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Epoche Nr. 142

MIT UMWELTFORUM
EPOCHE UND UMWELT

Ideenmagazin und "Argumente- und Informationsmagazin für Meinungsführer und Multiplikatoren" nannte Manfred Wörner (NATO-Generalsekretär 1988-94) die EPOCHE - Ideen von heute sind Taten von morgen

142/QIV/1999/24. Jahrgang

Der »schweigenden Mehrheit« ihre Stimme wiederzugeben, ist in der Tat die wichtigste Aufgabe der Konservativen - zugespitzt: ihr Milleniummsauftrag vor der Geschichte. »Mehr Demokratie wagen« - so lautet seit 1969, als erstmals ein Sozialdemokrat im Kanzleramt saß, die hoffnungsfrohe Botschaft. Doch praktiziert wird häufig das Gegenteil: arrogante Linksintellektuelle - innerhalb und außerhalb der SPD-, die das Volk für zu dumm halten, um ihren ideologischen Gedankenflügen zu folgen, leisten der Demokratie damit einen Bärendienst. In ihrer elitären Vorstellungswelt orientieren sie sich allenfalls an dem, was das Volk »wollen würde, wenn es richtig dächte« (wie ein Vorturner der Linken während einer Podiumsdiskussion aus der Schule plauderte).

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Karl Ludwig Bayer

Nadel, grün

Milleniums-Aufgaben der Konservativen

von Karl Ludwig Bayer

Das Prinzip Erfahrung - Konservatives Denken gewinnt in der jungen Generation an Attraktivität - Herkulesarbeit 2002 - Lautverstärker des Volkes

Als Hans Habe an Jahreswende 1976/77 die erste Folge des TAGEBUCHS der EPOCHE schrieb - in Erinnerung an die Zeitschrift Tagebuch von Leopold Schwarzschild -, da widmete er sich verschiedenen Themen und trennte sie durch jeweils eigene Überschriften. An der Schwelle zum Jahr 2000 kehrt die EPOCHE zu diesem Aufbau zurück. Der guten Ordnung halber sei darauf hingewiesen, daß wir (in Übereinstimmung mit dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden) das Jahr 2000 noch dem 20. Jahrhundert zurechnen. Das dritte Jahrtausend beginnt mit 1.1.2001. Wer sich dieser Zuordnung nicht sicher ist, kann von Herbst 1999 bis Anfang 2001 durchgehend feiern - oder das Heilige Jahr dazu nutzen, Gedanken über die Zukunft reifen zu lassen. Die EPOCHE beginnt mit dieser Ausgabe.

MENSCHENPARK UND EIERHANDEL

Eine Nobelpreisträger-Samenbank gibt es an der amerikanischen Westküste schon lange. Neu ist, daß jetzt auch menschliche Eier im Angebot sind, die den Eierstöcken von Spenderinnen entnommen werden. Dem kalifornischen Photographen Ron Harris gelang es offenbar, eine Marktlücke zu schließen. Die Bilder der hübschesten Mädels, die er geschossen hatte, inspirierten ihn. Wer wünscht sich nicht eine Tochter, dachte er, die genauso attraktiv aussieht wie die Schönheiten in Rons Bildermappe? Er überredete finanziell interessierte Damen, Eier zur Verfügung zu stellen, die nunmehr tiefgefroren auf Käufer warten. Interessenten können sich vor dem Kauf das Bildnis der Spenderin genau ansehen und überlegen, ob sie solche Erbanlagen ihren eigenen Familien einverleiben wollen. Wenn ja, sind bis zu 150.000 Dollar zuzüglich 20 Prozent Provision für Ron Harris fällig.

Ein Arzt, der das teure Ei einpflanzt, läßt sich finden. Er wird vorschlagen, die Befruchtung zuvor im Reagenzglas vorzunehmen. Auf zur Nobelpreisträger-Samenbank! Dem Traumkind steht dann nichts mehr im Wege. Außer den Gesetzen der Genetik. Wer darauf hofft, in seiner Tochter werde sich das Gehirn eines Nobelpreisträgers mit den körperlichen Proportionen - einschließlich Oberweite - der abgebildeten Laufsteg-Schönheit vereinen, könnte Überraschungen erleben. Abgesehen davon, daß Silicon-Busen nicht vererbbar sind, kann die Kombination der Gene auch umgekehrt vor sich gehen. Die gähnende Leere im Kopf des Models würde dann - in Verbindung mit der körperlichen Häßlichkeit mancher Wissenschaftler - nicht zum erhofften Resultat führen.

Wie auch immer - die Biologen sind noch weit davon entfernt, mit Super-Sperma und menschlichen A-Klasse-Eiern verläßlich herbeizaubern zu können, was Friedrich Nietzsche wollte: »Nicht fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf« Ach ja, Peter Sloterdijk. Der Philosoph hatte in einem Vortrag neulich von »Menschenpark« gesprochen. Seine von wabernden Wortnebeln umflorten Andeutungen biologischer Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen brachten ihn in die Schußlinie der Political-Correctness-Zensoren. Aber nur, weil er ein deutsches Tabu verletzt hat (das sonst in der Welt keiner kennt).

Dieser deutsche Sonderweg der verkrampften Denkverbote führt auf Genetik-Fachtagungen häufig zu verzweifelten Mahnungen angelsächsischer Biologen an die Adresse ihrer deutschen Kollegen: »So hört doch endlich damit auf, mit euren Vergangenheitsneurosen den Fortschritt der Wissenschaft zu behindern. Seit fünfeinhalb Jahrzehnten ist der Nationalsozialismus tot. Irgendwann müßt ihr doch das Trauma überwinden und normal werden.«

Schon vor 70 Jahren forderte der amerikanische Nobelpreisträger Hermann Muller, die Menschen sollten nicht mehr den Ehrgeiz haben, ihre persönlichen Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Sie sollten vielmehr - getragen von hohem Verantwortungsbewußtsein - bestrebt sein, Kinder »mit optimaler Gen-Ausstattung« aufzuziehen, auch dann, wenn es sich nicht um Träger ihrer eigenen Erbanlagen handle.

Vor drei Jahrzehnten trommelte der Pharma-Konzern CIBA die hochkarätigsten Fachleute der Welt zusammen, um genau dieses Thema auf einem Symposion zu erörtern. Deutsche haben daran entweder gar nicht teilgenommen, oder sie verhielten sich so unauffällig, daß ihre Anwesenheit unbemerkt blieb. Englischsprachige Wissenschaftler beherrschten die Szene: vor allem Crick, Haldane und der amerikanische Nobelpreisträger Lederberg. Dieser sprach über die »biologische Zukunft des Menschen in den nächsten zehntausend Jahren«. Die Evolution der Menschheit, so führte er aus, sei in den »Savannen der Nacheiszeit« steckengeblieben. Der Mensch müsse nun selbst seine Evolution in die Hand nehmen und durch genetische Eingriffe erreichen, daß sein Denkvermögen von Generation zu Generation wachse. In den kommenden Jahrtausenden sei dies die wichtigste Aufgabe der Wissenschaft.

Andere Referenten befaßten sich mit den damals bloß theoretischen - Überlegungen, durch »Genchirurgie« neue Formen von Menschen zu schaffen. Für lange Weitraumflüge, so hieß es in einer Rede, könnte man eine »Astronauten-Rasse« züchten: die Gene für die im Weltraum hinderlichen Beine sollten entfernt und durch Greifschwanz-Gene von Affen ersetzt werden. Ein solches menschlich-tierisches Mischwesen könne jahrzehntelange Flüge zu fernen Sternen leichter bewältigen.

Im 21. Jahrhundert ist es nicht mehr ausgeschlossen, daß es einem skrupellosen Biologen gelingen könnte, solche schauerlichen Ideen zu verwirklichen. Umso wichtiger ist es, in der Humangenetik Forschung zu betreiben. Nur jene, die an der Spitze des wissenschaftlichen Fortschritts marschieren, sind in der Lage, Gefahren rechtzeitig zu erkennen und die Maßstäbe der Humanität für das dritte Jahrtausend zu definieren. Dazu gehört, daß auch deutsche Wissenschaftler ohne Scheuklappen an die Frage herangehen, was die Genetik dazu beitragen könnte, Krankheiten zu überwinden, Leid zu verhindern und die Zukunft der Menschheit glücklicher werden zu lassen.

PS: 1999 ging wieder ein Nobelpreis an einen Deutschen, der in den USA forscht und lehrt. Unter einer neuen Bundesregierung ab dem Jahr 2002 sollten die Weichen so gestellt werden, daß es künftig öfter Nobelpreisträger gibt, die in Deutschland forschen und lehren.

DER RECHTSRUCK IN DEN ALPEN

Fraglos hat der »Rechtsruck« bei den Herbst-Wahlen 1999 in der Schweiz und in Österreich gute Gründe. Neue Parteien gewinnen an Boden, wenn die alten ihre Attraktivität im »einfachen Volk«, das die Masse der Wähler stellt, verlieren. Christoph Blochers SVP wurde in der Schweiz stimmstärkste Formation; und Jörg Haiders Freiheitliche Partei Österreichs schob sich von Platz 3 auf Platz 2 vor. Damit setzt in Europa eine Entwicklung ein, die im 21.Jahrhundert die Vorherrschaft der Linken in vielen Ländern brechen wird.

Daß in Deutschland die potentiellen Blocher- und Haider-Wähler von Landtagswahl zu Landtagswahl die rot-grüne Koalition abstrafen und zu diesem Zweck die Unionsparteien wählen, liegt nicht zuletzt an Persönlichkeiten wie Edmund Stoiber und Günther Beckstein, die ernst nehmen, was das Volk denkt und sich durch Medienspektakel nicht davon abbringen lassen, in der Sicherheits- und Immigrationspolitik zu tun, was getan werden muß. Nur so läßt sich in Deutschland die Linie von Franz Josef Strauß, keine demokratisch legitimierte Partei rechts von der Union entstehen zu lassen, durchhalten.

Auch ein anderer Gedanke von Franz Josef Strauß, dem zufolge die Konservativen an der Spitze des Fortschritts marschieren, bestätigt sich. Die Bejahung und Förderung modernster Hochtechnologie ist zum Markenzeichen konservativer Politiker geworden. Denn die Probleme des technischen Zeitalters sind nur technisch-wissenschaftlich zu lösen - außer man will zurück auf die Bäume. Zeitweilig haben die Grünen »autofreie Städte« gefordert. Die grundsätzliche Alternative - das genaue Gegenbild - zu diesem rückständigen Denken wurde sichtbar, als am Münchener Franz-Josef-Strauß-Flughafen kürzlich die erste Flüssigwasserstoff-Tankstelle Deutschlands ihren Betrieb aufnahm.

Es geht um unsere Zukunftsfähigkeit. Nicht weniger, sondern mehr und bessere Technologien heben die Lebensqualität. Die individuelle Mobilität einzuschränken, hieße, den Menschen ein Stück Freiheit zu nehmen. Technikfeindlichkeit versperrt Entwicklungsperspektiven. In den ersten Jahrzehnten des dritten Jahrtausends werden emissionsfreie wasserstoffgetriebene Kraftfahrzeuge allmählich die Benzin- und Dieselautos von den Straßen verdrängen. Das ist Fortschritt.

Der Stromverbrauch wird im 21.Jahrhundert weltweit gewaltig ansteigen. Umweltverträglich immer mehr Elektrizität zu bezahlbaren Preisen zu produzieren, ist eine der größten Herausforderungen. Ihre Bewältigung setzt voraus, daß wir alle Optionen offenhalten und dem in antiquierten 68er-Denkschablonen steckengebliebenen Ausstiegs- und Verhinderungskurs von Rot-Grün den Rücken kehren. Der Anteil an erneuerbaren Energien wird zwar langsam steigen, aber auf die Kernenergie kann keine große Industrienation verzichten. Vor allem in den Wachstumszonen Asiens entstehen viele neue Kernkraftwerke. Nur so lassen sich Industrien weiterentwickeln und der Lebenstandard heben.

Die meisten Prognosen technikfeindlicher Berufspessimisten haben sich als falsch erwiesen. Denn durch das Wachstum des Wissens gibt es auch ein » Wachstum der Grenzen«: Die Horizonte wandern mit dem fahrenden Schiff. Je weiter Technik und Wissenschaft voranschreiten, um so größer werden die Möglichkeiten des Menschen. Die von grünen 68er-Ideologen verkündeten »Grenzen des Wachstums« gelten immer nur bis zum jeweils sichtbaren Horizont.

Sehr viel realer sind hingegen die Wachstumsgrenzen für die Grünen selbst. Der Kosovo-Konflikt hat pazifistische Illusionen zerstört und die bündnisgrüne Partei ins Mark getroffen. Rudolf Augstein und Jutta Ditfurth werfen Joseph Wilhelm (»Joschka«) Fischer vor, die gemeinsamen Ideale verraten zu haben. Sie haben Recht: Fischer wurde »mugged by reality« - von der Wirklichkeit überwältigt oder vergewaltigt. Die Grünen fühlen sich nicht mehr wohl in ihrer Haut, ihre Wähler wandern teilweise zu Gysi ab. Die PDS hat sich damit bundesweit als fester Bestandteil der deutschen Parteienpalette etabliert.

Die Fünf-Prozent-Hürde wirkt seither auf die Grünen wie eine einsatzbereite Guillotine. Sie wissen nicht, wie sie ihr entrinnen können. Die FDP befindet sich trotz ihrer Wahlniederlagen in einer vergleichsweise komfortableren Lage. Sie ist zwar nicht minder vom Fallbeil bedroht, aber sie kennt den rettenden Ausweg: eine Koalition mit Schröder, sobald dessen Geduld mit den Grünen nach den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen zu Ende geht: 2000 ist das Jahr der Entscheidung.

Für die Union bedeutet die heraufziehende Neuauflage der sozialliberalen Koalition, daß sie künftigein Single-Dasein fristet. Die FDP kann nicht schon nach zwei Jahren Schröder-Brüderle-Regierung einen weiteren Schwenk Richtung CDU/CSU machen. In die Regierung muß die FDP aber um jeden Preis eintreten, weil sie anders offenbar keine Chance hat, von den Wählern wahrgenommen zu werden. Für Schröder wird sie damit zum äußerst bequemen Partner - nett und pflegeleicht.

Konrad Adenauer sprach dereinst zum jungen Helmut Kohl: »Sollten Sie je in die Lage kommen, Kanzler zu werden, denken Sie immer daran, daß Sie kleine Partner brauchen.« Für Adenauer waren dies - neben der FDP, die im Jahr 2000 jedoch für die Union verloren geht die konservative Deutsche Partei und der Vertriebenenblock BHE. Deren Wählerreservoir gibt es in Deutschland unverändert. Es sind die deutschen Blocher- und Haider-Sympathisanten, die in Bayern die CSU unterstützen und außerhalb Bayerns überwiegend ins Lager der Nichtwähler übergewechselt sind. Wenn es gelingt, sie dort wieder herauszuholen, kann die Union 2002 den Kanzler stellen.

LAUTVERSTÄRKER DES VOLKES

Wenden wir unsere Gedanken Johannes Gross zu, der uns am 29. September 1999 verließ. Er wurde nur 67 Jahre alt. Johannes Gross schuf ein publizistisches Werk, mit dem er im kollektiven Gedächtnis der Nation bleiben wird. Als Chefredakteur von Capital, als stellvertretender Intendant der Deutschen Welle und als Leiter der Bonner Runde des ZDF lernte er die mediengesteuerte Misere der öffentlichen Gefühle aus nächster Nähe kennen, über die er einmal schrieb: »Wer die deutschen Tageszeitungen liest oder die Wochenschriften, seien es die mit zu vielen Bildern oder die mit zuviel Text, wer sich die Fernsehprogramme ansieht oder Radio hört, unter der Kanzel den Hirtenbrief vernimmt oder im rauchigen Saal die präformierte Meinungsbildung seiner Partei, seiner Gewerkschaft oder seines Verbandes sich abwickeln sieht, empfängt den Eindruck unentrinnbarer Trostlosigkeit, ja der Verdammtheit des Gegenwärtigen; ein Eindruck, der aber nicht begleitet ist von Furcht, Abscheu oder Verzweiflung, was ja sein müßte, wenn es mit dem fürchterlichen Ernst wirklich ernst wäre, sondern von gedankentötender, migränestiftender Langeweile. Wenn das öffentliche, artifizielle Bild unseres Landes, mit den open-end-Fernsehdiskussionen über die Eingliederungsprobleme Drogenabhängiger, mit den endlosen Illustriertenreportagen nicht über Freuden-, sondern über Frauenhäuser, mit den repetitiven Berichten über das Leid derjenigen, die das Glück, abgetrieben zu werden, nicht hatten, das hochgemute Reden von Schuld, Scham und Sühne, aber nie von Erlösung, den Nachweis, daß Schmutz und Umwelt Synonyme sind, den Dauerprotesten gegen Kernkraft, Unternehmerwillkür, Berufsverbot und allerstickender Bürokratie, mit dem Panorama eines Lebens also, das mit der Säuglingssterblichkeit beginnt und mit dem Elend der Alten endet, wenn dieses Bild der Republik der Behinderten, Belasteten und Gemaßregelten nur annähernd mit dem selbsterfahrenen Bild des Lebens der im Lande Lebenden übereinstimmte, dann müßte die Bundesrepublik Deutschland kein Einwanderungs-, sondern ein Auswanderungsland sein.«

Johannes Gross wies damit auf ein deutsches Phänomen hin: veröffentlichte Meinung und öffentliche Meinung klaffen meilenweit auseinander. Das Volk denkt anders als die Medienmacher. Doch wäre es voreilig, daraus den Schluß zu ziehen, die Medien seien ohne Einfluß. Die geistigen Vorturner der Nation sind dort am erfolgreichsten, wo sie an bereits vorhandene Stimmungen, Wertvorstellungen oder Lebenserfahrungen anknüpfen. Wer die Leser oder Zuschauer dort »abholt«, wo sie sich befinden, wer auf dem aufbaut, was zum Erfahrungsschatz des Volkes zählt, findet Gehör. Die Resonanz läßt nach, sobald die massenmediale Darstellung in Widerspruch zur erlebten Wirklichkeit gerät.

Deshalb (und nur aus diesem Grund) stoßen die Linksintellektuellen an die Grenzen ihrer Wirksamkeit. Sie können Deutschland in den finstersten Farben malen - relativ wenige glauben es. Sie können den Deutschen einreden, Jugendverwahrlosung führe in ein antiautoritäres Paradies - nur eine Minderheit glaubt es. Sie können das Wort Überfremdung mit der Moralkeule der Political Correctness aus allen Texten tilgen und den Medienkonsumenten weismachen, die millionenfache Zuwanderung von Ausländern würde das Leben der Deutschen in den Städten bereichern, zumal die Zukunft ohnehin der »multikulturellen Gesellschaft« gehöre - nur wenige glauben ihnen. Sie können die doppelte Staatsbürgerschaft noch sooft als »fortschrittlich« etikettieren nur wenige leisten ihnen Gefolgschaft. Sie können »Schuld, Scham und Sühne« (Gross) predigen und die These propagieren, bloß die Deutschen hätten in ihrer Geschichte Genozide verübt - es bleibt eine kleine Minderheit, die ihnen Glauben schenkt. Sie können behaupten, man müsse Straftäter mit Samthandschuhen anfassen, um sie zu resozialisieren und auf diesem weichen Weg die Kriminalität insgesamt zu mindern - kaum jemand glaubt, daß so etwas funktioniert.

Der linksintellektuellen Welt utopischer Traumtänze setzen die Konservativen das Prinzip Erfahrung entgegen. »Der Geist steht rechts« betitelte sogar Linksausleger Claus Leggewie seine im Rotbuch-Verlag (Berlin) erschienene Beschreibung der größten Gefahr, die ihm und seinen Genossen - die sich am linken Rand der politischen Weitscheibe etabliert haben - droht. Sie ahnen, daß sie eines Tages über den Rand abgleiten und ins Bodenlose fallen könnten. Dann nämlich, wenn die geistige Elite der Konservativen lernt, die Sprache des Volkes zu sprechen und sich mit ihm zu verbünden.

Der »schweigenden Mehrheit« ihre Stimme wiederzugeben, ist in der Tat die wichtigste Aufgabe der Konservativen - zugespitzt: ihr Milleniummsauftrag vor der Geschichte. »Mehr Demokratie wagen« - so lautet seit 1969, als erstmals ein Sozialdemokrat im Kanzleramt saß, die hoffnungsfrohe Botschaft. Doch praktiziert wird häufig das Gegenteil: arrogante Linksintellektuelle - innerhalb und außerhalb der SPD-, die das Volk für zu dumm halten, um ihren ideologischen Gedankenflügen zu folgen, leisten der Demokratie damit einen Bärendienst. In ihrer elitären Vorstellungswelt orientieren sie sich allenfalls an dem, was das Volk »wollen würde, wenn es richtig dächte« (wie ein Vorturner der Linken während einer Podiumsdiskussion aus der Schule plauderte).

Das reale Volk wendet sich mit Schaudern ab. Es ist kein Zufall, daß die Forderung nach einem »neuen Menschen« durch die sozialistische Literatur irrlichtert. Der Mensch, wie er wirklich ist, gefällt den Linken nicht.

Chance und Auftrag der Konservativen liegen darin, den Fiktionen der linken Weltverbesserer die bewährten Werte und Erfahrungen des realen Menschen gegenüberzustellen, das Prinzip Erfahrung gegen das Prinzip Hoffnung durchzusetzen. Der Konservative ist mit dem Grundriß der Schöpfung einverstanden. Wenn wir die Menschen nehmen, wie sie sind, dann nehmen wir auch das Volk - den Souverän - ernst und lassen ihn entscheiden: Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung. In den Schweizer Landsgemeinden und auf den Versammlungsplätzen der Isländer begann so im Mittelalter die Demokratie in Europa. Es war direkte Demokratie.

Die Schweiz ist bis heute mit ihrer direkten Demokratie gut gefahren. Wenn Deutschland daraus lernen will, dann müßte dies vor allem bedeuten, Volksabstimmungen auf Bundesebene zuzulassen. Plebiszite sind die unmittelbarste Form der Demokratie. Wer in Deutschland die Einführung dieses in der Schweiz bewährten Instruments zur Artikulierung des Volkswillens verhindern will, der soll offen sagen, was er denkt: daß er nämlich dem Volk zutiefst mißtraut. Dann aber sollte er sich auch nicht den Scheinheiligen-Heiligenschein eines »Demokraten» aufsetzen.

Demokratie ist Herrschaftslegitimation durch das Volk und damit zu allererst eine Methode - die beste Methode gewiß -, wie Herrschaft entsteht: durch Mehrheitsentscheid. In diesem Sinne mehr Demokratie zu fordern, ist heute ein herausragendes Thema der Konservativen. Wer die Ansichten und Erfahrungen der Menschen ernst nimmt und in Politik umsetzt, der praktiziert Volksherrschaft.

Die mündigen Bürger Deutschlands werden irgendwann am Beginn des neuen Jahrtausends Plebiszite auf Bundesebene durchsetzen; sie sind Ausdruck der Reife einer Demokratie, sie bedeuten Selbstbestimmung und geben dem Volk seine Würde zurück. Sie verleihen der »schweigenden Mehrheit« Stimmkraft. Die notwendigen Artikulationshilfen - die Begleitung dieses Weges mit Ideen und Argumenten - kann die konservative Publizistik beisteuern.

HERKULESAUFGABE 2002

Was ist an der Haltung der Konservativen christlich? Auf diese Frage stoße ich immer wieder in Diskussionen. Die Bejahung und Bewahrung der Schöpfung - das ist christlich und konservativ gleichermaßen. Werte werden tradiert, wenn sie sich bewähren - nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt. Moralische Grundwerte unserer Gesellschaft haben oft ihre geistesgeschichtlichen Wurzeln im Christentum. Doch auch von Nichtchristen werden sie in der Regel bejaht, wenn sie aufgrund des Prinzips Erfahrung dem Gemeinwohl dienen (vgl. Friedrich August von Hayek, EPOCHE 141, S. 34).

Die Würde des Menschen, die Unantastbarkeit der Grundrechte, die Freiheit des Einzelnen hängen mit dem Personalitätsprinzip und der Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen zusammen. Es waren christliche Ideen (weniger freilich die Praxis christlicher Herrschaftsausübung in früheren Jahrhunderten), die Amerikas Gründervätern bei der Proklamation der Menschenrechte die Feder führten. Human rights »given by nature« oder »given by God», steht in den ältesten amerikanischen Menschenrechtsdeklarationen.

Die Konsequenzen aus einer solchen Werte-Überzeugung sind gewaltig. Wenn die Grundrechte des Menschen als Teil des Naturrechts anerkannt sind, dann können sie durch den Staat nicht aufgehoben werden. Dies ist der wichtigste Beitrag des Christentums zu unserer politischen Kultur. Nicht zur Demokratie im Sinne des Mehrheitsentscheids (damit konnte sich die katholische Kirche erst seit der Weihnachtsansprache 1944 von Papst Pius XII. - kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner in Rom - anfreunden), aber zur Sicherung der Freiheitsrechte auf der Grundlage der Würde der Person. Mit dieser Feststellung läßt sich auch im überwiegend nichtchristlichen östlichen Teil Deutschlands das »C« im Parteinamen der CDU plausibel machen.

Ohne Freiheitsrechte wären Mehrheitsentscheidungen eine Farce. Die Demokratie, die sich begrifflich sowohl von den Menschenrechten wie von den rechtsstaatlichen Institutionen unterscheiden läßt, braucht beide. Freie Meinungsäußerung und Koalitionsfreiheit ermöglichen erst die freie Willensbildung. Doch kann es zu Verwerfungen kommen, wenn in den Massenmedien eine bestimmte politische Richtung das Feld beherrscht. Dies schadet der Demokratie und kann zu einer so paradoxen politischen Situation wie der gegenwärtigen in Deutschland führen: Eine linke Parlamentsmehrheit entscheidet über das Schicksal eines Volkes mit »strukturell nichtlinker Mehrheit« (wie selbst die SPD-nahe Woche einräumt).

Die Mehrheiten im Volk und im Bundestag wieder in Gleichklang zu bringen, wird zur Herkulesaufgabe 2002. Die Zeit bis dahin müssen wir nutzen, um Bewußtseinsbildungsarbeit vor allem in der jungen Generation zu leisten. Die in Pädagogik und Massenmedien dominanten linken »Volkserzieher« helfen dabei ungewollt mit. Denn die zu allen Zeiten in der Jugend lebendige Bereitschaft zum Aufbegehren wendet sich heute gegen sie. Die Autorität der 68er unterliegt der Erosion. Die Menschen wollen nicht mehr gegängelt und von den Meinungsgouvernanten des Fernsehens bevormundet werden. Der Wind der Freiheit rüttelt am morschen Gemäuer der kollektivistischen Sozialromantiker. Konservatives Denken gewinnt neue Attraktivität - auch in der Jugend.


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