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Epoche Nr. 139

MIT UMWELTFORUM
EPOCHE UND UMWELT

Ideenmagazin und "Argumente- und Informationsmagazin für Meinungsführer und Multiplikatoren" nannte Manfred Wörner (NATO-Generalsekretär 1988-94) die EPOCHE - Ideen von heute sind Taten von morgen

139/QI/1999/23. Jahrgang

Nadel, grün

Hochtechnologie als Motor der gesamten Wirtschaft

EPOCHE-TECHNIK UND WISSENSCHAFT

Der grüne Sektierer Trittin - so meint der Präsident der Technischen Universität (TU) München, Professor Wolfgang Herrmann - »will die deutsche Wissenschaft zurück in die Steinzeit führen«. Anlaß für diese Bemerkung ist Trittins Absicht, durch neue Richtlinien das im Bau befindliche Forschungs- und Technologiezentrum München-Garching praktisch lahmzulegen. Denn das Kernstück der Anlage ist eine Neutronenquelle (FRM-II), deren Leistung Trittin auf ein Megawart begrenzen will - ein Viertel der Leistung des alten Forschungsreaktors, an dessen Stelle der Neubau treten soll.

Mehr als 400 Millionen Mark an öffentlichen Geldern sind in Garching bereits verbaut worden, denn es geht hier um eine Baustelle der Zukunft mit der Langzeit-Perspektive, ein »deutsches Silicon Valley« heranreifen zu lassen. Mindestens tausend hochqualifizierte Arbeitsplätze entstehen, wenn - entsprechend der bisherigen Planung - ein erstklassiger High-Tech-Standort Gestalt annimmt und auf leistungsfähige Unternehmen eine ähnliche Sogwirkung ausübt wie sein kalifornisches Vorbild.

Ein umgekehrter Effekt träte ein, wenn Trittins technikfeindliches Konzept zum Zuge käme: High-Tech-Firmen würden nach Frankreich oder andere Länder abwandern und geplante Betriebsgründungen in Deutschland platzen lassen. Arbeitsplätze gingen verloren und die wissenschaftlich-technische Kompetenz würde sich ins Ausland verlagern. »Wissenschaftsfeindlich« nennt TU-Präsident Herrmann das Verhalten des Bundesumweltministers. Eine der Folgen wäre ein »verheerender Stillstand bei der Erforschung neuer Materialien und alternativer Energiequellen - etwa der Solartechnik«. »Trittins neue Eckwerte sind ein schlechter Witz«, sagt Professor Herrmann, »der Mann muß gestoppt werden, wir dürfen uns nicht länger von ihm veralbern lassen«. Die hessischen Wähler haben am 7.2.1999 den ersten Schritt hierzu getan. Die Mehrheit der Bevölkerung weiß, daß Deutschlands Zukunftschancen vom wissenschaftlichen Fortschritt und der Bejahung der modernen Technik abhängen. Und daß der TU-Chef recht hat, wenn er befürchtet, daß uns grüne Romantiker allmählich in die Steinzeit zurückversetzen - sofern man ihnen nicht durch die Mobilisierung der Wähler in den Arm fällt.

Der Forschungsreaktor München-Garching nimmt beim Eintritt Deutschlands in das 21. Jahrhundert eine einzigartige Stellung ein. Nach der Inbetriebnahme der Neutronenquelle im Jahr 2001 steht der Forschung, der Wissenschaft und der Industrie ein weltweit erstklassiges interdisziplinäres Forschungsinstrument zur Verfügung. Wissenschaft und Wirtschaft unseres Landes erhalten endlich das weltweit leistungsfähigste Instrument, das tiefe Einblicke in Strukturen von Materialien erlaubt. Die Neutronenquelle ist so universell einsetzbar, daß hervorragende Forschungsergebnisse auf den Gebieten der Festkörperphysik, der Materialforschung, der Chemie, der Biowissenschaften, der Mikroelektronik und vor allem der Medizin zu erwarten sind.

»Erste Station der Hochzeitsreise«
(Just Married/Hotel Hessen)

Zeichnung: HaitzingerTtz
Erste Station der Hochzeitsreise - Hotel Hessen

Wenn beispielsweise durch die Neutronenaktivierungsanalyse Wasser oder Lebensmittel exakt untersucht werden können, durch Tomographie an technischen Objekten zerstörungsfrei deren »Innenleben« dargestellt werden kann oder durch die schnellen Reaktorneutronen bösartige, oberflächennahe Tumore wirksam bekämpft werden können, dann ist dies nicht Forschung im Elfenbeinturm, sondern führt zu unmittelbarem Nutzen für die Menschen. Diese Anlage wird der Forschung und Entwicklung unseres Landes einen erheblichen Vorsprung verschaffen. Die Hochflußneutronenquelle wird sich als eine Quelle für innovative Produkte und Verfahren und in gleicher Weise als eine Quelle für hochqualifizierte Arbeitsplätze erweisen - als Herzstück der Zukunftssicherung der Wirtschaft.

Es ist immer noch der beste Weg, die Herausforderungen, die mit dem politischen und ökonomischen Wandel im Zeichen der Globalisierung auf uns zukommen, anzunehmen und offensiv die Chancen zu nutzen, die sich bieten. Der Forschungsreaktor - darin sind sich die Fachleute in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik einig - gehört zu den wichtigsten Zukunftsinvestitionen unseres Landes. Gutachten über die technologische Entwicklung zeigen deutlich, welche Aufmerksamkeit dieses Projekt in Forschung und Wirtschaft findet. So lassen sich Radiopharmaca, die heilend und schmerzlindernd wirken, mit Hilfe des Garchinger Forschungsreaktors herstellen. Wichtige medizinische Erkenntnisse können gewonnen werden. Die Neutronenforschung wird in den nächsten Jahrzehnten Meilensteine setzen.

Wer im globalen Wettbewerb nicht konsequent Innovationen vorantreibt, der wird zuerst Kompetenz und schließlich Marktanteile verlieren. Dies gilt für Unternehmen wie für Standorte. Ganz Deutschland braucht eine »High-Tech-Offensive« - wie sie derzeit Edmund Stoiber für Bayern auf den Weg bringt -, wenn es weiterhin als erste Adresse für Investoren aus aller Welt gelten will. Nur das sichert Arbeitsplätze, sozialen Frieden und Wohlstand für alle. Dazu ist es erforderlich, sich an Leittechnologien der Zukunft zu orientieren, vor allem an der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie an der Bio- und Gentechnologie, die alle bisherigen Wissens- und Produktionsstrukturen durchdringen.

Vom Einsatz dieser neuen Technologien profitieren nicht nur die Branchen, die unmittelbar damit zusammenhängen, sondern auch andere Unternehmen im weiteren Umfeld - bis hin zur handwerklichen Dienstleistung. Überall im Land, nicht nur in den Zentren, ergeben sich gerade für Klein- und Mittelbetriebe neue wirtschaftliche Chancen und ein erhebliches Potential für zukunftsorientierte Arbeitsplätze. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Schlüsseltechnologien der Zukunft mit dem größten Entwicklungs- und Beschäftigungspotential.

»Leider vom Umtausch ausgeschlossen!«

(Trittin)

Leider vom Umtausch ausgeschlossen

In der Biotechnologie hat Bayern bereits beachtliche Erfolge erzielt: im Bio- und Genzentrum Martinsried. Unter Einschluß von Boehringer-Mannheim in Penzberg und Tutzing ist der Großraum München in kürzester Zeit zum bedeutendsten gentechnischen Forschungs- und Produktionsstandort in Deutschland herangewachsen. Mittlerweile steht er an sechster Stelle in der Welt - und in Europa wird er nur noch vom Großraum London übertroffen. Stoiber hat sich zum Ziel gesetzt, München-Martinsried zum ersten Biotechnologiezentrum Europas auszubauen, zum Kern eines größeren Life-Sciences-Standorts. Dazu will er die herausragenden Aktivitäten aller Universitäten ausbauen. Sein Ziel ist ein Bio-Tech-Verbund von internationalem Rang mit unterschiedlichem Profil der einzelnen Zentren.

Ein Baustein dafür ist der Biopark Regensburg mit dem Schwerpunkt Molekular- und Mikrobiologie. Ein weiterer Baustein soll BioMedTech Franken mit den drei Standorten Würzburg, Erlangen/Nürnberg und Bayreuth werden. Diese Universitäten vereinigen hohe Kompetenz in biomedizinischer Forschung mit langjähriger erfolgreicher Industriekooperation. Neben der Biomedizin ist Franken auch ein Zentrum für Medizintechnik. Am 30. Mai 1998 war der Baubeginn für das neue Medizintechnikzentrum von Siemens. Die Region Erlangen/Nürnberg/Fürth wird damit zu einem »Medical Valley Europas« - wie es Heinrich von Pierer nannte - ein Kornpetenzverbund mit überproportionalen Wachstumschancen.

Der zweite große Zukunftsbereich, der ausgebaut werden soll, ist die Informations- und Kommunikationstechnologie. Bayern ist heute im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien in einer guten Ausgangsposition. Rund ein Drittel aller deutschen Arbeitsplätze der Computerindustrie befinden sich hier. Bei den elektronischen Medien sind es sogar fast 40 Prozent. Die Region München stellt nach dem Raum London mit über 70.000 Beschäftigten die Nummer 2 dieser zukunftsträchtigen Industrie in Europa. Erklärtes Ziel ist, in der Informations- und Kommunikationstechnologie an die Weltspitze zu gelangen. Den Kristallisationspunkt dafür soll die Wissenschaftsstadt Garching bilden. Im größeren Umkreis haben sich bereits führende Unternehmen der Informations- und Kommunikationsbranche an gesiedelt. Das reicht von Apple, Compaq, Digital und IBM über Microsoft, Lotus und Oracle bis zu Netscape, CompuServe, VIAG-Intercom und vielen anderen.

Neue Technologien erweisen sich als ständige Impulsgeber, die die wirtschaftliche Entwicklung in Schwung halten. Wer solche Baustellen der Zukunft errichtet, der schafft damit auch viele qualifizierte neue Arbeitsplätze. Erfolgreich ist, wer an der Spitze des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts marschiert und sich von sektiererischen Ideologen wie Trittin nicht in die Steinzeit zurückkatapultieren läßt.


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