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EPOHE - Das Ideenmagazin Nr. 141
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Ideenmagazin und "Argumente- und Informationsmagazin für Meinungsführer und Multiplikatoren" nannte Manfred Wörner (NATO-Generalsekretär 1988-94) die EPOCHE - Ideen von heute sind Taten von morgen

Vom Steuerstaat zum leistungsorientierten Gebührenstaat - Entfesselung der Kräfte der Wirtschaft - Mehr Arbeitsplätze durch weniger Regulierung - Freiheit und Eigentum statt unfinanzierbarer Wohlfahrtsbürokratie - Kreativität und Innovation: brachliegende Kräfte aktivieren - Dynamik der Zukunft: Freiheit statt Gleichheit im Steuerrecht - Vom Euro zum Rubel - Die Denkschablonen der Political-Correctness-Tugendwächter - Die vorherrschende Richtung der Bewußtseinsindustrie und das Verschweigen von Fakten - Schuldkult: Die Einseitigkeit der Vergangenheitsbewältigung - Was das Volk denkt - Der drohende Pendelschlag in die Gegenrichtung

Bild von Karl Ludwig Bayer
Karl Ludwig Bayer

Nadel, grün

Zerrbild-Effekte in den Medien - Steuern lassen sich abschaffen

von Karl Ludwig Bayer

Daß ein evangelischer Priester im Sommer 1999 in der Nähe von Bombay - als er mit seinen beiden Kindern friedlich im Auto saß - von Hindu-Fanatikern umringt, mit Petroleum übergossen und angezündet wurde, nimmt die Weltöffentlichkeit kaum zur Kenntnis. Die Ermordeten - drei Beispiele aus der gegenwärtigen Christenverfolgung in Indien - zeigen in makaberer Weise, wie sehr es in Leben und Tod auf die Präsenz der Massenmedien ankommt.

Diese Christen in Indien starben einen ähnlichen grausamen Tod wie Millionen Opfer des Nationalsozialismus und wie Millionen Opfer unter der deutschen Zivilbevölkerung bei der Vertreibung, deren Schicksal kaum zur Kenntnis genommen wird. Das Schwarzbuch der Vertreibung 1945 bis 1948 von Heinz Nawratil (Universitas-Verlag, München, S. 71) weist auf einen feinen Unterschied zwischen Toten und Toten hin: Die Chance eines Vertreibungstoten, in den deutschen Massenmedien erwähnt zu werden, ist zweihundert Mal schlechter als die eines NS-Opfers.

Die professionellen Vergangenheitsbewältiger, die den Schuldkult routinemäßig zelebrieren, können sich - wenn sie ihre Erfolge oberflächlich betrachten - darüber freuen. Denn ein Zerrbild-Effekt mit dem Faktor 200 ist eine olympiareife Leistung. Verfrühte Freude findet freilich oft ein unerwartetes Ende. Die Medien-Priesterkaste spielt mit hohem Einsatz. Die veröffentlichte Meinung und die tatsächliche öffentliche Meinung klaffen scherenförmig auseinander. Die Unterschiede werden von Jahr zu Jahr größer. Die Mehrheit der Bevölkerung hat längst genug von der einseitigen Vergangenheitsbewältigung, die viele Fakten verschweigt.

Die medienkonforme Demutshaltung ist nicht mehr konsensfähig. Eine schweigende Mehrheit ballt die Faust in der Tasche. Im Volk tief »unten« - an den Wurzeln, wo um die Lufthoheit über den Stammtischen gerungen wird - wächst die Ablehnung der von der vorherrschenden Richtung der Bewußtseinsindustrie verordneten Stereotypen. Nur scheinbar - an der Oberfläche der Bildschirme - haben sich die Nachfahren der Tugendwächter der Französischen Revolution durchgesetzt. In den Tiefenschichten der Volksseele nicht. »Es freue sich«, heißt es bei Friedrich Schiller, »wer da atmet im rosigen Licht / Da unten aber ist's fürchterlich / und der Mensch versuche die Götter nicht«.

Wer es dennoch tut, wird in wenigen Jahren das Gegenteil von dem erleben, was er anstrebt. Für die kontraproduktive Wirkung falscher Konzepte liefert die Geschichte unzählige Beispiele. Napoleon III. wollte die Deutschen schwächen, doch er verhalf ihnen ungewollt zur Reichsgründung 1871. Die Nationalsozialisten wollten den Kommunismus vernichten, doch sie ebneten ihm den Weg zum größten Triumph seiner Geschichte. Gorbatschow wollte der Sowjetunion durch eine reinigende »leninistische Reformation« - als russischer Martin Luther - ewiges Leben sichern, doch er führte sie unbeabsichtigt in den Abgrund.

Auch die deutschen Schuldkultmissionare wollen ihr Land innerlich reinigen und zugleich seine Zahlmeister- und Büßer-Rolle durch rituelle Übungen verewigen - doch sie werden das Gegenteil erreichen. Der Londoner Psychologe Hans-Jürgen Eysenck hast einmal darauf hingewiesen, daß die meisten vermeintlichen Erfolge bei der Behandlung von Neurosen auf Irrtümern beruhen. Neurosen, so lehrte Eysenck, schwächen sich ganz von selbst im Laufe der Jahre ab und versiegen schließlich.

Der Vergangenheitsneurose - dem Schuldkomplex - ergeht es nicht anders. Wenn junge Amerikaner auf die Ausrottung der Indianer und die millionenfache Tötung von Sklaven (von denen die meisten schon beim Kidnapping in Afrika oder beim Transport über den Atlantik umkamen) angesprochen werden, dann antworten sie: Wir wissen es, aber die heute lebenden Menschen haben damit nichts zu tun. Richtig! Für die Deutschen gilt dies natürlich in gleicher Weise. Die schweigende Mehrheit empfindet dies längst so und wünscht die (in allen anderen Ländern der Welt übliche) »Historisierung«, doch die vorherrschenden Massenmedien verdecken das reale Meinungsbild der Gesellschaft.

Je weiter die Schere auseinandergeht, je sichtbarer sich die medialen Mundwerksburschen vom Denken und Fühlen der Massen entfernen, um so wahrscheinlicher wird es eines Tages zu einem explosionsartigen Durchbruch, zu einem Pendelschlag in die Gegenrichtung kommen. Der Sprengstoff sammelt sich an und erreicht bald die kritische Masse. Einem Damoklesschwert gleich hängt er über den Köpfen der Zeitgeist-Reiter und Schuldkult-Drehorgelmänner. Erich Kästner gab den zweckdienlichen Rat: »Schau prüfend deckenwärts / Die Nähe des möglichen Schadens / liegt nicht in der Schärfe des Schwerts, / vielmehr in der Dünne des Fadens.«

Noch hält der Faden. Noch zählt der Schuldkult zu den Staatsritualen der Bundesrepublik Deutschland. Das bewies zuletzt Gerhard Schröders Kosovo-Abstecher im Juli 1999. Der Kanzler verwies darauf, daß die Deutschen in den Schluchten des Balkans dereinst Schuld auf sich geladen hätten. Diese sei jetzt getilgt, verkündete Schröder, und zwar durch den Einsatz von Deutschen im Rahmen der alliierten Intervention gegen Milosevic - also wohl durch die Bomben, die man den Serben 1999 auf die Köpfe geworfen hat, um die Wirkung der Bomben von 1941 aufzuheben.

Die unfreiwillige Komik der Kanzlerworte lag vor allem darin, daß die Kosovaren bekanntlich die deutschen Panzer - vor allem beim Einmarsch der KFOR-Truppen in Prizren - mit Jubel und Blumen begrüßt haben, also offensichtlich keinerlei vergangenheitsbezogene Verdüsterung der Seelen kannten. Erst die Repräsentanten Deutschlands jammerten ihnen die Ohren voll. Nach dem Motto: Wenn schon die anderen uns nichts vorwerfen, dann müssen wir eben selbst auf unsere Bösartigkeit in einem früheren Abschnitt der Geschichte verweisen.

Je größer der Abstand zum Zweiten Weltkrieg wird, um so gespenstischer wirkt diese »Political-Correctness«-Denkschablone. Doch auch andere »PC«-Sprachregelungen sind von karnevalistischer Qualität. Eine Kostprobe: Polizeisprecher werden von deutschen Länder-Innenministern gezwungen, die Nationalität von Kriminellen zu verheimlichen. »Ich darf Ihnen nicht sagen, welche Staatsangehörigkeit der Täter besitzt«, half sich ein Polizeipräsident, »aber ich verrate Ihnen, daß er mit Vornamen Mustafa heißt«. Wie Schrebergärtner ihr Suppengrün sorgsam pflegen, so hegt die politische Klasse Deutschlands ihre Neurosen und Tabus. Mit Sprach-Verkrampfung will sie beweisen, daß ihr der Wohlgeruch der Ausländerfreundlichkeit aus allen Poren dringt.

Weiterentwicklungen für den Alltagsgebrauch liegen auf der Hand. Wer von einem mittäglichen Restaurantbesuch in sein Büro zurückkehrt und über das schlechte Essen klagt, unter dem er gerade gelitten hat, kann den fragenden Kollegen antworten: »Zwar sage ich niemandem, welcher Nationalküche ich das Wellenbad in meinem Magen verdanke, ich verrate nur, daß die überbackenen Rigatoni zum Himmel stinken.« Da somit kein Volk beim Namen genannt wird, ist die Auskunft »politisch korrekt«. Etwas heikler wird es schon mit der Korrektheit, wenn unser Restaurantbesucher diskret umschreiben will, daß seiner Ansicht nach das Rigatoni-und-Lire-Land den Euro auf Dauer belasten wird. Wer sich an »PC«-Denkvorschriften hält, muß sich fragen: Ist es ausländerfeindlich, die Meinung zu vertreten, daß es von Anfang an ein Abenteuer war, mit dem Club Med eine gemeinsame Währung aus der Retorte zaubern zu wollen?

Gewiß, die Kursentwicklung gleicht einer Schlangenlinie. Aber im Durchschnittswert - seit dem 1.1.1999 - sinkt er hin: der Euro vor dem Dollar. Eine gängige Schutzbehauptung lautet, die dadurch bedingte Verteuerung der Importe von Massenkonsumartikeln und Öl sei hinnehmbar, da man dank des abgeglittenen Euros deutsche Waren leichter auf dem Weltmarkt verkaufen könne. Übersehen wird dabei freilich, daß deutsche Exportwaren immer schon trotz ihres relativ hohen Preises rund um den Erdball verkauft werden konnten - ihrer Qualität wegen. Einen reinen Preis-Wettkampf mit Süd-Korea beispielsweise würde niemand lange durchhalten - mit oder ohne Euro.

Wenn es wirklich so vorteilhaft für unsere Wirtschaft sein sollte, auf sinkenden Wert unserer Währung gegenüber dem Dollar zusetzen, dann könnte man doch gleich richtig zulangen und die D-Mark zum 1.1.2002 in Rubel statt in Euro umtauschen.

Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft - der wissenschaftliche Arm der (zumeist) exportierenden Unternehmen - stellte übrigens am 8.7.1999 fest, daß der schwache »Euro keine Exportstutze« darstelle, denn unbestechliche Wirtschaftsdaten hätten längst bewiesen; »Die klassische Faustformel, wonach eine schwache Währung die Konjunktur stärkt, gilt nicht mehr.« Vielmehr zeige »die Erfahrung, daß Deutschlands und Europas Exporte ohnehin weniger vom Wechselkurs abhängen als vielmehr von der Weltkonjunktur«.

Die Kaufkraft in anderen Teilen der Welt ist entscheidend. Wenn beispielsweise in Thailand S-Klasse-Mercedes-Karossen auf dem Gebrauchtwagenmarkt zu Schleuderpreisen angeboten werden, weil ihre Besitzer infolge der Asienkrise die Raten nicht mehr zahlen können, dann bleibt naturgemäß wenig Spielraum für Neuwagen aus Deutschland.

Während sich zur Stunde jedoch die meisten asiatischen Länder aus der Talsohle wieder emporarbeiten und mit neuen Ideen und attraktiven Angeboten Investoren anlocken, engen die Kontinentaleuropäer mit verharzten Strukturen ihre Möglichkeiten selbst ein. Risikobereite Investoren und innovative Geister wandern in andere Weltgegenden aus.

»Globale Wettbewerbsfähigkeit 1999« nennt das Genfer World Economic Forum seinen Jahresbericht über 59 Industriestaaten. Deutschland liegt - dies sei gleich vorausgeschickt- auf Platz 25. Die ersten sechs Ränge belegen Nicht-EU-Staaten (Hongkong wird wegen seiner wirtschaftlichen Selbständigkeit von den Genfer Forschern noch wie ein Staat gewertet): Singapur, die USA, Hongkong, Taiwan, Kanada und die Schweiz. Erst ab Platz 7 folgen die EU-Länder Luxemburg, Großbritannien, Niederlande, Irland und Finnland. Die Ränge 12 bis 15 belegen wieder Nicht-EU-Staaten: Australien, Neuseeland, Japan und Norwegen.

Gegenstand der Schweizer Untersuchung war die Wettbewerbsfähigkeit der Industrieländer auf dem Weltmarkt. In einer OECD-Studie waren zuvor die hauptsächlichen Gründe für die stärkere Dynamik der amerikanischen Wirtschaft - im Vergleich zur kontinentaleuropäischen - klar beim Namen genannt worden: niedrigere Steuern, weniger Bürokratie (Deregulierung), größere Risiko- und Innovationsbereitschaft der Unternehmer, flexiblerer Arbeitsmarkt und flexiblerer Kapitalmarkt (der vor allem die Neugründung von Unternehmen und die Finanzierung arbeitsplatzschaffender mittelständischer Betriebe erleichtert).

Blicken wir auf die Steuern. »Flat Tax« heißt das Zauberwort in Amerika, hinter dem ein richtungsweisendes Konzept steckt: die Abschaffung der Steuerprogression. Leistung muß sich lohnen. Höhere Leistung darf nicht durch höhere Steuersätze bestraft werden. Das ist die klare Botschaft, die mit der Amtseinführung des nächsten Präsidenten der voraussichtlich George Bush Junior heißen wird Anfang 2001 zur Linie der neuen Regierung in Washington werden kann. Die Republikaner rechnen fest damit, daß ihr Kandidat - getragen von der unverändert starken konservativen Grundströmung in den USA - die Nachfolge von Bill Clinton antreten wird. Seit Ronald Reagans Steuersenkungsprogramm entwickelt sich die Wirtschaft einschließlich des Arbeitsmarktes - so hervorragend, daß die Staatseinnahmen derzeit deutlich höher sind als die Ausgaben. Das schafft Spielraum für weitere Steuersenkungen. Und für zukunftsweisende neue Ideen. Eine der interessantesten Überlegungen im Lager der Republikaner lautet, die direkten Steuern ganz abzuschaffen und die Aufgaben des Staates - der im übrigen durch Entbürokratisierung noch schlanker gemacht werden kann - nur über indirekte Steuern und leistungsbezogene Gebühren zu finanzieren.

Ist das machbar? Ja. In Deutschland liegt das Haupthindernis freilich im mentalen Bereich - im oft negativen Bild, das die Massenmedien von der freien Wirtschaft und den Unternehmern zeichnen - und im Widerstand der Gewerkschaftsfunktionäre. In einer solchen Atmosphäre wollen junge Menschen ungern Unternehmer werden. Deutsche wirken deshalb manchmal wie »geborene Rentner« (Andre Kostolany). Wenn trotz notwendiger Steuererleichterungen für die Wirtschaft lärmend die Wiedereinführung der Vermögensteuer diskutiert wird, so zeigt dies, wie stark immer noch Neid-Emotionen einer rationalen Steuerpolitik im Wege stehen. Es wird wohl gute Gründe haben, warum die Genfer Wirtschaftsforscher Deutschland weit abgeschlagen auf Platz 25 der Weltrangliste setzen.

Amerika, das unter den Flächenstaaten den ersten Rang einnimmt (nur der Stadtstaat Singapur wird von den Schweizer Wirtschaftswissenschaftlern höher eingestuft), kennt derartige Seelenblähungs-Hürden im allgemeinen nicht. Neid als Politik ist Sozialismus - doch das ist eine für Amerikaner fremde Welt. Der Witzbold Groucho Marx steht ihnen näher als Karl Marx. Der Neid - ein menschlicher Urtrieb - kann offenbar sublimiert (in der Zielrichtung verändert und gezähmt) werden. Er wirkt dann nicht mehr zerstörerisch wie in Deutschland, sondern als Ansporn zur Mehrleistung. Im calvinistischen Denken, das in den USA weit verbreitet ist, gilt der Erfolg als Indiz für ein gottgefälliges Leben. Man strengt sich deshalb an, um durch Leistung und eigenen Erfolg Ähnliches zu erreichen wie die Beneideten.

Niedrige Steuern sind dafür ein gewaltiger Anreiz. Der Tax Reform Act von 1986 senkte den Spitzensatz bei der Einkommensteuer von 50 auf 28 Prozent und die Körperschaftsteuervon 46 auf 34 Prozent. Durch die Steuerentlastung wurde die amerikanische Wirtschaft belebt, die Einkommen stiegen, die Anreize für legale und illegale Steuerverkürzungen schwanden - und im Endeffekt hatte der Staat mehr in der Kasse als vorher. Vor allem aber: Die Massenarbeitslosigkeit, dieser gefährliche politische Sprengstoff, ist nur noch Erinnerung.

Die Alexis de Tocqueville Institution hat weltweit 258 Steuersysteme untersucht und die wachstumsfördernde Wirkung von Steuersenkungen nachgewiesen. Als Faustformel läßt sich festhalten, daß das Wirtschaftswachstum in Ländern mit niedrigen Steuern durchschnittlich doppelt so hoch ist wie in Hochsteuerstaaten. Daß die amerikanische Notenbank am 28.7.1999 (Redaktionsschluß dieser Ausgabe) vor allzu raschen weiteren Steuersenkungen warnte, weil es sonst zu einer »Überhitzung der Konjunktur« komme, spricht Bände. Diese Meldung bestätigt eindrucksvoll den Ankurbelungseffekt niedriger Steuern. Und sie läßt uns seufzen; Solche Sorgen sollte Deutschland haben!

Die von der rot-grünen Regierung auf den Weg gebrachten Reformgesetze verdienen ihren Namen nicht. In den verschiedenen Jahresstufen gibt es zum Teil leichte Entlastungen (die von der Öko-Steuer wieder aufgefressen werden), aber der Saldo ist negativ: »Be- und Entlastungen aus beiden Reformpaketen saldieren sich allein bis 2002 zu einer Mehrbelastung der Betriebe von über 11 Milliarden D-Mark« (iwd, 22.7.1999). Im Klartext: Die Arbeitslosenzahlen werden nicht - wie in den USA seit Reagans Steuerentlastungsgesetz - sinken, sondern bis 2002 steigen. Und je höher sie klettern, um so heftiger wird Schröders Stuhl wackeln.

Dabei wären große Steuererleichterungen auch in Deutschland seriös finanzierbar, wie der Präsident des Bundes der Steuerzahler, Karl Heinz Däke, in seiner Stellungnahme in dieser Ausgabe mit konkreten Zahlen ausführt: Kurzfristig könnten Bund, Länder und Gemeinden 45 Milliarden Mark im Jahr einsparen und dieses Geld an die Bürger weitergeben. Langfristig wären nach einer Untersuchung des Karl-Bräuer-Instituts (auf die wir in EPOCHE 142 eingehen werden) sogar jährliche Einsparungen bis zu 140 Milliarden Mark möglich. Die Abschaffung sämtlicher leistungsfeindlicher Ertragsteuern in Deutschland ließe sich damit finanzieren: denn die Einkommensteuer - die als erste gestrichen werden sollte - spült dem Staat derzeit ohnehin nur 12 Milliarden Mark in die Kasse.

Leistungsfeindlich ist auch jede Mehrfachbelastung. Die Besteuerung von Zinserträgen eines - aus bereits versteuertem Geld gebildeten - Vermögens ist ungerechtfertigtes doppeltes Schröpfen. Ebenso abzulehnen sind Kapitalverkehrsteuern, Erbschaftsteuern und Schenkungssteuern, wenn die Werte, die auf andere Personen oder Firmen übertragen werden, in der Vergangenheit ohnehin bereits einer Besteuerung unterlagen. Die Raffgier des Staates erschwert vor allem den Generationenwechsel in mittelständischen Betrieben enorm. Die Folge ist, daß viele Firmen dichtmachen, wenn ältere Inhaber keine Nachfolger finden. Dadurch gibt es noch mehr Arbeitslose, die den Staat finanziell belasten. Nur wenigen fällt auf, wie kontraproduktiv das Steuersystem wirkt und auf welche Weise unzulängliche Gesetze den Zustand überhaupt erst herbeiführen, den Politiker hinterher beklagen.

Der Teufelskreis kann durchbrochen werden: durch Abbau aller Belastungen, die eine Schwächung wirtschaftlicher Leistung mit sich bringen. Inder amerikanischen Diskussion ist von einer Expenditure Tax die Rede, die an die Stelle der Einkommensteuer treten könnte. Nach dieser bemerkenswerten Idee soll nicht mehr das Einnehmen, sondern nur noch das Ausgeben von Geld besteuert werden. Mit einer solchen Konsumsteuer wird, so die Idee, der individuelle Verbrauch besteuert - unabhängig davon, woher die Finanzierung stammt.

Dieses Konzept gibt der Freiheit Vorrang. Es entfesselt die wirtschaftlichen Kraftreserven, die zum Teil wegen leistungstötender Steuerregelungen derzeit brachliegen. Es entfaltet Dynamik und Kreativität. Der Staat, der als erster eine solche Innovation seines Steuersystems verwirklicht, erhält bald den Preis für seinen Mut: die Genfer Forscher werden ihn nach wenigen Jahren auf Platz eins der Weltrangliste schieben.

Nach dem Motto »Markt statt Steuern« lassen sich viele Leistungen, die der Staat heute erbringt, entweder privatisieren oder zu kostendeckenden Gebühren abrechnen - wobei für gering Verdienende selbstverständlich auch Leistungen zu niedrigeren Preisen oder zum Null-Tarif anzubieten sind. Der Staat muß seine traditionelle Ausgleichsfunktion zugunsten derer, die sich nicht selbst helfen können, auch künftig erfüllen. Dazu gehört die Aufrechterhaltung niedriger Mehrwertsteuersätze für den Grundbedarf jedes Menschen. Doch das sind die Ausnahmen.

Die Regel müßte sein, daß die direkten Steuern reduziert und schließlich ganz abgeschafft werden. Die innere und äußere Sicherheit - und andere notwendige Hoheitsaufgaben - kann der Staat aus indirekten Steuern (einschließlich der am Konsum orientierten Expenditure Tax) finanzieren. Und überall dort, wo es machbar ist, kann das »Nutznießerprinzip« eingeführt werden, das heißt: die jeweiligen Nutznießer einer Leistung sollen - möglichst kostendeckende - Gebühren hierfür entrichten. Bei sozial begründeten Ausnahmen von dieser Regel ist lediglich darauf zu achten, daß keiner leistungsfeindlichen Vollkasko-Mentalität der Boden bereitet wird. Aus dem Null-Tarif wird sonst Null-Bock-Denken - eine massenmedial geförderte Mischung aus Technikfeindlichkeit und Wirtschaftsfeindlichkeit -, die der modernen Industriegesellschaft den notwendigen Elan nimmt.

An der Jahrtausendschwelle richten wir den Blick nach vorn und skizzieren eine neue Welt der Wirtschaft im Telegrammstil: Markt statt Steuern Gebührenstaat statt Steuerstaat - Schlanker Staat mit Kostentransparenz statt unfinanzierbarer Wohlfahrtsbürokratie - Mehr Arbeitsplätze durch Deregulierung - Entfesselung der kreativen Kräfte des Volkes - Innovation statt veralteter Steuergesetze, die wie Bremsklötze wirken - Gesamtüberschrift: Freiheit statt Gleichheit.

Das sind die Konturen der Zukunft.


Es nützt nichts...

...die Schulen zu reformieren.
Man müßte die Lehrer reformieren.

...die Verwaltung zu reformieren.
Man müßte die Beamten reformieren.

...die Parteien zu reformieren.
Man müßte die Politiker reformieren.

...die Demokratie zu reformieren.
Man müßte die Staatsbürger reformieren.

Es nützt nichts, die Welt verändern zu wollen.
Man kann den Menschen
nicht ändern.

Hans Weigel


Konsequenzen des Schuldkults

Lord Weidenfeld, den Thomas Kielinger in dieser Ausgabe zitiert, betrachtet Deutschland aus der Distanz eines jüdischen Engländers, der über reiche Erfahrung und Altersweisheit verfügt. Weidenfeld ist ein scharfsinniger Beobachter und Analytiker.

Ihm fiel auf, daß die antideutschen Haßgesänge der Sunday Times (siehe Seite 10) in einem bemerkenswerten Zusammenhang mit dem deutschen Schuldkult stehen könnten. Die Sunday Tirnes gehört zum Medien-Imperium von Rupert Murdoch, der ins deutsche Presse- und Fernsehgeschäft eingestiegen ist und seine Position auf dem deutschen Markt weiter ausbaut, denn »er will mehr: größere, wichtigere Sender, zu welchem Zweck er seine Partner rastlos sucht und wechselt«.

Lord Weidenfeld stellte dies in der Welt vom 16.7.1999 fest; und er fügte hinzu, daß deutsche Sonderwege - der Schuldkomplex, die Scham und die Selbstanklagen der Deutschen nämlich - von Rupert Murdoch bewußt in sein Kalkül eingebracht werden könnten: »(...) wenn er spürt, daß seine Interessen bedroht sind, handelt er sofort. Ein Wort aus Malaysia oder China, wo er ebenfalls seine Interessen ausbauen möchte, und er wechselt das Programm, die Unternehmenslinie und das Personal. Weshalb also können seine Blätter Deutschland und die Deutschen dermaßen ungestraft attackieren? Könnte es sein, daß er sie geprüft und als einen verletzlichen, selbstanklägerischen Haufen eingestuft hat, der jede Beleidigung in stiller Scham erduldet und auch noch die andere Wange hinhält?« Fazit: Der Schuldkult schadet den Deutschen.


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