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von Otto von Habsburg Im rohstoffarmen Europa ist die einzige originäre Reichtums- und Machtquelle die Qualität der Menschen. Die Geschichte lehrt, daß Spitzenleistungen von Minderheiten - von Eliten - erbracht werden. Der göttliche Funke findet sich nur in einer beschränkten Zahl. Sie hat Erfolg, wenn es ihr gelingt, die Mehrheit von dem Erdachten zu überzeugen und sie zum Nachvollziehen zu veranlassen. Müßte man für eine Neuerung auf eine Initiative der Mehrheit warten, wären die Aussichten düster. So gesehen ist die Frage der Bildung von Eliten ein Lebensproblem des Kontinents. Der Kampf gegen die Eliten - ihre Diskreditierung, der schlechte Beigeschmack, den man dem Wort »elitär« gegeben hat - ist für Europa selbstmörderisch. Irrtümer sind gefährlich. Das Verwechseln von Gleichheit und Gerechtigkeit fällt ins Auge. Häufig sind die beiden Begriffe geradezu austauschbar. Dabei ist eine erzwungene Gleichheit die größte Ungerechtigkeit. Sie bedeutet nämlich die Unterdrückung derjenigen, die arbeitsam, unternehmungsfreudig und intelligent sind. Die Richtung wird dann durch das kleinste gemeinsame Vielfache bestimmt. Dieses »Gesetz des Konvois«, der vom Tempo des langsamsten Schiffes abhängt, ist für Politik und Wirtschaft verhängnisvoll.
Nicht weniger gefährlich ist die Ausdehnung des Begriffs Demokratie auf alle möglichen, nicht geeigneten Gebiete unter dem Schlagwort »Demokratisierung«. Demokratie ist ein politischer Begriff, der mit Technik und Wirtschaft nichts zu tun hat. Demokratie bezeichnet ein Regierungssystem, das sich durch die Sicherung der menschlichen Freiheit rechtfertigen läßt; nur der demokratische Rechtsstaat kann Anspruch auf Legitimität erheben. Demokratie, richtig verstanden, darf nicht die unbeschränkte Herrschaft der Mehrheit bedeuten, sondern deren Anerkennung der Rechte der Minderheit. Das ist der Prüfstein des Rechtsstaates. Nur zu oft wird der Begriff der Demokratie auch auf Unterricht und Erziehung ausgedehnt, wobei Gleichmacherei gemeint ist und die Verzerrung des Begriffes »Chancengleichheit« eine fatale Rolle spielt. Dies führt zu einer Verwirrung der Geister. Nivellierung erschlägt den Fortschritt und die Initiative - und führt zu einer Verknöcherung, wie sie insbesondere im Sozialismus beobachtet werden konnte. Elite darf nicht mit »Machtelite« verwechselt werden. Denn die Macht allein macht niemand zu einem besseren Menschen. Eine Elite kann nur nach intellektuellen und moralisch-sittlichen Kriterien bestimmt werden. So gesehen ist die erste Bedingung für echte Elite Bildung die Freiheit. Nur in diesem Rahmen kann sich der elitäre Mensch entwickeln und seine Talente zum Tragen bringen, ohne dem anderen den Weg zu verstellen. Eine freiheitliche Elite erneuert sich ständig. Kasten sind keine Eliten - und Privilegien schaffen sie nicht. Demjenigen, der überdurchschnittliche Leistungen erbringen kann, muß stets der Weg nach oben offen sein. Elite bedeutet ferner eine moralische Haltung. Sie fordert von demjenigen, der ihr angehört, einen sauberen Charakter, Opferbereitschaft und Einsatz für die Gemeinschaft. Das Mitglied einer echten Elite lebt nicht für sich selbst, sondern für seinen Nächsten. Wort und Tat müssen übereinstimmen. Das ist auch die Vorbedingung einer richtigen Erziehung der Jugend. Die ältere Generation trägt Verantwortung für ihre Nachkommen. Erziehungsprobleme entstehen meist dort, wo die Eltern etwas anderes predigen, als sie tun. Die Jugend ist hellhöriger, als sich die älteren Menschen dies häufig vorstellen.
Nicht selten wird behauptet, Eliten seien in einer demokratischen Ordnung nicht möglich. Das ist falsch. Schon die merkwürdige Haltung gegenüber Pseudo-Eliten deutet darauf hin, daß selbst egalitäres Denken an Grenzen stößt. Die größten Gleichheitsapostel anerkennen die Sonderstellung von Spitzensportlern, Schauspielern oder beliebten Sängern. Diese werden manchmal sogar als »moderne Aristokratie« bezeichnet, was das Bedürfnis nach Bezugspersonen erkennen läßt. Hätte man den Mut zur echten Elite, gäbe es durchaus die Möglichkeit einer breiteren Akzeptanz, als heute von vielen erwartet wird. Für Europa ist die Neuschaffung und der Ausbau seiner Eliten von entscheidender Bedeutung. Die Zukunft gehört dem Geist. Wir haben noch immer ein gewaltiges Potential, das wir für einen geistig moralischen Neubeginn nutzen müssen. Wir brauchen eine klare Sicht und Sprache und vollen Einsatz. Wir müssen uns wieder gerade als freiheitliche Demokraten zur echten Elite bekennen. Mut zur Elite sichert die Zukunft. | |||||||||