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Epoche Nr. 140

MIT UMWELTFORUM
EPOCHE UND UMWELT

Ideenmagazin und "Argumente- und Informationsmagazin für Meinungsführer und Multiplikatoren" nannte Manfred Wörner (NATO-Generalsekretär 1988-94) die EPOCHE - Ideen von heute sind Taten von morgen

140/QII/1999/23. Jahrgang

Political Correctness (»PC«): Fernsteuerung von Politikern durch die Bewußtseinsindustrie - Wie mit Hilfe der Massenmedien versucht wird, die Freiheit des Geistes einzugrenzen, Themen zu tabuisieren und Sprachregelungen durchzusetzen - Der jakobinische Tugendterror in neuem Gewand - Selten klafften öffentliche und veröffentlichte Meinung so weit auseinander - Die Maulkörbe des elektronischen Zeitalters - Und dennoch gilt das Wort Juvenals, daß es manchmal schwer ist, keine Satire zu schreiben: »Kleiner PC-Ratgeber«

Gerard Radnitzky
Gerard Radnitzky

Nadel, grün

Tabus der Deutschen: Rede-, Denk- und Frageverbote

von Gerard Radnitzky

Die Bezeichnung Political Correctness (»PC«) dient seit längerer Zeit in den USA als Sammelbegriff für Eigenschaften, die soziale Handlungen, insbesondere Meinungsäußerungen haben müssen, um nicht Sanktionen auszulösen (von der Ächtung bis zur Amtsenthebung). Die Kriterien für »PC« variieren von Land zu Land und verschiedene Völker sind unterschiedlich anfällig. Je größere Bedeutung der »PC« zukommt, je mehr Rede- und Frageverbote es gibt, desto mehr totalitäre Züge trägt die betreffende Gesellschaft (»totalitär« im Sinne von sozialem Konformitätsdruck - seltener als direkter staatlicher Zwang oder als Verbindung von beidem). Die »PC« wird jeweils durch die Medienschaffenden definiert. Zur Zeit dominieren dort jene 68er, die ihren langen Marsch durch die Institutionen geschafft haben. Die »PC« wird von »PC«-WächterInnen überwacht - NachfolgerInnen des jakobinischen Tugendterrors; manchmal sind sie auch beamtet (zum Beispiel als Ausländerbeauftragte oder Frauenbeauftragte).

»PC« tabuisiert bestimmte Meinungen, Themen und sogar Fragen. Ich schlage vor, den Ausdruck Tabu neutral zu verwenden. Ein Tabu ist ein Verbot bestimmter Handlungen. Vom Wertstandpunkt der freien Gesellschaft aus gesehen, gibt es »gute« und »böse« Tabus, je nachdem, ob sie für den Erhalt der freien Ordnung nützlich oder schädlich sind. Das polynesische Wort bezeichnet ein Verbot, das instinktiv befolgt wird, ohne daß Gründe angegeben werden. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wird es metaphorisch verwendet - und es stellte sich heraus, daß Tabu eine universelle Institution ist.

In westlichen Gesellschaften werden für Tabus jedoch Gründe angegeben. Anhand der Gründe können wir entscheiden, ob ein Tabu in diesem Sinne »gut« oder »böse« ist. So spricht Friedrich August von Hayek von den Tabus Eigentum und Vertrag. Es handelt sich um Tabus, die bestimmte Handlungen wie Diebstahl oder Vertragsbruch kategorisch verbieten. Alles spricht dafür, daß eine Gesellschaft Wohlstand und Freiheit verliert, wenn der Respekt für Eigentum, für den Grundsatz »pacta sunt servanda« und die Wahrheit verschwindet. Für diese Verbote können gute Gründe angegeben werden. Werden sie nicht mehr respektiert, dann geht die Freiheit langsam, aber sicher verloren. Wer die freie Gesellschaft will, kann diese Tabus daher nicht ohne Selbstwiderspruch verwerfen. Es gibt aber auch eine ganz andere, negative Sorte von Tabus. Die Argumente, die für sie vorgebracht werden, sind Scheinargumente. Es handelt sich in Wahrheit um Frage- und Redeverbote. Sie sollen selbständiges Denken verhindern - sie dogmatisieren und sie ebnen den Weg zu geistiger Unfreiheit.

In Deutschland werden die Tabus Eigentum und Vertrag seit langem ausgehöhlt - und das Bundesverfassungsgericht, das sie verteidigen sollte, hat dabei selbst mitgewirkt. Andererseits gibt es zahlreiche Frageverbote. Wohlfahrtsstaat und soziale Sicherheit gehören zu den Begriffen, die weitgehend tabuisiert sind. Sie einer kritischen Analyse zu unterziehen, verstößt gegen die »PC«. Die Tabu-Menge mag ungefähr konstant sein, ihr Inhalt aber ändert sich mit dem Zeitgeist. Die Frankfurter Schule ist als Tabubrecher angetreten und hat eine Unmenge neuer Tabus eingeführt. Ihr Zerstörungspotential war besonders eindrucksvoll im universitären Bereich. Wie hysterisch bestimmte Tabus verteidigt werden, zeigt exemplarisch die Asyldebatte.

Die Neurose und Hysterie, die »PC« in Deutschland seit den sechziger Jahren hervorruft, ist das Werk von Medienschaffenden. Als »Zeitgeistverstärker« bestimmen sie die veröffentlichte Meinung, und auf diese Weise hat die »PC « die gesamte sogenannte politische Kultur infiziert. Personen des öffentlichen Lebens müssen, wollen sie Erfolg haben, mindestens so tun, als ob sie sich den Regeln der »PC« unterwerfen würden. Tut ein Politiker das nicht, dann werden die Medienmächtigen dafür sorgen, daß seine politische Karriere bald ein Ende findet. Der Fall Heitmann war ein klassisches Beispiel. Der damals amtierende Bundespräsident Richard von Weizsäcker sprach hingegen reines »PC-Deutsch« und verhielt sich damit medienkonform. Der Lohn: Kein Vertreter der vorherrschenden Richtung in den Massenmedien griff ihn an.

Trotz allem: Die Masse der Bevölkerung wird in ihrem Denken von der Agitation der Medienmacher wenig beeinflußt. Man ist »politisch korrekt« - aber nur an der Oberfläche. Ein Beispiel kann das beleuchten. Die Medien haben bestimmt: »Die Deutschen sind ausländerfeindlich.« Das Institut für Demoskopie Allensbach hat diese Behauptung widerlegt. Es hat festgestellt, daß - ganz im Gegenteil - die Deutschen im Durchschnitt ausländerfreundlicher sind als die Nachbarnationen. Die Medienschaffenden haben sich dadurch nicht beirren lassen (»Pech für die Tatsachen«, meinen sie wohl). Sie machen ihrem Namen Ehre, denn sie »erschaffen« eine irreale Welt, die der »politisch Korrekte« in sein Selbstverständnis einzubauen hat. Zumindest wenn er in der Öffentlichkeit auftritt, muß er so tun als ob. So wurde »Ausländerfeindlichkeit« eines der vielen Tabus. Ihre Existenz zu bezweifeln oder gar zu leugnen, setzt den »Leugner« reflexartig dem Verdacht aus, »ausländerfeindlich« zu sein.

Die Wächter der »PC« verachten Wahrheit und empirische Überprüfung. Sie scheuen nicht nur rationale Diskussion und kritische Prüfung von Behauptungen, sondern versuchen, diese zu verhindern. Denn sie allein sind es, die bestimmen, was als wahr zu gelten hat. Die Offenheit der Gesellschaft und die Freiheit des Geistes sind dadurch in Gefahr.

Nicht einmal wissenschaftliche Fragen können in diesem geistigen Klima unbehindert diskutiert werden. Forscher tun gut daran, »PC«-heikle Themen zu vermeiden, besonders in »weichen« Fächern wie Historiographie, Politologie oder Anthropologie. Manchmal sind sogar ganze akademische Fächer gefährdet. Der Fall der Bevölkerungswissenschaftlerin Charlotte Höhn kann das exemplifizieren. Linksjournalisten hatten ihre Randbemerkungen zum Thema Gruppendifferenzen in Standard-Intelligenzleistungen als »rassistisch« diffamiert. Die »PC«-Inquisition kam auf Touren, ein faktisches Berufsverbot und Beschimpfungen folgten. Daß Intelligenz und andere Begabungen - analog zu körperlichen Merkmalen - auch genetisch bedingt sind, daran zweifelt kein vernünftiger Mensch. Aber es ist nicht erlaubt, es zu sagen - außer in kleinstem Kreis oder in lateinischen Vokabeln.

In Amerika wird wenigstens geforscht. Charlotte Höhn stützte sich auf das mittlerweile berühmt gewordene Buch The Bell Curve. Es beweist auf rund 900 Seiten minutiös, daß bezüglich der Leistungsfähigkeit - gemessen mit IQ-Verfahren - Ostasiaten im Durchschnitt am besten abschneiden, dann Weiße und mit Abstand schwächer die Schwarzen (in »PC«-Sprache: Afro-Amerikaner). Daraus lassen sich bekanntlich keine Schlüsse bezüglich »aller« oder einzelner Menschen ableiten, wohl aber statistische Aussagen.

Die Amerikaner sind heute dabei, solche Tabus zu überwinden. Außerhalb der Universitäten und der Bürokratie wird die »PC« kaum mehr ernstgenommen. James Garners Politically Correct Bedtime Stories (in »PC«-Sprache übersetzte Kindermärchen) wurden zum Bestseller. In den deutschen Medien wird diese Entwicklung ignoriert. Es wurde bisher verschwiegen, daß The Bell Curve mittlerweile ein Bestseller unter den wissenschaftlichen Büchern geworden ist, daß sogar die New York Times in ihrer Book Review dem Werk die Titelseite und zusätzliche drei Seiten gewidmet hat (ein Rekord für dieses linksliberale Blatt) und daß es, von Schmutzwerf-Kampagnen marxoider Egalitaristen abgesehen, landesweit seriös diskutiert wird. In Deutschland allerdings ist das Tabu noch intakt - wie der Fall Höhn zeigt.

Die vernünftigste Verwendung des Begriffs »Rassismus« könnte wie folgt aussehen: Rassist ist, wer bestimmte Personen begünstigt oder benachteiligt - einzig und allein deswegen, weil sie einer bestimmten ethnischen, religiösen oder nationalen Gruppe angehören. Quoten für Frauen sind dabei genauso »rassistisch« wie Quoten für Farbige, Zigeuner, Rothaarige. Wenn es rein marktwirtschaftlich zugeht, gibt es kein »Rassismus-Problem«. Ein Arbeitgeber, der einen schlechter qualifizierten Bewerber (das Wort ist hier geschlechtsneutral) anstelle eines besser qualifizierten einstellt, nur weil der erstere einer bestimmten ethnischen, religiösen oder sonstigen Gruppe angehört, handelt legitim (frei über sein Eigentum verfügend), aber er schadet sich selbst. Seine Handlung zieht Kosten nach sich und schwächt ihn gegenüber der Konkurrenz. Jedes Quotensystem ist wirtschaftlich schädlich, freiheitsfeindlich und einfältig. Eine rationale Diskussion des Quotensystems ist jedoch bei uns weitgehend tabuisiert.

In Deutschland wollen die Medienschaffenden ihre kulturelle Hegemonie verteidigen. Ganz besonders jetzt, wo diese Hegemonie ins Wanken geraten könnte. Nur wenige Printmedien wagen es heute schon, gegen den Strom der »PC« zu schwimmen - wie die Neue Zürcher Zeitung, manchmal die Frankfurter Allgemeine Zeitung (Feuilleton ausgenommen) sowie Criticon und EPOCHE. Bei der Art und Weise, wie wir heute Demokratie betreiben, unterdrückt eine Koalition von Minderheiten die Mehrheit; noch ausgeprägter manipuliert eine Minderheit linker Intellektueller mittels der Medien die Mehrheit der Bevölkerung. Nie klafften veröffentlichte und öffentliche Meinung so weit auseinander, nie waren die Medienmacher so weit von ihrem Publikum entfernt, das - im Falle der öffentlich-rechtlichen Anstalten - sie für ihre Dienste auch noch zwangsweise bezahlen muß.

In einer solchen Atmosphäre ist es schwer, keine Satire zu schreiben (um einem Wort des römischen Dichters Juvenal zu folgen). Wenden wir uns also der Idee einer »Political-Correctness-Gebrauchsanweisung« zu: Kürzlich soll ein Ratgeber für Redner herausgekommen sein. In Analogie zu Machiavellis Il Principe soll er Il Oratore heißen. Dem Vernehmen nach soll er Richard von Weizsäcker und seinem Spät-Nachfolger Johannes Rau gewidmet sein. Er soll für Redner, insbesondere Spitzenpolitiker und solche, die es werden wollen, Anweisungen geben, wie man sich der »lingua politica correcta« bedient. Er soll unter anderem folgende Empfehlungen enthalten:

Hinweise auf die Kollektivschuld der Deutschen für ewig können nicht schaden. Geben Sie zu verstehen, daß »die Deutschen« an sich gefährlich sind, so daß nur eine »europäische Identität« ihnen Existenzberechtigung verleihen kann. (Die Aufgabe der D-Mark ist dabei ein »winziges Opfer«, denn der Euro »wird mindestens so stabil sein«). Zeigen Sie deutliche Symptome der Selbst-Hysterisierung! Das stärkt das Wir-Gefühl zwischen Redner und Publikum. Warnen Sie vor »Fremdenhaß« und »Ausländerfeindlichkeit«. Schlagen Sie vor, die Veröffentlichung von Daten über Ausländerkriminalität unter Strafandrohung zu stellen.

Fordern Sie einen permanenten Abschiebestopp für abgelehnte kurdische Asylbewerber. Verwenden Sie selbst widersprüchliche Ausdrücke wie »ausländische Mitbürger« oder - noch besser - »ausländische Inländer«. Das gibt dem Zuhörer Vertrauen, denn er weiß: Wer so spricht, der denkt auch so. Zeigen Sie Mitgefühl mit Kleinkriminellen und fordern sie die » Entkriminalisierung von Ladendiebstahl« (in dem Sie einen Hauch von liebenswertem Freibeutersozialismus zu erkennen vermögen). Warnen Sie vor »übertriebenem« Respekt für Eigentum (wie der Sprecher des Mieterbundes es getan hat). Vermeiden Sie den Ausdruck »Nationalsozialismus« (er hat unwillkommene Assoziationen zu »Sozialismus«, der »als Idee« ja angeblich gut ist); sprechen Sie besser von »Faschismus« und von der »Gefahr von rechts« (selbst dann, wenn sie von links kommt). Betonen Sie stets, daß Sie ein engagierter »Antifaschist« sind. »Undemokratisch« ist ebenfalls eine effektive rhetorische Keule, besonders als Leerformel. Verwenden Sie Tarnwörter wie »Solidarbeitrag« für eine Zwangssteuer (obwohl Solidarität ex definitionem freiwillig ist) oder »Generationenvertrag« - obwohl die vermeintlichen Vertragspartner unbekannte Ungeborene sind.

Üben Sie die ritualisierten Betroffenheitsrepertoires! Sich »betroffen« zeigen ist politisch korrekt - bei jeder Gelegenheit. Beklagen Sie das »Waldsterben«; spenden Sie für Greenpeace. Setzen Sie sich für Tempolimit ein, für Quotenregelungen und »mehr Solidarität« mit Minderheiten aller Art - libertäre Nicht-PC-Menschen (wie den Verfasser dieses Essays) selbstverständlich ausgenommen.

Ist der Anlaß feierlich, dann greifen Sie zu weihevollen Floskeln, die das Geistige beschwören: »mitverantwortliche Mitmenschlichkeit«; ein »Quantum von Geschwisterlichkeit« (»PC«-Weiterentwicklung von christlicher Brüderlichkeit); »das brauchen gerade wir als Deutsche«. Lernen Sie Weizsäcker-Deutsch oder das eng verwandte Rau-Deutsch! Klaus Rainer Röhls Deutsches Phrasen-Lexikon ist dabei eine unschätzbare Hilfe. Wenn es Ihnen gelingt, zu zeigen, daß Sie kein Rückgrat haben und die »PC«-Neusprache perfekt beherrschen, dann haben Sie den wichtigsten Eignungstest für das Amt des Berufspolitikers bestanden. Ihrer Karriere steht nichts mehr im Wege. Mit etwas Glück können Sie es zum Showmaster oder Bundeskanzler (oder einer Mischung aus beidem) bringen.


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