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EPOHE - Das Ideenmagazin Nr. 141
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Ideenmagazin und "Argumente- und Informationsmagazin für Meinungsführer und Multiplikatoren" nannte Manfred Wörner (NATO-Generalsekretär 1988-94) die EPOCHE - Ideen von heute sind Taten von morgen

»Reichstag, Sitz des neuen Bundestages, das Zentrum, wie geflüstert wird, eines neuen europäischen Superstaats im Wartestand« - Solche Gedanken schossen einem Briten beim Besuch von Berlin in den Kopf - Alte Ängste, oft verbunden mit der Horrorvision einer von Deutschen dominierten Europäischen Union, verdichtete Adrian Anthony Gill im Sunday-Times-Magazin vom 11.7.1999 zu einem Haß-Epos, das wir wegen seiner Bedeutung als Zeitdokument (geringfügig gekürzt) wiedergeben - Ungeniert appelliert Gill an seine Landsleute, ihre antideutschen Gefühle nicht zu verbergen - Beim Betrachten der Siegessäule vermengt er die Geschichte der Deutschen (»Hunnen«) mit den Vorurteilen vieler Briten

Nadel, grün

EPOCHE-DOKUMENTATION:
EINE ORGIE DES HASSES VON A.A. GILL

Was er gegen Deutschland schreibt, denken viele Briten

(...) Es ist die Siegessäule, zur Erinnerung an Kriege gegen Österreich, Dänemark und Frankreich. Das teutonische Ausrufezeichen aus Gold und Marmor am Anfang eines vereinigten Deutschland. Der Preuße Bismarck, mit typischem deutschen Takt, wählte Versailles als Ort, den neuen Überstaat zu proklamieren (...), was ganz nebenbei die längste ewig beliebte Haßaffäre in Europa auslöste.

Denn wir alle hassen die Deutschen - na, komm' schon, ist ja gut gib's nur zu, wir sind uns doch alle einig: Wir hassen sie. Nicht als Individuen, jeder für sich ist o.k., nachdenklich, höflich, kultiviert - das vor allem: kultiviert. Aber insgesamt, reihenweise, hassen wir sie. »Oh, ein Deutscher», hört man abschätzig in jeder europäischen Sprache; es spricht Bände. Auch wenn politische Korrektheit alles tut, die Parenthesen des Vorurteils hinwegzubügeln, so bleibt doch immer dieser saure Geschmack beim Sprechen über Bismarcks Baby; den Hunnen zu hassen ist viel leicht das einzige Band, das wirklich alle Nicht-Deutschen verbindet.

Welchen Maßstab man auch anlegen möchte - die Schaffung eines größeren Deutschland war das größste Desaster, die Ursache des größten Elends, das je durch einen einzigen politischen Akt über die Geschichte Europas gekommen ist. (...) Bei all seiner vielgerühmten, metallklirrenden Wirtschaftsleistung als homogene Nation steht Deutschland einfach durch und durch für ein schreckliches Versagen.

Am anderen Ende dieser martialischen Avenue mit ihrer obszönen Säule steht das Brandenburger Tor, Berlins berühmtestes Wahrzeichen - eine ziemliche Enttäuschung, kleiner als man sich vorstellte, und roher. Kein Arc de Triomphe dies, nicht einmal ein Marble Arch. Einfach das letzte von vielen Stadttoren der alten preußischen Kapitale, die immer eine ziemlich langweilige, provinzielle, phantasielose Stadt war, mit Ausnahme einer kurzen exotischen Periode scheelen Lasters in den dreißiger Jahren. Neben ihm der Phönix eines neuen Reichstags, Sitz des neuen Bundestages, das Zentrum - wie geflüstert wird - eines neuen europäischen Superstaats im Wartestand.

Norman Foster gibt gerade einen Empfang, um seine bemerkenswert schöne Wiederherstellung an die Stadt zu übergeben. Ein sehr beeindruckender Bau, mit seiner Glaskuppel und dem spiegelbelegten Trichter, zum Absaugen aller heißer Luft aus den unregelmäßigen deutschen Verben (...). Irgendwie gänzlich unpassend ist auch Carol Thatcher auf dem Empfang. »Ich hab's Mutter noch gar nicht erzählt, sie würde einen Anfall bekommen, es sei denn, ich hätte gleich ein paar Streichhölzer gekauft.» Margaret Thatcher war ja so ziemlich die einzige, die heftige Vorbehalte gegenüber der deutschen Neuvereinigung anmeldete. Nun, das mag sie als einzige gesagt haben, aber wie immer war sie nicht die einzige, die so dachte. (...)

Die Deutschen wissen, daß man sie von draußen argwöhnisch und mit Sorge beobachtet. Sie bemühen sich entsprechend, ihre natürliche Arroganz auf sotte voce zu schalten. Aber diese durchsichtige Geste der Demut macht aus Geschichte ein Ausstellungsobjekt, befriedet sie zu Kultur, was ein Trick ist, auf den man sich hier, wie ich feststellen durfte, sehr gut versteht. (...)

Was ist in den letzten zehn Jahren aus der ehemaligen DDR geworden? Das größere Deutschland hat es geschafft, ihr das anzutun, was ihm mit Österreich, der Tschechoslowakei und Polen beinahe gelungen wäre - sie verschwinden zu lassen. (...) Was immer man über die alte DDR denken möchte daß sie grau und schäbig war, in Angst lebend, zynisch geschaffen als russischer Vorhof: Es war doch ein richtiges Land. Es hatte eine Nationalhymne, eine Flagge, ein Parlament, eine höhere Beamtenschaft, eine Infrastruktur; die Menschen wurden geboren, heirateten und starben dort. Heute, nur ein Jahrzehnt später - Schluß damit, weg, verschwunden unter all diesen tanzenden Kränen, ohne eine Träne oder ein hörbares Aufseufzen. (...)

Ehrlich, Berlin kommt so ziemlich dem schlimmsten Sturm- und-Drang nahe, den man sich denken kann, für ein absolutes Nichts stehend. Es ist ein Nicht-Ort, mit weniger Atmosphäre als auf dem Planeten Uranus. Ein lauwarmes Knightsbridge, so dachte ich, oder ein verwässertes Hull, oder Torremolinos in Schwarz-Weiß. Vom Reichstag abgesehen, gleicht Berlin einer Müllkippe für Kritzeleien, von unanstellbaren Architekten auf die Rückseite von Briefumschlägen geschmiert. Es ist eine Stadt, die dich anspricht mit: »So, das reicht von mir, was würdest du jetzt sagen, soll ich sein?«

Unter allen Europäern sehen die Berliner uns eigentlich am ähnlichsten. Und doch stehe ich dem Gefühl nach den Buschmännern aus der Kalahari näher. (...) Gute Leute, ja, aber irgendetwas stimmt an ihnen nicht. Mit der Kleidung fängt es an. Die Männer haben diesen Fimmel für das Jacken-Hosen-Mixmasch, wo oft zwei oder drei Teile von unterschiedlichen Anzügen stammen. (...) Deutsche Männer scheinen alle zu Burberry zu gehen und zu sagen; ja, perfekt, das nehme ich, aber bitte zwei Nummern größer.» (...)

Es gibt andere Zeichen, die einem verraten, daß Deutsche, auch wenn sie wie wir aussehen mögen, auf einen anderen Takt hören. Sie können zum Beispiel nicht in der Menge gehen, was überrascht, wo sie doch so gut zu marschieren wissen. Die Deutschen stehen sich ständig im Weg, mit kaum verhüllter Wut; vielleicht aber auch sind sie es einfach gewohnt, in die persönliche Sphäre des anderen einzufallen. Aber dann wiederum stehen sie mit der Gemütsruhe von Ochsen minutenlang an vollkommen verkehrslosen Straßen, bis der kleine grüne Mann ihnen sagt: So, jetzt dürft ihr überqueren. Überhaupt scheint der kleine grüne Mann das einzige Stück DDR zu sein, das man bewahren möchte. (...) Niemand hat offenbar gemerkt, wie sehr er mit seinem kecken Hut, dem gekrümmten Arm und den spitzen Schuhen einem vermenschlichten Hakenkreuz ähnelt.

Ich müßte lügen, wenn ich nicht mit einer gewissen Schadenfreude zugäbe, wie zusammengewürfelt das moderne Deutschland auf einen wirkt. Design in diesem Land ist schrecklich transitorisch, mit modischem Schnickschnack durchsetzt, der schon bei seiner Einweihung schräg und passe erscheint. (...) Und diese groß herausgestellten Beispiele gräßlichster öffentlicher Kunst - Pockennarben von Baulichkeiten, verglichen mit denen die Kräne und Betonmischer ästhetisch wirken.

Besonders stolz verweist Berlin neben dem Reichstag auf das neue Jüdische Museum. Man sieht es auf dem Umschlag von Stadtführern, auf Plakaten und Ansichtskarten, sehr futuristisch, sehr liberal, sehr Teil des Prozesses. Offenbar das neue Deutschland - einfühlsam, auf der Höhe der Zeit, ein smarter, winkelversetzter Baukasten. Aber da ist ein Problem, ihr könnt mich altmodisch nennen: Das Museum funktioniert einfach nicht als Gebäude. Drinnen findet man sich wie in einem halbdunklen Labyrinth, wo ansteigende Wege und Freiflächen wie Räume aussehen sollen aber genauso gut nur freie Öffnungen abgeben könnten. Das Ganze begleitet mit diesem wortreichen, Kunst-Autopsie-ähnlichen Geschwätz, das die Deutschen gerne mit gefurchter Stirn verehren. (...)

Tiergarten, der größte städtische Binnenpark Europas, einst Jagdgrund der preußischen Herrscher, einst von der Royal Air Force zu Brennholz bombardiert. An einem sonnenklaren Maifeiertag ergehen sich Familien auf ihren Fahrrädern, streng nach Größenordnung, wie mobile russische Puppen, oder halten Picnick, ausladendes Picnick mit Gas-befeuerten Barbecues und reich gedeckten Buffets. (...) Ach, habe ich schon die nackten Männer erwähnt? Es ist eine Wahrheit, die sich in ganz Europa inzwischen herumgesprochen hat; Der Deutsche wirft bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Montur einfach ab, und so wiegen sie auch hier, blond, die Arme teutonisch korrekt in die Hüfte gestemmt, ihre Bäuche und Pimmel, während die Familien die symbolische Bratwurst grillen. Mitten in Berlin, so ganz anders als bei uns im Hyde Park.

Die Deutschen unterhalten eine einzigartige, mystische Beziehung zu Bäumen, darüber definieren sie sich. Der

Wald ist das Herz Deutschlands, Antrieb und letztendliche Metapher für seine Literatur, seine Lyrik, seine Musik. Kathedrale der Natur, ist er ihnen stets jung und doch zeitlos uralt. (...)

Im Jahre 9 nach Christus wurden 25.000 römische Legionäre unter ihrem Anführer Quintilius Varus im Herzen Deutschlands von Arminius' Speerspitzen abgeschlachtet. Ein römischer General mit dem bezeichnenden Namen Germanicus findet sechs Jahre später die Opfer, ihre Schädel an Baumstämme genagelt, die Knochen zu Folterbergen aufgeschichtet. Es war die größte Tragödie des Römischen Reiches, und sie jagte Schrecken und Schmach durch die damalige zivilisierte Welt, was bis heute in unserem Unterbewußtsein nachzittert. Das Schlachten im Teutoburger Wald teilte Europa in den warmen Süden, wo man Wälder als schreckliche Orte ansah, die es zu meiden oder zu fällen galt (...), als Antithese zur zivilisierten Stadtkultur, und den Norden, wo man im Wald Heilung suchte, Schutz, Mystik, einen spirituellen Ort. (...) Die Deutschen sind Kinder des Waldes, Menschen des gesprenkelten Halbschattens, der heimlichen Schlucht, des Schweigens und der Tarnung. (...)

Dresden. Auch hier, wie in Berlin, bauen sie an einer schönen, glorreichen Zukunft. Sie rekonstruieren das Zentrum maßstabgetreu dem 18. Jahrhundert nach, Stein für Stein, (...) Aber während die Mitte der Stadt einer Nußknacker-Märchenszene gleicht, ist diese umgeben von einer amtsverfügten Häßlichkeit, so grotesk, so persönlich beleidigend, man weicht fast körperlich davor zurück, vor diesen seelenlosen Siedlungen, Bauprojekten, Fabriken. (...)

Aber Dresden ist keine Rekonstruktion, kein Disneyland, jedenfalls nicht für die Deutschen. Es ist ein Moment in einem Prozeß. Und es war hier, wo ich die vielleicht tiefste Wahrheit über Deutsche erfuhr.. ihre Einstellung gegenüber Kultur. Für den Deutschen bedeutet Kultur sehr viel, es macht ihn groß, selbstgefällig, arrogant. Er besitzt Kultur mit großem »K«. Alles, von seinen Würsten bis Schiller, erfüllt das teutonische Herz mit Stolz. Sie reklamieren für sich die tiefsten Schriftsteller, romantischsten Dichter, größten Denker und die besten Holzschneider mobilen Weihnachtsbaumbehangs. Vor allem haben sie die Musik. Kein anderes Land kann ihnen die Stimmgabel reichen. (...) Aber sie betrachten Kultur als losgelöst von Geschichte, bestenfalls als Parallelerscheinung, aber doch als etwas Separates. (...) Und das mit gutem Grund.

Wenn Sie Deutscher wären - würden Sie gerne auf Ihre Geschichte zurückblicken? Für Deutsche stellen die letzten 150 Jahre ein schier unverwässertes Elend dar, voller Erniedrigung und zähneknirschender Bitten um Vergebung. Die Kultur muß man davon frei halten, unbefleckt und zeitlos gültig, umso etwas wie nationalen Stolz und verbindende Gloriole zu erleben. (...)

Dresden ist daher keine Kreation aus der Retrospektive, es existiert vielmehr als separates Kontinuum außerhalb der Ereignisse, die es geformt haben. Eine sehr bizarre, fast psychotische Art, weiterzumachen. Es bedeutet, daß man an einem Ort leben kann und gleichzeitig auf einer anderen, esoterischen, imaginären Ebene, unbehelligt von Fakten oder Erinnerungen. Das ist, als ob man das feine Porzellan bewundert, auf dem serviert wird, aber die Speise auf dem Teller ignoriert. Es sollte eine große Metallschrift auf dem Brandenburger Tor montiert werden: Vergessen macht frei. (...)

Weimar. Ehrlich gesagt, noch drei Monate vor dieser Reise wußte ich nicht, daß Weimar ein eigener Ort war. Ich hielt es für so einen Distrikt, oder ein Dokument mit diesem Namen, Sie wissen doch - die Weimarer Republik und so. Aber dann riet mir jemand auf einer Londoner Dinner-Party: Du mußt unbedingt nach Weimar, es ist das Prag dieses Jahres. Also wieder die Autobahn entlang, mit dieser schrecklichen deutschen Popmusik im Radio. Für Leute mit so einer hochgestochenen musikalischen Tradition spielen sie das Schlimmste an amerikanischem und britischem Schutt der sechziger und siebziger Jahre. Wir umfahren Leipzig und seine Chemiefabrik, wo man Phosgengas für den Ersten und Zyklon B für den Zweiten Weltkrieg produzierte. (...)

Wir sitzen im Café, trinken heißen Kakao mit einem Schlagsahneberg drauf, durchblättern den Kulturführer dieses Festjahres und fragen uns, warum so viele Deutsche Wanderstöcke mit diesen Metallplaketten drauf mit sich führen. Rotterdam? Stalingrad? El Alamein? Da fällt mein Auge im Kulturführer auf das, was man sonst noch - 16. Empfehlung, kursiv und kleingedruckt - in Weimar sehen könnte: Buchenwald. Ich hatte eigentlich nicht vor, hinzufahren, aber irgendwie war es wohl wagnerisch-unausweichlich, daß meine Geschichte hier endete. Ich hatte nie zuvor ein Konzentrationslager gesehen. Ich bin froh, daß ich da war. Aber ich möchte auch nie wieder eins sehen.

Nach zwei, drei Stunden zurück nach Weimar. Was immer die Stadt an Marzipan-Charme ausgestrahlt hatte - es war verflogen. Es ist eine Geisterstadt, eine Stadt voll unruhiger Schatten. Der Bahnhof diente als Transithalt auf dem Weg in die Todeskammern. In dieser Stadt tagte die erste Regionalsektion der Nazis in Deutschland, aus dem köstlich so bezeichneten »Verein der Armbrust-Junioren« entstand die Hitlerjugend. Das gemütliche Hotel, in dem ich abgestiegen bin, war besonders beliebt beim Führer, er half sogar bei den Entwürfen für den Umbau. Aber irgendeines dieser grauen Komitees in Brüssel, mit all diesen Fakten vor Augen, hielt es in seiner unendlichen Weisheit für richtig, ausgerechnet diesen Ort des Völkermords zur Europäischen Kulturhauptstadt zu erklären. Gott verzeihe ihnen.

Es ist nicht so, daß Weimar Buchenwald völlig leugnete; es hat das Lager nur in diese ätherische, teutonische, alles säubernde Weißer-als-weiß-Kultur eingewickelt. (...) Da läuft auch eine Ausstellung mit Hitlers Lieblingsbildern der Kitsch- und Nacktsparte, und Buchenwald wird dekonstruiert als handele es sich um ein künstlerisches Problem, wie die Frage der Perspektive oder des Metrums. Hier ging mir endlich auf, warum wir eigentlich die Deutschen so hassen. Es geht nicht um »Bloß nicht vom Krieg reden!« (...) Wir hatten alle unsere Kriege. Wovon wir nicht sprechen, ist die Endlösung, die Länge und Breite und Tiefe des von den Deutschen begangenen Völkermords. Das ist einzigartig. Nur sie haben in der Geschichte der Menschheit ein Buchenwald und ähnliche von der Art gebaut. Dieses Verbrechen ist noch immer nicht zu fassen noch zu vergeben. Aber da ist auch Mitleid. Die Deutschen tun mir leid. Die hilfsbereite, lächelnde junge Kellnerin, die Kinder auf Schulausflügen. Sie waren noch nicht geboren, als Buchenwald seinen Geist aufgab. Warum sollen sie das Brandmal tragen?

Was kann ein guter Deutscher heute tun, inmitten unserer schönen, hellen, millenarischen Eintracht, unserer Gemeinschaft? Was überhaupt können die Deutschen tun, um uns daran zu hindern, in ihnen nach wie vor Europas Psychopathen zu sehen? Sie können in ihre Zukunft rennen, ein neues Morgen anstreben, nie im Gestern leben, kaum das Heute besiedeln. Sie können laufen, aber sie können sich nicht verstecken, und wir können nicht aufhören, uns zu erinnern. Sie können nichts anderes tun als mit dem Makel und der Schuld leben.

Natürlich wird alles am Ende verebben, wie jeder Schmerz, wird sich abschleifen zu Anekdoten, und deutscher Wald wird über die Endlösung wachsen. So gingen wir schweigend durch die Buchenwälder des Lagers bei Weimar. Über die Ruinen der Behausung des SS-Falkners war bereits üppige Vegetation gewuchert. (...) Der Symbolismus klebt hier an den Schuhen wie schwerer Lehm. Die fröhlichen Blüten wilder Frühlingsblumen wirkten wie einfache Versionen dreieckiger Muster auf Uniform-Achselklappen. Die meisten von ihnen waren Löwenzahn, lange Reihen gelber Köpfe, die aus dem Schutt hervorwuchsen, jeder einzelne wunderschön und doch einer wie der andere. Hier und da waren sie bereits zur Aussaat gereift, der Wind zupfte an ihnen, die zarten Keime tanzten durch den Wald wie Wölkchen von Rauch. (Ende A.A. Gill)

Soweit unsere Dokumentation. Lesen Sie bitte dazu den Beitrag von Thomas Kielinger


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