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von Wilfried Böhm Man muß dem russischen Präsident Jelzin recht geben, wenn er sich darüber beklagt, daß »ganz Moskau von Reklame in Fremdsprachen überladen« sei und daraus die Schlußfolgerung zieht: »Unsere heilige Pflicht ist es, die Reinheit der russischen Sprache zu bewahren.« Jelzin kündigte an, daß sich künftig eine Kommission von Spezialisten mit dem Schutz der russischen Sprache beschäftigen solle. Wenn man auch das Russische nicht mehr an die Sprache Puschkins annähern könne, so müsse sie doch zumindestens »gereinigt« werden, denn für die russische Kultur seien »fremde Massenkulturen« unannehmbar. Gegebenenfalls solle auch ein Verbot für fremdsprachige Werbung in ganz Rußland erwogen werden. Wenn Jelzin mit einem Verbot auch über das Ziel hinausschießen würde, so wünscht man sich seine Worte doch in das Ohr der Verantwortlichen in Deutschland, denn der deutschen Sprache geht es nicht anders als der russischen - nur schon länger und mit verheerenderen Folgen für die Sprachkultur. Betrachtet man das Fernsehen in Deutschland, hört man Musik im Radio oder geht man in unseren Städten spazieren, dann wird man in einem Ausmaß von englischsprachiger Massenkultur überwältigt, die an Zustände erinnern, wie sie früher den Kolonialvölkern zugemutet wurden. Wenn aus einem Geschäft für Spielwaren und Kindermoden ein »Toy shop - Fashion für Kids and Teens« wird und die Deutsche Bahn AG für »Rail & Fly« wirbt und zu »Happy Weeks« und zum Service point bittet, dann gewinnt man den Eindruck, die deutsche Sprache wäre in Deutschland abgeschafft. Sixt-Budget ruft dazu auf: »Come on baby, drive my Ka«, Hogan meint: »Free Your Feet«, Marlboro will seine Zigaretten loswerden mit »Come to where the flavor is«. »Make the feeling last«, erhofft sich adidas, Philips bemüht sich mit »Let's make things better«, Falke-Strümpfe sind »For Tomorrow's People« und VW preist: »Diesel at it's best«.
Diese Mischsprache ist kein Zeichen für eine Bereicherung des Deutschen, sondern für seinen Verfall. Überschätzung des Fremden, Mangel an Selbstwertgefühl und Mißachtung der eigenen Sprache haben ein groteskes Ausmaß angenommen. Wer der fixen Idee verfallen ist, daß Weltoffenheit mit dem Verzicht auf die eigene Sprache und damit die eigene Kultur demonstriert werden könne, zerstört die unverwechselbare Identität des vielzitierten Standorts Deutschland. Hauptverantwortung tragen einige Großunternehmen, die Mächtigen in den Medien und nicht zuletzt die Kultusminister. Diese blamieren sich nicht nur mit ihrer sogenannten Rechtschreibreform, die sie ohne jedes demokratische Fingerspitzengefühl dem Volk verordnen wollen, sondern auch damit, daß sie sich nicht um die deutsche Sprache kümmern und ihren Verfall zulassen. Es fehlt offenbar an der Führung durch eine politisch und gesellschaftlich verantwortliche Schicht, die sich für den Geist der Sprache verantwortlich fühlt. Das ist kein Wunder, denn die Mächtigen in Wirtschaft und Politik reihen sich nur allzugern in die abgehobene Welt der »global players« ein, jener weltweiten Flughafen-Gesellschaft - pardon - »global airport society «, die von Hotelzimmer zu Hotelzimmer »jettet«, aber kein Zuhause mehr hat und diese bedauernswerte Lebenssituation auch noch mit hohem Lebensstandard verwechselt. Die Vernachlässigung der deutschen Sprache schlägt sich auch in der offensichtlichen Unfähigkeit nieder, sie in den europäischen Gremien ihrer realen Bedeutung in Europa gemäß durchzusetzen. In der Praxis der Europäischen Union führt das nicht nur zu Nachteilen bei Ausschreibungen, Antragstellungen und Auftragsvergaben, sondern auch bei der Mitwirkung an der politischen Gestaltung. Im Europarat, der ältesten und größten demokratischen Organisation Europas, sind nur Englisch und Französisch Amtssprachen. Die europäische politische Diskussion ist gegenwärtig fixiert auf die spannende Frage: Kommt der Euro und wird er Bestand haben? Die gemeinsame Währung steht dabei für die Frage der künftigen Organisation der Wirtschafts- und Sozialpolitik in Europa. Viel weniger Beachtung findet hingegen die für die künftige Organisation des Zusammenlebens in Europa genauso wichtige Frage der Sprache, sowohl als Mittel der Kommunikation nach innen und außen als auch zur Gestaltung des menschlichen Miteinanders, also der Kultur des Kontinents. Unter diesem Gesichtspunkt spielt im öffentlichen Bewußtsein das Sprachenproblem bei weitem nicht die ihm zukommende Rolle. Dabei droht sich die Europäische Union im Gewirr ihrer Amtssprachen zu verheddern. Bereits heute gibt es bei 15 Mitgliedern elf Amtssprachen mit 110 möglichen Sprachkombinationen. Kommen die ostmittel- und osteuropäischen Staaten hinzu, werden es 23 Sprachen mit 506 Kombinationen sein. Sollte, wie viele es anstreben, Englisch als die weitaus meistverbreitete Zweitsprache künftig als die Verkehrssprache Europas dienen - wie früher das Latein - und von jedem Europäer schon im Kindergarten zu erlernen sein? Das würde den englischen Muttersprachler bevorzugen und alle übrigen diskriminieren. Europas Kultur aber gründet auf seiner kulturellen und damit sprachlichen Vielfalt. Es wird mehrsprachig bleiben müssen, wenn es sich selbst treu bleiben will, und viele kleine Sprachen dürfen nicht in den Bereich der Folklore abgedrängt werden. Die Frage nach der Bedeutung und der Behauptung der deutschen Sprache hat besonderes Gewicht, denn sie ist nicht nur das Kommunikationsmittel der größten Sprachgemeinschaft Europas (ohne Rußland). Der Bonner Sprachwissenschaftler Heinrich Kelz hat erst unlängst wieder darauf hingewiesen, daß Deutsch auch die Sprache ist, die im Zentrum Europas die größte Verbreitung hat und vielfältige Verflechtungen mit ihren Nachbarsprachen aufweist. Das deutsche Sprachgebiet grenze an 14 andere Sprachgebiete mit dem größten Bevölkerungsanteil in Europa. Das bedeute - bei offenen Grenzen - Sprachkontakte menschlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Art, wie sie keine andere Sprache aufweisen könne. Deutsch hat demnach eine große europäische Aufgabe wahrzunehmen. In vielen Staaten des östlichen Europa ist Deutsch die »Sprache der Freiheit«, auch wenn das manche Deutsche selbst nicht wahrhaben wollen. Ob die deutsche Sprache ihre bedeutende europäische Aufgabe wahrnehmen kann, muß bezweifelt werden, solange Politik und Wirtschaft in Deutschland selbst der Zerstörung der deutschen Sprache nicht entschieden Einhalt gebieten.
Gegen die Vorherrschaft der englischen Sprache in den deutschen elektronischen Medien haben vor einiger Zeit - vorwiegend aus begreiflichen wirtschaftlichen Gründen - über 2000 bekannte deutschsprachige Sänger, Musikanten, Komponisten und Konzertveranstalter protestiert und verlangt, mindestens 40 Prozent der Musikprogramme mit Produktionen einheimischer Künstler zu bestreiten. Ähnliche Regelungen bestehen in Frankreich, das eine zielbewußte Politik zum Schutz seiner Sprachkultur betreibt. Die Folge dieser Politik ist, daß dieselben internationalen Unternehmen, die ihre Produkte den deutschen ungeniert mit englischsprachiger Werbung anpreisen, die Franzosen selbstverständlich französisch ansprechen. Der Rocksänger Achim Reichel bemerkte zutreffend: »Zu einem gesunden Sozialklima gehört nicht nur die Mark in der Tasche, sondern auch eine intakte eigene kulturelle Identität.« Es ist bezeichnend, daß ein französischer Minister die Deutschen aufforderte, ihre Sprache so zu verteidigen, wie es die Franzosen mit ihrer eigenen Sprache selbstverständlich tun. Ungebrochene nationale Identität ist ein Zeichen der Normalität. Die Deutschen haben auf diesem Gebiet noch Nachholbedarf. | |||||||||