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von Karl Ludwig Bayer Politisch korrekt hatte er natürlich von »Sinti und Roma« gesprochen und nicht von »Zigeunern«. So ungehobelt wie das einfache Volk redet er nicht. Seine Kenntnis der Genetik wird ihm überdies gesagt haben, daß er nicht sofort mit einer Verschönerung seines Antlitzes rechnen kann, sondern erst - nach entsprechender Durchmischung mit den schönen Menschen - in späteren Grass-Generationen. Ungeachtet dieser zeitlichen Hürde, die einer raschen Veredelung entgegensteht, waren viele Deutsche, die in Grass ihren intellektuellen Vorturner sehen, von der Idee fasziniert. Vor allem häßliche Politiker liefen Grass in Scharen hinterher - so, als wäre er der legendäre Rattenfänger. Im Rückblick aus dem Jahr 2011 läßt sich berichten: Bundeskanzler Schredder sah sich - gleich im Anschluß an die Abschaffung der Asylrechtsreform - veranlaßt, alle Zigeuner der Welt einzuladen, nach Deutschland zu übersiedeln. Überall entstanden deutsche Anwerbebüros, vor allem auf dem indischen Subkontinent und im gesamten Mittelmeerraum, in Rumänien und in den angrenzenden Balkan-Staaten. Auf Kreuzfahrtschiffen sowie in Großraumtransportern, die von der russischen Luftwaffe zur Verfügung gestellt wurden, kamen Millionen schöner Menschen in das gelobte Land an Neckar, Rhein und Elbe. Sämtliche Fernstraßen zwischen Indien und Deutschland waren überlastet, denn in Konvois bis zu hundert Kilometern Länge bewegte sich ein Strom von Campingwagen und alten Planenwagen Richtung Mitteleuropa. Bundesaußenminister Zischer hatte größte Mühe, die Regierungen der betroffenen Staaten zu überreden, die Durchreise zu gestatten. Mit Hilfe einer kräftigen Anhebung der deutschen Entwicklungshilfezahlungen gelang es ihm. Die Schredder-Zischer-Koalition verabschiedete mit ihrer neuen Mehrheit im Bundestag ein sogenanntes fortschrittliches Staatsangehörigkeitsgesetz, dessen erster Satz lautete: »Deutschland ist ein Einwanderungsland.« Ein paar Sätze weiter hieß es: »Mehrfache Staatsangehörigkeiten sind zulässig.« - Sinti und Roma konnten fortan indische oder rumänische Staatsbürger bleiben und trotzdem in den Genuß deutscher Pässe gelangen. »So progressiv wie Deutschland ist kein anderer Staat der Erde«, jubelten die Fernseh-Kommentatoren. Dank des deutschen Schuldkults war die Finanzierung der Masseninvasion keine Frage, die langer Diskussionen bedurfte. Die neue Mehrheit verabschiedete im Schnellverfahren ein Wiedergutmachungsgesetz: »ZigeunerInnen« hatten danach Anspruch auf deutsche Sozialhilfesätze - plus 50 Prozent Wiedergutmachungszuschlag - sowie die Erstattung sämtlicher Reisekosten. Kaum war dieser Beschluß im indischen Fernsehen bekanntgegeben worden, verzehnfachte sich die Zahl der monatlichen Zuwanderer nach Deutschland. Die Einwohnerzahlen von Berlin, Hamburg und München stiegen durch riesige Zeltstädte in den Vororten ins Unermeßliche. Der in das neugeschaffene Amt eines Bundeskultusministers berufene Günter Grass führte wahre Freudentänze auf. So viele schöne Menschen hatte er noch nie auf einen Haufen gesehen. Auf seine Anregung hin sangen alle Schulkinder fortan im Chor Emmerich Kalmans unsterbliches Lied »Komm' Zigan ... Ich geb' Dir alles, was du willst, wenn du nur schön spielst«, sowie - aus der bekannten Operette Der Sinti- und Roma-Baron von Johann Strauß - die ernährungspädagogisch wertvolle Brotzeit-Arie »Mein idealer Lebenszweck ist Borstenvieh, ist Schweinespeck«. Zu spät merkten die Deutschen, daß Zehntausende schreibkundiger Inder die Papiere, die sie als Sinti und Roma auswiesen, selber produziert hatten: für sich und unzählige andere. Ein schwunghafter Handel mit Zigeuner-Abstammungsnachweisen war in Gang gekommen. Ein Zehntel der Einwohner Indiens gab sich als Sinti und Roma aus - und übersiedelte nach Deutschland: genug, um dort die Bevölkerungsmehrheit zu bilden und - gestützt auf den demokratischen Mehrheitswillen - die Überprüfung ihrer Abstammungsnachweise in den meisten Fällen verhindern zu können. Dank des »progressiven« Staatsangehörigkeitsrechts waren sie bei der Bundestagswahl 2010 alle stimmberechtigt. Als am letzten Sonntag im September des Jahres 2010 der Bundeswahlleiter zu nächtlicher Stunde mit Grabesstimme das vorläufige Endergebnis bekanntgab und zusammenfassend feststellte, daß die Sinti-und-Roma-Parteien - im Volksmund »indische Zigeunervereine« genannt - die Mehrheit der Mandate errungen hatten, baten Schredder und Zischer ihre Leibwächter, ihnen »nur ganz kurz einmal« die Dienstwaffen zu überlassen. Sie gaben sich die Kugel. Strahlungen aller Art begleiten uns seit der Steinzeit: kosmische Strahlung, Bodenstrahlung, natürliche Radonstrahlung. Durch menschlichen Erfindergeist kamen die Röntgenstrahlen der Medizin und die Kernkraftemissionen hinzu. Durchschnittliche Gesamtbelastung eines Deutschen: 4 Millisievert (mSv). Davon entfällt ein Viertel Prozent - also 0,01 Millisievert - auf die Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung. Hätten wir einen grünen Bundesumweltminister, der die angekündigte »radikale Senkung der Grenzwerte« durchsetzen würde, dann bliebe (wegen der 99,75 Prozent, die er nicht ändern könnte) nur eines: alle Deutschen zu evakuieren. Das Land wäre frei für die schönen Menschen des Günter Grass. |
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