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MIT UMWELTFORUM |
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Zur Kasse bitte, Mister Trittin - Ideologische Fixierungen und Vorurteile führen zu außenpolitischen Flurschäden - Einstein und die reine Atomleere |
Dreieck Paris - Bonn - London |
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von Jürgen Liminski Man stelle sich vor, Albert Einstein begegnet Jürgen Trittin. Was würde dem großen Physiker einfallen? Sicher ein Wort, das er mit Blick auf manche Ideologen seiner Zeit schon mit einem Seufzer aussprach: »Es ist leichter, Atomkerne zu zertrümmern, als Vorurteile.« Und aufgrund dieser Erkenntnis würde er vermutlich erst gar nicht versuchen, den deutschen Umweltminister davon abzubringen, ohne Rücksicht auf Verluste deutsches Ansehen im Ausland, insbesondere in Frankreich, zu zerschlagen. Der tiefgläubige Wissenschaftler wäre ratlos und würde darauf setzen, daß die politischen Umstände das Weltbild der reinen Atomleere Trittins relativieren. Dafür gibt es gute Gründe. Zunächst im Inland: Die SPD-Umweltministerin von Rheinland-Pfalz, Klaudia Martini, spricht offen aus, was die Realisten längst wissen. Der Ausstieg aus der Atomenergie ist frühestens in zwanzig Jahren möglich, Braunkohle und Erdgas können den Strombedarf der deutschen Wirtschaft und Verbraucher nicht decken - von der Umweltbelastung durch Kohleverwertung einmal abgesehen. Und natürlich kämen die Deutschen um Entschädigungszahlungen nicht herum. Man sieht im Geiste schon die Herren im Vorstand der staatlichen Gesellschaft British Nuclear Fuels und des französischen Atomkonzerns Cogema sich klammheimlich die Hände reiben: Entschädigung plus künftige - teure - Stromlieferungen, denn die Steckdosen werden die Grünen ja wohl kaum abschrauben. Man müßte Monsieur Trittin eigentlich dankbar sein. Dazu kommt der außenpolitische Aspekt, den manche Ideologen in Bonn bei ihrem starren Blick auf die Atomenergie auch übersehen. Für die Franzosen ist die Atomindustrie nicht nur eine Frage der Stromversorgung. Sie hat ihnen schon unter General de Gaulle den Anspruch auf Mitsprache im Konzert der Großen gesichert. Es war das Instrument der selbstbestimmten Sicherheit, Stichwort Force de Frappe, gegenüber jedem potentiellen Angreifer, mithin auch der politischen Unabhängigkeit gegenüber den USA. Und gilt natürlich auch heute als Garant der energiewirtschaftlichen Unabhängigkeit gegenüber den Ölscheichs und den unsicheren Verhältnissen der Erdgas-Konzerne in Rußland. Dieses geopolitische Element der Atomkraft und die deutsche Wirtschaftsmacht waren für de Gaulle eine ideale Verknüpfung, weshalb er Mitte der sechziger Jahre dem damaligen Kanzler Erhard auch die Teilhabe an der Atomkraft anbot mit allen Konsequenzen. Erhard lehnte mit Blick auf die USA ab, die Franzosen bauten die Atomindustrie daraufhin noch aus. Sie hat in den Zeiten des Kalten Krieges und auch in den neunziger Jahren Frankreich nicht nur die Unabhängigkeit gesichert. Ihre Nebeneffekte in mehreren industriellen Teilbereichen, keineswegs nur der nuklearen Forschung, haben den Franzosen einen Spitzenplatz in der modernen Hochtechnologie mit den entsprechenden Exportmöglichkeiten eingeräumt. Ähnlich verhält es sich bei den Briten, wenn auch nicht so pointiert. Vielleicht hat man Mister Trittin auch auf diese Aspekte hingewiesen, als er jetzt in London die Beschlüsse der deutschen Regierung kundtat. Briten und Franzosen werden sich en passant sicher auch fragen, auf welcher Seite der Barrikaden ihr Ministerkollege demnächst zu finden sein wird, wenn Atomtransporte durch Deutschland rollen. Vielleicht baut er sie vor der Dienstzeit auf und während der Dienstzeit wieder ab. Ein deutsches Problem, werden sie sagen, sich zublinzeln und die Deutschen zur Kasse bitten. Es ist ja auch schwer vorstellbar, daß Bonn riskiert, die Ambitionen der EU-Präsidentschaft durch diesen Streit völlig zu zertrümmern. Und der Atomstreit wäre - wenigstens für Frankreich - ein willkommener Anlaß, den heimlichen Widerstand gegen eine Reform des Kassenwesens in der EU zu verbrämen, damit auch da die Deutschen weiterzahlen. Beim Geld ist das Hemd der Nation allemal näher als der Rock der Internationale. So kann man sich ein Dreiecksverhältnis, von dem Kanzler Schröder gerne spricht, auch vorstellen. Briten und Franzosen als sicherheits- und energiepolitische Führungsmächte in Europa, die Deutschen als Zahlmeister. Um noch einmal Einstein zu bemühen: Das Universum und die menschliche Dummheit seien unendlich, meinte er und fügte hinzu: »Beim Universum bin ich mir allerdings nicht so ganz sicher.« |