|
|
||||||
|
|||||||
|
Der Sozialismus ist intellektuell nicht einmal halb richtig, sondern ganz falsch - Die Rolle von Eigentum, Moral, Tradition und Religion - Auslese in der kulturellen Evolution - Privateigentum und Tausch standen am Beginn der Geschichte - Die falschen Prämissen und die Rückwärtsgewandtheit, die atavistischen Wurzeln sozialistischen Denkens |
Mit dem Eigentum begann der Fortschritt der Menschheit |
|
von Friedrich August von Hayek + Als »Mann des Jahrhunderts« wurde Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek kürzlich posthum in London geehrt. Ronald Reagan hat ihn als Vordenker der konservativen Bewegung in den USA bezeichnet und Franz Josef Strauß ließ sich von ihm zur programmatischen Wahlkampfdevise »Freiheit statt Sozialismus« inspirieren. In diesen Tagen wäre Hayek 100 Jahre alt geworden. Den folgenden Aufsatz hat er der EPOCHE vor rund zwei Jahrzehnten zur Verfügung gestellt. Wir publizieren ihn erneut, weil er ein Zeitdokument ist, das zum Verständnis der heutigen Probleme unserer Wirtschaft und Gesellschaft beiträgt und auch für die Zukunft wichtige Impulse bietet. Es bestätigt sich, daß große Persönlichkeiten durch ihr geistiges Werk in nachfolgenden Generationen weiterleben. Auch das ist ein Stück jener kulturellen Revolution, die Hayek beschreibt. EPOCHEZwei Jahrhunderte vor Max Weber verkündete David Hume seine These »Die Gesetze der Moral sind nicht das Ergebnis unserer Vernunft«. Die Bedeutung dieses Satzes ist im Laufe der Zeit größer geworden, als Hume es je hätte vorhersehen können. Obwohl die traditionellen moralischen Regeln nicht das Ergebnis unserer Vernunft darstellen, sind sie doch eine unumgängliche Bedingung für die Existenz der gegenwärtigen Menschheit; wir können sie nicht nach unserem Willen ändern, sie nach unserem Geschmack ausstatten, wir können uns höchstens bemühen, sie allmählich zu entwickeln oder zu verbessern - in dem Rahmen, der uns gegeben ist. Es sind Jahrzehnte vergangen, seit ich erkannt habe, daß die doppelten Konzepte von Evolution und spontaner Ordnung den Schlüssel zur Erklärung von komplexen Phänomenen geliefert hatten, die mono-kausalen Ansätzen nicht zugänglich gewesen waren. Diese hatten im Triumph die Welt der relativ einfachen oder mechanischen Phänomene erobert. Wir nennen die letzteren die physische Welt, und in ihr hat unsere Fähigkeit zu Vorhersage und Kontrolle eine Höhe erreicht, die den Menschen zu der fatalen Einbildung verleitet, daß diese Fähigkeiten der Konstruktion ihm die Möglichkeit bieten, auch seine menschliche Umwelt in einer Form zu gestalten, in der sie seine Wünsche zufriedenstellender erfüllt als jetzt. Es wurde mir auch klar, daß, obwohl Charles Darwins erfolgreiche Anwendung des Evolutionsgedankens zur Erklärung des Ursprungs der verschiedenen organischen Spezies der erste grandiose Erfolg dieser Denkrichtung war (verursacht durch die sorgfältige Dokumentation, die wir nicht genug bewundern können), ihre intellektuelle Quelle andererseits nicht in dem Studium der Natur lag, sondern in dem Ergründen des viel komplexeren Phänomens der menschlichen Interaktion. Es war das Studium der Sprachenbildung und des Rechtswesens, das schon die Gelehrten des alten Rom, die sich der Qualität ihrer Anstrengungen durchaus bewußt waren, zur Entwicklung des Konzepts der Evolution führte. Und es war wiederum das Studium der Sprachwissenschaft und des Naturrechts (des Gewohnheitsrechts in der Moderne), das diese Ideen erneut belebte, die dann Bernard Mandeville und die schottischen Moralphilosophen des 18. Jahrhunderts zu der Erklärung von Moral und solchen wirtschaftlichen Phänomenen wie Geld, Tausch und Markt ausweiteten. Aufschlußreich ist eine Arbeit, die noch nicht die ihr gebührende Beachtung gefunden hat: C. Bays Die Struktur der Freiheit (Stanford 1959, S. 33), in welcher der Autor zu der richtigen Schlußfolgerung gelangt, daß »Hume ein Vorläufer Darwins auf dem Gebiet der Ethik« genannt werden kann. Eigentlich war er dies nicht nur auf diesem Gebiet. Der Hinweis auf eine allgemeine Theorie der Evolution in seinen posthum veröffentlichten »Dialogen über die Naturreligion« legte nicht nur den Grund für die Theorie der sozialen Evolution, die seine schottischen Nachfolger Adam Smith, Adam Ferguson und Dugald Steward als Basis nahmen. Es ist gewiß kein Zufall, daß (wie die Analyse von Darwins Notizbüchern zeigt) Darwin seine Theorie 1838 formulierte, als er gerade Adam Smiths »Reichtum der Nationen« las. Natürlich war es sehr irreführend, als Studenten, die sich mit den Problemen der Struktur der menschlichen Zusammenarbeit beschäftigten, von der biologischen Theorie nicht nur die generelle Konzeption entliehen, sondern auch die Erklärung der Mechanik des Prozesses der Evolution. »Sozialer Darwinismus« war hauptsächlich eine dümmliche Nachahmung der biologischen Anwendung des allgemeinen Konzepts. Was biologische und kulturelle Evolution wirklich gemeinsam haben, sind zwei Dinge: Erstens das Prinzip der Auswahl von solchen Anlagen, die am effizientesten dazu beitrugen, die Spezies durch Anpassung an die Umwelt zu verbreiten, Das schließt zweitens die Möglichkeit von allen »historischen« Gesetzen der Evolution ä la Hegel, Marx oder Comte aus, da sie mit der Anpassung an das, was wir nicht im vorhinein wissen, operiert - was bedeutet, daß es notwendigerweise unvorhersagbar ist. Die wichtigeren der zahlreichen Unterschiede zwischen den zwei Arten der Evolution möchte ich kurz erwähnen:
Der Grund liegt darin, daß es der Philosophie des Rationalismus, die das moderne Denken des 17. Jahrhunderts beherrschte, langsam gelungen ist, alle Überzeugungen, welche nicht auf intellektuellen Einsichten beruhen, zu diskreditieren, einschließlich der Moraltradition, die, weil »die Gesetze der Moral nicht das Ergebnis unserer Vernunft sind«, aus unserem moralischen Erbe eine autonome Begabung machen, einen Schatz, vom Verstand unterschieden und in mancher Beziehung ihm überlegen. Die Philosophie des Rationalismus erlaubt es uns, Rechenschaft abzulegen über die Wirkung unserer Taten, für die unsere Sinne und deshalb unsere individuelle Vernunft nicht verantwortlich sein können. Es waren also die unverstandenen Moraltraditionen des Menschen -- und nicht rationale Kenntnisse über sie -, die die Ausformung einer weiten Ordnung der individuellen Interaktion ermöglichten, mit deren Hilfe es uns heute gelingt, eine ungleich größere Zahl an Menschen zu erhalten als vor 5000 Jahren. Ich bin überzeugt davon, daß diese Expansion der Menschheit und dessen, was wir als Zivilisation bezeichnen, nicht allein durch die Vermehrung des Wissens oder der Intelligenz möglich wurde, sondern auch durch die Etablierung einer Reihe bestimmter Moralvorstellungen. Diese Entwicklung vollzog sich aber keineswegs dadurch, daß die Menschen von den Vorteilen dieser Moralvorstellungen immer mehr überzeugt worden wären, vielmehr geschah es aufgrund der Auswahl jener Gruppen, die durch ihr Festhalten an den Moralvorstellungen fähig wurden, die Gesellschaft besser zugestalten, als sie vernunftsmäßig dazu in der Lage waren. Sie hatten Erfolg, »fruchtbar zu sein und sich zu vermehren, die Welt zu bevölkern und sie sich untertan zu machen«, wie schon das Buch der Genesis die Bestimmung der Menschheit umschreibt. Die zwei fundamentalen moralischen Prinzipien, nach denen diese menschlichen Gruppen, die sie fortlaufend praktizierten, uni sich durch kulturelle Evolution zu vermehren, ausgewählt wurden, waren die Gesetze, die die Institutionen des Privateigentums und der Familie festlegen. Natürlich geschah dies nicht konfliktfrei, sondern immer wieder gegen das Aufbegehren der dem Menschen angeborenen Gefühle und seines rationalen Verständnisvermögens. Da ich mich nicht für zuständig betrachte, die eigentlichen Probleme zu erörtern, welche in der Moderne die Veränderungen im Wissen um die Institution der Familie herbeigeführt haben, möchte ich mich hier auf jene Institution beschränken, die zum Hauptgegenstand der politischen Spaltung der Menschheit im 20. Jahrhundert geworden ist, nämlich die Institution des Privateigentums, insbesondere des Eigentums an den Produktionsmitteln. Oder, um mich mit David Hume präziser auszudrücken, der Mittel, die »die Stabilität des Besitzes, seiner Übertragung mit Zustimmung und der Durchführung von Zusagen sichern«. Wenn wir danach fragen, finden wir die Bedeutung dieser grundlegenden Konzeption für das Verständnis der Formation einer ausgedehnten Ordnung von menschlicher Interaktion schon deutlich ausgedrückt in dem Werk von Humes größtem Schüler, Adam Smith. Seine Worte sind uns so bekannt (oder sollten es wenigsten sein), daß es fast beschämend ist, sie zu zitieren. Trotzdem kann ich nicht widerstehen, die nächsten Schritte meiner Argumentation in der Ausdruckweise von Adam Smith zu formulieren. Wir erinnern uns: »Niemand hat jemals gesehen, daß ein Tier in seinen Gesten und natürlichen Schreien einem anderen gedeutet hat, das ist mein, das ist dein, ich will dies für das geben.« Mit anderen Worten: Die unverkennbar menschlichen Aspekte des Eigentums und Tauschens beginnen die kulturelle Evolution zu leiten. Adam Smith: »Die Arbeitsteilung ... ist nicht ursprünglich die Folge menschlicher Weisheit«, und »da es die Macht des Tausches ist, die die Möglichkeit zur Arbeitsteilung gibt, muß das Ausmaß dieser Macht begrenzt sein - durch das Ausmaß des Marktes«. Und dann, auf den ersten Blick scheinbar ohne Zusammenhang, aber doch sehr tiefsinnig: »Religion, sogar in ihrer undurchdachtesten Form, gab eine Sanktion für die Moralgesetze, lange vor dein Zeitalter des künstlichen Räsonnierens und Moralisierens.« Die Moral des Eigentums und des Tausches wurden vom Menschen nicht angenommen, weil er die Vorteile verstand, die er daraus ziehen konnte. Es waren vielmehr mystische oder übernatürliche Überzeugungen, die bewirkten, daß Gruppen sich an die Traditionen von bestimmter Praxis lange genug hielten, um der natürlichen Selektion Zeit zu geben, aus der großen Vielfalt der Gruppen jene auszuwählen, deren Sitten am effektivsten das Wachstum ihrer Zahl begleiteten. Das gibt uns wirklich die Antwort auf Humes Problem in den zitierten Zeilen. Wenn »die Gesetze der Moral nicht das Ergebnis der menschlichen Vernunft« wären, auf was wären sie dann zurückzuführen? Die Humesche Antwort, von Smith gegeben, ist selektive Evolution. Und das Resultat ist die entscheidende Einsicht, daß der größte Teil der gegenwärtigen Menschheit sein Leben der Einhaltung von überlieferten Regelungen verdankt - Regelungen, die die Menschen nicht mochten, weil sie aus Einschränkungen ihrer angeborenen Instinkte bestanden und über ihrer intellektuellen Rechtfertigungskraft lagen. Intellektuelle, die sich vorstellen, sie könnten eine »bessere Moral« ausdenken, als deren Ergebnis der Menschheit dann eine angenehmere, schönere und gerechtere Welt zur Verfügung stehen würde, ignorieren nicht nur, wieviel wir der traditionellen Moral verdanken - als einem Leitbild für die Schaffung einer ausgedehnten Ordnung der menschlichen Interaktion, die die örtlichen und zeitlichen Grenzen der menschlichen Wahrnehmung weit überschreitet - sondern sie verstehen auch nicht, daß Gruppenauswahl eine Praxis bewahren und verbreiten konnte, die der Gruppe in ihrer Gesamtheit dienlich war, aber von vielen Individuen nicht erkannt werden konnte. Auch verstehen sie nicht, daß ohne die Führung, die die Marktordnung bewirkt, wir nicht einmal in der Lage wären, die gegenwärtige Weltbevölkerung zu ernähren. Unser Jahrhundert ist gekennzeichnet von einem Konflikt zwischen zwei völlig unterschiedlichen Systemen der Moral, die aufgrund ihrer verschiedenen Ursprünge und Ziele wenig miteinander gemeinsam haben: Ein System von gewachsenen, überlieferten Moralüberzeugungen, geformt durch die Gruppenauswahl der kulturellen Evolution und dem Zweck dienend, weit zurückliegende Wirkungen von menschlichem Handeln, die unserer Vernunft nicht bewußt sind, zu bestimmen, und denen wir uns anpassen müssen, wenn wir die existierende Zahl der Menschen bewahren wollen; und ein konstruktivistisches Moralsystem, erdacht, um individueller Lust zu dienen, das heißt primitive Instinkte zu befriedigen - dabei aber unfähig, dieses Ziel zu erreichen. Wir treffen hier auf die atavistischen Wurzeln des Sozialismus. Es läßt sich nicht ernsthaft bezweifeln, daß die Beschränkung des Instinktes, alles, was gefällt, sich anzueignen, die Evolution der Zivilisation ermöglicht hat. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich behaupte, daß das generelle, ich würde sagen, bezeichnende Charakteristikum des modernen Intellektuellen darin besteht, sich der überlieferten Moral zu widersetzen oder ihr eine legitime oder autonome Stellung Seite an Seite mit der Vernunft einzuräumen, sie aber keinesfalls in irgendeiner Beziehung über die Vernunft zu stellen. Er ist davon überzeugt, daß es der Intellekt des Menschen war, der es ihm ermöglichte, seine Moral zu entwerfen und, wenn die Resultate seine Wünsche nicht zufriedenstellen, sie durch eine bessere zu ersetzen. Es ist der Glaube, der sich im Titel eines berühmten, von einem sozialistischen Anthropologen verfaßten Buches ausdrückt: »Der Mensch schuf sich selbst« und den manche sozialistischen Ökonomen als ihre Leitlinie akzeptieren. Dieser Glaube, der letztlich nicht mehr darstellt als eine fatale Einbildung, hat einen großen Teil der »Intelligenz« zeitweilig zum Sozialismus geführt. Die Erkenntnis, daß die auf Gruppenauswahl gründende Tradition die Menschheit mit moralischen Gesetzen versorgt und dadurch befähigt hat, sich Umständen anzupassen, die ihre Sinne nichtzu erkennen vermochten, setzt die Moral als eine zweite autonome Macht ein, von der wir genauso abhängig sind wie von unserer Vernunft. Zu allen Zeiten war die Erkenntnis, daß es Grenzen der individuellen Vernunft gibt, ein Ergebnis der Meditationen tiefsinniger Denker. Die Einsicht, daß noch andere unumgängliche Quellen der Führung existieren, die den Erfolg des Menschen möglich machten, war lange auf religiöse Überzeugungen beschränkt. Es erscheint mir, daß die wissenschaftliche Analyse des evolutionären Prozesses der Gruppenauswahl uns zu der Erkenntnis zwingt, daß religiöse Überzeugungen für uns unschätzbare Verhaltensregeln bewahrt haben, die es der Menschheit gestatteten, ihre gegenwärtige Größe und Macht zu erreichen, und deren Bedeutung die Wissenschaft - insbesondere die Ökonomie - nun retrospektiv aufdecken kann, während die menschliche Vernunft sie nie hätte erdenken können und die anzuerkennen sie sich ja auch lange Zeit geweigert hat. Was uns also in die Lage versetzte, die erstaunliche Ordnung der menschlichen Kooperation oder die Kapazität der Führung, die bei weitem unsere Wahrnehmungsfähigkeit überschreiten, zu gestalten, war ein System von Beschränkungen unserer animalischen Instinkte. Dieses System von moralischen Beschränkungen hat sich einzig aufgrund seines Erfolges behauptet. Es wäre verhängnisvoll, ihm die Unterstützung zu entziehen. Die Konsequenzen davon könnten nicht nur ein sich ständig beschleunigender Niedergang unserer Zivilisation sein, sondern auch die numerische Dezimierung der Humanität zu einer Größe, für die die gesamtwissenschaftliche Erkenntnis nur noch geringen Nutzen bringen würde. Deshalb liegt mir so sehr daran, es den Menschen auf breiter Basis deutlich zumachen, daß die verführerischen Theorien des Sozialismus intellektuell nicht einmal halbrichtig, sondern ganz falsch sind. (Über Friedrich August von Hayek, der vor 1899 bis 1992 lebte, vgl. EPOCHE 138, S. 17) Edmund Stoiber über Leistung, Bildung und Chancengleichheit statt Umverteilung:Zum sinnerfüllten Leben eines Menschen gehört auch die geistige Orientierung. Eine oftmals verwirrende Fülle von Lebensentwürfen, Lebenschancen, Zielen und Verhaltensmustern ist an die Stelle früherer gesellschaftlicher Regeln getreten. Hier sind Elternhaus, Schule, Kirche und - ganz besonders - die Medien gefordert. Auch die Politik muß Positionen beziehen und Orientierung bieten. Zu einem zufriedenen Leben gehören vor allem Geborgenheit und Menschlichkeit - Werte, nach denen sich in unserer zunehmend materialistischen Gesellschaft sehr viele Menschen sehnen. Der Staat kann diese Werte nicht verordnen. Er baut auf Werte auf, die er selbst nicht schaffen kann. Aber Politiker und Parteien können Vorbild sein - auch durch ihr Bekenntnis zu Werten. Unsere Gesellschaft muß verläßliche Lebenschancen bieten. Wir wollen eine Gesellschaft, die zur Übernahme von Verantwortung für die Gemeinschaft motiviert und Schwächere unterstützt. Wir stehen für eine Politik, die den Einzelnen fördert und die ihn - entsprechend seinen Fähigkeiten - aber auch fordert. Soziale Politik ist mehr als das Verteilen von materiellen Wohltaten. Wir leben heute im Zeitalter der Wissensgesellschaft. Die von Rot-Grün unbeirrt verfolgte Politik der bloßen Umverteilung ist die antiquierte Antwort auf die »kapitalistisch« geprägte Industriegesellschaft. Wenn nur noch umverteilt wird, gibt es bald nichts mehr zu verteilen. Heute ist besonders die Bildungspolitik - die jedem Bürger Chancen eröffnet - die aktuelle Antwort auf die moderne Wissensgesellschaft. Sozial handelt deshalb, wer dafür sorgt, daß sich die Persönlichkeit des Einzelnen entfalten kann, daß sich Begabungen und Talente entwickeln und daß Menschen aktiv an den gesellschaftlichen Entwicklungen teilhaben können. Sozial wird ein Staat erst, wenn jeder die Chance erhält, seine Fähigkeiten zu entwickeln und sie entsprechend einzusetzen - und wenn die Menschen auch bereit sind, sich einzusetzen und anzustrengen. Deshalb ist ein Schwerpunkt moderner sozialer Politik heute eine gute Bildungspolitik. Eine gute Ausbildung ist die beste Startchance in ein erfolgreiches Berufsleben. In einer Wissensgesellschaft ist die Bildungspolitik die erste Stufe der Sozialpolitik, weil sie jungen Menschen überhaupt erst Start- und Lebenschancen eröffnet. Wissen und Können sind Voraussetzung für die Bewältigung des immer rascheren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Wandels. Sie helfen zur Orientierung in der zunehmenden Wissens- und Informationsflut unserer Zeit. Bildung muß heute mehr sein als Vermittlung von Wissensstoff. Sie muß die Fähigkeit zu lebenslangem Lernen vermitteln. Sie ist die grundlegende Voraussetzung, um mit den Veränderungen Schritt halten zu können und sich im Leben zu behaupten. Bildung ist auch ein grundlegender Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung, zur Wertevermittlung und zur kulturellen und sozialen Identifikation. Ein Staat, dem es an allen Mitteln zu einer Veränderung
fehlt, entbehrt die Mittel zu seiner Erhaltung. Eine der Hauptursachen
unserer Fortschritte finden wir darin, daß wir Kenntnisse nicht
verachten, die uns unsere Voreltern hinterließen. |