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pingreen.gif 1 KB Das Humankapital Familie im Zeitalter der Dekadenz

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Erziehungslohn? Neue Initiativen bringen frischen Wind in die familienpolitische Diskussion - Erwerbsarbeit und Erziehungsleistung - Es geht um Grundsätze und Werte, die in der CSU fest verankert sind, während in der CDU der Vordenker Kurt Biedenkopf bereits auffällt, wenn er Selbstverständliches offen ausspricht - Schöne neue rot-grüne Welt: aus einem Schulbuch in Nordrhein-Westfalen


von Jürgen Liminski

Die naheliegende Idee, die letztlich im Interesse des ganzen Volkes erbrachte Leistung der Kindererziehung durch ein »Erziehungsgehalt« zu honorieren, gewinnt in jüngster Zeit zahlreiche Anhänger. Nachdem sich der sächsische Sozialminister, der Deutsche Arbeitskreis für Familienhilfe und die bayerischen Katholiken dafür aussprachen, kam es am 22.10.1998 in Straßburg zur Gründung des Europäischen Instituts für Aufwertung der Erziehungsarbeit. Die Initiatoren hatten zuvor Veranstaltungen in Deutschland durchgeführt, um die Öffentlichkeit zu gewinnen - darunter einen hochkarätig besetzten Kongreß in der Frankfurter Paulskirche.

Einer der Vordenker und Wegbereiter vernünftiger Familienpolitik ist Kurt Biedenkopf. Er wies auf dem Kongreß in drastischen Worten auf das Problem des mangelnden Verständnisses für die Familien in der Erwerbswelt der Männer hin. Es müsse - gerade im Bereich der Familienarbeit - »mehr Austausch zwischen Männern und Frauen stattfinden«. Wenn die Arbeit der Erziehung, die meist von Frauen geleistet werde, keine Anerkennung finde, dann »muß Erwerbsarbeit eben in die Familie kommen« und deshalb sei ein Erziehungsgehalt - Biedenkopf bevorzugt den Begriff Erziehungslohn - »notwendig«.

Der Sachsenkönig gehört nicht zu denen, die gelegentlich ein paar verbale Brosamen für die Institution Familie vom Tisch der Politik fallen lassen. Ihm geht es nicht um Parteipolitik. Für ihn handelt es sich bei dieser Thematik um eine »Existenzfrage in Deutschland«. In den letzten 130 Jahren habe die ganze westliche Welt eine Sozialstruktur entwickelt, die sich auf Erwerbsarbeit konzentriere und soziale Beziehungen, soziales Ansehen und vor allem das Selbstwertgefühl an der Erwerbsarbeit ausrichte. Hier habe der »Fehler«, die Förderung von Familien bloß als Teil der Sozialpolitik zu sehen, seine Wurzel.

Man sei vielfach immer noch der Meinung, ergänzte der sächsische Ministerpräsident danach im Deutschlandfunk, daß »Familie von selbst existiere, obwohl ihre Gefährdung im Kern bereits evident« sei. Man müsse dagegen Familie »als den Raum der Gesellschaft stärken, in dem Humankapital heranwächst«. Das sei eine Frage der Investition in die Zukunft, mithin eine Existenzfrage, der sich die politische und wirtschaftliche Elite des Landes nicht länger verschließen solle. Die Kurskorrektur bestünde darin, daß man »eine Konzentration auf die Investitionen in das Humankapital - ähnlich wie in das Produktionskapital - vornimmt«.

Auf jeden Fall, so Biedenkopf wörtlich, »muß die Diskriminierung derer abgebaut und beseitigt werden, die in die Zukunft investieren und damit Zukunft überhaupt erst möglich machen, gegenüber denjenigen, die mehr in der Gegenwart leben und Zukunft Sache derer sein lassen, die Kinder großziehen«. Ein »Erziehungslohn« mache nicht nur die Option, zwischen Familienarbeit und Berufsarbeit zu wählen, zu einer realistischen Möglichkeit, sondern trage auch dazu bei, das soziale Prestige von Erziehungsarbeit zu heben und dem der Erwerbsarbeit gleichzusetzen. Deshalb sei ein Erziehungsgehalt angebracht.

In diesem Sinne rief das auf dem Kongreß verabschiedete Frankfurter Manifest für Arbeit, Familie und Zukunft Politiker, Gewerkschafts- und Wirtschaftsführer auf, »den Arbeits- und Leistungsbegriff neu zu definieren, so daß die für die Gesellschaft relevante Erziehungsarbeit Anerkennung im Sozialprodukt findet. Ohne Kinder erstarrt die Zukunft«. Man wolle eine Anerkennung und Bewertung der Arbeit als »Ausdruck der Schöpfungskraft des Menschen, als sein Feld der Bewährung«. Wer Erziehungsarbeit übernehme, der erwerbe und erfülle Kompetenzen, die denen einer Erwerbsarbeit vergleichbar seien. Deshalb müsse der »Beitrag elterlicher Erziehung für die Bildung von Humanvermögen wieder stärker Eingang in den politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Diskurs finden«.

Familie sei, betonte Biedenkopf, »unverzichtbar, wenn eine Gesellschaft sich nicht aufgeben« wolle. Sie sei »die Schutzzone, in der die Kinder die Fähigkeit zu Freiheit und Verantwortung lernen«. Das Frankfurter Manifest transportierte dies auf die Ebene der politischen Ordnung mit den Worten : »Zur Demokratie und ihren Grundsteinen gehört die Hoffnung auf Zukunft, gehören Gemeinsinn und das, was Aristoteles schon das Band der Freundschaft nennt. Demokratie ... lebt gerade von menschlicher Bildung und Erziehung, von einem Denken und Handeln im Bewußtsein der Würde des Menschen.« Das seien Früchte dessen, was die Sozial- und Wirtschaftswissenschaften als Humanvermögen oder Humankapital bezeichnen. Das Manifest endet mit den Worten: »Zu dieser Wiederentdeckung des Humanvermögens, dieses Kontinents des Menschlichen in der globalisierten Welt, dazu wollen wir einen Beitrag leisten.«

Das ist gelungen - doch es bedarf vieler solcher Beiträge in einem Staat und in einer Gesellschaft der Bindungslosigkeit und des fortschreitenden Werteverfalls. Von nichts kommt nichts. Wenn selbst im Schulunterricht traditionelle Familienbindungen als überholt dargestellt und mit negativen Vorzeichen versehen werden, braucht sich niemand über die Folgen zu wundern. Zur Illustration dessen möge ein kleines Beispiel aus einem rot-grün regierten Bundesland beitragen, das Einblicke in die schöne neue rot-grüne Welt gewährt.

In einem Lesebuch der zweiten Klasse einer Grundschule in Nordrhein-Westfalen - die Kinder sind sieben oder acht Jahre alt - findet sich folgender Text:

An einem Sonntagmorgen fing Papa an, seine Hemden und Hosen in einen Koffer zu packen. »Verreist du?«, fragte Bernd. »Ich muß dir etwas sagen«, antwortete Papa und hörte auf zu packen. »Ich ziehe aus.« - »Du gehst weg? Warum denn?« fragte Bernd. »Magst du mich nicht mehr?« - »Doch«, sagte Papa, zog Bernd zu sich und nahm ihn in den Arm. »Du kannst doch Mama nicht allein lassen!« sagte Bernd. »Mama will es ja auch«, antwortete Papa. »Das hat überhaupt nichts mit dir und mit mir zu tun. Mama und ich trennen uns, nicht du und ich. Du bleibst immer mein Sohn und ich dein Papa.«

Es folgt der freundliche Hinweis auf ein Buch, in dem »du erfährst, wie es weiterging« und daß »du das Buch in einer Bücherei ausleihen« kannst. Schöne neue rot-grüne Welt. Wie wunderbar zärtlich und harmlos geht doch so eine Trennung vor sich. Papa und Mama wollen das beide, und dann zieht Papa eben aus, so wie man früher halt ein Sofa aus dem Haus und auf den Sperrmüll getragen hat - so macht man das heute im neuen Deutschland auch mit menschlichen Beziehungen. Die Kinder sollen schon im Unterricht erfahren, wie selbstverständlich eine Trennung ist. Eltern, die zusammenbleiben wollen, wird man kaum dafür gewinnen, diese Selbstverständlichkeit zu lehren. Davon abgesehen, daß in manchen Klassen heute schon zwei von fünf Kindern dieses Drama zuhause erlebt haben und solche Geschichten traumatische Szenen schmerzhaft in Erinnerung rufen, ist das Ergebnis solch schleichender, jahrelanger Indoktrination auch Ende September 1998 wieder in einer kleinen Schlagzeile auf die ersten Seiten gerückt: Mit 188.000 Trennungen wurden in Deutschland 1997 so viele Ehen geschieden wie nie zuvor. International gesehen liegt Deutschland damit im Mittelbereich - allerdings mit einem starken Trend nach oben, so daß nach Meinung von Sozialpsychologen Deutschland bald neben den USA den Spitzenplatz einnehmen dürfte, wo heute schon jede zweite Ehe geschieden wird.

Weltklasse für Deutschlands Dekadenz bei Ehe, Familie und Lebensrecht! Denn das, was die rot-grüne Bundesregierung in der eben begonnenen Legislaturperiode gesellschaftspolitisch ziemlich rasch über die nunmehr niedrigen parlamentarischen Hürden bringen wird, steht entweder in den Programmen, in Interviews oder in den Köpfen: Einführung der Abtreibungspille RU 486, Gleichstellung von homosexuellen und lesbischen Paaren mit der normalen Ehe unter dem angenehm klingenden Namen »soziale Lebenspartnerschaft« einschließlich aller rechtlichen sowie finanziellen Konsequenzen, Erleichterung der Scheidung, Legalisierung von Haschisch und staatliche Verteilung von Heroin, Erleichterung der Einwanderung, Ausweitung des Asylrechts, doppelte Staatsbürgerschaft ab acht Jahren Aufenthalt in Deutschland - bei Minderjährigen ab fünf und bei Ehepartnern ab drei Jahren. Dazu natürlich für alle Ausländer das Wahlrecht in Kreisen und Gemeinden.

Manche dieser Vorhaben wären vermutlich auch unter einer CDU-Regierung ins Parlament eingebracht und dort verabschiedet worden. Der gesellschaftspolitische Kahlschlag war unter Kohl vorbereitet worden. Kohl hat immer gewähren lassen und sich beispielsweise nie öffentlich gegen Abtreibung ausgesprochen; Süssmuth und Co. dagegen haben sich schon öfter für die Abtreibungspille und auch für die Gleichberechtigung von homosexuellen und lesbischen Paaren mit normalen Ehen stark gemacht. In der Drogenpolitik hätte die CSU manches verhindert, ebenso beim Thema Ausländerrecht. Sie ist programmatisch weitgehend geschlossen. Aber die CDU taumelt nun in eine Existenzkrise. Kohl hat das gesellschaftspolitische Feld vernachlässigt - die geistig-moralische Wende fand nie statt. Nun ernten die Linken, was unter Kohl nahezu unbehelligt gesät wurde.

Eine Trennung sui generis war absehbar: Der Patriarch der Partei blieb, aber die Wähler zogen aus. Es waren nicht nur Wähler, die eine neue Familienpolitik forderten und sie eher in den Versprechen der SPD fanden als in der Praxis der CDU. Es war auch der Wähler, der nach weltanschaulicher Orientierung suchte und sie im Selbstbedienungsladen der CDU nicht mehr fand. Nun ist die Existenzkrise da und es wird nicht möglich sein, sie ohne Neuanfang und ohne ein neues Programm mit gesellschaftspolitisch glaubwürdigen Postulaten zu überleben.

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