|
|
||||||
|
|||||||
|
Europa-Skepsis der Briten - A.A. Gill und die Folgen - Die Deutschen als Watschenmann - Als einziges europäisches Land bietet Großbritannien eine Bühne für öffentlichen Haß gegen die Deutschen und die von ihnen vermeintlich forcierte europäische Gleichschaltung - Der tiefe psychologische Hintergrund - Ein Warnschuß vor den Bug übereitriger EU-Harmonisierer - Dokumentation: Der Brief des Botschafters von Moltke |
![]() Thomas Kielinger |
»Brüssel« ist weit mehr als Deutschland das Haßobjekt |
|
von Thomas Kielinger John Witherow, Chefredakteur der auflagenstärksten britischen Sonntagszeitung im gehobenen Markt der »quality papers«, der zum Murdoch-Imperium gehörenden Sunday Times, durfte sich die Hände reiben: Die Rechnung war wieder einmal aufgegangen und fünf Millionen Leser hatten in seinem Blatt vom 11. Juli 1999 alles gefunden, was die Sunday Times marktführend gemacht hat unter ihresgleichen - die breitesten Recherchen zu aktuellen Themen wie Kosovo oder Nordirland; die schärfsten Kommentare zum Geschehen der Woche sowie - das ist wichtig - ein paar unverschämt unterhaltsame, weil so herrlich provokante Kolumnen und Essays zu beliebten Stoffen. Und was wäre beliebter, als mit einer Ausrüstung voller Klischees über den Watschenmann Deutschland herzufallen, in einer Unheiligen Allianz aus trefflichen Einsichten und gnadenlos-giftiger Ignoranz? Die Magazin-Verantwortlichen der Sunday Times hatten diesen Affront genüßlich vorbereitet Er war auf maximale Wirkung angelegt. Auf dem Titelblatt ein Foto von A(drian) A(nthony) Gill selber - unter einem durchschossenen und reparierten deutschen Wehrmachtshelm. Dazu die ironische Entschuldigung der Blattmacher, die offenbar genau wußten, was sie taten. Der zum Bild gestellte Text lautete: »Die Sunday Tirnes entschuldigt sich bei jenen Lesern, die unseren heutigen Artikel von A.A. Gill vielleicht für eine fremdenfeindliche Tirade gegen eine Säule der internationalen Gemeinschaft halten. Seine Ansichten über das neue Deutschland sollten von Berlin nicht als Deklaration von Feindseligkeiten interpretiert werden.« Der Aufsatz selber erschien unter der Überschrift HUNFORGIVEN, basierend auf einem wortspielhaften Zusammenschluß des auf der Insel so beliebten Schimpfwortes »Hunnen« für Deutsche und dem Adjektiv »unforgiven«, was so viel heißt wie unvergeben und unvergeßbar. Zwei Bilderseiten zuvor sieht man gegen ein schauerlich in grün-blau angestrahltes abendliches Brandenburger Tor den Autor, wie er vor einer Reihe sich zur Bildmitte hin zuspitzender Pappmasché-Panzer posiert, in spiegelhafter Verdoppelung des gleichen Fotomotivs, wie es sich mit elektronischen Tricks so schön hinzaubern läßt. Daß viele Leser sich in zwei Sonntagsausgaben danach entrüstet ihre Empörung von der Seele schrieben, dürfte den Chefredakteur nur bestätigt haben in seinem »Blattschuß«. Unübertroffen deutlich George Clare, ein jüdischer Emigrant: »Gills Artikel über die Deutschen besitzt alle Delikatheit und Einsicht eines Goebbels'schen Ausfalls gegen uns Juden.« Macht nichts, Kontroverse verkauft sich doch blendend - darüber sind sich die Boulevard-Medien und ihre Ordensbrüder, die »Broadsheets« (die großformatigen sogenannten Qualitätszeitungen) einig. »Épater le bourgeois«, so hieß das in den Salons der Dekadenz im europäischen 19. Jahrhundert, von Lord Byron über »Beau« Brummel zu Oscar Wilde, Barbey d' Aurevilly oder Aubrey Beardsley. Bringt den Bürger aus der Fassung, skandalisiert ihn, reißt ihn aus aller politischen Korrektheit, würde man heute sagen. Die Beziehungen zu Deutschland sind eine solche heilige Kuh der Korrektheit. Jetzt sage ich, Adrian Gill, der ich für meine kulinarische Kolumne bei der Sunday Times, für sexistische Romane und Ausfälle gegen Hinz und Kunz bekannt bin, wie man wirklich über die Deutschen denkt, was alle diplomatisch Verklemmten mit ihrer Abneigung gegen das offene Wort ja nicht mehr auszusprechen wagen. Das sah unser scheidender Botschafter in London, Gebhard von Moltke, natürlich ganz anders. Er war im Gefolge der Gill'schen Impertinenz überschwemmt worden von Bekundungen großer Sympathie für Deutschland. Humor ist, wenn man Grenzen kennt, muß die Devise des Botschafters Nein. Und so konnte er diesmal nicht anders, als sich in einem zwei Absätze langen Schreiben vom 13. Juli bei Witherow zu beschweren. Dieser Brief wird hier zum erstenmal in vollem Wortlaut abgedruckt: Dear Mr Witherow! Ich melde mich selten zu Veröffentlichungen in den britischen Medien. Doch zusammen mit vielen anderen, dir mir ihr Entsetzen über den Gill'schen Artikel vorn 11. Juli bekundet haben, fühle ich mich doch gedrängt, Ihnen hier meine Sorge vorzutragen. Ich war zutiefst betroffen von den Vorurteilen des Artikels, seiner abgrundtiefen Fremdenfeindlichkeit. Das hatte nichts mit dem Deutschland von heute zu tun. Ich muß ernsthaft befürchten, daß eine solche Schreibe sich negativ auf die durchgehend guten Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern auswirken kann. Sie werden keinen ähnlichen Artikel über Großbritannien in irgendeiner deutschen Zeitung finden, nicht nur, weil es nicht unser Stil ist, sondern weil man es für vollkommen unverantwortlich hielte. Da hat die Diplomatie - und nicht nur die deutsche - freilich ein großes Problem. »Unverantwortlichkeit« bildet geradezu eine der Erkennungsmelodien der britischen intellektuellen Tradition, das auf die Spitze getriebene Spiel findet hier äußerste Lust an sich selber, ob als Satire oder als Kolumne, als niederträchtigste Verleumdung. Das geht bis ins 18. Jahrhundert und davor zurück, wir genießen es historisch in Defoes Presse-Pamphleten, Hogarths Karikaturen oder Jonathan Swifts scharfen Ausfällen. Das Niveau der Polemik mag heute stark gesunken sein, auf dem rutschigen Weg »down market«. Aber die Sucht, zu skandalisieren, ist dem britischen Intellekt erhalten geblieben. Es ist der Preis, den das Land für seine allenthalben so bewunderte Freiheit bezahlt. Wir besaßen es auf Deutsch auch einmal, siehe Heine, Kraus oder Tucholsky, ehe uns die Geschichte die Unbefangenheit, schnöde zu verletzen, nahm. Die Briten kennen keine solche Rücksichten. Vor kurzem erst stürmte Henry Kissinger aus einer Radiosendung von BBC-4, weil Jeremy Paxman, ein für seine brutale Ungeschminktheit berüchtigter Interviewer, ihm ohne Betäubung auf dem Kambodschazahn herumbohrte. Julie Burchill, auch sie eine ebenso bewunderte wie gescholtene Giftfeder, antwortete in einem Interview des New Statesman vom 11.6.1999 auf die Frage, welches historische Kapitel sie gerne 24 Stunden lang bewohnen würde, ungehemmt: »Den Zweiten Weltkrieg. Ich würde gerne Dresden 24 Stunden lang bombardieren.« Und am 9. Februar dieses Jahres verglich in einem Gastaufsatz in der Tirnes der große Max Beloff, Doyen der britischen Politikwissenschaft, Tony Blair mit Adolf Hitler - wegen angeblich vergleichbarer Sucht nach politischer Allmacht. Die Peinlichkeit dieses Ausfalls beantwortete Hugo Young damals im Guardian mit dem Satz, hier handele es sich wohl um »verbitterte geriatrische Rasereien eines einst angesehenen Professors in einer einst angesehenen Zeitung.« Eine sehr britische, sehr rüde Replik, die ihrerseits in ihrer Direktheit kaum in deutschen Zeitungen anzutreffen wäre. Aber etwas an der jüngsten Kontroverse um Gill blieb doch an dem 45-jährigen Autor hängen. Zu scharf war die Reaktion namhafter Kreise ausgefallen. Professor Alan Watson, Vorsitzender der British German Association, und Ex-Botschafter Hermann von Richthofen, Vorsitzender der Deutsch-Englischen Gesellschaft, schrieben in einer gemeinsamen Erklärung vom 18. Juli (abgedruckt in der Sunday Times): »Wir finden den Artikel irreführend, arrogant, in Teilen albern, in Teilen vergiftend, voll atemberaubender Vorurteile und möglicherweise schädlich. Wenn der Haß das Prisma ist, durch das wir unsere europäischen Nachbarn betrachten, dann gehen wir fürwahr einer düsteren Zukunft entgegen.« Lord Weidenfeld, als Kind jüdischer Flüchtlinge aus Wien nach England gekommen und heute Chef eines großen Verlagsimperiums, führte über den Artikel zweimal Beschwerde, in Kolumnen erst in der Welt (16. Juli), dann im Daily Telegraph (19. Juli). Roger Boyes, Deutschland-Berichterstatter des Schwesternblatts The Times, warf Gill abartige Kamellen vor sowie das Versäumnis, nicht auf die wirklichen Probleme im heutigen Berlin aufmerksam gemacht zuhaben, etwa, daß so vieles nicht mehr funktioniere an der einst vielgerühmten Tüchtigkeit der Deutschen. Am weitesten aber ging David Marsh, früherer Bonn-Korrespondent der Financial Times und einer der führenden Deutschlandkenner auf der Insel (er hat unter anderem ein Standardwerk über die Bundesbank verfaßt). Er versandte am 23. Juli, unter Beifügung des inkriminierten Artikels, fünf Beschwerdebriefe an folgende Adressaten: den Chefredakteur der Sunday Times; die Verlagsgruppe Rupert Murdoch; die Kommission für Rassengleichheit in Großbritannien; den Presserat des Landes; und an den Generalstaatsanwalt. Stellvertretend für alle fünf Schreiben, die uns vorliegen, sei aus dem Brief von Marsh an die Kommission für Rassengleichheit zitiert: Dear Sir! Es will mir scheinen, daß der beiliegende Artikel von A.A. Gill Sätze enthält, die als Aufwiegelung zum Rassenhaß verstanden werden können. Ich nenne als Beispiel: »Den Hunnen zu hassen, ist vielleicht das einzige Band, das uns Nicht-Deutsche vereinigt«, oder »Dresden, der erfolgreichste Bombenangriff in der Geschichte«, oder »Was können die Deutschen tun, damit wir aufhören, in ihnen Europas Psychopathen zu sehen?« Der Artikel nimmt sich vor, zu beleidigen und zu provozieren. Die Distanzierung auf der Titelseite (...) kann weder als Entschuldigung noch als Rechtfertigung herhalten, da sie verrät, daß die Magazin- Verantwortlichen die möglichen Folgen sehr wohl erwogen hatten. Ich hätte gerne Ihre Reaktion hierauf. A.A. Gill selber ging am 25. Juli in die offensive Defensive. Unter der erneut als Skandalon intendierten Überschrift »Beastly to the Germans? Ja, und das haben sie nötig« nahm er sich besonders »Herrn von Weidenfeld« vor, dem er Einschüchterung und den Versuch unterstellte, ihm, Gill, das freie Wort unterbinden zu lassen. Danach attackierte er Botschafter von Moltke, bei dessen Namen er süffisant Anspielungen ans 19. Jahrhundert einfließen ließ, ohne auch hier von irgendwelchen Kenntnissen der jüngsten deutschen Geschichte getrübt zu sein - er weiß nichts vom Widerstandskämpfer Moltke und dem Blutopfer des Aufstandes gegen Hitler, sowie er noch nie etwas beispielsweise über die deutsche Diskussion zum Holocaust-Denkmal in Berlin gehört hat und entsprechend den Deutschen unterstellen kann, sie lebten nach der Devise: »Amnesie (Gedächtnisschwund) macht frei.« Wörtlich schreibt er über den Beschwerdebrief von Moltkes: »Ja, ja, der Botschafter hat ganz recht - es ist nicht deutscher Stil. Ihr Stil nämlich ist es, beim Morgengrauen Panzer über die Grenze zu schicken und den Chefredakteur zu erschießen.« Journalistisch baut er eine Theorie auf, die hinfort als »Lex Gill« Geschichte machen dürfte. Er habe seinen Text als Feature-Autor angegangen, schreibt Gill, nicht als Reporter. Reporter seien den Fakten verhaftet, Feature-Schreiber dagegen nur der eigenen Meinung - das einzige, was sie schließlich hätten. Wörtlich: »Mein Artikel war nicht Ignoranz, es war eine Meinung; man kann mit ihr übereinstimmen oder nicht.« Oh je - wenn Ausbrüche des Hassens, Muster bildend, Europas Zukunft verdunkeln dürfen, wie Watson und Richthofen schrieben, dann mag mit der »Lex Gill« gleich auch jede journalistische Ethik mit in den Orkus fahren. Sage mir deine Meinung, und ich sage dir, was du alles nicht weißt, aber in auflagestarken »Qualitäts«zeitungen verbreiten darfst. Vae victis. Sollte man sich mit derartigen Entgleisungen überhaupt auseinandersetzen? »Wenige sind es wert, daß man ihnen widerspricht«, hat Ernst Jünger geschrieben. Das ist natürlich eine noble Einstellung - die ganz nebenbei neun Zehntel der modernen Medien überflüssig machen würde. Nein, an bestimmten Momenten geht von bestimmten Phänomenen eine Art Pegelqualität aus - man hat dann eine neue Höchstmarke zur Hand, als Maßstab für alle zukünftigen Grenzüberschreitungen in diesem Flußbett. David Marsh hatte in den übrigen Briefen an die zitierten Absender einen bezeichnenden Hinweis angehängt: »Man stelle sich die Wirkung vor, wenn eine Zeitung wie die Sunday Times ein ähnliches Stück über Chinesen, Russen oder Vietnamesen hätte erscheinen lassen.« Das genau ist das punctum saliens: Über Deutschland derart herzufallen, scheint straflos und folgenlos möglich. In bestimmten Kreisen macht das Unheil, das in deutschem Namen begangen wurde, offenbar für alle Zeiten jede Rücksicht im Schreiben über unser Land überflüssig, und damit auch jede Notwendigkeit, aus der Versunkenheit in den eigenen Haß aufzuwachen und das Land so anzuschauen, wie es wirklich ist - mit allen Warzen, natürlich, aber vor allem mit allen Kenntnissen über seine gegenwärtige Gestalt. Es ist immer wieder bemerkenswert, mit welcher Regelmäßigkeit solche Ausbrüche gerade in Großbritannien, als einzigem unter allen europäischen Ländern anzutreffen sind. Das erweitert den Horizont der deutsch-britischen Beziehungen um einen Aspekt, der an dieser Stelle, in der vorigen Ausgabe der EPOCHE, zwar angedeutet, aber noch nicht ausreichend erfaßt worden war. Warum England, warum die Insel, warum unser Vetter vor jenseits des Kanals? Hat die Battle of Britain von 1940 die Psyche unseres Verwandten derart verletzt, daß von Zeit zu Zeit die Verwundung sich zurückmeldet wie eine nie sich schließende Angst-Erinnerung? Das ist nur die halbe Antwort. Erinnerung, wenn sie nur Erinnerung wäre, durch keine Aktualität neu bestätigt, könnte keine derartige Macht über das zeitgenössische Bewußtsein erlangen, daß jede Regeln des Umgangs mit einem befreundeten Land für Nichts gelten und dieses Land behandelt werden darf wie eine gegenwärtige Bedrohung, ein gegenwärtiger Feind. Wir müssen also danach fahnden, was »die Deutschen« gegenwärtig in bestimmten britischen Augen so unappetitlich macht, daß die Gills der Insel sich bemüßigt fühlen, wieder einmal in Abwehr, in Kampfstellung gegen die »Hunnen« zu gehen. Die Verteidigungsrede des Autors in der Sunday Times vom 25.7.1999 gibt darüber den gewünschten Aufschluß. Am Schluß seines neuerlichen Aufrufs, garstig gegenüber den Deutschen zu sein, läßt Gill alle Deckung fallen und nennt den Grund beim Namen: Europa. Er schreibt: »Was ich nicht mag, was ich noch mehr hasse als die Deutschen, ist dieses kleinkarierte anämische, klatsch-in-die-Hände-provinzielle Europa, das die Blairs und die Weidenfelds und die übrigen ihresgleichen uns aufzwingen wollen. Der Kontinent ist weit größer, grandioser, weit komplexer und unendlich tiefer und reicher als die kleinen grauen Zuchterbsenzähler aus Brüssel oder Straßburg sich je vorstellen oder je mit ihm umgehen können.« Wie gut deutsche Euroskeptiker solche Rede verstehen! Sie könnten sich ihr sogar relativ unbedenklich anschließen, ließe man Namen wie Blair oder Weidenfeld einmal beiseite, denn das sind nun die unwahrscheinlichsten Vertreter jenes kleinkarierten, über den Brüsseler Zuchtkamm gescherten Europa. Gill erwähnt ja etwa Lord Weidenfeld auch nur, weil er sich über dessen süffisanten Beschreibungen seiner selbst (»Gill, dieses mäßig talentierte Enfant terrible des britischen Journalismus«) so unsäglich geärgert haben muß. Was wir alle aber nicht beachtet haben, ist, wie stark britische Euroskepsis auf die Beziehungen zu Deutschland zurückfällt und diese zu vergiften imstande ist. Deutschland, das den Nationalstaat aus eigenem Entschluß gleichsam in sich zum Schweigen gebracht hat, gilt nach diesem Verständnis als Vorreiter jener europäischen »Eingemeindung«, gegen die sich uraltes britisches Selbstgefühl mit geradezu mythischer Kraft auflehnt. Dort, wo dieses Ressentiment ungeschmälert wirkt und wütet, werden Europa/Deutschland heute in einer Reihe jener Bedrohungen gesehen, welche die Insel in den Jahrhunderten ihrer Geschichte bekämpft - und abgewehrt hat: Die spanische Armada, Napoleon, Hitler. Hier erhält das Nicht-Vergeben für den Holocaust seine aktuelle Nahrung: Die deutschen Panzer sind noch immer unterwegs, die Deutschen marschieren noch immer so gern wie eh und le, noch immer bedrohen sie mit ihren Kohorten - heute mit den Blairs und den Weidenfelds dieser Welt im Bunde, von »Brüssel« ganz zu schweigen - freie Geister mit unverschämter Uniformierung. Das Europa, zu dem sich ein Adrian Anthony Gill bekennt, ist nicht das Europa, das er als Gefahr für die britische Insel heraufziehen sieht. Und so verwandelt sich sein Haß auf diese historische Grundwelle in die Neuauflage seines Hasses gegen Deutschland, von dem das ganze Unglück des 20. Jahrhunderts seinen Ausgang genommen habe. So schreibt er: »In der Liste der Top Ten jener Dinge, auf die wir alle gerne verzichtet hätten, kommt Deutschlands Beitrag zum 20. Jahrhundert mit Blitzkrieg-Abstand an erster Stelle.« Die Aufdeckung dieser Zusammenhänge muß uns allen tief zu denken geben - nicht nur den professionellen deutsch-britischen Beziehungspflegern. Es ist noch nicht ausreichend erforscht, was aus nationalen Stereotypen und ihrer heiteren Beliebtheit unter Europäern wird, wenn im weiter integrierten Europa die klassische Bilateralität schwindet, um einem multilateralen, permanenten, institutionell geradezu abgesegneten Sich-Einmischen Platz zu machen. Die neuen Verwerfungen, die aus solcher politisch intendierten Nähe entspringen, sind noch gar nicht abzusehen, melden sich aber im Casus und in der Causa Gill beunruhigend zu Worte. Welche Nervenfieber aus dem friedlichen Nebeneinander europäischer Unterschiedlichkeiten unter der Flagge weiterer Integration entstehen können, macht der Ausbruch dieses Schreibers nur allzu deutlich. Man fühlt sich an einen Satz de Tocquevilles erinnert: »Je gleicher die Menschen werden, desto empfindlicher reagieren sie auf Unterschiede.« Das ist eine zeitgemäße Warnung an alle übereifrigen EU-Harmonisierer. Damit die Unterschiede, die uns interessant für einander machen könnten, nicht neue Empfindlichkeiten wecken, muß die natürliche Ungleichheit, denen sie entspringen, so weit wie möglich gewahrt bleiben. Nur so bleibt das Spiel nationaler Stereotypen am Ende wirklich nur ein Spiel. Andernfalls dürfte die Wiedergeburt alter europäischer Feindseligkeiten nicht lange auf sich warten lassen. Denn man rede sich nicht darauf hinaus, in A.A. Gill nichts als einen »Little Engländer« zu sehen, das Musterexemplar einer aussterbender Gattung. Er hatte den schnöden Mut der Ungerechtigkeit, aus den Eingeweiden heraus zu argumentieren und dabei schlafende Hunde von der Leine zu lassen. Das entschuldigt ihn nicht, und seinesgleichen wird man es ohnehin nie recht machen können. Und doch sollten wir dankbar sein für rechtzeitige Warnungen. |