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Zahlen und Fakten über die Massenmorde im Namen des Marxismus - Das Schwarzbuch des Kommunismus: Unterdrückung, Verbrechen, Terror - Was gegen die Einseitigkeit von historischen Darstellungen getan werden kann - Historisierung und Instrumentalisierung der Vergangenheit


von Martin Knick

Mit dem PDS-Landesvorsitzenden Helmut Holter ist im roten Oktober 1998 in Schwerin ein Mann zu Ministerehren aufgestiegen, der die Moskauer Kaderschule der Kommunistischen Partei der Sowjetunion absolviert hat, Ein wichtiger Teil seiner Koalitionsvereinbarung mit der SPD war die Festlegung, daß bei keinem Staatsbediensteten in Mecklenburg-Vorpommern mehr eine Überprüfung der Vergangenheit stattfindet. Vor allem frühere Stasi-Tätigkeiten sollen so der Vergessenheit anheimfallen. Gleichzeitig vereinbarten SPD und PDS, gemeinsam den »Rechtsradikalismus zu bekämpfen«.

Den Schweriner Volksfront-Partnern ist also sehr wohl bewußt, daß die Erinnerung an die Vergangenheit von großer politischer Tragweite für die Gegenwart ist. Die Rede von Martin Walser auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse und die heftigen Diskussionen, die ihr folgten, unterstreichen dies. Was PDS und SPD jetzt auf den Weg bringen, hat mit einer objektiven Auseinandersetzung mit der Geschichte nichts zu tun. Angestrebt wird vielmehr genau das, was Martin Walser als politische Instrumentalisierung der Vergangenheit verurteilt.

Mit den Verbrechen des Nationalsozialismus wird die Bevölkerung ohnehin - wie auch Walser wieder feststellte - Tag für Tag über sämtliche Massenmedien konfrontiert. Doch wird es in aller Regel sorgfältig vermieden, darauf hinzuweisen, daß es in den sieben Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft unzählige vergleichbare Vorgänge gab. Dadurch entsteht ein einseitiges Bild. Wenn das »Schweriner Modell« vielleicht auch noch in Thüringen eingeführt wird (in Sachsen-Anhalt gibt es bereits eine Variante davon), dann nimmt die Linkslastigkeit im Unterricht weiter zu und immer weniger Schüler werden die Wahrheit erfahren: daß es nämlich nicht nur deutsche Verbrechen gab.

Die EPOCHE wird deshalb in jeder Ausgabe dieser Einseitigkeit entgegenwirken, indem sie die - gerade jungen Menschen oft fehlenden - wichtigen Informationen nachliefert und verstärkt an Schulen sowie über Jugendorganisationen, Studentenverbände und Schülerunion in Umlauf bringt. Als Einstieg weisen wir auf das in Frankreich erschienene Schwarzbuch des Kommunismus hin, das wir als wichtigstes Buch des Jahres 1998 betrachten. In deutscher Übersetzung ist dieses fast 1000 Seiten umfassende Werk bei Piper (München 1998) erschienen. Herausgeber und Autoren wissen, wovon sie berichten. Einige von ihnen waren selbst einmal Kommunisten, bevor ihnen die Augen aufgingen. Im Schwarzbuch führen sie den Nachweis, daß der Kommunismus insgesamt rund einhundert Millionen Menschenleben ausgelöscht hat - weit mehr als der Nationalsozialismus.

Ungetrübt von historischen Kenntnissen erklärte Kurt Beck, SPD-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, in seiner Gedenkrede zum 9. November 1998, man dürfe die Taten der Nationalsozialisten »nicht historisieren«. Denn die Erinnerung müsse lebendig bleiben. Beck verriet in dieser Rede leider nicht, wie er es mit den Verbrechen des Kommunismus hält. Dürfen auch sie nicht historisiert (sachbezogen als Objekt der Wissenschaft in die Geschichte eingeordnet) werden? Soll auch die Erinnerung an die roten Massenmorde stets lebendig bleiben?

Der »Pakt von Schwerin« zeigt indessen, daß die an die Macht gelangte Linke überhaupt nicht daran denkt, eine ausgewogene Betrachtung der Geschichte zu akzeptieren. Es wird viel Aufklärungsarbeit erfordern, in Deutschland eine objektive Geschichtsbetrachtung durchzusetzen. Wir werden nicht locker lassen. Die Fakten liegen klar auf der Hand. Sie sind nur in Deutschland zu wenig bekannt. Sobald sie in das Bewußtsein der Menschen dringen, wird sich daraus ganz von selbst die einzig mögliche Schlußfolgerung ergeben: Man kann nur entweder beide - Nationalsozialismus und Kommunismus - im Sinne von Kurt Beck von der Einordnung in die Geschichte ausnehmen; oder eben beide historisieren.

Stéphane Cóurtois, Herausgeber des Schwarzbuches des Kommunismus, gelangt zu einem klaren Urteil. Er hebt eine Reihe von »Verbrechen wider den Geist, aber auch Verbrechen gegen die universale Kultur und die nationalen Kulturen« hervor - von der Zerstörung der Kirchen unter Stalin bis zur Vernichtung wertvollster Kunstgüter durch die maoistische Kulturrevolution. Und er leitet zum Kern der Dokumentation über: »Doch wie schwer diese Zerstörungen auf lange Sicht für die einzelnen Nationen und die ganze Menschheit auch wiegen, was sind sie gegen den Massenmord an Männern, Frauen, Kindern?«

Die kommunistischen Massenmorde »haben eine gemeinsame Nomenklatur, auch wenn, je nach Regime, die eine oder andere Praxis stärker ausgeprägt ist: Hinrichtung mit verschiedenen Mitteln (Erschießen, Erhängen, Ertränken, prügeln; in bestimmten Fällen Kampfgas, Gift«; aber auch »Vernichtung durch Hunger (Hungersnöte, die absichtlich hervorgerufen und/oder absichtlich nicht gelindert wurden), Deportationen (wobei der Tod auf Fußmärschen oder im Viehwaggon eintreten konnte)« und vieles mehr.

Die Autoren bilanzieren schließlich gründlich - Land für Land - die Opferzahlen aller kommunistischen Staaten. Tote, die es beispielsweise bei Kampfhandlungen während eines Bürgerkrieges gab, werden nicht mitgerechnet. Nur die reinen Morde zählen. Cóurtois: »Alles in allem kommt die Bilanz der Zahl von hundert Millionen Toten nahe.«

Der Herausgeber weicht einem Vergleich mit dem Nationalsozialismus nicht aus. Er zitiert aus den Akten des Nürnberger Tribunals und kommt zu dem Schluß, daß alle dort gefundenen Definitionen für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Genozid und Kriegsverbrechen in vollem Umfang auch auf die Taten der Kommunisten zutreffen: »Die kommunistischen Regime handelten im Namen eines Staats, der eine Politik der ideologischen Hegemonie verfolgte. Und es geschah gerade im Namen einer Doktrin, einer logischen und notwendigen Begründung des Systems, daß Millionen Unschuldige umgebracht wurden.«

Schon kurz nach Lenins Machtübernahme wurden immer weitere Schichten und Personengruppen bestimmt, die dem Kommunismus im Wege standen und deshalb nach Meinung der fanatischen Ideologen ausgelöscht werden mußten: Offiziere, Polizisten, Adel, Bürgertum, Intelligenz, Kirche usw.: »Von 1920 an entspricht die Entkosakisierung im wesentlichen der Definition des Genozids. Die Gesamtheit einer auf streng umrissenem Raum angesiedelten Bevölkerung, die Kosaken, wurde als solche ausgelöscht.«

Dokumentationen dieser Art sind wichtig, weil manche Linksintellektuelle glauben machen wollen, Lenin sei ein Saubermann gewesen, dessen Werk bloß ab 1924 durch den bösen Stalin verbogen, verfälscht und beschmutzt worden sei. In Wahrheit unterschieden sich die beiden nicht qualitativ, sondern bloß quantitativ. Stalin war ein lernwilliger Schüler Lenins und setzte dessen Werk fort.

Courtois erinnert an die sechs Millionen Opfer Stalins allein im Winter 1932/33 in der Ukraine - und vergleicht: »Hier sind sich Rassen-Genozid und Klassen-Genozid sehr ähnlich: Der Tod eines ukrainischen Kulakenkindes, das das stalinistische Regime gezielt der Hungersnot auslieferte, wiegt genauso schwer wie der Tod eines jüdischen Kindes im Warschauer Ghetto, das dem vom NS-Regime herbeigeführten Hunger zum Opfer fiel.« Durch die zeitliche Differenz - die kommunistischen Untaten fanden in vielen Fällen vor den nationalsozialistischen statt - gab es sogar Lernprozesse. Deutsche KZ-Kommandanten studierten sehr aufmerksam Berichte über den sowjetischen Archipel GULAG. Jeder der beiden Totalitarismen hat singuläre Grausamkeiten hervorgebracht. Vieles war unterschiedlich in der Methode, doch gab es nichts, das einen Unterschied in der moralischen Bewertung - in der Verurteilung - rechtfertigen würde.

Der Kommunismus, resümiert das Schwarzbuch, habe gegenüber dem Nationalsozialismus die vierfache Zahl an Toten zu verantworten: »Diese einfache Feststellung sollte zumindest zum Nachdenken über die Ähnlichkeit anregen, die zwischen dem NS-Regime, das seit 1945 als das verbrecherischste System des Jahrhunderts angesehen wird, und dem kommunistischen besteht, dessen Legitimität auf internationaler Ebene bis 1991 unangefochten war, das bis heute in bestimmten Ländern die Macht innehat und nach wie vor über Anhänger in der ganzen Welt verfügt.« Auch Feigheit und Opportunismus spielen also mitunter eine Rolle, wenn einseitige Darstellungen verbreitet werden.

Obwohl es seit dem Zweiten Weltkrieg Menschenrechtspakte und UNO-Deklarationen in großer Zahl gibt, reißt die Kette an politisch motivierten Massenmorden nicht ab: »Die Geschichte dieses Jahrhunderts hat gezeigt, daß sich die Praxis der Massenvernichtung durch Staaten oder Staatsparteien nicht auf den Nationalsozialismus beschränkte. Was in Bosnien und Ruanda geschah, beweist, daß diese Praktiken fortgesetzt werden. Sie sind wahrscheinlich eines der wichtigsten Kennzeichen dieses Jahrhunderts.«

Solche Sätze sollten sich deutsche Politiker ins Bewußtsein rufen, wenn sie wieder einmal zu einer Gedenkrede oder sonstigen Kulthandlung im Rahmen des einseitigen deutschen Schuldkults verpflichtet werden. Vielleicht findet einmal einer von ihnen den Mut, in seiner Rede nicht nur Schuldkultliteratur, sondern auch Alexander Solschenizyn, Elena Bonner und Stephane Courtois zu zitieren. Seine Wähler würden diesen Mut gewiß honorieren. Ein Aufatmen ginge durch Deutschland.


Wolfgang Brezinka
Erziehungswissenschaftler an der Universität Konstanz (auf dem Bild links, während eines EPOCHE-Symposions), sagt über die geistige Bindekraft eines natürlichen Patriotismus, wie er für jedes andere Volk Europas selbstverständlich ist und nur in Deutschland durch den Schuldkult verkrampft und verbogen wird:

Es gibt heute keine stärkere Bindekraft zur Integration der Gesellschaft als den Mythos der Nation. Er ist in Deutschland jahrzehntelang bekämpft worden, statt ihn im Sinne eines aufgeklärten Patriotismus zur ideellen Beheimatung der Bürger und zur sittlichen Motivation zu nutzen. Man hat dem deutschen Volk eine kollektive Mitverantwortung für Greueltaten der Vergangenheit auferlegt. Man hat im Mißbrauch des deutschen Nationalbewußtseins genügend Grund gesehen, es für immer zu ächten und durch einen dürren Verfassungspatriotismus zu ersetzen. Man war blind dafür, daß sich jedes Kulturelement mißbrauchen läßt. Wenn man alle Bindungen und Ideale abschaffen wollte, die schon mißbraucht worden sind, dann bliebe nichts übrig. Das Gegenteil von Mißbrauch ist nicht die Abschaffung, sondern der gute Gebrauch. Der Mythos der Nation ist jedoch auch im deutschen Volk noch so tiefverwurzelt, daß sich die Bürger die schleichende Ent-Nationalisierung auf Dauer nicht gefallen lassen werden.

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