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Epoche Nr. 139

MIT UMWELTFORUM
EPOCHE UND UMWELT

Ideenmagazin und "Argumente- und Informationsmagazin für Meinungsführer und Multiplikatoren" nannte Manfred Wörner (NATO-Generalsekretär 1988-94) die EPOCHE - Ideen von heute sind Taten von morgen

139/QI/1999/23. Jahrgang

Marxismus: eine gescheiterte Ersatzreligion des 19. Jahrhunderts - Die rasch verflogene Faszination einer diesseitigen Heilslehre - Erst im 20. Jahrhundert wurde die Transzendenz wiederentdeckt - Die großen Bewegungen des Geistes

Otto von Habsburg
Otto von Habsburg

Nadel, grün

Die großen Wellen der Geschichte

von Otto von Habsburg

Die Menschen haben zutiefst zwei Hauptwünsche: Glück und Unsterblichkeit. Die großen Bewegungen des Geistes, wie die Religionsgründungen, geben Antwort auf diese letzten Emotionen. Damit hängt der Begriff des Paradieses zusammen, in dem jenseits der Schmerzen, Leiden und Rückschläge dieser Welt die Person ihre Erfüllung findet.

Dies beinhaltet die Botschaft der fünf großen Religionsgründer der Geschichte, nicht zuletzt auch die des jüngsten in dieser Reihe, Karl Marx. Allerdings gibt es zwischen dem Erlöser und Propheten sowie dem Mann des 19. Jahrhunderts einen grundlegenden Unterschied: Während das Paradies der großen Religionsstifter, ob es nun Nirwana oder Himmel heißt, jenseits der Reichweite der Sterblichen liegt, hat der Vertreter des Materialismus sein Land der Seligen auf unserer Erde in Aussicht gestellt. Ihm war daher geboten, eine diesseitige Utopie zu schaffen, die den älteren, wirklichkeitsnäheren Glaubensstiftern keineswegs notwendig zu sein schien.

Auch sonst kann man einen großen Unterschied zwischen Marx auf der einen Seite und den echten Religionsgründern auf der anderen Seite erkennen: Letztere haben mit ihrem Leben Zeugnis für ihre Lehre abgelegt. Sie waren Helden und haben im höchsten Sinne des Wortes eine würdige, wenn auch tragische Erdenlaufbahn gehabt. Sie waren als Personen Vorbilder für Generationen. Anders Karl Marx. Er hatte kein erbauliches Leben, sondern ein spießerisches Dasein, geprägt von menschlicher Kleinheit. Man kann Marx als einen durchaus unglücklichen, gescheiterten Menschen bezeichnen.

Es kommt eine besondere Tragödie hinzu, die er allerdings nicht mehr erlebt hat. Marx, der hart gearbeitet und viel geschrieben hat, erstellte zahlreiche nachweislich falsche Analysen. Daneben gab es geniale Ausblicke, die man als Prophezeiungen bezeichnen könnte. So war er mit Abstand jener Autor, der am allerklarsten vorhersagte, was aus dem Moskauer Reich dereinst unter einer despotischen Führung werden würde. Seine Artikel, die er für die amerikanische Presse über Rußland schrieb, waren eine eindrucksvolle Warnung.

Anders sein Hauptwerk, eine wirtschaftlich-sozialpolitische Analyse, die den »Marxismus« etablierte. Der Autor ging von seiner Zeit aus, um eine Projektion in die Zukunft zu machen. Das 20. Jahrhundert zeigt, wie beeindruckend falsch seine Prognosen waren. Er fußte auf einer Realität, deren Entwicklung aber dank der Technologie beziehungsweise des Systems der Sozialen Marktwirtschaft in eine vollkommen andere Richtung als die von Marx vorhergesagte gegangen ist.

Dabei sollte man freilich nicht das von sozialistischen Ideen begleitete Wuchern des Staates in unserer Zeit unterschätzen. Es entstehen Strukturen, die denen des Feudalzeitalters ähneln. Die Verwaltung ist häufig ein Selbstzweck geworden und wird es immer mehr, je weiter die Macht des Staates ausgedehnt wird. Das gilt insbesondere für Maßnahmen, die unter sozialen Vorzeichen zu einer totalen Bevormundung des Bürgers führen. Ein Beispiel waren die von Marxisten durchgeführten Verstaatlichungen, also der angebliche Übergang der Produktionsmittel in die Hände der Allgemeinheit. Man ging zwar vom Begriff des »Obereigentums des Staates« aus, in Wahrheit aber waren die Nationalisierungen nichts anderes als die Machtergreifung der Bürokratie in der Wirtschaft. Die Produktionsmittel lagen dann in Händen der regierenden Verwaltungsapparate.

Das Erfolgsgeheimnis der Anhänger des Karl Marx war, daß es ihnen gelang, das Wort "Sozialismus« als verpflichtende Norm in Beschlag zu nehmen und so ein gedankliches Monopol zu schaffen. Das erklärt, warum die marxistischen Systeme stets an dem Auseinanderklaffen zwischen der Theorie und der Praxis litten. Dennoch gelang es ihnen erstaunlich lange, ihre Anhänger bei der Stange zu halten. Die Anziehungskraft aber beruhte nicht auf den wirklichkeitsfremden ökonomischen Theorien des Marxismus, sondern auf seiner Heilslehre, seinem Charakter als Ersatzreligion.

Man hat oft die geistige Entwicklung Europas und der Länder, die von Europa abhängen, in allzu kurzen Perspektiven gesehen. Man hat darüber vergessen, daß es die großen Wellen der Geschichte gibt. Das Abendland besaß bis zum auslaufenden Mittelalter ein einheitliches Weltbild. Im Mittelpunkt stand Gott und seine Wissenschaft, die Theologie. Die anderen Disziplinen gruppierten sich um diese. Das abgerundete Bild zerbrach mit der Renaissance, als die Naturwissenschaften die Verbindung zum Transzendenten gekappt hatten. Sie wollten nur mehr anerkennen, was sie wiegen, messen oder berechnen konnten. Im späteren Verlauf weitete sich der Bruch aus, nicht zuletzt durch den Rechtspositivismus beziehungsweise durch die Philosophie der Aufklärung.

Im 19. Jahrhundert erreichte diese Entwicklung ihren Höhepunkt. Zwar strömten die Massen noch in die Kirchen, aber die führenden Geister hatten sich abgewandt. Im Reich der Wissenschaften war die Theologie vom Zentrum an den Rand gedrängt worden und wurde bestenfalls als Relikt eines alten Aberglaubens geduldet. Wenn ein Mann wie Louis Pasteur sich noch ungestraft als praktizierenden Katholiken bezeichnen konnte, so nur, weil er infolge seiner epochalen Entdeckungen unangreifbar geworden war.

Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts setzte die Wende ein. Die Rückkehr zu einem transzendenten Konzept, also zum Gottesbegriff, begann von seiten der Naturwissenschaften, von denen seinerzeit die Zerstörung des Weltbildes des Mittelalters ausgegangen war. Die Quantentheorie von Max Planck, die Relativitätstheorie von Einstein und die Grundgleichung der Materie von Heisenberg haben diese Revolution der Naturwissenschaften eingeleitet. Heute ist man an einem Punkte angelangt, an dem ein führender Geist bemerken konnte, man könne nur mehr als Selbstmörder oder als gläubiger Mensch enden.

In diese große Welle muß Karl Marx gestellt werden. Er ist, so gesehen, ein Abbild des 19. Jahrhunderts und seines Materialismus. Für ihn galt, was Ernst Jünger gesagt hat: Dämonen bewohnen die verlassenen Altäre. Marx kam in eine Zeit, in der die transzendenten Religionen zutiefst getroffen waren. Er hat diesem Zustand Ausdruck verliehen.

Seine philosophischen Überlegungen entsprechen daher genau seinen ökonomischen Analysen. Beide sind einer kurzfristigen geistesgeschichtlichen Situation verhaftet, die keine Dauer haben konnte.


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