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Karl Ludwig Bayers Trip durch das Land der Realsatire Die Gebrüder Grimm auf dem Tausend-Mark-Schein blicken ratlos auf das heutige Deutschland. Die selben Politiker, die alle Geldscheine mit dem Aufdruck Deutsche Mark (somit auch diesen Tausender) abschaffen wollen, eilen den Brüder Grimm mit mittlerweile mit Sieben-Meilen voran: auf deren ureigensten Gebiet, dem Erzählen von Märchen. Es herrscht Konsens im Nonsens: Durch das Zerstören der D-Mark, so lesen Bonner Wahrsager aus dem Kaffeesatz, könne man Frieden und Sicherheit in Europa schaffen. Dies läßt freilich den Umkehrschluß zu, daß wir derzeit in Unfrieden und Unsicherheit leben und nur durch den Euro aus dieser mißlichen Lage erlöst werden können. (Eine gemeinsame Währung - der Dinar - hat schließlich auch in Belgrad, Zagreb und Sarajevo den Frieden geschützt. Ein bewährtes Modell also.) Der »Rückfall in die dreißiger Jahre« drohe jenen, die ohne Euro in nationalstaatlicher Enge weiterwursteln wollten, heißt es ferner. Also müßten wir demnach seit Gründung der Bundesrepublik - fast ein halbes Jahrhundert lang - bereits in den tiefen Dreißigern stecken, ohne es bisher gemerkt zu haben. Herrjemine! Die Vernichtung der D-Mark und die Zangengeburt des Euro seien notwendig, um unseren Export voranzubringen, sagen die Fabel-Dichter. Der Umkehrschluß führt folgerichtig zu der Annahme, daß der deutsche Export in den Keller gestürzt sei und man ihn jetzt mit Hilfe von Superman Santer und seinen Brüsseler Wunderheilern - unter Einsatz eines Euro-Energydrinks - retten müsse. (Tatsächlich liegen die deutschen Ausfuhren, knapp hinter den amerikanischen, auf Platz 2 der Weltrangliste; gemessen an der Größe des Landes ist Deutschland Exportweltmeister - und das nicht mit dem Euro, sondern mit der guten alten D-Mark.) Neue Arbeitsplätze würden dank des Euro entstehen, behauptet ein bis vor kurzem noch amtierender Europaparlamentspräsident. Doch die meisten Wirtschaftswissenschaftler halten es für wahrscheinlicher, daß die billigeren Arbeitskräfte der übrigen Euro Teilnahmeländer - und die leichteren Abwanderungsmöglichkeiten deutscher Firmen ins milde Steuerklima anderer Staaten - die Arbeitslosenzahlen unter den deutschen Arbeitnehmern weiter nach oben treiben würden. In Deutschland fehlt bloß noch eine Märchentante vom Zuschnitt der österreichischen Sozialdemokratin Brigitte Ederer, die ihren Landsleuten vor der EU-Abstimmung versprochen hat, jeder werde nach dem Beitritt monatlich 1000 Schilling (140 Mark) mehr »im Geldbörserl« haben. Das Gegenteil trat ein die Realeinkommen sanken und einem einfühlsamen Zeichner der schweizerischen satirischen Monatsschrift Nebelspalter gelang es, den Seelenzustand des Durchschnittsösterreichers nach den zahlreichen gebrochenen Versprechen der Politiker festzuhalten.
Das Mißmut-Regulierungs-Ventil für die enttäuschten Österreicher ist heute die rechtspopulistische Freiheitliche Partei Jörg Haiders, deren Stimmenanteil mittlerweile zwischen 25 und 28 Prozent liegt. Sobald man den Deutschen die D-Mark wegnimmt und durch den Euro ersetzt - eine Kunstwährung, die im Club Mediterranee der EU populär ist und deren Kaufkraft dahinschmelzen wird wie Camembert oder Mozzarella in der roten Gluthitze Südeuropas - ist der Weg für einen deutschen Haider frei. Um dies mit der Logik in Einklang zu bringen, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder die verantwortlichen Politiker merken gar nicht, daß sie durch das Zündeln mit ihren Euro-Streichhölzern den Sessel, auf dem sie sitzen, selbst in Brand setzen; oder sie haben sich heimlich entschlossen, einer neuen Partei rechts von CDU und CSU zum Turbo-Start zu verhelfen. Ein Geheimplan? Doch wozu? Die Antwort darauf liegt möglicherweise in der Weiterentwicklung eines genialen Tricks der Kommunisten, die es bis zum letzten Seufzer der Sowjetunion 1991 verstanden haben, dem Westen mit der Inszenierung des Polit-Theaters »Falken und Tauben« Zugeständnisse abzuringen. Die roten Mandarine teilten dabei unter sich die Rollen auf: Ein Teil von ihnen trat in Bonn oder Washington als Friedenstauben auf und zeigte mit Fingern auf die anderen - die Hardliners, die Radikalinskis, die mit der Falken Maske. Wenn man ihnen, den Tauben, nicht mehr entgegenkomme, so versicherten sie, würden die Falken gewinnen und die internationale Zusammenarbeit demolieren. Der Westen glaubte zu verstehen - und zahlte. So könnte die EU in den Jahren 1999 bis 2002 aussehen: Chirac, Jospin und Prodi drücken nach ihrem Terminplan den Euro durch. Damit die Deutschen nicht aufbegehren, werden sie noch einmal an Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs erinnert (Helmut Schmidt hat tatsächlich im Frühjahr 1997 in München erklärt, die Deutschen sollten sich in Sachen Währungsstabilität nicht zu Schulmeistern der Italiener aufschwingen - das stehe ihnen fünfzig Jahre nach Auschwitz nicht zu). In gewohnter Zerknirschung geben die Deutschen in der Öffentlichkeit den Widerstand auf. Aber sie wählen bei den folgenden geheimen Urnengängen - vor allem bei Landtagswahlen eine neue Rechtspartei, die ab 1999 wachsenden Zulauf bekommt und schließlich die Stärke des Jörg-Haider Massenphänomens erreicht. Der Bundesregierung geht die Atemluft aus und sie zieht die Bundestagswahlen auf Frühjahr 2001 vor. Die neue Rechtspartei bekommt so viele Stimmen, daß das Wahlergebnis bei den Nutznießern des Euro - dem Club Mediterranee im weichen Unterleib der EU - wie eine Bombe einschlägt: »Die Falken siegen - sie nehmen uns den Kohäsionsfonds weg, der Geldstrom versiegt«, schreiben die Zeitungen in Rom und Madrid; und Chirac verliert seine letzten Haare. Da wirft sich der Bundeskanzler ins Taubenkostüm und erklärt in der Amsterdam-II-Nachtsitzung im Juni 2001, es sei an der Zeit, den deutschen Interessen entgegenzukommen, um ein weiteres Erstarken der Falken zu verhindern. Um 3 Uhr früh schließlich, als die Kaffeemaschine schon ihren Dienst versagt, erfolgt der Durchbruch: Die Repräsentanten der EU Mitgliedsstaaten beschließen, die nationalen Währungen auch über das Jahr 2002 hinaus beizubehalten. Das Esperanto-Geld landet im Reißwolf. Die D-Mark ist gerettet. Tedeum. Vorhang.
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