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Bericht und historische Einleitung von Karl Ludwig Bayer Daß bereits vor dem Ersten Weltkrieg eine »Ballonabwehrkanone« gebaut wurde, läßt erkennen, daß man sich schon damals nicht auf bloße Vergeltung oder Abschreckung verließ, sondern konkreten Schutz vor jeder Gefahr anstrebte. Es ist von historischem Interesse, daß in den Revolutionsjahren 1848/49 der erste Luftangriff der Weltgeschichte erfolgte - lange vor der Erfindung des Flugzeuges. Venedig gehörte damals zum Habsburger-Reich, doch wollten stolze Venezianer wieder jene Eigenständigkeit erlangen, die sie in früheren Jahrhunderten zu einer bedeutenden Seemacht werden ließ. Sie proklamierten 1848 eine unabhängige Republik. Die österreichischen Truppen, die zunächst nicht wußten, wie sie angesichts der Lagune militärisch vorgehen sollten, erfanden den Luftkrieg. An kleinen Ballons wurden Sprengstoffpakete montiert und - wenn die Windrichtung dies zuließ - über die Lagune hinweg Richtung Venedig geschickt. Nachdem einige dieser Bomben explodiert waren, kapitulierte die Stadt. Vergeblich hatten Venezianer versucht, die Ballons abzuschießen. Am Beginn unseres Jahrhunderts eroberten die Italiener Libyen, und die Spanier - im Gefolge der Franzosen - den nördlichen Teil von Marokko. Italiener und Spanier setzten erstmals in der Geschichte Flugzeuge für militärische Zwecke ein. Die kleinen Doppeldecker flogen in niedriger Höhe. Die Soldaten in den Maschinen suchten geeignete Ziele, öffneten dann während des Fluges eine Seitentüre und warfen mit bloßen Händen Bomben hinaus. Die Nomaden in der libyschen Wüste, die auf Kamelen in den Kampf ritten, konnten sich nicht wehren. Auch Marokko stellte bald den Widerstand gegen die überlegenen europäischen Mächte ein. Diese galten wegen ihrer Technik als unbesiegbar. Doch waren sie sehr wohl in der Lage - wie bald darauf der Erste Weltkrieg zeigte -, sich selbst zu zerstören. In diesem Krieg 1914-18 kam es erstmals in größerem Umfang zum militärischen Einsatz von Flugzeugen - in der deutschen Armee hatte die Luftwaffe aber noch nicht den Status einer eigenen Waffengattung erlangt. Sie galt als Anhängsel, als Feuer-Verstärker der Artillerie. In den folgenden Jahren der Weimarer Republik waren Deutschland große Rüstungsbeschränkungen auferlegt, die von den Siegermächten kontrolliert wurden. Da man zu diesem Zeitpunkt noch keine Vorstellung davon hatte, daß Raketen einmal zu einem militärischen Faktor werden könnten, gab es auf diesem Gebiet auch keine Vorschriften. Deutsche Techniker arbeiteten deshalb schon vor 1933 an Projekten, die das Ziel hatten, neue Waffen zu entwickeln. Die Nationalsozialisten setzten diese Tätigkeit fort und dehnten sie 1939 - nachdem kurz zuvor in Deutschland die erste Uranspaltung der Welt gelungen war - auch auf die Atomforschung aus. Professor Edward Teller, schon bald der kreativste Kopf der amerikanischen Kernphysik, arbeitete seit 1935 in den USA. Er ist ein faszinierender Zeitzeuge und Gesprächspartner. Im Spätsommer 1998 war ich Gast in seinem Privathaus am Rande des Universitätsgeländes von Stanford in Kalifornien. Teller erinnerte daran, daß man am Vorabend des Zweiten Weltkrieges nicht zuletzt dank der Kontakte von Werner Heisenberg mit dem in den USA tätigen dänischen Physiker Niels Bohr erfahren habe, welches Kräfte- und Gefahrenpotential im Uran liegen könnte. Dies habe Unruhe und Aktivität unter den - vielfach zuvor aus Europa nach Amerika emigrierten - Physikern geführt. Man wollte herausbekommen, ob die Nationalsozialisten in der Lage waren, eine Atombombe zu bauen. Wenn ja, mußte man ihnen in der Forschung und Entwicklung zuvorkommen, um Gefahren von Amerika abzuwenden. Historiker wissen, daß Anfang 1942 in den USA grünes Licht für die Kernwaffenforschung gegeben wurde und daß Edward Teller einer der führenden Wissenschaftler war, die diese Arbeit in Los Alamos vorantrieben. Ungefähr zur gleichen Zeit - was in Amerika jedoch nicht bekannt war - entschied sich die nationalsozialistische Führung, die militärischen Vorarbeiten auf diesem Gebiet abzubrechen. Der Grund lag in einer Prognose der deutschen Physiker, wonach nicht zu erwarten war, daß diese Forschung in relativ kurzer Zeit zu militärisch nutzbaren Ergebnissen gelangen werde. An Langzeitprojekten aber war man in Berlin damals nicht interessiert. Edward Teller, der mit Carl Friedrich von Weizsäcker befreundet ist, interpretiert diese Erklärung der deutschen Wissenschaftler am Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges ganz im Sinne seines Freundes. Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker haben nach dem Krieg übereinstimmend betont, sie hätten damals zwar Fortschritte auf dem Gebiet der militärischen Atomforschung für möglich gehalten, aber aufgrund einer mentalen Sperre - eines inneren Unbehagens gegenüber dem ganzen Projekt - weniger aus sich herausgeholt, als unter anderen Umständen denkbar gewesen wäre. Ihre Erklärung, es sei in absehbarer Zeit nicht mit konkreten Resultaten zu rechnen, war keineswegs falsch. Insofern war sie keine planmäßige Sabotage. Aber sie stand durchaus in Zusammenhang mit einem gewissen Grad an innerer Verweigerung - ohne daß dies je in offene Widerstandshandlungen umgeschlagen hätte. Die Amerikaner kannten solche Hemmungen nicht. Sie haben es in den Jahren 1942 bis 1945 geschafft, jene Atombomben zu bauen, die dann in Hiroshima und Nagasaki zum Einsatz kamen und den Krieg in Ostasien abkürzten. Raketen hingegen wurden von der amerikanischen Armee im Zweiten Weltkrieg nicht entwickelt. Auf diesem Feld war die deutsche Forschung und Rüstungsproduktion den anderen Ländern voraus. In Peenemünde arbeiteten Wernher von Braun und andere Techniker an zwei Waffen, die gegen Kriegsende vor allem zur Beschießung von London eingesetzt wurden: die V-1 und die V-2. Technisch gesehen waren dies die Vorläufer der heutigen erdnahen Marschflugkörper (V-1) und der ballistischen Raketen (V-2). Da sie jedoch mit herkömmlichem Sprengstoff bestückt waren, hielt sich der Schaden, den sie anrichteten, in engen Grenzen. Dennoch war es für die britische Luftwaffe selbstverständlich, wenigstens Versuche zu unternehmen, diese fliegenden Bombenträger unterwegs abzuschießen. Bei den niedrig fliegenden V-1 gelang dies in der Tat immer wieder, bei den ballistischen Raketen V-2 - die aus großer Höhe fast senkrecht auf die britische Hauptstadt niederschlugen - erwies sich eine Abwehr damals als unmöglich. Nach dem Zweiten Weltkrieg rüsteten die USA und die Sowjetunion mit Raketen und Kernwaffen in großem Umfang auf. Auch wenn die Russen in der Zahl ihrer Atomraketen an der Weltspitze der Rüstung lagen, so gelang es doch den Amerikanern, in der technischen Entwicklung die Sowjets abzuhängen. Edward Teller wies mit Recht darauf hin, daß die gesamte Menschheit diesem Umstand ihre Freiheit zu verdanken hat. Wenn Stalin als erster in der Lage gewesen wäre, Uranbomben, Plutoniumbomben oder Wasserstoffbomben einzusetzen, dann hätte das - damals noch die Weltrevolution propagierende - kommunistische Imperium seine Macht rücksichtslos auf die gesamte Erde ausgedehnt. Daß vor allem bei der Entwicklung der Wasserstoffbombe die Amerikaner den Russen knapp zuvorkamen, war wesentlich ein Verdienst von Edward Teller. Er war der führende Kopf bei den Arbeiten an diesem Waffensystem. Und er war es auch, der - nach Los Alamos - das sogenannte »zweite Laboratorium« in Livermore (östlich der Bucht von San Francisco) aufbaute. Wie Teller auch jetzt in unserem Gespräch hervorhob, ist es unter seiner maßgeblichen Mitwirkung in Livermore gelungen, eine »Lücke der Verwundbarkeit des Westens« durch eine technische Neuentwicklung zu schließen. Teller meinte damit die Fähigkeit der USA, von Atom-U-Booten aus jedes Ziel in der Sowjetunion treffen zu können. Die amerikanischen Militärs hatten sich am Höhepunkt des Kalten Krieges mit der Frage beschäftigt, ob die sowjetischen Machthaber auf den Gedanken verfallen könnten, mit einem einzigen großen Atomschlag - bei gleichzeitigem Einsatz eines Großteils der russischen Nuklearwaffen - den Westen in so großem Umfang zu zerstören, daß ein Gegenschlag gar nicht mehr möglich gewesen wäre. Eine solche Verlockung hätte eventuell in den Köpfen der Kreml-Führung einen Überraschungsangriff gegen die NATO als aussichtsreich erscheinen lassen. Um eine solche Möglichkeit von vornherein auszuschließen, mußte eine Waffe geschaffen werden, die weitgehend unverwundbar war und die Möglichkeit bot, im Falle eines notwendigen Gegenschlages die Sowjetunion empfindlich zu treffen. Die in Livermore entwickelten Atom-U-Boote waren diese Waffe. Der Westen hat damit ein weiteres Mal durch technische Innovationen die sowjetische Gefahr neutralisiert und langfristig die Voraussetzungen dafür geschaffen, die ganze Welt vom Kommunismus zu befreien. Der universal gebildete Professor Edward Teller, der in Budapest geboren wurde und fließend deutsch spricht, befaßt sich gerne mit großen geistesgeschichtlichen Zusamenhängen, Die Einstellung zur modernen Technik ist nach seiner Überzeugung entscheidend für die Fähigkeit eines Landes, Herausforderungen zu bestehen, Wer sich von Wissenschaft und Technik abwende, verzichte damit auf Weiterentwicklung und gerate zwangsläufig ins Hintertreffen gegenüber anderen Ländern. Als historisch bemerkenswertes Beispiel wies Teller auf die Abschottung Chinas von der übrigen Welt vor einem halben Jahrtausend hin. Die Chinesen hatten zuvor - bis Mitte des 15. Jahrhunderts - Welthandel betrieben und ihre Schiffe bis nach Ostafrika entsandt. Die Selbstisolation, die sich die Mandarine des Reiches damals auferlegten, führten schließlich dazu, daß schriftliche Aufzeichnungen über die früheren Entdeckungsreisen vernichtet und sogar chinesische Schiffe von den eigenen Leuten zerstört wurden. In der technischen und wissenschaftlichen Entwicklung fiel China daraufhin gegenüber dem europäischen - und später in ähnlicher Weise gegenüber dem amerikanischen - Raum immer weiter zurück. Im 19. Jahrhundert setzten sich die Kolonialmächte im wehrlos gewordenen China fest. Es fehlte nicht viel, und das Reich der Mitte wäre - ähnlich wie damals Afrika - in europäische Kolonien aufgeteilt worden. Erst in jüngster Zeit hat China die alten Fehler korrigiert und unternimmt heute große Anstrengungen, den Rückstand aufzuholen. Dieses »China-Syndrom« - eine selbstverschuldete Rückständigkeit als Folge des Verzichts auf technisch-wissenschaftlichen Fortschritt - könne durchaus auch westliche Länder in ihrer Entwicklung zurückwerfen. Teller nennt ausdrücklich die Grünen in Deutschland, aber auch verwandte Geistesrichtungen in den USA und anderen Ländern. Es kommt dabei nicht auf die Stärke an Wählerstimmen und Parlamentsmandaten an, sondern auf die bewußtseinsbildende Wirkung. Staaten, die unter dem Einfluß technikfeindlicher Strömungen geraten, können rasch gegenüber der übrigen Welt ins Hintertreffen geraten. Es geht dabei, wie Teller hervorhob, um die geistige Einstellung der Menschen zur Technik. Jedes Land, das vorankommen wolle, müsse seine Jugend motivieren, technische Berufe zu ergreifen und den wissenschaftlichen Fortschritt zu fördern. In Versäumnissen auf diesem Gebiet liege eine Gefahr, die man erkennen und der man rechtzeitig begegnen müsse. Zurück zu Fragen der Verteidigung: Im Kalten Krieg beruhte die Sicherheit des Westens auf der Doktrin der Abschreckung. Es kam bloß darauf an, der Moskauer Führung klar zu machen, daß sie bei jedem Angriff mit einem harten Gegenschlag zu rechnen hatte. Man ging davon aus, daß die sowjetische Führung stets rational entscheiden würde und mit Blick auf ihre eigenen Interessen zu dem Schluß gelangen müsse, daß es am besten sei, militärische Konfrontationen mit der NATO zu vermeiden. Dies funktionierte in der Tat jahrzehntelang klaglos. Trotz Atomwaffensperrvertrag kam es jedoch allmählich zu einer weiteren Verbreitung von Nuklearwaffen. Und immer mehr Länder sind heute in der Lage, Raketen zu bauen oder zu kaufen. Während der Amtszeit von Ronald Reagan gab es eine militärische Auseinandersetzung mit Libyen, in deren Verlauf Gaddafi zwei Raketen in Richtung auf die Insel Lampedusa (nahe Malta) abfeuerte. Gewiß wollte er nicht die zahlreichen italienischen Fischer töten, die dort ihre Netze auslegen. Sein Ziel war offenbar eine amerikanische Radarstation auf Lampedusa. Nur der Ziel-Ungenauigkeit der veralteten sowjetischen Raketen, über die Gaddafi verfügte, war es zu verdanken, daß nichts passierte. Technisch gesehen gab es jedoch für die Amerikaner damals keine Möglichkeit, die libyschen Raketen unschädlich zu machen. Einige Jahre später hatte sich diese Situation gebessert. Im zweiten Golf-Krieg schoß Iraks Diktator Saddam Hussein mit Raketen auf israelische Städte. Dank der von Amerika gelieferten »Patriot«-Abwehrraketen gelang es in den meisten Fällen, die anfliegenden irakischen Raketen noch vor Erreichen ihrer Ziele in der Luft zu zerstören. Dies geschah jedoch zu meist in einem so spätem Stadium ihrer Flugbahn, daß im Falle einer Bestückung solcher Raketen mit Atombomben, Bakterienbomben oder starken Giften (wie Sarin) dieser späte Abschuß nur zu einem begrenzten Schutz geführt hätte. Die Zerstörungswirkung wäre trotz Abschuß noch sehr groß gewesen. Daraus haben die USA und Israel den Schluß gezogen, man müsse das »Patriot«-Abwehrsystem (mit dem Edward Teller übrigens nicht befaßt ist) technisch verbessern. Dies ist in jüngster Zeit in der Tat gelungen. Leistungsfähige Hochtechnologie ermöglichte große Fortschritte. Ein Test mit der israelischen Anti-Raketen-Rakete »Arrow«, der im September 1998 stattgefunden hat, verlief so erfolgreich, daß nach einer Erklärung der Regierung in Jerusalem Israel heute der erste Staat der Welt ist, der über eine effiziente Raketenabwehrwaffe verfügt. Die USA, die 80 Prozent der Kosten dieser Neuentwicklung tragen, werden - gemeinsam mit Israel - in den kommenden Jahren »Arrow« gewiß auch zu einem Exportschlager machen und ihre Verbündeten mit diesen neuen Abwehrwaffen beliefern, Trotz berechtigten Jubels muß auch bei diesem System eine Schwäche erkannt werden. Gegenüber der Zeit des Golf-Krieges sind zwar die Zeiträume verkürzt worden und die Abwehrwaffe ist viel früher als damals in der Lage, eine angreifende gegnerische Rakete zu zerstören, aber im Falle des Einsatzes von Kernwaffen wäre es dennoch zu spät, um Verwüstungen zu vermeiden. Edward Teller, der Nuklearwaffen wie kein anderer kennt, verfolgt deshalb schon seit den achtziger Jahren die Idee, durch ein weltraumgestütztes Abwehrsystem Raketen bereits kurz nach ihrem Start zu erfassen und zu zerstören. Nur dies würde eine wirklich effiziente Abwehr ermöglichen - und könnte Sprengköpfe aller Art daran hindern, aus dem Abschußgebiet hinauszugelangen. Wie notwendig solche Gedanken sind, ergibt ein Blick auf mögliche Szenarien und Gefahren der Zukunft. Kleinere Atomstaaten wie Pakistan - oder in naher Zukunft wahrscheinlich auch der Iran oder Nordkorea - mit radikalen Staatsführungen sind unberechenbar. Und nach einer in London verbreiteten Meldung prüfen westliche Geheimdienste zur Stunde, ob es dem saudischen Milliardär Osama Bin Laden gelingen könnte, seine private Terrororganisation (mit Ausbildungslagern in Afghanistan und im Sudan) mit Atomraketen auszurüsten. Offenbar hat er versucht, durch Bestechung von russischen Militärs in den Besitz solcher Massenvernichtungswaffen zu gelangen, Die Amerikaner haben ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar für seine Ergreifung ausgesetzt. Die herkömmliche Abschreckungsstrategie aus der Zeit des Kalten Krieges ist auf solche Phänomene nicht mehr anwendbar. Edward Tellers Idee (»better a shield than a sword«) verfolgt das Ziel, mit einer großen Zahl von Satelliten sowie durch Weiterentwicklung der Laser-Technik ein Abwehrsystem schaffen, das auch derartige Gefahrenquellen neutralisiert. Präsident Ronald Reagan hatte - unter dem Einfluß von Edward Teller und anderen Wissenschaftlern - Forschungsarbeiten für ein Raketenabwehrsystem (SDI - Strategische Verteidigungs-Initiative) auf den Weg gebracht. Es hat bis zum Ende seiner Amtszeit - und auch noch danach unter George Bush - eine erfolgversprechende Entwicklung genommen, ohne jedoch Einsatzreife zu erlangen. Das Hauptargument dagegen lautete immer - und lautet auch noch heute -, es sei zu teuer. Dabei muß es nicht bleiben, denn die Computer-Preise sinken, während gleichzeitig phantastische Fortschritte bei der Steigerung der Leistungsfähigkeit erzielt werden. Darauf wird es maßgeblich ankommen: in Bruchteilen von Sekunden immense Rechenoperation zu leisten. Schon die Anfänge von SDI waren von gewaltigen technischen Fortschritten gekennzeichnet - und jagten allein deshalb der damaligen kommunistischen Führung in Moskau Angst und Schrecken ein. Das SDI-Projekt hat den Sowjets klar gemacht, daß der Westen technisch-wissenschaftlich überlegen ist und daß Moskau niemals die Chance haben würde, den Kommunismus mit Mitteln der Gewalt oder Gewaltandrohung weiter expandieren zu lassen. Die militärische Option war den Russen damit aus der Hand geschlagen - und es liegt nahe, daß gerade dies den Wandel in der Sowjetunion erheblich beschleunigt hat. Dies ist mit ein Verdienst von Edward Teller. Sogar der versteinerten Führungsriege der KPdSU ist damals klar geworden, daß die alten Rezepte aus den Zeiten von Stalin und Breschnew nicht mehr anwendbar waren. Ein neuer Kurs mußte her - und ein neuer Mann -, der in der Lage war, mit dem Westen zu verhandeln, Die Konfrontation sollte in Kooperation umgewandelt werden, um auf diesem Wege der zusammenbrechenden Wirtschaft im Osten Aufbauspritzen zuzuführen. Der neue Mann, der dies bewirken sollte, hieß Michail Gorbatschow. Mit der Wahl Gorbatschows zum Chef der KPdSU begann 1985 der Untergang der kommunistischen Herrschaft in Europa. Das heutige Rußland ist auch aus der Sicht von Edward Teller ein potentieller Partner für ein weltweites, effizientes System der Raketenabwehr, das möglichst alle zivilisierten Staaten der Erde davor schützen sollte, unbeherrschbaren Gefahren ausgesetzt zu werden. Teller meinte, es solle mit der »Geheimniskrämerei« auf diesem Gebiet Schluß gemacht werden. Möglichst viele Staaten sollten ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse austauschen und die Abwehr gemeinsam organisieren. Bis zum Jahr 2010, so wird in einer amerikanischen Analyse befürchtet, werden einige Länder der Dritten Welt - Nordkorea, Iran und eventuell Irak - in der Lage sein, mit Langstreckenraketen sogar amerikanische Städte zu bedrohen. Solche Gefahrenherde lassen sich isolieren und militärisch neutralisieren, wenn alle an stabilem Frieden interessierten Staaten Zusammenarbeiten - mit dem Ziel, im gemeinsamen Interesse den Schutz aller zu gewährleisten. Auch ließe sich durch vermehrte Zusammenarbeit verhindern, daß Rußland und China weiterhin technische Komponenten für Hochrüstungsprojekte an Länder der Dritten Welt liefern. Obwohl das Pentagon angekündigt hat, bis zum Jahr 2003 alle Daten für den Aufbau eines amerikanischen Raketenabwehrsystems vorzulegen, sind die Erwartungen gering, was den gegenwärtigen Präsidenten und seinen Vizepräsidenten angeht. Im Jahr 2000 gibt es freilich wieder Präsidentenwahlen und die Chancen stehen gut, daß erneut ein konservativer Republikaner - beispielsweise der soeben wiedergewählte Gouverneur von Texas, George Bush junior (Sohn des früheren Präsidenten) - ins Weiße Haus einzieht. Im Gespräch mit der EPOCHE äußerte Edward Teller: »Clinton setzt sich nur in dem Maße dafür ein, in dem die Armee dies wünscht. Die Armee hat politischen Einfluß.« Um den größtmöglichen Schutz zu gewährleisten, sagte Teller, »müßte ein wirksames Abwehrsystem gegnerische Raketen so bald als möglich in der Startphase erfassen und sie abschießen, kurz nachdem sie abgefeuert worden sind - noch ehe sie ihre eigentliche Bahn einnehmen. Nachher wird es schwierig.« Teller wünscht viele Teilnehmer: »Was zur Zeit nicht geschieht, aber geschehen sollte, wäre eine internationale Vereinbarung über die Verwendung von Raketen zu verschiedenen Zwecken. Darunter sind ja auch akzeptable Zwecke, doch müßte sichergestellt werden, daß jeder Raketenabschuß - gleichgültig, zu welchem Zweck und in welchem Teil der Erde er vorgenommen wird - eine Woche vorher an eine zentrale Erfassungsstelle gemeldet wird. Und wenn dann Raketen abgefeuert werden, die nicht angekündigt worden sind, oder die nicht jene Bahn verfolgen, die in der Anmeldung beschrieben wurde, dann sollte man solche Raketen automatisch abschießen - ohne weitere Verhandlung.« Technische Entwicklungen sollten dadurch natürlich in keiner Weise behindert werden, da es eine Reihe von friedlichen Anwendungen der Raketentechnik gibt. Aber wenn etwas Bedrohliches geschehe, »indem man Raketen unangemeldet - also mit unbekannter Absicht - abschießt, dann muß es die Möglichkeit geben, solche Raketen zu zerstören, noch bevor sie ihre Bahn erreicht haben. In diesem frühen Stadium sind sie nämlich relativ leicht zu erfassen. Man muß sie nahe an der Stelle treffen, von der sie abgefeuert werden. Das Abwehrsystem hier für muß zwar im Weltraum stationiert werden, aber nahe zur Erde.« Ein solches System könne viele Aufgaben gleichzeitig erfüllen: »Die Benützung der neuen Satelliten, die nicht weit außerhalb der Atmosphäre sein werden, sollte mehreren Zwecken dienen. Wir schlagen vor, sie weltweit zur Verbesserung der Wetterprognosen nutzbar zu machen. Genauere Vorhersagen helfen, Schäden und Verluste durch Naturkatastrophen zu mindern. Das erleichtert sowohl die Finanzierung wie auch die weltweite Akzeptanz. Amerika hat dies auf internationalen Konferenzen angekündigt und die Idee wurde gut aufgenommen - was freilich noch nicht besagt, daß auch etwas geschieht.« Vor ungefähr 50 Jahren, betonte Teller, sei es nur möglich gewesen, das Wetter auf zwei bis drei Tage vorherzusagen. Heute sei man bei sechs Tagen angelangt. Es ist aufgrund der verbesserten Rechenmöglichkeiten denkbar, daß es irgendwann Wettervoraussagen für einen Zeitraum bis zu 30 Tagen geben könnte. Zumindest auf zwei Wochen ließe sich die bisherige Prognosezeit ausweiten. Und dadurch würden erhebliche Kosteneinsparungen erzielt werden, so daß sich das neue System teilweise von selbst finanzieren könnte. Teller rechnet mit jährlichen Kosten bis zu zwei Milliarden Dollar, meint jedoch, daß der Nutzen, den die ganze Welt daraus ziehe, höher zu veranschlagen sei. Amerikanische Wissenschaftler glauben, daß man dafür ungefähr zweihundert Satelliten in erdnahen Umlaufbahnen kreisen lassen müsse, die ihrerseits mit speziellen Instrumenten und in Verbindung mit Hochleistungsrechnern zehn Milliarden kleine Kügelchen (Stückpreis: 1 Cent) beobachten, die über die gesamte Atmosphäre verteilt werden. Dadurch ließen sich sämtliche Luftbewegungen einschließlich aller Windgeschwindigkeiten und - durch die verschiedenen Reflexionen - auch Temperaturen messen. Teller meinte voller Optimismus: »Wenn wir das hätten, dann könnte man das Wetter auf zwei Wochen genau voraussagen - und das wäre von Vorteil für jeden Menschen.« Zweihundert Satelliten in erdnahen Umlaufbahnen - in Verbindung mit den modernsten Computern - ließen sich natürlich auch noch für ganz andere Beobachtungszwecke einsetzen. Teller wies darauf hin, daß in der Erdgeschichte Meteoriteneinschläge größte Schäden angerichtet haben. Er erwähnte die (heute wissenschaftlich gefestigte) Theorie, wonach das Aussterben der Dinosaurier vor mehr als sechzig Millionen Jahren durch einen Meteoriteneinschlag auf der Halbinsel Yucatan im heutigen Mexiko ausgelöst wurde. Der letzte große Meteorit, sagte Teller, »war meiner«. Er traf im Geburtsjahr von Edward Teller - 1908 - in Sibirien, knapp nördlich des Polarkreises die Erde. In dieser menschenleeren Gegend setzte er Wälder in Brand und ließ den Boden erbeben, richtete jedoch keine größeren Schäden an. Fraglos liegt es im Interesse der Menschheit, sich darauf einzustellen, daß es - wie Teller hervorhob - »solche Zusammenstöße von Zeit zu Zeit gibt, vielleicht einen pro Jahrtausend, vielleicht auch etwas häufiger. Man weiß, daß große Meteoriten in noch viel kürzeren Abständen zwar die Erde nicht treffen, aber in die Nähe unseres Planeten kommen - häufig näher als der Mond. Dies kann vorausgesagt werden. Immer dann, wenn sich solche Meteoriten der Erde nähern, sollte man sie genau beobachten und notfalls ihre Bahn beeinflussen. Wenn sie eine Gefahr für die Erde bilden, kann man kleinere Meteoriten durch Explosionen in eine andere Bahn befördern. In jedem Fall aber muß man sie genau studieren und herausfinden, welche Zusammensetzung sie haben.« Mit Blick auf die Dinosaurier-Theorie sagte Teller, daß große Meteoriten von so hohem Gefährlichkeitsgrad wie der in Yucatan wahrscheinlich nur alle hundert Millionen Jahre die Erde treffen. Und nur bei Meteoriten dieser Größenordnung wäre es notwendig, sie mit Kernexplosionen abzulenken. In allen anderen Fällen - wie beim »Typ 1908« - würden herkömmliche Sprengstoffe genügen. Notwendig wäre jedoch in jedem Fall ein hochentwickeltes Beobachtungssystem. Diese Aufgabe ließe sich zumindest teilweise von demselben Satelliten-Gürtel aus bewältigen, der auch für die Wetterbeobachtung und zu einem späteren Zeitpunkt für die Raketenabwehr verwendet werden könnte. Auf die Frage, ob tatsächlich so grundverschiedene Beobachtungsbereiche wie das Wetter, die Meteoriten und die Raketenstarts auf der Erde mit dem selben System zu erfassen sind, antwortete Teller: »Natürlich! Zwar können Wetterbeobachtungen auch von Erdstationen aus vorgenommen werden, aber beides läßt sich miteinander kombinieren. Die besten Beobachtungsgeräte kann man, nachdem sie sich bewährt haben, zusätzlich in den Weltraum hinausschicken und dort einsetzen. Zunächst bin ich besonders an der Wettervoraussage interessiert, da dies dem allgemeinen Interesse dient. Hier können alle zusammenarbeiten und man kann die Möglichkeit der gegenseitigen Information nutzen und ausbauen.« Edward Teller denkt hier politisch. Mit dem Wetter kann man am leichtesten beginnen und die Meteoritenbeobachtung folgen lassen. Die Krönung des »Teller-Planes« läge schließlich im dritten Bereich, der Raketenabwehr. Dies ist zwar heute noch Zukunftsmusik, aber ein großer Denker wie Edward Teller hat stets weite Perspektiven im Auge: »Ich möchte darauf zusteuern, daß man dabei nichts geheim hält.« Wir sprachen über den Vortrag, den Edward Teller auf Einladung der EPOCHE Anfang 1987 in München gehalten hat. Damals wollte er, daß sich die Deutschen am Raketenabwehrprogramm SDI beteiligen. Auf die Frage, ob die Information zutreffe, daß diese Zusammenarbeit vor allem am übertriebenen Geheimhaltungsbedürfnis der Amerikaner gescheitert ist, antwortete Teller scherzhaft: »Es ist richtig. Das heißt, es war falsch, aber es ist wahr!« Teller meinte damit, das Verhalten der USA sei falsch gewesen - doch die Information hierüber zutreffend. Teller gab sich überzeugt, daß die friedliche Nutzung der Kernenergie Zukunft hat. Noch Tausende von Jahren könnte die Menschheit damit Energie erzeugen, doch wäre es zweckmäßig, künftig die Kernkraftwerke unterirdisch zu bauen und so sehr zu automatisieren, »daß sie keine menschliche Hilfe mehr brauchen«. Die Abfälle von Kernkraftwerken ließen sich im Umfang stark reduzieren und sie sollten dann gleich im Bereich der unterirdischen Anlage verbleiben, so daß Transporte nicht mehr notwendig wären. Mit Blick auf Osteuropa befürwortet Teller die Ersetzung von Kernreaktoren sowjetischer Bauart durch modernere und sicherere Kernkraftwerke neuester westlicher Bauart, die jedoch von Anfang an unterirdisch errichtet werden sollten. Auch über Klima-Theorien hat Teller nachgedacht: »Wir müssen die Forschung fortsetzen - beispielsweise über die Behauptung, daß wir zuviel Kohle und Öl verbrennen und daß es zuviel Kohlendioxyd in der Atmosphäre gibt und es deshalb wärmer wird. Diese Behauptung ist unbewiesen - aber möglicherweise richtig. Doch wenn wir geeignete Teilchen in der Stratosphäre verbreiten, um ein Prozent der Sonnenstrahlen in den Weltraum zurückzureflektieren, dann können wir die Erderwärmung vermeiden - falls es sie wirklich gibt.« Die Physik werde sich weiterentwickeln: »Selbst Einstein hatte seine Schwierigkeiten mit der Quantenmechanik. Sein berühmtes Urteil war: Ich kann mirvorstellen, daß Gott die Welt nach irgendwelchen Regeln leitet, aber ich kann nicht glauben, daß würfelt. Es gibt im Hinblick auf die Zukunft aber nur Wahrscheinlichkeiten. Relativität und Quantenmechanik sind richtig. Es werden noch viel mehr Überraschungen kommen. Wir wissen, daß wir die Welt nicht verstehen.« Um doch noch mehr über diese Welt nachdenken zu können, hat sich Edward Teller ein Ziel gesetzt, das er am Schluß unseres Gesprächs mit schmunzelndem Gesicht in den Halbsatz goß: »... und so ist es meine nächste Aufgabe, hundert Jahre alt zu werden.« Die geistige Spannweite, Beweglichkeit und Vitalität dieses genialen Mannes läßt es in der Tat erwarten, daß ihm dies gelingt. Schließlich will er auch noch seine Memoiren vollenden, Dazu fehlte ihm bislang die Zeit. |
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