erinnern. In der Tschechoslowakei gab es 2061 Arbeits-, Straf- und Internierungslager, in Jugoslawien 1562. In Jugoslawien wurde zwischen Arbeitslagern und Lagern für Arbeitsunfähige unterschieden. In diesen letzteren Lagern wurden die Menschen systematisch vernichtet. Im größten jugoslawischen Vernichtungslager, Rudolfsgnad, sind von 33.000 deutschen Insassen 9.503 umgebracht worden, darunter 491 Kinder unter 14 Jahre.

Wir sollten auch an die 700.000 deutschen Zivilisten denken, darunter viele Frauen und Kinder, die nach 1945 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert wurden. Hunderttausende von deutschen Kriegsgefangenen mußten sich völkerrechtswidrig in Sibirien, bis Mitte der fünfziger Jahre zu Tode schuften.

Weit über zwei Millionen Deutsche sind nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch Vertreibung, Internierung und Zwangsarbeit zu Tode gekommen. Alles dies geschah übrigens in dem selben Zeitraum, als in den Nürnberger Prozessen gegen Nazi-Größen Todesurteile wegen Deportation, Zwangsarbeit und Vernichtung ausgesprochen wurden.

Verantwortung beginnt mit der Wahrhaftigkeit und sie endet mit ihr. Ob Christ, ob Jude oder Atheist, ob Pole, Russe oder Deutscher: Was man ihnen in den Arbeitslagern des Zweiten Weltkriegs und danach antat, waren Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der englische Berichterstatter Bashford schrieb bereits im Sommer 1945 an das britische Außenamt: »Die Konzentrationslager sind nicht aufgehoben, sondern von den neuen Besitzern übernommen worden ... In Swientochlowice [Oberschlesien] müssen Gefangene, die nicht verhungern oder zu Tode geprügelt werden, Nacht für Nacht bis zum Hals im kalten Wasser stehen, bis sie sterben. In Breslau gibt es Keller, aus denen Tag und Nacht die Schreie der Opfer dringen.«

In einem Bericht an den amerikanischen Senat vom 28. August 1945 heißt es: »Man hätte erwarten dürfen, daß nach der Entdeckung der Scheußlichkeiten, die sich in den Konzentrationslagern der Nazis ereigneten, niemals wieder derartiges geschehen würde; das aber scheint leider nicht so zu sein.«

Der Philosoph Bertrand Russell schrieb am 19. Oktober 1945 an die Londoner Times: »In Osteuropa ... hat [man] ganz offensichtlich die Absicht, viele Millionen Deutsche auszulöschen, nicht durch Gas verwirklicht, sondern dadurch, daß man ihnen ihr Zuhause und ihre Nahrung nimmt und sie einem langen schmerzhaften Hungertod ausliefert.«

So wie das Erinnern unteilbar und Leid nicht teilbar ist, so ist auch die Verantwortung für Verbrechen nicht teilbar. Wer sich nicht erinnert und damit die eigene Verantwortung leugnet, der sät die Blumen des Bösen. Auf dieser Saat der Selbstgerechtigkeit blüht keine Zukunft und gedeiht keine gute Nachbarschaft in Europa.

Es ist an der Zeit, daß die Staaten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Deutsche verschleppt und unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen haben, den noch lebenden deutschen Opfern eine der deutschen Regelung zur Zwangsarbeiterfrage entsprechende Entschädigung in Form einer humanitären Geste zu gewähren.

Eine wahre Aussöhnung kann es nicht geben, wenn das Leid des einen anerkannt und das des anderen geleugnet wird. Mit dem Krieg lassen sich die Verbrechen an den Deutschen nicht »rechtfertigen«, denn sie wurden überwiegend zu einer Zeit verübt, als der Krieg bereits zu Ende war. Überdies wurden diese Verbrechen an zumeist unschuldigen Zivilisten begangen. Es ist an der Zeit, daß die Prinzipien der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit für alle Menschen - auch für Deutsche - gelten. Vaclav Havel hat recht, wenn er fordert, jedes Volk sollte sich um einen ehrlichen Umgang mit seiner Geschichte bemühen. Über ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs muß es auch für Deutsche eine historische Gerechtigkeit geben. Wir fordern nicht mehr und nicht weniger als diese Gerechtigkeit.


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