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pingreen.gif 1 KB In allen Völkern ist der Mensch eine Legierung aus Gut und Böse

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Bewältigung der Vergangenheit und der Vergänglichkeit - Nur der ist berechtigt, Heroismus von anderen zu fordern, der ihn für seine eigene Person unter Beweis gestellt hat - Sinn, Würde und Mut - Versöhnung auch im Namen der Toten - »Retrograde Kollektivschuld«. Wir erinnern an Gedanken unseres unvergessenen Freundes und Autors VIKTOR E. FRANKL zum Thema Schuld anläßlich der 40-Jahr-Feier der Befreiung des KZ-Außenlagers Türkheim durch amerikanische Truppen. Sein Manuskript vom 27.4.1985 stellte Viktor E. Frankl exklusiv der EPOCHE zur Verfügung


Meinen Kameraden in der KZ-Haft sagte ich selbst in der trostlosesten Situation, daß ich - für meine eigene Person - trotz allem nicht daran dächte, die Hoffnung aufzugeben und die Flinte ins Korn zu werfen. Kein Mensch wisse die Zukunft - kein Mensch wisse, was ihm vielleicht schon die nächste Stunde bringe. Aber ich sprach nicht nur von der Zukunft und von dem Dunkel, in das sie gehüllt war - und von der Gegenwart mit all ihren Leiden -, sondern ich sprach auch von der Vergangenheit, von all ihren Freuden und dem Licht, das sie noch in die Finsternis unserer Tage spendete. Ich zitierte den Dichter, der sagt »Was du erlebt, kann keine Macht der Welt dir rauben«. Was wir in der Fülle unseres vergangenen Lebens - in dessen Erlebnisfülle - verwirklicht haben, diesen inneren Reichtum kann uns nichts und niemand mehr nehmen. Aber nicht nur, was wir erlebt, auch das, was wir getan und das, was wir Großes gedacht, und selbst das, was wir gelitten haben - all dies haben wir hineingerettet in die Wirklichkeit, ein für allemal. Und mag es auch vergangen sein - eben in der Vergangenheit, in der Erinnerung ist es für alle Ewigkeit gesichert. Denn Vergangensein ist auch eine Art von Sein.

Dann sprach ich von der Vielfalt der Möglichkeiten, das Leben mit Sinn zu erfüllen. Ich erzählte meinen Kameraden davon, daß menschliches Leben immer und unter allen Umständen Sinn habe, und daß dieser unendliche Sinn des Daseins auch noch Leiden und Sterben, Not und Tod in sich mit einbegreife. Und ich bat sie, den Dingen und dem Ernst unserer Lage ins Gesicht zu sehen und trotzdem nicht zu verzagen, sondern im Bewußtsein, daß auch die Aussichtslosigkeit unseres Kampfes seinem Sinn und seiner Würde nichts anhaben könne, den Mut zu bewahren. Auf jeden von uns sehe in diesen schweren Stunden irgend jemand mit forderndem Blick herab, ein Freund oder eine Frau, ein Lebender oder ein Toter - oder ein Gott. Und er erwarte von uns, daß wir ihn nicht enttäuschen und daß wir nicht armselig, sondern stolz zu leiden und zu sterben verstehen!


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Viktor E. Frankl, der berühmte Psychotherapeut und Professor an fünf Universitäten, begründete die Logotherapie, die vorrangig dem Ziel dient, dem Menschen in der Sinnfindung Beistand zu leisten.


Wenn man so will, war das Konzentrationslager eine mikrokosmische Spiegelung der Menschenwelt im großen. Das Leben im Konzentrationslager ließ einen Abgrund in die äußersten Tiefen des Menschen aufbrechen. Soll es uns da wundern, daß in diesen Tiefen auch wieder nur das Menschliche sichtbar wurde? Das Menschliche als das, was es ist - als eine Legierung von Gut und Böse! Der Riß, der durch alles Menschsein hindurchgeht und zwischen Gut und Böse scheidet, reicht bis in die tiefsten Tiefen und wird eben auf dem Grunde auch noch dieses Abgrundes, den das Konzentrationslager darstellte, offenbar.

So wird das Leben im Konzentrationslager zu einem Mikrokosmos - zu einem »Modell«, um mit H.G. Adler zu sprechen, der in seinem Bericht die Psychologie des Lagers in Theresienstadt »jenseits des schneidenden Widerspruchs von weißer Unschuld der Opfer und schwarzer Schuld der Verfolger« schildert; »weil es kaum je einen Ort gab, in dem sich zeitliche Geschichte in so verkürztem Ablauf vollzog. Paradigmatisch und in einer seltenen Konzentration enthält das Werden, Geschehen und Vergehen des Lagers die Summe der Leiden und Übel, die sonst mehr verteilt und weniger sichtbar in allen anderen Gemeinschaften wirken können und auch wahrhaftig wirken. Es ist ja das Besondere an dem Lager, daß alles Schiefe, Gefährliche, Närrische und Gemeine, was in Menschen und menschlichen Institutionen wuchert, hier unheimlich und unbarmherzig nackt sich so hervorwagt. Hier sehen wir die dämonische Karikatur einer allgemein möglichen, vielleicht sogar wirklichen Verwaltung vor uns, ein menschenunwürdiges Dasein in pseudokollektiver Vermassung, in Hörigkeit oder Sklaverei.«

Wohl haben uns die vergangenen Jahre ernüchtert; aber sie haben uns auch gezeigt, daß das Menschliche gilt, sie haben uns gelehrt, daß alles auf den Menschen ankommt. Denn er blieb übrig im Erlebnis des Konzentrationslagers. Ich will hier nur jenen Lagerführer aus dem Lager Türkheim, in dem ich zuletzt war und aus dem ich am 27. April 1945 befreit wurde, erwähnen. Er war SS-Mann. Nach der Befreiung des Lagers stellte sich jedoch heraus, wovon bis dahin nur der Lagerarzt - der selbst ein Häftling war - wußte: Der Lagerführer hatte aus eigener Tasche nicht geringe Geldbeträge insgeheim aufgewendet, um aus der Apotheke des nahen Marktfleckens Medikamente für die Lagerinsassen besorgen zu lassen. Der Lagerälteste eben dieses Lagers jedoch, also ein Häftling, war schärfer als alle SS-Wachen des Lagers zusammen; er schlug die Häftlinge, wann und wo und wie er nur konnte, während beispielsweise der Lagerführer meines Wissens kein einziges Mal die Hand gegen einen »seiner« Häftlinge erhoben hat.

Auf den Menschen kam es eben an! Was blieb, war der Mensch. Durchglüht vom Schmerz, wurde der Mensch eingeschmolzen auf das Wesentliche an ihm. Fragen wir uns nach der Grunderfahrung, die uns in den Konzentrationslagern zuteil wurde - in diesem Dasein im Abgrund -, dann läßt sich aus all dem von uns Erlebten als dessen Quintessenz hervorheben: Wir haben den Menschen kennengelernt wie vielleicht bisher noch keine einzige Generation. Was also ist der Mensch? Er ist das Wesen, das immer entscheidet, was es ist. Er ist das Wesen, das die Gaskammern erfunden hat, aber zugleich ist er auch das Wesen, das in die Gaskammern gegangen ist mit stolz erhobenem Haupt und mit dem Vaterunser auf den Lippen - oder dem jüdischen Sterbegebet. Und wenn wir sprechen »Ehre sei den Toten«, so wollen wir auch hinzusetzen: » - und Friede allen Lebenden, die guten Willens sind!«

Nahe dem Lager Türkheim lag ein Bauernhof, in dem eine Großfamilie wohnte, die ich nach dem Krieg traf und photographierte. Es waren die Leute, die während der letzten Kriegstage unter Lebensgefahr ungarische Judenmädchen, die aus dem Lager geflohen waren, bei sich versteckt hatten. Damit will ich demonstrieren, was meine tiefste Überzeugung ist - und bereits vom ersten Nachkriegstag an gewesen war -, daß es nämlich keine Kollektivschuld gibt! Geschweige denn eine - wenn ich es so benennen darf - »retrograde Kollektivschuld«; das heißt, daß man jemanden für mitverantwortlich hält für das, was die Eltern oder gar die Großelterngeneration, was andere Angehörige eines Volkes einmal getan haben.

Schuld kann nur persönliche Schuld sein - Schuld für das, was einer selber getan oder auch unterlassen hat, was zu tun er verabsäumt hat. Aber selbst dann müssen wir ein gewisses Verständnis aufbringen für das Bangen der Betreffenden um ihre Freiheit, ja um ihr Leben, und nicht zuletzt um das Schicksal ihrer Familien. Gewiß: es hat solche gegeben, die es trotzdem vorgezogen haben, sich in ein KZ stecken zu lassen, um nicht ihrer Überzeugung untreu werden zu müssen.

Doch darf man Heroismus nur von einem verlangen - und das ist man selbst. Zumindest ist nur derjenige wirklich berechtigt, Heroismus von anderen zu fordern, der zunächst einmal für seine eigene Person unter Beweis gestellt hat, daß er lieber ins KZ gegangen ist als sich anzupassen oder Kompromisse einzugehen. Wer aber im sicheren Ausland saß, der darf nicht von anderen verlangen, lieber in den Tod zu gehen als Opportunismus zu betreiben. Und siehe da: Diejenigen, die im Lager waren, urteilen im allgemeinen viel milder als etwa die Emigranten, die ihre Freiheit retten konnten, oder diejenigen, die erst Jahrzehnte später überhaupt zur Welt gekommen sind.

Es war niemand geringerer als der berühmte Rabbiner Leo Baeck, der bereits im Jahr 1945 ein Gebet um Versöhnung verfaßt hat, in dem er ausdrücklich sagt: Nur das Gute soll zählen! Und wenn mir jemand vorhalten will, daß es doch so wenig Gutes gab, dann kann ich nur mit den Worten eines anderen großen jüdischen Denkers antworten, nämlich des Philosophen Benedictus de Spinoza, dessen Hauptwerk, die Ethik, mit den Worten schließt: Omnia praeclara tam ardua quam rara sunt! (Alles, was hervorragend ist, ist ebenso selten vorzufinden wie es schwer ist, es zu tun.) Dies gilt für Menschen aller Völker.


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Viktor E. Frankl bei seiner Türkheimer Rede 1985. Schon seit 1945 hatte Frankl in unzähligen Reden und Schriften seine Auffassung bekräftigt, daß es keine Kollektivschuld geben kann - und daß im Grunde nur zwei »Rassen« relevant sind: die Anständigen und die Unanständigen.


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