![]() |
MIT UMWELTFORUM |
|
Sieben Thesen - Neue Methode zur Ergründung geistiger Einstellungen in früheren Geschichtsepochen - Der Wandel im politischen Denken der Deutschen - Erforschung des Meinungsspektrums jener Zeiten, in denen noch keine Demoskopen durch Umfragen empirisches Material zusammentrugen - Haben die Deutschen einen Nationalcharakter, der sie gegenüber anderen Völkern weniger weltoffen erscheinen läßt? |
![]() Michael Wolffsohn |
Geboren 1947 in Tel-Aviv ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München. Er leistete seinen Wehrdienst in Israel und lebt seit 1954 in Deutschland |
Die selbstbewußten Deutschen - kein Volk von Untertanen |
|
von Michael Wolffsohn und Thomas Brechenmacher Eine Art Volkssport sind Aussagen über den vermeintlichen Volkscharakter »der Deutschen«. Wer erinnerte sich nicht an den Als-Ob-Wissenschaftler Goldhagen, der »den Deutschen« bis 1945 einen geradezu biologisch bedingten Hang zum Judenmord unterstellte? Und wenn man Heinrich Manns Roman Der Untertan wörtlich versteht, muß man den deutschen Michel für einen obrigkeitsbesessenen Deppen halten. Meistens erfüllen und erfüllten jene Bilder (eher Klischees) über »die Deutschen« einen tagespolitischen oder zumindest volkspädagogischen Zweck. Das gilt auch für die Gegenwart. Bilder und Aussagen über »die Deutschen« sind oft polemisch, verzerrend und karikierend oder oberflächlich jubilierend. Selten fußen sie auf harten Tatsachen, die zum Beispiel die Deutschen der - nun genau fünfzigjährigen Bundesrepublik von ihren Vorfahren im 19. und 20. Jahrhundert abgrenzen. Kein Wunder, denn Messungen der öffentlichen Meinung »der Deutschen«, also Umfragen (Demoskopie) gibt es ebenfalls erst seit rund 50 Jahren. Öffentliche Meinung konnte für umfragelose Zeiten bislang nicht ermittelt werden. In der Regel stützte man sich entweder auf die Auswertung der veröffentlichten Meinung oder auf die schöngeistige Literatur. Beides ist falsch und irreführend. Weiterführend und auf Fakten gestützt ist hingegen ein neuer Ansatz, den wir in unserem Buch Die Deutschen (München, Diana Verlag, Frühjahr 1999) entwickelt haben. Vornamen eignen sich als vortrefflicher Indikator der öffentlichen Meinung in vordemoskopischer Zeit. Mehr als zwei Millionen Vornamen haben wir für die Zeit von 1785 bis 1990 ausgewertet und für die letzten Jahrzehnte auch mit Umfragen verglichen. Auf dieser empirischen, sozusagen wasserdichten Grundlage seien Thesen über die Deutschen auf- und vorgestellt. These 1: Die Deutschen waren weit weniger, als unterstellt wird, »obrigkeitsinfiziert«, also untertänig. Identifiziert haben sich die meisten Deutschen, nämlich 80 bis 90 Prozent, bis weit ins 20. Jahrhundert mit Tradition und Religion. Anders als sonst behauptet gilt: Trotz der dramatischen Um- und Einbrüche blieb dieses Muster im gesamten 19. Jahrhundert ungebrochen. Der Dammbruch erfolgte im Ersten Weltkrieg. Seitdem ist ein beständiger Rückgang der Hinwendung zu Tradition und Religion erkennbar. Erst seit Anfang der achtziger Jahre unseres Jahrhunderts stabilisiert sich der Traditions- und Religionsbezug allerdings auf dem niedrigen Niveau von rund zehn Prozent. These 2: Lange bevor Franz Josef Strauß die Bayern zu den besten und letzten Preußen erklärte, waren Deutschlands Südstaatler »prussifiziert«. Das beweist die unerwartet große Beliebtheit von Vornamen wie zum Beispiel Wilhelm oder Friedrich oder Fritz seit dem Sieg Preußens über Bayern und Österreich (1866) und noch mehr seit der Reichsgründung von 1871. Für preußische Hohenzollernnamen entschieden sich die Bayern genau so oft wie für ihre Wittelsbacher. Schleunigst vergesse man also alle Weisheiten und Witze über die bayerisch-preußische Abneigung! Selbst der angeblich so verhaßte Otto (von Bismarck) erreichte unglaublich hohe Beliebtheit. Wie kaum ein anderer Einzelname war Otto seit 1866 - und noch mehr seit 1871 - bei den Bayern populär. These 3: Je gebildeter der »deutsche Michel« war, desto anfälliger wurde er dem jeweiligen Zeitgeist gegenüber. Die Schulweisheit behauptet, daß mehr Bildung gegen Opportunismus immun mache. Das ist eher ein aufklärerisch frommer Wunsch als Wirklichkeit. These 4: Die Bürger der Bundesrepublik Deutschland waren von Anfang an mündige Bürger. Höchst selten findet man politisch ideologisch oder obrigkeitlich motivierte Vornamen. In der ganzen bundesdeutschen Geschichte betrug ihr Anteil regelmäßig weniger als ein Prozent. Nicht anders war es bei den Bürgern der DDR. In Ost und West war dem nach der Anteil der »Untertanen« seit 1945 verschwindend gering. Das war im 19. Jahrhundert anders und im »Dritten Reich« ganz anders. Im 19. Jahrhundert hatten sich zwischen 10 und 20 Prozent der Deutschen für die Vornamen ihrer jeweils regierenden Obrigkeit entschieden. Bis zum Ersten Weltkrieg änderte sich daran wenig. War jener deutsche Michel also ein obrigkeitssüchtiger »Untertan«? Nein, denn er orientierte sich, wie wir zeigten, weit eher an Tradition und Religion. Und bereits vor dem Ersten Weltkrieg war der Anteil von einst rund 20 auf sechs bis sieben Prozent gesunken. These 5: Von der den Deutschen der Weimarer Republik oft unterstellten Nostalgie gegenüber der Monarchie kann kaum die Rede sein. Fortlaufend ging der Anteil monarchischer Namen zurück. In der Hitlerzeit wurde diese Entwicklung beschleunigt. These 6: Mit dem Nationalsozialismus identifizierten sich die Deutschen weit weniger als oft behauptet. Auf dem Gipfelpunkt, im Jahre 1940, waren es 52 Prozent. Genau so viele Deutsche hatten bei den letzten halbfreien Wahlen vom März 1933 für Nationalsozialisten und Deutschnationale gestimmt. Ab 1942/43 distanzierten sich die Deutschen schnell und heftig vom Nationalsozialismus. Im Westen entschied sich schon 1950 nicht einmal ein Prozent für die Namen, die noch 1940 etwa 52 Prozent gewählt hatten. In der DDR wählten 1960 knapp 40 Prozent diese Vornamen und 1990 immer noch rund zehn Prozent. Das bedeutet: Die eigentliche »Stunde Null« des neuen und demokratischen Deutschland ist nicht das Jahr 1945, sondern die Wende von Stalingrad. Ohne Umerziehung von außen vollzogen die Deutschen (im Westen mehr als im Osten) in ihrem Inneren ab 1942/43 eine Abwendung vom Nationalsozialismus - dem höchstens die Hälfte des Volkes verfallen war. These 7: Bis in die sechziger Jahre unseres Jahrhunderts gaben sich die Deutschen dem Ausland gegenüber distanziert. Kaum mehr als zehn Prozent aller Vornamen waren ausländischer Herkunft. Dann öffneten »die Deutschen« ihre Köpfe und Herzen explosionsartig. Heute erhält jedes dritte Kind einen ausländischen Vornamen. Besonders beliebt sind hebräisch-jüdische. Das heißt: Unsere Bundesrepublik Deutschland hat die weltoffenste Gesellschaft, die man sich denken kann. Diese Thesen gehören zum Realbild über die Deutschen. Die alten Zerrbilder können wir getrost in die Mottenkiste werfen. |